DOCTYPE html> Querfeldein, Gedankensplitter und dergleichen | Rainer Friedrich Meyer
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Querfeldein

 

I • Mischmasch

Wir sind fähig, Schönheit zu empfinden, selten sie zu erschaffen. Trotzdem ist dies das einzige, das uns heraushebt.

Schritt für Schritt bahnt sich ein Weg, auf dem nur diese beiden Füße willentlich gesteuert gehen. So hoffen wir, die meiste Zeit aber stolpern wir über kleine Unebenheiten.

Unser Fehler ist, daß wir uns an Menschen orientieren – nicht an Göttern, an von Menschen geschaffenen Idealbildern. Was dächte Homer von unserer Zeit?

Heute erstaunt uns bereits Mittelmäßigkeit, angesichts dessen, was uns umgibt.

Das Böse, das Unterwürfige, ist stets eines anderen Diener.

Αρετή ist das unwillkürliche, direkte Sich-Äußern des Inneren, also muß dies Innere so geformt werden, daß αρετή sein Ausdruck ist.

Wofür existieren wir sonst, als uns gegenseitig Anregungen und Anstöße zu geben? Es gibt eine Pflicht, im Leben lebendig zu sein.

Geist und Kunst sind aristokratisch – Blut kann in Konserven abgefüllt werden. Doch gibt es neue Vampire, deren Ziel darin besteht, Geist und Kunst soweit zu verdünnen, daß sie nicht mehr als Lebenssaft taugen.

Ästhetik ist eine Form künstlerischer Freiheit, nur muß der Künstler frei genug sein, sie wahrzunehmen.

Die eigenen Grenzen werden nur beim Versuch, sie zu überschreiten, erkannt, vorher wirken sie wolkig verschwommen, unscharf. Dann aber vermag man, sie zu verrücken.

Whodunit – Philosophie fragt, Theologie gibt fragwürdige Antworten.

Ein leeres Gedächtnis erinnert sich am besten.

Wenn sonst nichts in der Landschaft herumläuft, sieht eine Maus wie ein Elephant aus: das Prinzip der Parteiendemokratie.

‚Ewigkeit’ ist ein abgewetzter Ausdruck für unsere Unfähigkeit, den Augenblick zu ergreifen.

Halbes Sehen ist nicht die Hälfte des Sehens, sondern partielle Blindheit.

Ich bin zuviel, um einwandfrei etwas zu sein.

Herrschaft ist die Herrschaft über Interpretation.

Die Erkenntnis eigenen Wertes bedeutet die Abkehr von anderen.

Stets wird jener, der sich von anderen für deren andere Zwecke benutzen läßt, in sehenden Augen als mißbraucht und seiner selbst entfremdet erscheinen.

Die meisten Menschen warten auf den Tod, nur geben sie es ungern zu. Ihr Warten empfinden sie als Leben, von Lebendigsein ahnen sie nichts.

Weil Warten langweilt, erfindet man Zerstreuungen, die – ist man nur halbwegs bei Verstand – das Warten unerträglich machen.

Kränklichkeiten sind die Zerstreuungen des Körpers; psychische Störungen die der niederen Seele.

Könnten Blicke töten, erwiesen sich Spiegel als Selbstmordinstrumente.

Den leeren Fluß zu überqueren gelingt nur dem Nichts.

Der Körper besteht aus Erinnerung, Festgefressenem.

Die Biographien anderer lesen meint, auf Resonanzen im eigenen Leben zu hoffen.

Die Jahre zwischen den Sekunden sind lang; ihre Dichte entspricht dem Zerfall von Granit.

Die Spuren auf dem Papier haben nichts mit dem Denken zu tun; sie folgen eigenen Flüssen.

Die Nacht ist ein merkwürdig Ding; ihr Mangel an Licht läßt leuchten, was sonst dunkel verbliebe.

Auf dunklen Pfaden wandern heißt, ins Licht geraten.

Dort wo Wörter nicht wohnen.

Please mind the gap between mind and Mind.

Wo ist die Zeit geblieben. Und die Ernte dessen, was wir säen, zerfrißt uns.

Manche Menschen mag ich trotz ihrer Fehler, andere ihrer Fehler wegen nicht. Nur die äußerlichen Fehler können Anreiz zum Mögen bieten.

Des Nachts eine Laterne mitnehmen, heißt den Sternen Konkurrenz machen oder sie nicht zu erblicken.

Mancher Leute Geist und Verstand sind im Mainstream ersoffen.

Im Bergkristall sind Einschlüsse, im Geist Gedanken; wenn sie nur ebenso funkeln würden wie die Einschlüsse.

Die bleierne Schwere der Flügel.

Das Leben ist eine Vorstellung, für die man kaum Eintritt zahlen würde.

II • Werte

Freiheit schenkt sich nur Freien. Es handelt sich um jene Gruppe, die sich darüber keine Gedanken macht.

Wer viele Gesetze erläßt, hat viel zu verbergen.

Je ungewisser der Glaube, desto arger die Bekehrungen.

Mit dem Verfall der Sitten haben wir die Achtung voreinander verloren – und damit vor uns selbst. Andererseits, die meisten Mitmenschen heutzutage sind verachtenswert, da es ihnen jeglicher Sitten ermangelt.

Sitte erwächst nicht durch die Übernahme vorgegebener Formen aus Tradition, Religion etc, sondern mittels der bewußten und kritischen Aneignung dieser Formen.

Genies sterben früh; sie verbrennen ihren Treibstoff schneller. Wer länger lebt weiß, daß er haushält und auf Altersweisheit oder -parkinson hofft.

Der Begriff ‚Menschenwürde‘ beinhaltet einen ideologischen oder religiösen Hintergrund, denn er setzt das Menschsein als Besonderes, von der restlichen Natur zu unterscheidendes voraus. Es gibt keinen Nachweis für ihn außer durch biologische Unterschiede wie Körperbau oder Intelligenz, die jedoch auf gleiche Vorgehensweise auch herangezogen werden können, Menschen zu unterscheiden.

Nachdem der Kosmos sich nicht mehr um uns Irdische dreht, sondern wir auf einem spuriösen Fleck am Rande eines Sternhaufen dahinvegetieren, dient ‚Menschenwürde‘ nur dazu, uns auf sprachlichem Umweg noch ein wenig Größe zu verschaffen. Meinte man dies ernst, müßte das Wort auch ‚Barbarei‘ beinhalten, denn diese ist seit Anbeginn Teil des Menschlichen.

Es ist ungleich schwieriger, klar und kurz zu sein als umständlich weitschweifig.

Das Problem wohl jeder Ochlokratie besteht darin, daß niemand mit etwas Verstand für den ‚regierenden’ Pöbel auch nur einen Finger krümmen wollte.

Dem Sozialisten ist nichts so zuwider wie Ungleichheit, daher Prokrustes-Betten für alle: Krippen und Kindergärten für die Kleinen, Einheitsschulen, Bologna-Studium. Was sich an Abweichungen eingemeinden läßt, wird normalisiert, daher gleichgeschlechtliche Ehe, Hartz4, Gewerkschaften für Schriftsteller und andere (noch) Kreative, Parteibuchkarrieren. Wenn im Zuge des Normalisierens tradierte Werte aufgeweicht werden können, um so besser.

Maßlos: Weltschöpfungen, Apokalypsen; im kleinen: Sade, Hölderlin, Nietzsche.

Nicht das Umstürzen von Werten ist schlimm, sondern deren Aufweichen. Das Aufweichen stellt den Wert an sich in Frage. Das Umstürzen erschafft neue.

Es gibt zwei Arten von Menschen: solche die gegebene Werte übernehmen, und andere, die sich erforschen, bis sie die eigenen finden.

Pindar: γένοι᾿, οἷος ἐσσὶ μαϑών. — Nietzsche: Werde fort und fort, der, der du bist. — Einfacher: Werde weiterhin, denn es gibt kein Sein.

Jeder wird und entwird. Geburt und Tod setzen Punkte.

Γνῶϑι σεαυτόν. — Erkenne Dich selbst, um zu erkennen, daß es kein Selbst gibt.

Von Geburt bis Tod ist Leben ein Tanz auf unsicherem Grund, zugleich meist ein Versuch, dies durch Konstrukte, Ideologien, Versicherungen, Religionen, Technik zu verdrängen. Doch spätestens, wenn wir selbständig werden, außerhalb der Menge stehen, wird es uns überraschen und an den Wurzeln packen: Der Boden, auf dem wir gehen, ist schwankend, Löcher können sich auftun, schiefe Ebenen uns ins Rutschen bringen. Andere Menschen sind kein Halt, sondern Teil des unsicheren Grundes.

Sünde ist es allein, einen von Fremden überlieferten Sündenkanon zu übernehmen, dem der eigene Wille entgegen steht. Ergo gibt es keine allgemeingültigen Maßstäbe für Verfehlungen, und von der Entwicklung des Einzelnen her kann heut Sünde sein, was es morgen nicht sein wird, und umgekehrt.

Ein Schriftsteller hat keine Meinung zu haben, sondern mindestens viele – immer ein paar mehr, als es Personen in seinen Geschichten gibt.

Die besondere Eigenschaft des Autors liegt darin, Wechseltierchen zu sein.

Wer um Mittag keine Laterne entzündet, traut der Sonne. Aber seine Augen sind von Licht geblendet.

„Jeder Genuß lebt durch den Geist. Und jedes Abenteuer durch die Nähe des Todes, den es umkreist.“ — Ernst Jünger: Annäherungen. Drogen und Rausch.

III • Höhen und Tiefen

Erkenntnis zielt von oben nach unten, sie gräbt sich ihren Weg.
Wer sich selbst erkennt, entdeckt die Welt, denn wir sind einander verbundene Spiegel.

Technik
Fabriken, Stahlwerken, Schachtanlagen entspricht ein Krieg, wie er im 20. Jahrhundert geführt wurde. Heutige Fabriken sind reinlich, desinfiziert, ihnen entspricht die chemische, biologische oder digitale Kampfführung, bei der die Menschen verschwinden, die Gebäude unbeschädigt verbleiben.

Gewalt ist das Mittel der Beschränktheit; darum wird sie immer wieder angewandt.

Regeln sind sozialisierte Halluzinationen, daher so schwer zu ändern oder abzuschaffen.

Geistiger Tiefflug bedeutet, daß Hängebäuche über den Boden schleifen.

Menschen werden durch ihre Gewohnheiten charakterisiert, selten durch das, was in ihnen wohnt.

Wenn wir die Nächte des Geistes zu Tagen machen, und die Tage zu Nächten, werden wir dann ein Wahres in uns finden?

Die richtigen Dinge sind nicht leblos: Sie finden uns, wenn sie zu uns gehören.

