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Gedankensplitter & Imaginäres

Gedankensplitter und Imaginäres

 

Apoll und die MusenBaldassare Peruzzi: Apollo e le muse, 1514/1523
 

Mουσάων Ἑλιϰωνιάδων ἀϱχώμεϑ᾽ ἀείδειν,
αἵϑ᾽ Ἑλιϰῶνος ἔχουσιν ὄϱος μέγα τε ζάϑεόν τε
ϰαί τε πεϱὶ ϰϱήνην ἰοειδέα πόσσ᾽ ἁπαλοῖσιν
ὀϱχεῦνται ϰαὶ βωμὸν ἐϱισϑενέος Κϱονίωνος.
ϰαί τε λοεσσάμεναι τέϱενα χϱόα Πεϱμησσοῖο
ἢ Ἵππου ϰϱήνης ἢ Ὀλμειοῦ ζαϑέοιο
ἀϰϱοτάτῳ Ἑλιϰῶνι χοϱοὺς ἐνεποιήσαντο
ϰαλούς, ἱμεϱόεντας: ἐπεϱϱώσαντο δὲ ποσσίν.
ἔνϑεν ἀποϱνύμεναι, ϰεϰαλυμμέναι ἠέϱι πολλῇ,
ἐννύχιαι στεῖχον πεϱιϰαλλέα ὄσσαν ἱεῖσαι,
ὑμνεῦσαι Δία τ᾽ αἰγίοχον ϰαὶ πότνιαν Ἥϱην
Ἀϱγεΐην, χϱυσέοισι πεδίλοις ἐμβεβαυῖαν,
ϰούϱην τ᾽ αἰγιόχοιο Διὸς γλαυϰῶπιν Ἀϑήνην
Φοῖβόν τ᾽ Ἀπόλλωνα ϰαὶ Ἄϱτεμιν ἰοχέαιϱαν
ἠδὲ Ποσειδάωνα γεήοχον, ἐννοσίγαιον,
ϰαὶ Θέμιν αἰδοίην ἑλιϰοβλέφαϱόν τ᾽ Ἀφϱοδίτην
Ἥβην τε χϱυσοστέφανον ϰαλήν τε Διώνην
Λητώ τ᾽ Ἰαπετόν τε ἰδὲ Κϱόνον ἀγϰυλομήτην
Ἠῶ τ᾽ Ἠέλιόν τε μέγαν λαμπϱάν τε Σελήνην
Γαῖάν τ᾽ Ὠϰεανόν τε μέγαν ϰαὶ Νύϰτα μέλαιναν
ἄλλων τ᾽ ἀϑανάτων ἱεϱὸν γένος αἰὲν ἐόντων.
αἵ νύ ποϑ᾽ Ἡσίοδον ϰαλὴν ἐδίδαξαν ἀοιδήν,
ἄϱνας ποιμαίνονϑ᾽ Ἑλιϰῶνος ὕπο ζαϑέοιο.
τόνδε δέ με πϱώτιστα ϑεαὶ πϱὸς μῦϑον ἔειπον,
Μοῦσαι Ὀλυμπιάδες, ϰοῦϱαι Διὸς αἰγιόχοιο:
ποιμένες ἄγϱαυλοι, ϰάϰ᾽ ἐλέγχεα, γαστέϱες οἶον,
ἴδμεν ψεύδεα πολλὰ λέγειν ἐτύμοισιν ὁμοῖα,
ἴδμεν δ᾽, εὖτ᾽ ἐϑέλωμεν, ἀληϑέα γηϱύσασϑαι.
Ἡσῐόδου Θεογονία, 1-28.