Während das Auge im Idealfall ein kurzes Gedicht in einem zu überblicken vermag, und in diesem Blick die Zeit erlischt, tritt diese verwandelt hervor, folgt es den Zeilen, den Hebungen und Senkungen des Wörterflusses, welcher dem ihm eigenen Rhythmus folgt und sich damit in der ihm eigenen Zeit – und keiner anderen – bewegt und diese auf uns abfärbt.

Alle Dichtung ist verführender Tanz durch den Wortraum.

Fußspuren in fließendem Wasser.

Ein Satz sollte weder Anfang noch Ende besitzen, sondern aus einem vierdimensionalen, sich wandelnden, von allen Seiten betrachtbaren Ideogramm bestehen. Während des Ansehens entschleiern sich die vielfältigen Bezüge seiner Partikel und Ebenen dem Standpunkt des Sehenden: Betrachten verändert die Sinnstruktur des Ideogramms.

Kein Leben ist lang genug, nur der dichte Moment.

Bewußtheit ist stets auf Erweiterung, Vertiefung bedacht: Stillstand gleicht Dahindämmern.

Der Bewußtheit sind die Mittel, die sie zu ihren Zwecken anwendet, keiner ethischen Bewertung unterworfen; es zählt das Ergebnis.

Dunkelheit ist nicht die Abwesenheit von Licht, sondern die Anwesenheit von Dunkelheit; sie ist existentiell, für den Menschen wie für den Kosmos.

Zielen wir, durchstoßen wir uns selbst und den Grund; wir landen im konfusen Nirgendwo.

Wer sich vor der Leere ängstigt, tut dies vor sich selbst.

Nur sich selbst kann ein Mensch Heimat sein; das Schlimmste und Größte: sich mehr als Heimat werden.

Nur die Erinnerungen vermögen, uns zu quälen, die Zukunft nicht. Wenn die Aussichten bedrücken, so ist es eine Erfahrung, die wir erinnern, nicht das, was zu erwarten steht.

Jedes Annähern in unsere untagtäglichen Tiefen führt uns auf Unboden, der uns abgründig fortbricht, zusammen mit Teilen des Ichs, des Selbstes, die im Stürzen abgelegt werden, abfallen.

Aus Begegnungen entstehen Götter und δαίμονες.
In Begegnungen entschleiern sich Götter und δαίμονες für einen Moment. Ihr Entschleiern bedingt, daß wir selbst innerlich nackt sind.

Genauigkeit ist eine Methode, auf den Wellen des Chaos zu reiten. Rausch und Wahnsinn sind die anderen.

Das Niederschreiben von Gedanken soll nicht ihrer Verfestigung dienen, sondern dem Wachstum ins Sichtbare: damit sie fortwuchern.

Nützlich sind wiederaufgenommene Fäden, die hie und da aus der Geisteslandschaft hervortreten, in verschiedenen Farben und Längen. Wer sie abschneidet ist selbst schuld.

Die Gedanken gehören uns nur, wenn wir an ihnen arbeiten. Sonst sind es wilde, fremde Vögel, die sich kurz bei uns niederlassen.

Von Gefühlen bestimmten Menschen ist notwendigerweise zu mißtrauen. Nicht ändert sich rascher als Gefühl – und nichts ist unsicherer, selbst für den direkt Betroffenen.

Licht verjüngt die Götter, sofern sie als Statuen erscheinen; Dunkelheit erotisiert sie.

Die Jahre entkleiden uns, entblößen den Baum seiner Ringe, bis nur noch die Falten bleiben, das Gerippe allein dasteht.

Auf jedem Spiegel im Geist befinden sich Spinnweben.

Überhaupt kann nur der Einzelne Verantwortung tragen; delegiert er sie an andere, gibt er ein Stück seiner Freiheit auf. Freiheit und Verantwortung bedingen einander.

Teufel sind Massenware geworden, wie man befürchtete: ihre Zahl ist mehr als Legion. Die einzig verbleibende Lästerung eines Gottes wäre dieser Gott selbst – gnostisch, weil er für dies, sein Werk, verantwortlich zeichnete, daher entweder unverantwortlich oder schuldig.

Stünde eine Intelligenz hinter dem Sein, so wären wir zur Rebellion gegen sie verdammt. Und die Rebellion wäre dann das Einzige, was uns aufrecht stehen ließe.

Der einzige Mangel des Atheismus: Es fehlt der Schuldige, Bestrafenswürdige.

Nur zwei unsterbliche Götter: Terminus und Janus.

Bei Faust I, Prolog im Himmel, handelt es sich eigentlich um einen Monolog.

IV • Strafkolonie?

Nehmen wir an, diese Welt sei eine Strafkolonie, dann bestünde eine Möglichkeit, die Sträflinge aufzubewahren, in einer Lagerung wie in „Matrix“, eine andere, sie in Pseudofreiheit herumlaufen zu lassen, damit sie sich gegenseitig quälen und so ihren Wärtern Arbeit ersparen. Die Ausweglosigkeit ihres Daseins bekämen sie nicht vor Augen, da sie Sterne erblicken könnten, die jedoch nur virtuell wären, nämlich eigentlich ein Schleier, der sie vom wirklichen Universum trennt. All unsere Theorien über die Welt, das Sonnensystem und den Kosmos gerieten dann zu Traumwerk.

Privileg des Dichters: er vermag sich selbst zu erlösen.

Der Körper ist ein Versprechen der Vergangenheit – im Guten wie im Kranken. Der Leib einer Geliebten erinnert vergangene Freuden und verweist auf die Möglichkeiten zukünftiger Lüste. Der eigene Leib wandelt sich durch die Jahre wandernd, behindert und begleitet uns – und ist doch als Ganzes nie wir selbst: Er bleibt uns entfremdet, fern. Jene Nähe, die sich in Krankheit oder Schmerz äußert, ist seine größte Ferne.

Sozialismus: Die Unsicherheit eines Menschen von außen beseitigen wollen heißt, ihn als Pflegefall anzusehen und zu behandeln. Wird er unmündig gehalten, wird er zwangsläufig zum Pflegefall. Er wird dann nie zum Eigenen kommen, da ihm die eigene Leistung verwehrt bleibt. Und nur mittels eigener Leistung kann ein Mensch zu sich finden und zu seiner ihm eigenen Sicherheit.

Zur Errichtung Wolkenkuschelheims bedarf es dreier Voraussetzungen: der unendlichen Gelddruckmaschine, der Eierlegendenwollmilchsau und des Perpetuum mobile.

Die meisten Menschen scheinen der Überzeugung. daß gute Taten die Last eigener Sünden dezimieren, ohne zu bedenken, woher dies Wörtlein ‚dezimieren’ stammt. Aber gut: Seehundbabys gucken traurig, hungernde Afrikanerbabys auch, gespendet ist schnell, per SMS oder Paypal, und dann muß sich niemand mehr Gedanken machen, wo das Geld versickert, um auf seinem Weg nicht, oder nur zum Bruchteil beim Empfänger anzugelangen, sondern Herr Niemand darf starr auf die Zeitung gucken, wenn mal wieder ein Obdachloser in der S- oder U-Bahn herumstreunt und zu betteln versucht.

Die Ferne ersetzt die Nähe. Das haben die Menschen dem Sozialstaat abgeschaut, darum haben sie ihn ersonnen: Es gilt, das Übel in eine Distanz zu verweisen, die Nähe so unübersichtlich zu gestalten, daß sie in Ferne verwandelt wird.

Andererseits ist auch dies ein gutes Gefühl, daß jeder Bürger sich auf seinem Fernsehsofa zurücklehnen darf in der festen Gewißheit, der unumstößlichen Sicherheit, daß kein Mitbürger hungert, da Vater Staat für alle sorgt, auch für die um sich selbst Sorglosen, in den Tag lebenden Verirrten. Nicht daß so das Paradies auf Erden erreicht wäre, so viel Restintelligenz ist meist noch da, aber da jede Aspiration auf ein besseres Irgendwo, schlimmstenfalls im Jenseits, ausgetrieben wurde – und den Kirchen gebührt das Verdienst, kräftig daran mitgewirkt zu haben – bleibt nur das hiesige Utopia, und das war noch nie frei, gar libertär, sondern immer streng reglementiert, zum Guten aller, wenigstens der Mehrheit. Und die weiß aus denkfauler Tradition nichts um Freiheit, sondern ist bemüht, über die Runden des Lebens zu kommen, eben mit diesem kleinen, schwachen Gefühl, sich selbst nie zu genügen – das ist sicherlich nicht Wärme, sondern Rest dessen, was die Christen einmal als Erbsünde ansahen und die Inder als Karma.

Karma bedeutet die Hoffnung, daß irgendetwas Vergangenes wirksam sein könnte, des Menschen Handeln also bedeutsam wäre. Diese Bedeutsamkeit ist bloß Selbstüberschätzung und Einbildung.

Was ist Freiheit?
Die Freiheit über meinen Körper zu verfügen, das schließt ein, ihn zu schädigen, ihn zu pflegen, sein Leben zu beenden.

Die Freiheit über meinen Verstand und Geist zu verfügen, das schließt ein, mich auf jedem nur denkbaren Gebiet zu bilden, alles zu durchdenken, meinen Verstand und Geist zu berauschen oder nüchtern zu halten.

Die Freiheit zu schreiben und zu reden, was ich denke, fühle, ersinne.

Freiheit bedeutet letztendlich, sich von Banden gewohnten Denkens sowie des eigenen Ichs zu befreien.

Mythen sind dem Polytheismus verbunden: In ihnen wird immer aufs neue das Interagieren von Göttern, Helden, Menschen, Tieren und Pflanzen beschrieben. Kommt ein Mythos in den Bereich des Monotheismus, erstarrt er, des mythischen Blutes entbehrende Schemen torkeln in ihm.

Kunst hat Bedeutung nur für diejenigen, die sie erfühlen und verstehen.

Auch für die Satire ist es eine schlechte Zeit, wenn die Satire quasi kostenlos, selbst ohne geistige Kosten, per Nachrichten, Regierungserklärungen und Twitterei des Bundespressesprechers über jeden, der vielleicht noch ahnt, was Satire einmal war, genauso wie die anderen, stumpfsinnig gewordenen oder immer gewesenen Bürger, gleichmäßig wie Duschwasser verteilt wird.

Für unsterblichen Humor muß in solchen Zeiten gelten, wenn das zynische einseitige Grinsen nicht festgefroren ist, sondern vereinzelt zur Lockerung fähig.

Gerechtigkeit ist ein asymptotischer Prozeß, der erst am St. Nimmerleinstag auf einem Prokrustesbett endet. So wird auch der Sozialismus immer wieder aus seinem Rattenloch hervorgezerrt, als ob es sich um die Panazee handelte und nicht um ein tödliches Gift.