From the Heliconian Muses let us begin to sing, who hold the great and holy mount of Helicon, and dance on soft feet about the deep-blue spring and the altar of the almighty son of Cronos,
and, when they have washed their tender bodies in Permessus or in the Horse’s Spring or Olmeius, make their fair, lovely dances upon highest Helicon and move with vigorous feet. Thence they arise and go abroad by night,
veiled in thick mist, and utter their song with lovely voice, praising Zeus the aegis-holder, and queenly Hera of Argos who walks on golden sandals, and the daughter of Zeus the aegis-holder bright-eyed Athena, and Phoebus Apollo, and Artemis who delights in arrows,
and Poseidon the earth holder who shakes the earth, and revered Themis, and quick-glancing Aphrodite, and Hebe with the crown of gold, and fair Dione, Leto, Iapetus, and Cronos the crafty counsellor, Eos, and great Helius, and bright Selene,
Earth, too, and great Oceanus, and dark Night, and the holy race of all the other deathless ones that are for ever. And one day they taught Hesiod glorious song while he was shepherding his lambs under holy Helicon, and this word first the goddesses said to me —
the Muses of Olympus, daughters of Zeus who holds the aegis: “Shepherds of the wilderness, wretched things of shame, mere bellies, we know how to speak many false things as though they were true; but we know, when we will, to utter true things.”
— Translated by Hugh G. Evelyn-White, London: Heinemann, 1914.

Portio mea, δαῖμον, sit in orbe viventium.
 

I • Mischmasch

Wir sind fähig, Schönheit zu empfinden, selten sie zu erschaffen. Trotzdem ist dies das einzige, das uns aus dem Tierischen heraushebt.

Zeigen die Musen sich uns nackt, in ihrer wirklichen Gestalt, erschrecken sie uns.

Schritt für Schritt bahnt sich ein Weg, auf dem nur diese beiden Füße willentlich gesteuert gehen. So hoffen wir — die meiste Zeit aber stolpern wir über kleine Unebenheiten.

Unser Fehler ist, daß wir uns an Menschen orientieren — nicht an Göttern, an von Menschen geschaffenen Idealbildern. Was dächte Homer von unserer Zeit?

Heute erstaunt uns bereits Mittelmäßigkeit, angesichts dessen, was uns umgibt.

Das Böse, das Unterwürfige, ist stets eines anderen Diener.

Αϱετή ist das unwillkürliche, direkte Sich-Äußern des Inneren, also muß dies Innere so geformt werden, daß ἀϱετή sein Ausdruck ist.

Wofür existieren wir sonst, als uns gegenseitig Anregungen und Anstöße zu geben? Es gibt eine Pflicht, das Leben mindestens lebendig zu ertragen.

Geist und Kunst sind aristokratisch — Blut kann in Konserven abgefüllt werden. Doch gibt es neue Vampire, deren Ziel darin besteht, Geist und Kunst soweit zu verdünnen, daß sie nicht mehr als Lebenssaft taugen.

Ästhetik ist eine Form künstlerischer Freiheit, nur muß der Künstler frei genug sein, sie wahrzunehmen.

Die eigenen Grenzen werden nur beim Versuch, sie zu überschreiten, erkannt, vorher wirken sie wolkig verschwommen, unscharf. Dann aber vermag man, sie zu verrücken.

Whodunit — Philosophie fragt, Theologie gibt fragwürdige Antworten.

Ein leeres Gedächtnis erinnert sich am besten.

Wenn sonst nichts in der Landschaft herumläuft, sieht eine Maus wie ein Elephant aus: das Prinzip der Parteiendemokratie.

‚Ewigkeit‘ ist ein abgewetzter Ausdruck für unsere Unfähigkeit, den Augenblick zu ergreifen.

Halbes Sehen ist nicht die Hälfte des Sehens, sondern partielle Blindheit.

Ich bin zuviel, um einwandfrei etwas zu sein.

Herrschaft ist die Herrschaft über Interpretation.

Die Erkenntnis eigenen Wertes bedeutet die Abkehr von anderen.

Stets wird jener, der sich von anderen für deren andere Zwecke benutzen läßt, in sehenden Augen als mißbraucht und seiner selbst entfremdet erscheinen.

Die meisten Menschen warten auf den Tod, nur geben sie es ungern zu. Ihr Warten empfinden sie als Leben, von Lebendigsein ahnen sie nichts.