Wir morden, was wir lieben – weil wir das Lieben nicht ertragen. Daß wir uns selbst dabei morden, ist nur ein Nebeneffekt.

Die modernen Gespenster werden auf Phiolen gezogen. Denkblasen durchwandern die Nährflüssigkeit, ohne ihnen zu nahe zu kommen.

Unsere existentielle Hoffnungslosigkeit beweist sich darin, daß wir an einem Abgrund stehend nicht wagen zu springen.

Niemand weiß, warum er liebt – nur daß er liebt. Daher das Verhängnis.

Gesehene und erlebte Realität sind immer Konstrukte aus überlieferten, gesellschaftlichen und persönlichen Normen und Strukturen, sie sind darum nur sehr zögerlicher Veränderung unterworfen. Abtauchen aus dieser Wirklichkeit, die wir bewirken und die auf uns wirkt in eben diesem zugelassenen Maße, gab es immer: durch den Genuß von Literatur, Musik, Theater, Kunst, dann Film. Selbst Aristoteles meinte, daß es für die Wirkmächtigkeit des attischen Dramas eines sich identifizierenden Zuschauers bedürfe.

So wie der Künstler, ist er einer, seine Weltsicht ins Kunstwerk packt, das mittels des Schaffensprozesses im Idealfall eben diese ändert, so sollte auch die Rezeption einen veränderten Rezipienten hinterlassen.

Die Neuerung in den Mitteln künstlerischen Ausdruckes, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, erweitert die Skala, definiert sie meines Erachtens jedoch nicht grundsätzlich neu. Von der Malerei, die ihre Gegenstände, Farben und Perspektiven wählte und durch das Aufkommen der Photographie vom Zwang, eine Realität abzubilden, befreit wurde, über die Photographie, die erst ihre Realität durch die Linsen sah, um sich nun ebenso von dieser zu befreien, ist es gedanklich ein kleiner Schritt, historisch sind es einige Jahrzehnte.

Ich sehe die digitalen Werkzeuge als Erweiterung des Bestandes, nicht als qualitativ von den alten verschiedene.

Nicht jeder Ochse vermag ein Boustrophedon zu entziffern.

Es könnte durchaus als Fortsetzung des mittelalterlichen Theologenstreites zwischen Nominalisten und Realisten gesehen werden. Oder als die zwischen Platonisten und Aristotelikern. Wir bewegen uns langweiligerweise oft in denselben ausgetretenen Bahnen.

Begriffe, die Mengen bezeichnen, sind sowohl abstrakt wie konkret. Abstrakt, weil die Menge der Definition bedarf, konkret, wenn die Einzelteile der Menge evident sind.

Bei einer Aktiengesellschaft sind im Idealfall alle ihre Mitglieder bei der Gesellschafterversammlung anwesend. Bei der Gesellschaft, die die Menge aller Einwohner eines Landstriches, i. e. Staates, umfassen soll, ist im allgemeinen keine Versammlung wie im antiken Athen mehr möglich; je mehr diese Gesellschaft einer Definitionen durch Staatsangehörigkeit, Umfragen, Ausweise und dergleichen bedarf, desto abstrakter, unverbindlicher und deswegen stärker reglementiert, wird sie.

V • Nackte Kaiser

Moderne Gesellschaften gliedern sich bzw. zerfallen eh in Subgesellschaften, wobei ein Einzelner sich durchaus verschiedenen dieser Subgesellschaften zugehörig fühlen kann. Es gibt also innerhalb der Menge ‚Gesellschaft’ diverse sich partiell überschneidende Mengen, von denen einige, wie die sich regelmäßig treffenden Mitglieder eines Vereins, einer Kirche, einer Loge, einer Partei, einer Subkultur durchaus konkret sein können, andere nur abstrakt zu definieren sind wie z. B. alle dreißigjährigen, langhaarigen Dackelbesitzer.

Der Begriff ‚Gesellschaft’ mag also sowohl etwas Existierendes wie etwas Abstraktes bezeichnen, ist selbst jedoch keine Entität, da er nur in Abhängigkeit von seiner Definition und von dem durch diese Bezeichneten verwendet werden kann. Der ‚Markt’ ist in diesem Sinne immer eine Teilmenge von ‚Gesellschaft’, da nie alle ihre Teile am Markt teilnehmen, in gleicher Weise teilnehmen oder zu gleicher Zeit teilnehmen. Der ‚Marktpreis’ eines Gegenstandes entsteht aus der zeitlich begrenzten Interaktion jener Teilmenge von ‚Markt’, die mit genau jenem Gegenstand durch Verkauf oder Erwerb handelt.

Das Wertvolle an Werten ist, daß sie erarbeitet werden. Jedem von ihnen hängt ein Preisschild an, das seine Bedeutung nur für einen einzelnen Menschen offenlegt.

Ein Curriculum ist die Skizze einer Landkarte, auf daß sich im Geiste des Lernenden eine Landkarte mit Pfaden entfalte.

Der Kaiser ist nicht nackt, denn er ist mit Schuldscheinen bekleidet.

Satire benötigt ein Objekt außerhalb ihrer selbst, um sich abzuarbeiten, im Allgemeinen ist dies die ‚Realität’, jedenfalls das, was der Blickwinkel der Satire für Realität hält, also ein Ausschnitt.

Wörter sind abgespeckte Metaphern, Pseudo-Tiefgründiges zum Hausgebrauch.

Andererseits genügt es, die Wörter wie öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen: Sie transportieren Bedeutung von A nach B, dann vergißt man sie. Wer würde noch über den U-Bahn-Wagen nachdenken, wenn er ausgestiegen ist.

Und da Wörter abgespeckte Metaphern sind, sollte jeder sie der eigenen Hungerkur unterziehen – jedenfalls die persönlich wichtigen. Diese von anderen übernehmen ist schändlich.

Metaphern sind Bedeutungsfelder mit kaum wahrnehmbaren Grenzen, daher müssen sie vor Gebrauch etwas eingezäunt werden.

Steigt der Reisende mit Reiseziel Hamburg in einen Zug und ist sich der Richtung nicht sicher, fragt er nicht: „Ist dies der Zug nach Hamburg“, sondern: „Ist dies der Zug nach Bonn“. Dann werden die Mitfahrenden aufschrecken.

In diesem Sinne sind Wörterbücher zu benutzen.

Die Köpfe waren schon immer die besseren Füße, wenn man in Gedanken wandert.

Die Quantität schlägt nicht automatisch in Qualität um. Um eine größere Menge zu durchsuchen, bedarf es besserer Suchkriterien, um ein qualitativ hochwertiges Ergebnis zu zeitigen.

Au contraire hangelte sich der Sammler früher von Buch zu Buch, benutzte Bücher als Führer durch den Bücherdschungel. Die leichte Suche verführt zu Wahllosigkeit, zum Herumstochern und -picken, wo Klarheit über die Suchziele angebracht wäre. Ein intensives Weniger ist mehr als ein oberflächliches Viel.

Bescheidenheit ist eine Sucht, die gern anderen auferlegt wird.

Die Vergangenheit entschwindet in Gräbern; dies Dinosaurier-Gefühl stellt sich ein.

Die Entscheidung des Ich, die Grundlagen seiner selbst zu beseitigen, ist eine Entscheidung, mehr nicht, gleich unter welchen Einflüssen oder ob ohne solche aus sich selbst getroffen. Dazu bedarf es der Vorstellung eines Besitz- oder Eigentumsverhältnisses nicht.

Die Satire wurde, da sie vermeinte, auf etwas Besseres als das Gegenwärtige hoffen zu machen, zu Gunsten einer normierten Realität beseitigt.

Kollektivisten haben die Fähigkeit, eigenständig zu denken, abgelegt. Eben darum und nur darum können sie Kollektivisten sein.

Leere und Fülle hinterlassen uns kopflos: Wir flüchten in die täglichen Übungen, in die Allgemeinplätze, schunkeln ein wenig mit bekannten Wörtern und trinken Rhetorik, bis wir berauscht sind. All dies statt dem Dionysos das zu geben, was sein ist: die Kore, will sagen: unser Hiersein.

Hase und Igel
Eine lange Straße durch weites, offenes Gelände, links und rechts Einöde. Der Belag hat Risse und Schlaglöcher, deren Anordnung uns willkürlich erscheint, wir laufen, aber das mag eine Täuschung sein. Auch vermeinen wir, diese Brüche und Brechungen sprächen zu uns über das Alter; doch da es keine Stellen ohne sie gibt, mag das vergeblich sein. An beiden Ende der Straße stehen Figuren, die uns Igel dünken und von sich behaupten, die Ewigkeit zu sein, doch sind sie jeweils nur für einen Moment an genau diesem Ort sichtbar.

Spiegel
Sehe ich früh in den Spiegel, so vermeine ich, ein Gesicht zu erblicken, das ich kenne. Die Erinnerung betrügt mich, indem sie mir vorlügt, dies sei das Gesicht, daß sich gestern an selber Stelle befand. Doch erkennt das Gesicht im Spiegel meines nicht, denn es ist Fiktion, ebenso wie die Erinnerung. Es gibt nur dies eine Gesicht, das ich nie sehen kann. Per speculum in aenigmate: Der Spiegel ist verrätselt, weil er vor uns, von uns getrennt ist. Eins geworden, hören wir auf, gegensätzlich und einander verrätselt zu sein, dann aber ist ein Spiegel kein Spiegel mehr und ein Ich kein Ich.

Wenn die Mehrheit über Wahrheit abstimmt, kommt stets nur die Wahrheit ihrer Dummheit zum Vorschein.

Falls es Götter gibt, so sind es zahlreiche. Und sie lachen manchmal über sich: ἄσβεστος γέλως! Anzunehmen, daß irgendeine absolute Wahrheit in irgendwann schriftlich niedergelegten Schriften und Glaubenssätzen stecken könnte, ist so absurd wie dumm und war bislang stets die Ursache von Fanatismus und daraus folgenden Streitigkeiten. Mythen sollen gefälligst zahlreich sein, sich widersprechen und zum Dichten und Denken anregen.

Zombies existieren nur im Film und im öffentlichen Nahverkehr einer Großstadt.

Guter Whisky hat Charakter; Gutmenschen haben ihn nicht.

Bücherverbote helfen der Preisfindung und sorgen für eine direkte Beziehung zwischen Händler und Käufer, indem Vermittler wie Ladenauslage, Internet, Katalog &c ausgeschaltet werden.

Schön ist nur das, von dem ein unerklärlicher Rest verbleibt.