Weil Warten langweilt, werden Zerstreuungen erfunden, die — ist man nur halbwegs bei Sinnen — das Warten unerträglich machen.

Kränklichkeiten sind die Zerstreuungen des Körpers; psychische Störungen die der niederen Seele.

Im Schlaf verdämmert das Bewußtsein um wiederaufzuerstehen; ein Tod läßt letzteres fort.

Könnten Blicke töten, erwiesen sich Spiegel als Selbstmordinstrumente.

Den leeren Fluß zu überqueren gelingt nur dem Nichts.

Der Körper besteht aus Erinnerung, Festgefressenem. Dies wird vom Äußeren bisweilen bestätigt.

In der Maskerade verbirgt sich der Bürger vor sich selbst, um ein Scheinselbst zu entwickeln, das ihm als Ersatz für das verlorene wahre dient.

Die Biographien anderer lesen meint, auf Resonanzen im eigenen Leben zu hoffen.

Die Jahre zwischen den Sekunden sind lang; ihre Dichte entspricht dem Zerfall von Granit.

Die Spuren auf dem Papier haben nichts mit dem Denken zu tun; sie folgen eigenen Flüssen.

Die Nacht ist ein merkwürdig Ding; ihr Mangel an Licht läßt leuchten, was sonst dunkel verbliebe.

Auf dunklen Pfaden wandern heißt, möglicherweise ins Licht geraten.

Dort wo Wörter nicht wohnen.

Please mind the gap between mind and Mind.

Wo ist die Zeit geblieben. Und die Ernte dessen, was wir säen, zerfrißt uns.

Begräbnisriten stellen meist eine Umkehrung des Geburtsvorganges dar: der Körper wird umhüllt, bisweilen noch mit einer Umkleidung versehen, dann in die Erde versenkt oder in ein dafür erstelltes Gebäude getan. Es mag die Hoffnung auf eine Wiedergeburt in Form einer Auferstehung zugrundeliegen. Die Verbrennung eines Leichnams würde mit der des Phönix harmonieren.

Manche Menschen mag ich trotz ihrer Fehler, andere ihrer Fehler wegen nicht. Nur die äußerlichen Fehler können Anreiz zum Mögen bieten.

Des Nachts eine Laterne mitnehmen, heißt Mond und Sternen Konkurrenz machen oder unfähig sein, sie zu erblicken.

Im Bergkristall befinden sich Einschlüsse, im Geist Gedanken; wenn sie nur ebenso funkeln würden wie die Einschlüsse.

Die bleierne Schwere geistiger Flügel.

Das Schwierige an Selbstverwirklichung ist, daß es eines Selbstes bedarf, um es zu verwirklichen, eine Attrappe genügt nicht.

Das Leben ist eine Vorstellung, für die man bei Verstand kaum Eintritt zahlen würde.

Leben besteht in der Befähigung zu kommunizieren — mit sich selbst und anderen. Die Tiefe des Lebens mißt sich in der Grenzenlosigkeit dieser Kommunikation.

Jedem Atemzug wohnt ein Ende inne.

Ein Ziel verfälscht den Weg.

Ordnung ist eine der Verkleidungen des Chaos.

Gäbe es einen Gott, ließe er alle Atheisten in seinen Himmel, nur um sich an deren Verblüffung zu weiden.

II • Werte

Freiheit schenkt sich nur Freien. Es handelt sich um jene Gruppe, die sich darüber keine Gedanken macht.

Wer zahllose Gesetze erläßt, hat noch mehr zu verbergen.

Je ungewisser der Glaube, desto arger die Bekehrungen.

Initiationen sind Unfug, kommen sie nicht aus dem Zu-Initiierenden wie Erweckungen selbst.

Sinn des Lebens: Wir suchen nach etwas, das uns umbrächte, erblickten wir es. Wir sind für unser Leben zu fragil.

Andere Meinungen werden unterdrückt von jenen, die um das Falsche ihrer eigenen wissen.

Querdenken bedeutet, in vorgegebenen Mustern, nur in einer von diesen abweichenden Richtung, jedoch in deren Schemata zu denken. Unabhängiges Denken gleicht einem Irrgarten, der sich ständig neu strukturiert, es ist mehrdimensional.