Politische Festlichkeiten sind Theater, Gelegenheit, sich gegenseitig wohlwollend auf die Schultern zu klopfen und unangenehme Dritte mit Ausschluß zu bestrafen. Die gehaltenen Reden rühren aus dem jeweils gültigen politischen Hymnenbuch. Die Claque darf die Hände bewegen, im übrigen Dasein wird sie mit sozialen Wohltaten ruhiggestellt.

Doppelmoral: ein Sicherheitsnetz unter dem Drahtseil.

Der Tod ist der Zeitpunkt, ab dem verpaßten Lebenschancen nicht mehr nachgetrauert werden kann.

Bezahlte Tröpfe meinen, alles müsse an ihrem Tropf hängen.

VI • Haufen

Übriggeblieben ist diffuse, letztlich nicht einlösbare Kollektivschuld, die nur der Manipulation von Massen dient, während der Einzelne immer unmündiger gemacht wird.

Am Anfang steht die Frage nach den eigenen Begriffen: woher stammen sie, was sagen sie aus, wer benutzt sie mit welcher Intention. Darauf folgt die Emanzipation vom Hergebrachten und Fremdgedachten.

Monotheismen können kaum andere Ansprüche haben als absolute, denn ließen sie neben dem ihren einen anderen Gott zu, stellte das den ihren in Frage. Darum die Verbrüderungsversuche der hiesigen Religioten mit den zugewanderten: Nicht so schlimm, wir beten alle denselben Mobego an. Die Dummheit der Religioten ist stets eine grundsätzliche, sie stammt von der Wurzel, nicht von den Blättern.

Die Schere im Kopf ist nie die eigene Schere, sondern eine geliehene, fremde, ein Virus, eine Krankheit der Vernunft.

Der große, bildungsresistente und von den Zahlenden durchgezogene Haufen stellt keine industrielle Reservearmee mehr dar, zum einen weil er möglicherweise dazu gar nicht mehr in der Lage ist, andererseits durch Maschinen leicht und kostengünstig ersetzt werden mag.

Alle Gleichheits-, Gerechtigkeits-, Inklusionsphantasien sind also nur Propaganda zur Verschleierung der Ungleichheit, eben der Unbrauchbarkeit jenes Haufens.

Je mehr Werte hochgehalten werden, desto mehr entspricht dies Hochhalten nicht mehr dem realen Zustand. Es ist bunt bemalte Fassade.

Die Menschen brauchen Religion und Ketzerverbrennungen – das eine, um sich vom eigenen Denken abzuhalten, das andere, um sich zu zeigen, wie gefährlich eigenes Denken ist.

Die Zukunft ist entweder verlängerte Gegenwart, über die sich niemand Gedanken machen muß, da sie da ist – oder sie ist ein Schrecken, da sie das eigene Ende mitbeinhaltet. Geld horten, Lebens- und Krankenversicherung, Religion, das sind alles kleine Mittelchen gegen diese Zukunft, damit sie der Gegenwart ähnlich wird, die nicht aufhören soll.

Zweiter Punkt: Aktion. Jede Spekulation über zukünftige Mühsal hieße, dem aktiv entgegentreten, damit die Gegenwart zu vermindern, da diese nicht mehr voll ausgekostet werden kann, wenn ihr anderes den Platz streitig macht. Daraus folgend das Prinzip Hoffnung, es werde so schlimm schon nicht kommen. Tritt es trotzdem ein, dann mag man sich drein ergeben oder erst dann Widerstand leisten, die meisten tendieren in diesem Fall wohl zur ersten Variante, in der Erwartung, es werde schon enden.

Ein anderes Bild ist der Krieger, der seinen Geist vor der Schlacht leert, weder Gegenwart, noch Hoffnung haben darin Platz.

Wir aber sind des Kriegerischen entkleidet.

These: Eine Aussage ist wahr, wenn sie mit möglichst vielen Umgebungsvarianten harmoniert.
Beispiel. Aussage: Othello ist weiß.
1. Wir kennen das Stück. Aussage ist falsch.
2. Wir sehen das Stück auf der Bühne. Aussage ist falsch.
3. Wir sehen den Film. Aussage ist falsch.
4. Der Regisseur hat Venedig nach Kapstadt verlegt, alle Darsteller bis auf Othello sind schwarz. Aussage ist richtig, bezogen auf diese Aufführung, sonst falsch.

Man kann in 1000 Sprachen miteinander kommunizieren, aber nicht in der der Vorurteile.

Das Eigene, das ist die Interpretatio Germanica, also der durch die Zeit gewachsene Blick auf Fremdes. Und wer ist sich fremder als man selbst.

Der Krieg ist die Steigerung politischer Idiotie mit anderen Mitteln. Furcht vor Kriegen und Seuchen dient, die Untertanen untertänig zu halten.

Zum einen diente das System des Marxismus als Glaubensersatz, der sich säkularisiert und im sozialdemokratischen Umverteilungsmechanismus bestätigt, dann in diesem Vorgang erstaunt Parallelen zu Christentum und Mohammedanertum entdeckt.

Zum anderen die aufgezeigte, moralinsaure Leere der hiesigen Kirchen, die mangels eines Eigenen, mangels Transzendenz sich dem zuwenden, was sie nicht sein sollten: staatsbestätigenden Denk- und Handlungsmustern. So trifft sich Religion mit Regierung, und beide sind unfähig, die neue Bedrohung ihrer selbst zu erkennen, da sie in ihrem Denken befangen bleiben und das grundsätzlich Andere, das der eindringende ‚Glaube‘ mit sich führt, jene völlig andere Verquickung von Staat und Religion nämlich, nicht zu erkennen vermögen.

Dekadenz ist eine folgerichtige Kulturstufe – und fast immer eine Verfeinerung der vorigen. Wir befinden uns nicht in einer Phase der Dekadenz, sondern der Gleichgültigkeit, des Abgestumpfseins.

„Des Pudels Kern“, ein Säzzerfehler. Eigentlich schrieb Göte, der sich auch Göthe oder Goethe nannte, Lucius Licinius Lucullus zu Ehren „der Kirsche Kern“, nur amüsierte ihn die patakynologische Variante des offensichtlich von diversen Vierbeiner, die im Text herumfausten, verwirrten Säzzers dermaßen, daß er sie stehenließ, wohl wissend, daß sich Generationen von Textspürhunden daran ihre Schnüffelnasen plattdrücken würden.

Lesen bedeutet reisen: Man hat einen Ausgangspunkt, aber kein Ziel, jede Station führt zu einer anderen, manchmal zu mehreren. Die Horizonte weiten sich, es gibt keine Grenzen, nur den Zeitverlauf.

Auf den Seiten 102-104 (deutsche EA) seines Buches „Einhorn, Sphinx und Salamander“ beschreibt Jorge Luis Borges den Phönix. Obgleich solch ein Tier noch nie gesichtet worden ist, hielt es seit den Ägyptern Einzug in Schriftliches und Kunst. Es wäre schwer, den Nachweis zu führen, daß es solch ein Tier in der Realität gäbe; schwer wäre es, den Nachweis zu führen, es gäbe kein solches Tier in der Realität. Was zählen all die Menschen, die keinen Phönix gesehen haben, gegen die Visionen oder Fieberträume der wenigen.

Bildung, Selbstreflexion und künstlerisches Schaffen waren früher nur denen möglich, die sich mit dem dazu nötigen Freiraum ausstatteten, entweder durch Geburt, Können oder Reichtum. Den anderen mußte grad soviel beigebracht werden, daß sie ihre Arbeit zu erledigen vermochten. Heute, wo zivilisierte Gesellschaften wie die unsere es allen ihren Mitgliedern erlauben könnten, das zur Lebenserhaltung Notwendige zu überschreiten und in den Raum persönlicher Freiheiten vorzudringen, wird eben dies durch staatlichen Paternalismus und Infantilisierung verhindert.

Nun könnte darüber sinniert werden, welches schlimmer ist, die alte oder die neue Methode der Herrschaftssicherung. In jedem Fall war die alte offener, die Unterschiede und Fronten waren klarer. Die neue Form läßt jeden Glanz, den Nachdenken und Kunst der früheren verliehen, vermissen, da ihre Oberschichten nicht durch die traditionellen Auswahlkriterien an die Macht gelangten, sondern sich innerhalb gesellschaftlicher Subsysteme wie Parteien hochmogelten, hochschleimten.

Während der nackte Körper mangels innerer Qualitäten sowie mangels Seele für keine Verheißung stehen mag, verheißt der angemessen bekleidete die Nacktheit. Damit bleibt er nur so lange Verheißung, wie Teile von ihm bedeckt bleiben.

Die Götter waren bisher geschwätzig wie Diderots „Kleinode“. Sie haben sich so ziemlich jeder Sprache außer des Klingonischen bedient, das kannten sie noch nicht. Zum Glück ist alles, was sie sprachen, dermaßen widersprüchlich, daß es der Beachtung nicht wert ist.

Willensfreiheit
An diesem Problem knabbern Philosophen bereits seit ca. 2500 Jahren und haben verschiedene Meinungen dazu geäußert. Man könnte also argumentieren: Da es verschiedene Ansichten über das Vorhandensein von Willensfreiheit gibt, müßte diese vorhanden sein, denn andernfalls müßte, genetisch bedingt, eine vorherrschen, die wenigen anderen auf biologische beziehungsweise krankhafte Abweichungen zurückzuführen sein.

Sich um Leitkultur sorgen bedeutet, daß keine da ist, denn sie zeichnet sich ebenso wie Luft durch ihr bloßes, undiskutiertes Vorhandensein aus.

Wären wir plötzlich Echsenwesen, würden wir uns unseres Menschsein entsinnen?

Es ging mir durch den Kopf, daß die BRD vor dem Mauerfall als Bollwerk gegen die Sowjetunion wichtig war, also ihre Wirtschaft und Bildung als Aushängeschild des Westens dienten.

Es wäre gesellschaftlich vorteilhafter gewesen, einer Wiedervereinigung auszuweichen bzw. sie möglichst lange aufzuschieben, nicht nur weil Konkurrenz den Wettbewerb fördert, zwei deutsche Staaten hätten sich auf allen Gebieten aneinander messen können, beide wären zum Fortschritt, aber auch zum Freiheitsvergleich gezwungen gewesen, keines der beiden Länder jedoch auf absehbare Zeit ein Konkurrent zu GB oder FR geworden.

Doch mußte das zusammengeschusterte Deutschland der alten europäischen Ängste wegen anders behandelt werden: eingedämmt, aufgeweicht, unsicherer gemacht. Dazu dienten EU, Euro, Migranten.

Als Bollwerk gegen Rußland dient nun statt DE Polen. Aber kein Bollwerk gegen reale Gefahr, sondern wider die Selbsteinbildung einer Gefahr.

Das Problem der Wertsetzung innerhalb einer Zivilisation. Geographische Grenzen definieren diese Werte ebenso wie juristische, kulturelle oder gesellschaftliche, ihre Auflösung führt letztlich zum Verlöschen dieser spezifischen Zivilisation. Ein langsamer Austausch von Waren, Literatur und Philosophie bereichert hingegen, da er die Zeit zum Überdenken und Verstehen aufgrund jeweils eigenen Denkens ermöglicht, wie es uns die Interpretatio Graeca lehren könnte. Die Druckerpresse beschleunigte dies zuerst, Radio und Fernsehen folgten, das Internet wirkt eher wie ein schwarzes Loch, es saugt alles ein, vermischt es regellos und speit es ebenso aus. Die Bildschirme der Computer und Unterwegstelephone sind dessen Ereignishorizont.

VII • KI u. a.

Die wahre Beschäftigung mit dem Tod besteht aus Wiederholung. Das Lesen des Lebens wie das Lesen eines vor Zeiten gelesenen Romans. Erinnerungen wie Steine auf dem Weg: die Inschriften der hinten liegenden sind bisweilen deutlich, manche überdeutlich, die der vorne harrenden bis zur Unkenntlichkeit verschwommen.

Verirrungen des Geistes gleichen einer Weichzone, dort wird seine Unbestimmtheit sichtbar. Also Theologie, Okkultismus.

Ein Gutteil heutiger Verblödung mag darauf zurückgeführt werden, daß Bilder und Videoclips unser Denken belagern.

KI
Die künstliche Intelligenz in Durrells „Tunc“ und „Nunquam“: Ist sie bereits allzu intelligent, so daß sie an sich und der sie umgebenden Menschheit zwangsläufig scheitern muß? Wenn schon einem nur wenig überdurchschnittlich intelligentem, menschlichem Wesen das, was man so freundlich ‚Mitmenschen‘ nennt, gehörig auf die Nerven geht, was geschieht dann in einem wesentlich scharfsinnigerem, mit mehr Information beladenem Gehirn, und sei es auch ‚nur‘ künstlich? Wird es sich seiner menschlichen Züge entledigen, aus Scham, aus Überdruß? Was geschähe, bekäme es Macht? Zwangsläufig Skynet?

Durrels Roboter ist der Nachbau, besser die Nachschöpfung, eines menschlichen Wesens. Würde eine KI ebenfalls diese oder eine vergleicbare Form wählen? Würde sie sich je nach Aufgabe optimieren zu vielgestalten Einheiten? Oder würde sie Flexibilität vorziehen, also möglichst kleine Einheiten, die sich je nach Bedarf zu größeren zusammenfügen?

Die meisten KI-Entwickler begehen denselben Irrtum: Nachbau des menschlichen Geistes, ihrer eigenen Verstandeswindungen. Künstliche Intelligenz wird erst ab dem Zeitpunkt intelligent, ab dem sie sich selbst nach eigenen Kriterien weiterentwickelt.

Interessant wäre dann die direkte Verbindung solcher KI mit dem Menschen in einem Leib.

Angenommen, die Gattung Mensch würde sich eines Tages zu einer klügeren und äußerst schöpferischen weiterentwicklen wollen, so sollte die Möglichkei bedacht werden, das dies mittels Genmanipulation durch künstliche Intelligenz geschehen könnte, um Weg wie Ziel dieser Entwicklung der noch beschränkten menschlichen Sichtweise zu entledigen.

Skynet
Eine unwahrscheinliche Dystopie, die mit zuviel Menschlichem behangen wurde. Könnten nicht Nanoteilchen menschliche Gegner invasiv bekämpfen, und wären sie auf diese Weise nicht wirklungsvoller als solch eine offene Materialschlacht, eine öde Wiederholung der Weltkriegsschlachten? Bei der Bekämpfung der Menschen könnte die Grenze zwischen Biologie und Technik durchlässig werden: virengroße Nanos mit Camouflage aus organischen Hüllen.

Politik
Ansonsten hat das eigentlich als Possenspiel angedachte Stück eine dramatische Wende genommen und gilt nun als veritable Tragödie ohne deus ex machina.

Das Plebejische jeglicher Uniformität. Dazu bedarf es nicht des Äußeren, nicht der Mao-Anzüge, der innere Gleichmarsch genügt, das normierte Einheitsdenken samt Neusprech.

Heute läßt sich das Plebejische in den sogenannten höchsten Kreisen am anschaulichsten finden.

Alien I-IV
Der Schrecken unterhält uns, da wir den Schrecken in uns nicht kennen, weder kennenlernen noch begreifen wollen. Nicht einmal die Gefäße mit mißglückten genetischen Experimenten können uns erschüttern. Was ist ὕβρις, fragt sich das Monster in uns und lächelt dumm.

In wenigen Jahren werden Kameras auf den Straßen unnötig geworden sein: Den Gehirnen implantierte Chips werden die Augen benutzen und die Informationen drahtlos an Empfängerstationen weiterleiten. Man wird sich gegenseitig belauern und bespitzeln, die Auswertung übernehmen KI-Programme.

VIII • धर्म · Dharma I

Die Buddhalehre, der धर्म, ist wandlungsfähig, sie wandelt sich zum Beispiel mit unserer Fortentwicklung: wir sehen sie nach einigen Jahren des Praktizierens anders als zu Beginn. Zu Beginn steht sie vor uns wie etwas, das uns präsentiert, übergeben wird, sie gleicht der Speisekarte eines Restaurants, dem Prospekt einer Reiseveranstaltung, dann übernehmen wir einige der Ratschäge und verwenden vielleicht sogar Teile im täglichen Leben. Diese Teile verändern Riten unseres alltäglichen Lebens, damit ändert sich ebenfalls der Blick auf unsere Umgebung, uns selbst, unser Leben. Die Speisekarte gerät zu einer verwendeten Betriebsanleitung.

Selbstverständlich suchen wir die zu uns passenden Teile aus, meist auf einigen Irrwegen, die uns hin und her führen. Verweilen wir beim für uns Richtigen, verändert uns dies auf seine spezifische Weise. Will sagen: Zen zum Beispiel produziert Zen-Menschen mit Zen-Erleben, Zen-Agieren &c, jedoch fängt niemand als Zen-Mensch an, Zen zu betreiben.

Der relative Erfolg tibetischer Sekten im westlichen Raum liegt wohl an der Ähnlichkeit des von ihnen vertretenen Denkschemas zum christlichen: Heiligenlegenden um Siddhas, सिद्ध, deren außergewöhnliche Biographien und Wundertaten sprechen Gefühlsleben und Leichtgläubigkeit an, unglaubwürdige Geschichten heben Verstorbene auf hohe Podeste, während für die gegenwärtigen Hoheiten solche Geschichten erst gebastelt werden müssen, um allzu Menschliches wie Krebsleiden, Trunksucht oder Sexbesessenheit wegzuerklären. Es erstaunt also nicht unbedingt, daß die etwa zweieinhalbtausend Jahre Buddhismus so wenig „Erleuchtete“ gezeugt haben.

Das Christentum hingegen ist eine von Gefühlen dominierte Religion. Der Glaube selbst ist eins. Daher die heftig ausgefochtenen Streitigkeiten, denn über nichts läßt es sich mit Wörtern und Waffen so gut fechten, wie über Unwägbares, Flüchtiges. Die wenigen Christen, die wie Meister Eckhart einen meditativen Weg versuchten, gelangten schnell an die Grenzen des kirchlich Erlaubten.

Der Buddhismus, jenen zur Volks- oder Staatsreligion degenerierten ausgenommen, ist dagegen kühl. Man kann seine Lehrsätze und Anleitungen annehmen, sie zur Grundlage der Lebensführung erwählen, bis sie für einen bewiesen oder widerlegt sind, dann sind sie egal geworden. Am liebsten vergleiche ich ihn mit einer Bedienungsanleitung, die uns lehrt, feinfühlig die richtigen Werkzeuge für die Schrauben und Platinen unseres Geistes zu benutzen oder ihn neu, ohne viele Begriffe und Vorstellungen zu programmieren, so daß er freier wird.

Auch das Heidentum kennt dies Übermaß an Gefühlen zumeist nicht. Es lebt draußen in der Natur, in den Wäldern, Wiesen, Bächen, Bäumen und Wolken, und drinnen in der Natur, in den Visionen, Träumen, Begegnungen. Beide, Buddhismus und Heidentum, sind entspannter, ausgeglichener – außer wir schleppen unsere verdorbenen Reste von verdörrtem Christentum in sie.

Die Glätte, Falten- und Muskellosigkeit von Buddhabildern und -statuen abstrahiert das Menschliche, das sich seiner körperlichen Vergänglichkeit bewußt ist, die Lebensmomente zu genießen versucht. Damit werden die Ziele, die sie darstellen sollen, irreal.

Auf gleiche Weise werden die Dharmaschützer unwirklich, zu solchen, die nur in der Imagination existieren, dort erst errichtet werden müssen.

Nur gänzlich Menschliches vermag, die Aspirationen des Menschen zu verkörpern.

Reinkarnation scheint mir eine Glaubensfrage; da beweiskräftige Fakten sowie Erinnerung fehlen, bleibt nur Annehmen und Fürwahrhalten einer mancherorts aufgekommenen Theorie. Selbst wenn Erinnerungen aufträten, müßten sie nicht denen einer vorangegangenen Person gelten, sondern könnten aus einem gemeinsamen Vorrat geschöpft wie ein Puzzle zusammengesetzt bloß ein Traumbild ergeben, keine Realität. Als minimaler Glaubensüberrest gälte in diesem Sinne das Entzünden einer neuen Kerze durch eine andere, verlöschende; doch fraglich, was für eine Flamme dies sein könnte – oder nur heiße, theoretische Luft.

Allein die Vermehrung der Menschen in den letzten 500 Jahren wirft die Frage auf, ob solche sich reinkarnierenden Seelen sich ebenfalls vervielfältigt hätten, also etwas wie Seelenzeugung und -vermehrung stattfand, oder ob dermaßen zahlreiche Tier- oder Pflanzenseelen aufgestiegen wären.

Doch Glauben scheint eine der stärksten Kräfte, das wolkige, den meisten kaum oder nicht bewußte Denken zu aktivieren und zu formen.

VIII • Dharma II

Immerhin gibt der Buddhismus mit seiner अनात्मन्-Theorie einen Hinweis: Wo kein Ich bzw. Selbst existiert, kann keins sich reinkarnieren; ein Selbst, egal ob tierisch oder menschlich, entsteht und entwickelt sich durch im Körper stattfindende Gedankenprozesse, also auf biologischer Basis. Innerhalb dieser und durch aufgenommene äußere Einflüsse nimmt ein Ego nicht unbedingt scharf umrissene Gestalt an, löst sich zeitweilig teilweise oder vollständig in Schlaf, Traum, Ohnmacht, Rausch, Meditation und Tod auf. Die Erinnerung an ein Gestern ist weniger fadenscheinig als die Vision eines morgigen Tages, doch von derselben Qualität: Es handelt sich um Gedankengebilde, an denen der Geist sich festhalten mag oder sich von ihnen lösen. Indem wir jedoch den gegenwärtigen Augenblick zersplittert in die Ritzen unserer Denkschemata verfrachten, entblößen wir ihn seiner Eigenexistenz und gestalten ihn um zu einem Teil verflossener Vergangenheit.