Mit dem Verfall der Sitten haben wir die Achtung voreinander verloren — und damit vor uns selbst. Andererseits, die meisten Mitmenschen heutzutage sind verachtenswert, da es ihnen jeglicher Sitten ermangelt.

Sitte erwächst nicht durch die Übernahme vorgegebener Formen aus Tradition, Religion etc, sondern mittels der bewußten und kritischen Aneignung dieser Formen.

Genies sterben früh; sie verbrennen ihren Treibstoff schneller. Wer länger lebt weiß, daß er haushält und auf Altersweisheit oder Demenz hofft.

Jede Geburt beinhaltet ein Todesurteil, dessen Urteilsvollstreckung jedoch zeitlich nicht festgesetzt ist.

Der Begriff ‚Menschenwürde‘ beinhaltet einen ideologischen oder religiösen Hintergrund, denn er setzt das Menschsein als Besonderes, von der restlichen Natur zu unterscheidendes voraus. Es gibt keinen Nachweis für ihn außer durch biologische Unterschiede wie Körperbau, Gene oder Intelligenz, die jedoch auf gleiche Vorgehensweise auch herangezogen werden können, Menschengruppen voneinander zu unterscheiden.

Nachdem der Kosmos sich nicht mehr um uns Irdische dreht, sondern wir auf einem spuriösen Fleck am Rande eines Sternhaufen dahinvegetieren, dient ‚Menschenwürde‘ nur dazu, uns auf sprachlichem Umweg noch ein wenig Größe zu verschaffen. Meinte man dies ernst, müßte das Wort auch ‚Barbarei‘ beinhalten, denn diese ist seit Anbeginn Teil des Menschlichen.

Menschenrechte? Menschen billigen sich Rechte zu, von denen sie wissen, daß sie ihnen von Menschen gewohnheitsmäßig genommen wurden.

Es ist ungleich schwieriger, klar und kurz zu sein als umständlich weitschweifig.

Bilder, auf denen viel erkannt werden kann, zeigen nichts.

Die Realität ist eine der Verkleidungen von Leerheit.

Das Problem wohl jeder Ochlokratie besteht darin, daß niemand mit etwas Verstand für den ‚regierenden‘ Pöbel auch nur einen Finger krümmen wollte.

Dem Sozialisten ist nichts so zuwider wie Ungleichheit, daher Prokrustes-Betten für alle: Krippen und Kindergärten für die Kleinen, Einheitsschulen, Bologna-Studium. Was sich an Abweichungen eingemeinden läßt, wird normalisiert, daher gleichgeschlechtliche Ehe, Hartz4, Gewerkschaften für Schriftsteller und andere (noch) Kreative, Parteibuchkarrieren. Wenn im Zuge des Normalisierens tradierte Werte aufgeweicht werden können, um so besser, denkt sich der Pöbel.

Eingebildete Schrecken wie Klimaerwärmung durch CO2 und dergleichen verleihen einem von sich selbst entfremdeten Leben künstlich erschaffenen Schein-Sinn und den sie Bescherrschenden Macht über solche Wesen.

Maßlos: Weltschöpfungen, Apokalypsen; im kleinen Maße: Sade, Hölderlin, Nietzsche.

Nicht das Umstürzen von Werten ist schlimm, sondern deren Aufweichen. Das Aufweichen stellt den Wert an sich in Frage. Das Umstürzen erschafft neue.

Es gibt zwei Arten von Menschen: solche die gegebene Werte übernehmen, und andere, die sich erforschen, bis sie die eigenen auffinden.

Pindar: γένοι’, οἷος ἐσσὶ μαϑών. — Nietzsche: Werde fort und fort, der, der du bist. — Einfacher: Werde weiterhin, denn es gibt kein Sein.

Diogenes’ παϱαχαϱάττειν τὸ νόμισμα geriet beim deutschen Philosophen zur ‚Umwertung aller Werte‘, doch die Neuzeit ersetzte das ‚m‘ durch ein ‚n‘.

Jeder wird und entwird. Geburt und Tod setzen Punkte. Leben weicht sich auf oder wird intensiver.

Γνῶϑι σεαυτόν. — Erkenne Dich selbst, um zu erkennen, daß es kein Selbst gibt.

Das Ziel erreichen, heißt das Ziel verlieren, als ob es nie dagewesen wäre.

Von Geburt bis Tod ist Leben ein Tanz auf unsicherem Grund, zugleich meist ein Versuch, dies durch Konstrukte, Ideologien, Versicherungen, Religionen, Technik zu verdrängen. Doch spätestens, wenn wir selbständig werden, außerhalb der Menge stehen, wird es uns überraschen und an den Wurzeln packen: Der Boden, auf dem wir gehen, ist schwankend, Löcher können sich auftun, schiefe Ebenen uns ins Rutschen bringen. Andere Menschen sind kein Halt, sondern Teil des unsicheren Grundes.

Sünde ist es allein, einen von Fremden überlieferten Sündenkanon zu übernehmen, dem der eigene Wille entgegen steht. Ergo gibt es keine allgemeingültigen Maßstäbe für Verfehlungen, und von der Entwicklung des Einzelnen her kann heut Sünde sein, was es morgen nicht sein wird, und umgekehrt.

Ein Schriftsteller hat keine Meinung zu haben, sondern mindestens viele — immer ein paar mehr, als es Personen in seinen Geschichten gibt.

Die besondere Eigenschaft des Autors liegt darin, Wechseltierchen zu sein.

Wer um Mittag keine Laterne entzündet, traut der Sonne. Aber seine Augen sind von fremdem Licht geblendet, mißtrauen dem eigenen.

„Jeder Genuß lebt durch den Geist. Und jedes Abenteuer durch die Nähe des Todes, den es umkreist.“ — Ernst Jünger: Annäherungen. Drogen und Rausch.

Die Irdischen sind Proserpinas Schatten.

III • Höhen und Tiefen

Erkenntnis sinkt von oben nach unten, sie gräbt sich ihren Weg.
Wer sich selbst erkennt, entdeckt die Welt, denn wir sind einander verbundene, unscharfe Spiegel.

Technik & Krieg
Fabriken, Stahlwerken, Schachtanlagen entspricht ein Krieg, wie er bis Anfang des 21. Jahrhunderts geführt wurde. Heutige Fabriken sind reinlich, desinfiziert, von Maschinen geführt. Wichtiger als die Krieger sind nun Forscher und Techniker, Labore und Computer. Ihnen entspricht die biologische und digitale Kampfführung mittels Viren, bei der Menschen und Maschinen verschwinden, Felder, Wälder und Gebäude relativ unbeschädigt verbleiben.

Gewalt ist das Mittel der Beschränktheit; darum wird sie immer wieder angewandt.

Regeln sind sozialisierte Halluzinationen, daher so schwer zu ändern oder abzuschaffen.

Geistiger Tiefflug bedeutet, daß Hängebäuche über den Boden schleifen.

Menschen werden durch ihre Gewohnheiten charakterisiert, selten durch das, was in ihnen wohnt.

Wenn wir die Nächte des Geistes zu Tagen machen, und die Tage zu Nächten, werden wir dann ein Erleuchtendes in ihnen finden?

Quecksilber in Gold verwandeln: die unselige Gedankenflut in Geistesklarheit.

Die richtigen Dinge sind nicht leblos: Sie finden uns, wenn sie zu uns gehören.

Während das Auge im Idealfall ein kurzes Gedicht in einem zu überblicken vermag, und in diesem Blick die Zeit erlischt, tritt diese verwandelt hervor, folgt es den Zeilen, den Hebungen und Senkungen des Wörterflusses, welcher dem ihm eigenen Rhythmus folgt und sich damit in der ihm eigenen Zeit — und keiner anderen — bewegt und diese auf uns abfärbt.

Alle Dichtung ist verführender Tanz durch den Wortraum.