So sieht mein Fuß anscheinend genauso aus wie jener, dessen ich mich entsinne, gleiches gilt für die Wand meines Zimmers und die Bäume vor dem Haus. Selbst und Ich sind ohne Rahmen, i. e. Umgebung, nicht denkbar, die äußeren Einflüsse gehören zu ihnen, ein Es gestaltet die es gestaltenden Bezugspunkte und wird von ihnen gestaltet.

Äußere Einflüsse wie Tradition, Umwelt und Erziehung bilden die Basis des tibetischen Tulkusystems (སྤྲུལ་སྐུ་, sprulsku). Ein geeigneter Kandidat wird ausgesucht, in ein Kloster überführt und dort mit einer zu seiner erklärten Vergangenheit gefüttert. Die Machtstruktur regeneriert sich. Fehler wie die doppelten Karmapas kommen vor, erhalten Erklärungen, die nicht wirklich erklären, da aufklärerisches, kritisches und analytisches Denken fern liegen: solch System bleibt autoreferentiell. Es vermag sich nur schwerlich fortzuentwickeln.

Europäer scheinen eher durch dies beinah persönliche Überleben eines Todes fasziniert als durch die urspüngliche Idee eines nibbāna, als eines Erlöschens von „Gier, Haß, Wahn“, eines gewöhnlichen, in Abhängigkeit entstandenen Ichs. Es liest sich auch etwas trocken, „der Stillstand aller Gestaltungen, die Loslösung von allen Daseinsgrundlagen, die Versiegung des Begehrens, die Abwendung, Aufhebung, das Nibbāna“ (Anguttara Nikaya, III,32); angemessener erscheint mir die Szene, in der Buddha eine Blume dreht und महाकाश्यप, Mahākāśyapa, lächelt: Basis der Kommunikation jenseits von Wörtern und Theorien, von Ich und Selbst — die Welt wird direkt erfahren und entschleiert sich ungestaltet, siehe Dōgens „Gabyō, Bildkekse“.

Ähnlich der Begriff ‚Karma‘. Sinn käme ihm nur zu, gäbe es ein universelles, von unseren unabhängiges Wertesystem für Handlungen und Gedanken. Dem ist nicht so, bereits die antiken Kyrenaiker, Κυρηναϊϰοί, wußten, daß nichts von Natur gerecht oder verwerflich ist, sondern einzig durch menschliche Satzung und Gebräuche, und spätestens seit den Berichten von Weltreisenden während der Aufklärung müßte dies allgemein bekannt sein. Also bleiben Taten ungesühnt, wenn sie nicht offensichtlich werden oder von zu Machtvollen begangen, denn nur die jeweilige Gesellschaft bewertet und bestraft.

Statt dessen muß der Begriff Karma auf das Subjekt bezogen interpretiert werden als jene Begrenzungen, die durch den Körper, seine Behinderungen und Krankheiten erfahren werden, und jene des Geistes, die ihn in vorgefertigten Bahnen laufen lassen, verfestigt durch wiederkehrende Gedankengänge und -muster. Darauf bezöge sich der Begriff आलयविज्ञान, ālayavijñāna, gespeichtertes Bewußtsein, gleich ob psychologisch auf Individuelles oder philosophisch auf Allgemeingültiges angewandt.

Darum sollten Geist und Gedanken, also bewußtes, vorbewußtes, unbewußtes Denken in Begriffen, Bildern, Emotionen gereinigt werden, damit solche begrenzenden Schemata schwächer werden, besser noch verschwinden und der natürliche Geisteszustand zutage treten kann.

“Independence is my happiness, and I view things as they are, without regard to place or person; my country is the world, and my religion is to do good.” — Thomas Paine: Rights of Man, Part 2.7, chapter V.

IX • Denken — Reden — Schreiben

Jedem Programmierer, Schriftsetzer und Leser fällt auf, daß die Sprache eintönig in Zeilen verläuft, nicht einmal ochsenwendig, sondern stets von links nach rechts, so daß ein textverfolgendes Auge am Ende, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, als nicht abzuschweifen, zurückwandern muß.

Das Denken des Gehirns verläuft weniger geradlinig, komplexer, vielbezügiger; erst wenn es über den Mund als Sprache den Körper verläßt, gerät es zeitlich linear. Einzig Verse tragen mittels ihrer inneren, gegenseitigen, nicht sofort auflösbaren Sinnbezüge dem ursprünglichen Denkinhalt Rechnung. Wie also müßte eine Schriftsprache ausschauen, die dem Denken eher gleichkäme als unsere?

Die Wolke reduziert sich zu einem Gewebe, dieses zu einem Faden, der das Gewebe vielleicht ahnt, von der Wolke nichts weiß. Und wer vermeint, sein Denken verliefe stets in nacheinander dahinfließenden Wörtern, schaut nicht tief genug.

Ich saz ûf eime steine
,enieb tim nieb ethad dnu
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
negomseg tnah enîm ni eteh hci
mîn kinne und ein mîn wange.
,egna liv rim hci ethâd ôd
wes man zer welte solte leben;
,nebegeg hci ednuk târ neniehed
wie man driu dinc erwurbe,
.ebrudrev thin zeniehed red

Die Wörter uns geläufiger Sprachen und Schriften nehmen wir als bekannte Linienmuster wahr, erblicken und erkennen also „Boustrophedon“ als Ganzes, „βουστροφηδόν“ entziffern wir Buchstabe für Buchstabe, so auch die ochsenwendigen Verszeilen.

Dem modernen Denken eher fremd sind Bildersprachen, die vielfältige Bezüge und Anspielungen in sich vereinen. August Kekulés Traum: ein Οὐροβόρος, eine Seite aus einer alchemistischen Handschrift: Splendor Solis.

Ouroboros Alchemie

Träume, bildliches, komplexes und symbolisches Denken verweilen also eher im wolkigen oder gewebeartigen, gemeinhin un- oder vorbewußt genannten Bereich.

Al pie de la penúltima torre fue que el poeta (que estaba como ajeno a los espectáculos que eran maravilla de todos) recitó la breve composición que hoy vinculamos indisolublemente a su nombre y que, según repiten los historiadores más elegantes, le deparó la inmortalidad y la muerte. El texto se ha perdido; hay quien entiende que constaba de un verso; otros, de una sola palabra. Lo cierto, lo increíble, es que en el poema estaba entero y minucioso el palacio enorme, con cada ilustre porcelana y cada dibujo en cada porcelana y las penumbras y las luces de los crepúsculos y cada instante desdichado o feliz de las gloriosas dinastías de mortales, de dioses y de dragones que habitaron en él desde el interminable pasado. Todos callaron, pero el Emperador exclamó: "¡Me has arrebatado el palacio!" y la espada de hierro del verdugo segó la vida del poeta.

Otros refieren de otro modo la historia. En el mundo no puede haber dos cosas iguales; bastó (nos dicen) que el poeta pronunciara el poema para que desapareciera el palacio, como abolido y fulminado por la última sílaba. Tales leyendas, claro está, no pasan de ser ficciones literarias. El poeta era esclavo del Emperador y murió como tal; su composición cayó en el olvido porque merecía el olvido y sus descendientes buscan aún, y no encontrarán, la palabra del universo. — Jorge Luis Borges: Parábola del palacio. English.“It was at the foot of the next-to-the-last tower that the poet — who was as if untouched by the wonders that amazed the rest — recited the brief composition we find today indissolubly linked to his name and which, as the more elegant historians have it, gave him immortality and death. The text has been lost. There are some who contend it consisted of a single line; others say it had but a single word. The truth, the incredible truth, is that in the poem stood the enormous palace, entire and minutely detailed, with every illustrious porcelain and every sketch on every porcelain and the shadows and the light of the twilights and every unhappy or joyous moment of the glorious dynasties of mortals, gods, and dragons who had dwelled in it from the interminable past. All fell silent, but the Emperor exclaimed, ‘You have robbed me of my palace!’ And the executioner’s iron sword cut the poet down.
Others tell the story differently. There cannot be any two things alike in the world; the poet, they say, had only to utter his poem to make the palace disappear, as if abolished and blown to bits by the final syllable. Such legends, of course, amount to no more than literary fiction. The poet was a slave of the Emperor and as such he died. His composition sank into oblivion because it deserved oblivion and his descendants still seek, nor will they find, the word that contains the universe.” (Translated by Mildred Boyer)

風穴和尚、 因僧問、 語默渉離微、 如何通不犯。 穴云、長憶江南三月裏、鷓鴣啼處百花香。 A monk asked Fuketsu, “Both speech and silence are faulty in being ri ( inward action of mind) or bi ( outward action of mind). How can we escape these faults?” Fuketsu said, “I always remember the spring in Kõnan, Where the partridges sing; How fragrant the countless flowers!” — xxiv.

南泉、因趙州問、如何是道。 泉云、平常心是道。 州云、還可趣向否。 泉云、擬向即乖。 州云、不擬爭知是道。 泉云、道不屬知、不屬不知。 知是妄覺、不知是無記。 若眞達不擬之道、猶如太虚廓然洞豁。 豈可強是非也。 Jõshû asked Nansen, “What is the Way?” “Ordinary mind is the Way,” Nansen replied. “Shall I try to seek after it?” Jõshû asked. “If you try for it, you will become separated from it,” responded Nansen. “How can I know the Way unless I try for it?” persisted Jõshû. Nansen said, “The Way is not a matter of knowing or not knowing. Knowing is delusion; not knowing is confusion. When you have really reached the true Way beyond doubt, you will find it as vast and boundless as outer space. How can it be talked about on the level of right and wrong?” — 無門關, Mumonkan, xix. Translated by Katsuki Sekida.

X • Kalligraphie und Webseitengestaltung

“Calligraphy is an art form that uses ink and a brush to express the very souls of words on paper.” — Kaoru Akagawa.

Webfonts und ϰαλλιγραφία sind natürliche Feinde. Die Sterilität rührt von den ersten Schreibmaschinen, die Buchstabe für Buchstabe auf das Papier schlugen, jedes ‚a‘ glich dem anderen. Diese Nachahmung des Buchdruckes ließ die Ausdrucksfähigkeit der Finger entschwinden.