Fußspuren in fließendem Wasser.

Erkenne Dich selbst — eine Anleitung zum Lachen.

Ein Satz sollte weder Anfang noch Ende besitzen, sondern aus einem vierdimensionalen, sich wandelnden, von allen Seiten betrachtbaren Ideogramm bestehen. Während des Ansehens entschleiern sich die vielfältigen Bezüge seiner Partikel und Ebenen dem jeweiligen Standpunkt des Sehenden: Betrachten verändert die Sinnstruktur des Ideogramms, es erneuert sich ständig.

Kein Leben ist lang genug, nur der dichte Moment.

Bewußtheit ist stets auf Erweiterung, Vertiefung bedacht: Stillstand gleicht Dahindämmern.

Der Bewußtheit sind die Mittel, die sie zu ihren Zwecken anwendet, keiner ethischen Bewertung unterworfen; es zählt das Ergebnis.

Dunkelheit ist nicht die Abwesenheit von Licht, sondern die Anwesenheit von Dunkelheit; sie ist existentiell, für den Menschen wie für den Kosmos.

Zielen wir, durchstoßen wir uns selbst und den Grund; wir landen im konfusen Nirgendwo.

Wer sich vor der Leere ängstigt, tut dies vor sich selbst.

Nur sich selbst kann ein Mensch Heimat sein; das Schlimmste und Größte: sich mehr als Heimat werden.

Also ist die buddhistische Zufluchtnahme Unfug.

Bloß Erinnerungen vermögen, uns zu quälen, die Zukunft nicht. Wenn die Aussichten bedrücken, so ist es eine Erfahrung, die wir erinnern, nicht das, was zu erwarten steht.

Jedes Annähern in unsere untagtäglichen Tiefen führt uns auf Unboden, der uns abgründig fortbricht, zusammen mit Teilen des Ichs, des Selbstes, die im Stürzen abgelegt werden, abfallen.

Aus Begegnungen entstehen Götter und δαίμονες.
In Begegnungen entschleiern sich Götter und δαίμονες für einen Moment. Ihr Entschleiern bedingt, daß wir selbst innerlich offen sind.

Genauigkeit ist eine Methode, auf den Wellen des Chaos zu reiten. Rausch und Wahnsinn sind die anderen.

Das Niederschreiben von Gedanken soll nicht ihrer Verfestigung dienen, sondern dem Wachstum ins Sichtbare: damit sie fortwuchern.

Nützlich sind wiederaufgenommene Fäden, die hie und da aus der Geisteslandschaft hervortreten, in verschiedenen Farben und Längen. Wer sie abschneidet ist selbst schuld.

Die Gedanken gehören uns nur, wenn wir an ihnen arbeiten. Sonst sind es wilde, fremde Vögel, die sich kurz bei uns niederlassen.

Von Gefühlen bestimmten Menschen ist notwendigerweise zu mißtrauen. Nicht ändert sich rascher als Gefühl — und nichts ist unsicherer, selbst für den direkt Betroffenen.

Licht verjüngt die Götter, sofern sie als Statuen erscheinen; Dunkelheit erotisiert sie.

Das Licht des Geistes ist dunkel, unergründlich.

Die Jahre entkleiden uns, entblößen den Baum seiner Ringe, bis nur noch die Falten bleiben, das Gerippe allein besteht.

Auf jedem Spiegel im Geist befinden sich Spinnweben.

Überhaupt kann nur der Einzelne Verantwortung tragen; delegiert er sie an andere, gibt er ein Stück seiner Freiheit auf. Freiheit und Verantwortung bedingen einander.

Teufel sind Massenware geworden, wie man befürchtete: ihre Zahl ist mehr als Legion. Die einzig verbleibende Lästerung eines Gottes wäre dieser Gott selbst — gnostisch, weil er für dies, sein Werk, verantwortlich zeichnete, daher entweder unverantwortlich oder schuldig.

Stünde eine Intelligenz hinter dem Sein, so wären wir zur Rebellion gegen sie verdammt. Und die Rebellion wäre das Einzige, was uns aufrecht stehen ließe.