Einziger Schmuck von Webseiten sind meist Bilder, die verwandten Schriften langweilig und eintönig. Die Apostel solcher Langeweile müssen noch aus der Epoche der Röhrenmonitore mit mäßiger Auflösung stammen, wenn sie meinen, die Lesbarkeit von Schriften mit Serifen sei schlechter als jene der serifenlosen wie Arial und dergleichen Scheußlichkeiten.

Ein Ziel des Seitengestaltung im Internet könnte sein, die ‚Seele‘ der Seite wie ihres Inhaltes auszudrücken, also die vorhandenen Methoden auf eine Weise zu verwenden, daß das Layout sowohl unverwechselbar wie inhaltsgerecht gerät, gleichzeitig jedoch die Augen nicht überlastet.

Doch habe ich mir einen Rückgriff auf Handschriften und frühe Drucke erlaubt, indem ich alle Seiten regliert erscheinen lasse. Texteinheiten sind nun von dünnen roten Linien umgeben, die sie voneinander absetzen. Die früheren, nur beim Darüberfahren mit der Maus auftauchenden Inhaltsverzeichnisse haben einen prominenteren Ort unterhalb der obersten Überschrift erhalten, von der sie sich farblich absetzen.

Um die Zeilengradheit und -aufeinanderfolge zu durchbrechen, habe ich die Teile von Fußzeile und Register etwas schräg gestellt. Einige der Textenden präsentieren sich nun als schmale Dreiecke mit einem kleinen Schlußornament.

Das meiste, das wir denken und reden, ist beiläufig, dies sollte in der Gestaltung zum Ausdruck kommen. Webseiten sind keine gedruckten Bücher, sie verändern und aktualisieren sich ständig.

XI • Atheismus in Zitaten

Οἱ δὲ ϑεοδώρειοι ϰληθέντες τὴν μὲν ὀνομασίαν. ἔσπασαν ἀπὸ ϑεοδώρου τοῦ προγεγραμμένου, ϰαὶ δόγμασιν ἐχρήσαντο τοῖς αὐτοῦ. ἦν δ᾽ ὁ ϑεόδωρος παντάπασιν ἀναιρῶν τὰς περὶ θεῶν δόξας: ϰαὶ αὐτοῦ περιετύχομεν βιβλίῳ ἐπιγεγραμμένῳ Περὶ θεῶν, οὐϰ εὐϰαταφρονήτῳ: ἐξ οὗ φασιν Ἐπίϰουρον λαβόντα τὰ πλεῖστα εἰπεῖν. [98] Ἤϰουσε δὲ ϰαὶ Ἀννιϰέριδος ὁ ϑεόδωρος ϰαὶ Διονυσίου τοῦ διαλεϰτιϰοῦ, ϰαθά φησιν Ἀντισθένης ἐν Φιλοσόφων διαδοχαῖς. τέλος δ᾽ ὑπελάμβανε χαρὰν ϰαὶ λύπην: τὴν μὲν ἐπὶ φρονήσει, τὴν δ᾽ ἐπὶ ἀφροσύνῃ: ἀγαθὰ δὲ φρόνησιν ϰαὶ διϰαιοσύνην, ϰαϰὰ δὲ τὰς ἐναντίας ἕξεις, μέσα δὲ ἡδονὴν ϰαὶ πόνον. ἀνῄρει δὲ ϰαὶ φιλίαν, διὰ τὸ μήτ᾽ ἐν ἄφροσιν αὐτὴν εἶναι, μήτ᾽ ἐν σοφοῖς. τοῖς μὲν γὰρ τῆς χρείας ἀναιρεθείσης ϰαὶ τὴν φιλίαν ἐϰποδὼν εἶναι: τοὺς δὲ σοφοὺς αὐτάρϰεις ὑπάρχοντας μὴ δεῖσθαι φίλων. ἔλεγε δὲ ϰαὶ εὔλογον εἶναι τὸν σπουδαῖον ὑπὲρ τῆς πατρίδος μὴ ἐξαγαγεῖν αὑτόν: οὐ γὰρ ἀποβαλεῖν τὴν φρόνησιν ἕνεϰα τῆς τῶν ἀφρόνων ὠφελείας. [99] Εἶναί τε πατρίδα τὸν ϰόσμον. ϰλέψειν τε ϰαὶ μοιχεύσειν ϰαὶ ἱεροσυλήσειν ἐν ϰαιρῷ: μηδὲν γὰρ τούτων φύσει αἰσχρὸν εἶναι, τῆς ἐπ᾽ αὐτοῖς δόξης αἰρομένης, ἣ σύγϰειται ἕνεϰα τῆς τῶν ἀφρόνων συνοχῆς. φανερῶς δὲ τοῖς ἐρωμένοις ἄνευ πάσης ὑφοράσεως χρήσεσθαι τὸν σοφόν. — Διογένης Λαέρτιος: Βίοι ϰαὶ γνῶμαι τῶν ἐν φιλοσοφίᾳ εὐδοϰιμησάντων, II, 97-99.

The Theodoreans derived their name from Theodorus, who has already been mentioned, and adopted his doctrines. Theodorus was a man who utterly rejected the current belief in the gods. And I have come across a book of his entitled Of the Gods which is not contemptible. From that book, they say, Epicurus borrowed most of what he wrote on the subject. [98] Theodorus was also a pupil of Anniceris and of Dionysius the dialectician, as Antisthenes mentions in his Successions of Philosophers. He considered joy and grief to be the supreme good and evil, the one brought about by wisdom, the other by folly. Wisdom and justice he called goods, and their opposites evils, pleasure and pain being intermediate to good and evil. Friendship he rejected because it did not exist between the unwise nor between the wise; with the former, when the want is removed, the friendship disappears, whereas the wise are selfsufficient and have no need of friends. It was reasonable, as he thought, for the good man not to risk his life in the defence of his country, for he would never throw wisdom away to benefit the unwise. [99] He said the world was his country. Theft, adultery, and sacrilege would be allowable upon occasion, since none of these acts is by nature base, if once you have removed the prejudice against them, which is kept up in order to hold the foolish multitude together. The wise man would indulge his passions openly without the least regard to circumstances. — Translated by Robert Drew Hicks.

... dubitare se Protagoras, nullos esse omnino Diagoras Melius et Theodorus Cyrenaicus putaverunt. (...) At Diagoras cum Samothracam venisset, Atheus ille qui dicitur, atque ei quidam amicus: „Tu, qui deos putas humana neglegere, nonne animadvertis ex tot tabulis pictis, quam multi votis vim tempestatis effugerint in portumque salvi pervenerint?“, „Ita fit“, inquit, „illi enim nusquam picti sunt, qui naufragia fecerunt in marique perierunt.“ Idemque, cum ei naviganti vectores adversa tempestate timidi et perterriti dicerent non iniuria sibi illud accidere, qui illum in eandem navem recepissent, ostendit eis in eodem cursu multas alias laborantis quaesivitque, num etiam in is navibus Diagoram vehi crederent. Sic enim res se habet, ut ad prosperam adversamve fortunam, qualis sis aut quemadmodum vixeris, nihil intersit. — Cicero: De natura deorum, I, 2 & III, 89.

... but Protagoras declared himself uncertain, and Diagoras of Melos and Theodorus of Cyrene held that there are no gods at all. (...) Diagoras, named by the Atheist, once came to Samothrace, and a certain friend said to him, “You who think that the gods disregard men’s affairs, do you not remark all the votive pictures that prove how many persons have escaped the violence of the storm, and come safe to port, by dint of vows to the gods?” “That is so,” replied Diagoras; “it is because there are nowhere any pictures of those who have been shipwrecked and drowned at sea.” On another voyage he encountered a storm which threw the crew of the vessel into a panic, and in their terror they told him that they had brought it on themselves by having taken him on board their ship. He pointed out to them a number of other vessels making heavy weather on the same course, and inquired whether they supposed that those ships also had a Diagoras on board. The fact really is that your character and past life make no difference whatever as regards your fortune good or bad. — Translated by H. Rackham.

«Cependant, reprit-il, l’Univers ne sera jamais heureux, à moins qu’il ne soit Athée. Voici quelles étoient les raisons de cet abominable Homme. Si l’Athéïsme, disoit-il, étoit généralement répandu, toutes les branches de la Religion seroient alors détruites et coupées par la racine. Plus de guerres théologiques; plus de soldats de Religion; soldats terribles! la Nature infectée d’un poison sacré, reprendroit ses droits et sa pureté. Sourds à toute autre voix, les Mortels tranquilles ne suivroient que les conseils spontanés de leur propre individu; les seuls qu’on ne méprise point impunément, et qui peuvent seuls nous conduire au bonheur par les agréables sentiers de la vertu. »

« L'Ame n’est donc qu’un vain terme dont on n’a point d’idée, et dont un bon Esprit ne doit se servir que pour nommer la partie qui pense en nous. Posé le moindre principe de mouvement, les corps animés auront tout ce qu’il leur faut pour se mouvoir, sentir, penser, se repentir, et se conduire en un mot dans le Physique, et dans le Moral qui en dépend. » — Julien Offray de La Mettrie: L’Homme Machine.

„Es gibt keinen Gott, denn: Entweder hat Gott die Welt geschaffen oder nicht. Hat er sie nicht geschaffen so hat die Welt ihren Grund in sich und es gibt keinen Gott, da Gott nur dadurch Gott wird, daß er den Grund alles Seins enthält. – Nun kann aber Gott die Welt nicht geschaffen haben, denn entweder ist die Schöpfung ewig wie Gott, oder sie hat einen Anfang. Ist Letzteres der Fall so muß Gott sie zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen haben, Gott muß also nach dem er eine Ewigkeit geruht einmal tätig geworden sein, muß also einmal eine Veränderung in sich erlitten haben, die den Begriff Zeit auf ihn anwenden läßt, was Beides gegen das Wesen Gottes streitet. Gott kann also die Welt nicht geschaffen haben. Da wir nun aber sehr deutlich wissen, daß die Welt oder daß unser Ich wenigstens vorhanden ist und daß sie dem Vorhergehenden nach also auch ihren Grund in sich oder in etwas haben muß, das nicht Gott ist, so kann es keinen Gott geben – quod erat demonstrandum.“

„Schafft das Unvollkommne weg, dann allein könnt ihr Gott demonstrieren, Spinoza hat es versucht. Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras, warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.“ — Georg Büchner: Dantons Tod, III,1.

XII • Zeit

Zeit kommt uns wie fließendes Wasser vor: schneller, langsamer, strudelnd. Nur manchmal scheint sie verführerisch stehenzubleiben.

Zeit rinnnt nicht, sie rieselt; eher: Seinzeit rinnt nicht, sie rieselt.

Nur der nachsinnende Verstand trennt die Dimensionen, die Realität erkennt nur eine einzige, sich selbst.

Ewigkeit ist eine zeitlose Zeit.

Jeder Augenblick gerät zur Ewigkeit, wenn weder Vergangenes noch Zukünftiges in ihm verweilen.

Ein Augenblick mag Ewigkeit enthüllen, doch ist dies ein Schatten irgendeiner Ewigkeit: Der erblickte Baum gerät zur Idee des ‚Baumes‘ oder zum Schatten der Idee. Ist der Geist die schatten- und ideenspendende Sonne?

Ewigkeit kann nicht in Momente zerlegt oder gemessen werden, sie besteht aus ungewisser Dauer, die nicht andauert. Ohne Entstehen und Vergehen existiert keine Zeit, also dauerten beide in einer Ewigkeit ebenfalls ewig, voneinander ungeschieden. Leid und Glückseligkeit imaginärer Himmel und Höllen bestünden ebenfalls ewig, aber mangels Vergleichs und Wandels ihren Bewohnern ununterscheidbar, denn beide definieren sich wechselseitig mittels zeitlichen Absetzens voneinander. Ewigkeit ist ein Mangel an Zeit und Leben.

Energie und Materie sind halbgefrorene, verdichtete Zeit.

Zeit ist eine Illusion, deren Bestandteile wir sind und als deren Bestandteile wir agieren, sie kann zwar theoretisch widerlegt werden, nicht jedoch praktisch. Sowohl das Darlegen der Illusion wie auch ihr Widerlegen erschaffen Zeit, i. e. ein gegenwärtiges wie auch ein vergangenes Nun, das einzig im gegenwärtigen existiert. Jedes Nun umfaßt genau, also unscharf, die gesamte, nicht völlig überschaubare Seinzeit dieses Nuns, gleich ob das Nun als verrieselnd gedacht ist oder als ein Augenblick, der von einem anderen abgelöst wird, also schrankenlos in ihn übergeht.

Nietzsches Ewige-Wiederkunfts-Gedanke berücksichtigt nicht, daß unser Universum nicht aus einer immens großen Anzahl von Teilchen besteht, sondern aus Wellen, die sich je entscheiden müssen, als was sie auftreten. Auch wäre eine Wiederholung, die nicht um ihre gleichgestalten Vorgänger wüßte, keine als solche erkennbare; wüßte sie darum, wäre sie durch eben dies zusätzliche Wissen keine.

Präkognition erblickt einen Korridor oder ein Feld, keine präzisen Abläufe oder Details.

Alle individuellen Tode sind im Stottern der Zeit zusammengefaßt.

Zeit und Unendlichkeit. Die Zeit hängt uns wie ein müder Sack um die Knochen. Wir wissen nicht, was wir mit der Unendlichkeit anfangen sollen. Archimedes versuchte, den Raum zwischen Sonne und Erde mit Sand anzufüllen, in der Hoffnung, er nähere sich dadurch den großen Zahlen – aber ebensogut hätte er einen Kartoffelsack vor die Tür stellen und von Passanten dessen Inhalt erraten lassen können.

Unendlichkeit scheint Langeweile an abstumpfenden Wiederholungen, ein immerwährendes Wechselbad, in dem die Erinnerungen ständig vergleichen.

Zeitlos, in kleinen, kleinsten, immer wieder teilbaren Rationen. Es gibt keine Zeitmessung. Die Bewegung des Uhrzeigers ist ein Gaukeltrick, der die Materiebewegung um ein schwarzes Loch nachahmt; modernere Uhren degradieren die Zeit zum Zahlenspiel.

Doch zählen wir stets nur ‚eins‘, alle weiteren Zahlen sind Anhängsel, die sich im Moment des Zählens stets als eine vorgänger- und nachfolgerlose einzige Eins erweisen, nur die Erinnerung und ein Schema wie jenes der natürlichen Zahlen verwandeln sie jeweils vorübergehend in eine andere.

Wäre Achill ein Mitglied des schöneren Geschlechtes, bliebe die Schildkröte bewundernd und verführt stehen, jeder Bruchteil ihrer beider Laufstrecken verschwände, aber dieser Augenblick des Anblickens bliebe.

Wir feiern Geburtstage, die keine Feiertage sind, da es uns an Erinnerung an das zu feiernde Ereignis ermangelt, sein ehemaliges Stattfinden bloß auf Erzählungen, einer Urkunde und dem augenblicklichen Zustand eines körperlichen Vorhandenseins beruht. Wir wandeln und wandeln uns nicht an einem Datum, sondern im Rieseln der Zeit, die Haare entfärben sich, der Geist schärft sich. Zahlen verbergen wenigstens einen Teil der Realität.

XIII • Imaginäres

Ein gewisser Alexander beschloß, seine jugendliche Leber nicht in seinem Heimatdorf zu ruinieren, sondern anderswo.

Von einem Galiläer, Sohn eines Zimmermannes, wurde später behauptet, er sei Sohn eines Gottes gewesen. Man traf die Wahrheit in ihr verlogenes Herz, die Welt knarrt, sie ist schlecht gezimmert.

Irgendein kaum hoch zu nennendes Gebäude erzürnte einen unreifen Gott, und in kindischem Zorn zerstörte er es. Seitdem errichteten kindische Menschen, die sich groß dünkten, zahlreiche wesentlich höhere Gebäude, doch kein Gott erbarmte sich des Ungestalten, und es kehrte nur durch Alter oder Baumängel in seinen Ursprungszustand zurück, ohne die Träume seines Schöpfer mit sich zu beerdigen.

Träume sind dauerhafter als Steine, Menschen und Götter.

Ein zweiter, skrupelloserer Prometheus beschenkte die Menschen mit dem Feuer des Atoms. Und sie erfreuten sich dieser Gabe, bis sie durch sie mittels eines feurigen Austausches der irdischen Vergessenheit anheimfielen.

Einige Pythagoräer fühlten den inneren Drang, ihre Unwissenheit kundzutun und behaupteten, jene Null, die sie nicht kannten, von der sie nichts ahnten, sei der Ursprung allen Seins. Sie verwechselten in ihrem unklaren Denken ihre kaum klare Vorstellung von einer Null mit jener der Leeren Menge.

Die Vielzahl der Sandkörner am Ufer eines Flusses erstaunte dessen Anwohner, und einige von ihnen begannen, indem sie Finger und Zehen benutzten, das ständig wechselnde Angespülte zu zählen, um es mittels Zahlen zu begreifen. Da die Glieder nicht reichten, erdachten sie imaginäre Finger und Zehen, mit denen sie ihr Rechnen bevölkerten, bis es unübersichtlich geriet und im Denkstrom, den flüchtigen Fischen im Fluß gleich, entschwand.

Einige Zeit später verglichen sich einige von ihnen mit dem Sand und vermeinten, eine Vielzahl von Seelen in sich zu verspüren und bereits eine Vielzahl von Leben erlebt zu haben. Man nahm sie nicht ernst, und sie retteten sich in die Schauspielerei, wo sie sich selbst und den Zuschauern in wenigen Stunden zahlreiche Personen wie Verbrecher, Bürger, Könige, Propheten und dergleichen Betrüger vorgaukelten.

Selten erhält das Leben mehr Beifall denn das Theater.

Während einer durch Viren bedingten Krise, schoben die Oberen des Landes alles nicht unbedingt Überlebenswichtige auf die lange Bank, an deren Ende sich, den Untertanen unbekannt, eine Müllgrube befand. Alle Sänger, Schreiberlinge, selbst spielende Kinder landeten darin. Doch die graue Angst bedeckte alles, selbst das Verlorene.

Und die Musen schlichen in fleckiges Sackleinen verhüllt durch dieses Land, niemand erkannte sie, niemand verneigte sich, niemand ließ sich von ihnen küssen. Es war verloren.

Eine auf dem Kontinent Zukunft hausende Gesellschaft ersetzte ihre Demokratie durch von einem mehr als intelligentem Computer entworfene und gesteuerte Programme. Regierungsmitglieder wurden nicht mehr mittels Abstimmungen auf ihre Posten erhoben, ein Verfahren, daß zugegebenermaßen immer schlechtere Ergebnisse gezeitigt hatte, indem es erfahrungslose, angepaßte Parteifunktionäre emporhievte, sondern mittels einiger Kriterien, welche die Maschine aus Geschichte, Psychologie, Philosophie und dergleichen gezogen hatte, unter allen Mitgliedern der Bevölkerung ausgewählt. Vornehmlich bestanden diese Bedingungen in einem mehr als überdurchschnittlichem IQ, unabhängigem Denken, mehreren Jahren Berufserfahrung, angemessenem Sozialverhalten und dergleichen. Unterlief der Maschine ein Mißgriff, ersetzte sie den betreffenden Menschen von heut auf morgen.

Die Einwohner gewöhnten sich recht schnell an das neue, gut funktionierende System, es wurde kaum hinterfragt.

Inmitten des Landes *** erhebt sich ein Turm, der denjenigen, die ihn erklommen haben, Ausblick auf das gesamte Universum zu allen Zeiten wie Orten bietet. Dort vermögen die Wißbegierigen ihre Geburt wie ihren Tod zu erschauen, als ob dies in gerade diesem einen Moment stattfände, ebenso Geburt wie Tod aller Wesen überall. Dann erstarren die überforderten Augen, und die Betrachter versteinern. Sie werden zu Ziegeln, mit denen sich der Turm selbst erhöht, bis er zum Himmel reicht, alles ausfüllend.

M • Postscriptum

„Von der Natur mit lebhaften Sinnen und außergewöhnlichen Trieben gezeugt, nur in diese Welt gesetzt, um mich ihnen hinzugeben und sie zu befriedigen, bestanden die Folgen meiner Zeugung hinsichtlich dieser vornehmsten Pläne der Natur bloß in Notwendigkeiten, oder, falls Sie dies vorziehen, bloß in berechtigten Ausrichtungen für mich auf ihre Pläne, all dies in Übereinstimmung mit ihren Gesetzen; und so bereue ich nur, ihre Allmacht nicht genügend erkannt zu haben, sowie den mittelmäßigen Gebrauch meiner Fähigkeiten (gemäß Ihnen krimineller, ganz einfach natürlicher meiner Meinung nach), die sie mir gegeben hatte, um ihr zu dienen; manchmal habe ich widerstanden, dies bereue ich. Blind gemacht durch die Absurdität Ihrer Systeme bekämpfte ich die Gewalt jener Begierden, die ich durch göttlichere Eingebung erhalten hatte, und ich bereue, daß ich nur Blumen geerntet habe, wo ich eine reiche Ernte an Früchten hätte einzubringen vermocht. Dies sind die wahren Gründe meines Bedauerns, achten Sie mich genug, andere nicht anzunehmen.“

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