Der einzige Mangel des Atheismus: Es fehlt der Schuldige, Bestrafenswürdige.

Nur zwei unsterbliche Götter: Terminus und Janus.

Bei Faust I, Prolog im Himmel, handelt es sich eigentlich um einen Monolog.

Dem Galliläer folgte ein durchsichtiger Doppelgänger, der sich nach dessen Tod für einige Jahre sichtbare Haut überzog, Apostel berief sowie Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft zusammensuchte, indem er Gläubige ihres alten Glaubens abtrünnig machte. Es handelte sich um den Sohn des Nichts.

Gesetzt, es gäbe Himmel und Hölle, die Gerechten, Guten kämen in ersteren, die Anderen in die andere. Ahnten oder wüßten die Gerechten, Guten um das Schicksal der Anderen, geriete ihnen der Himmel zur Hölle.

“That if you take a stick a foot long and every day cut it in half, you will never come to the end of it.” Hui Tzŭ in: Herbert A. Giles: Chuang Tzŭ. London: Quaritch, 1899, p. 453.
Unendlichkeit entsteht aus Denken, nicht aus Anschauung der Realität. Die letzten Stockscheiben gerieten dünner als ein Atomteil und folglich unmöglich zu schneiden und zu erkennen.

IV • Strafkolonie?

Nehmen wir an, diese Welt sei eine Strafkolonie, dann bestünde eine Möglichkeit, die Sträflinge aufzubewahren, in einer Lagerung wie in „Matrix“, eine andere, sie in Pseudofreiheit herumlaufen zu lassen, damit sie sich gegenseitig quälen und so ihren Wärtern Arbeit ersparen. Die Ausweglosigkeit ihres Daseins bekämen sie nicht vor Augen, da sie Sterne erblicken könnten, die jedoch nur virtuell wären, nämlich eigentlich ein Schleier, der sie vom wirklichen Universum trennt. All unsere Theorien über die Welt, das Sonnensystem und den Kosmos gerieten dann zu Traumwerk.

Privileg des Dichters: er vermag sich selbst kurzzeitig zu erlösen.

Jede Geburt includiert ein Todesurteil, unklar für welches Vergehen.

Der Körper ist ein Versprechen der Vergangenheit — im Guten wie im Kranken. Der Leib einer Geliebten erinnert vergangene Freuden und verweist auf die Möglichkeiten zukünftiger Lüste. Der eigene Leib wandelt sich durch die Jahre wandernd, behindert und begleitet uns — und ist doch als Ganzes nie wir selbst: Er bleibt uns entfremdet, fern. Jene Nähe, die sich in Krankheit oder Schmerz äußert, ist seine weiteste Ferne.

Sozialismus: Die Unsicherheit eines Menschen von außen beseitigen wollen heißt, ihn als Pflegefall anzusehen und zu behandeln. Wird er unmündig gehalten, wird er zwangsläufig zum Pflegefall. Er wird dann nie zum Eigenen gelangen, da ihm die eigene Leistung verwehrt bleibt. Und nur mittels eigener Leistung kann ein Mensch zu sich finden und zu seiner ihm eigenen, in ihm wohnenden Sicherheit.

Zur Errichtung Wolkenkuschelheims bedarf es dreier Voraussetzungen: der unendlichen Gelddruckmaschine, der Eierlegendenwollmilchsau und des Perpetuum mobile. Vorausetzung dieser drei ist die menschliche Dummheit.

Die meisten Menschen scheinen der Überzeugung. daß gute Taten die Last eigener Sünden dezimieren, ohne zu bedenken, woher dies Wörtlein ‚dezimieren‘ stammt. Aber gut: Seehundbabys gucken traurig, hungernde Afrikanerbabys auch, gespendet ist schnell, per SMS oder Paypal, und dann muß sich niemand mehr Gedanken machen, wo das Geld versickert, um auf seinem Weg nicht, oder nur zum geringen Bruchteil beim Empfänger anzugelangen, sondern Herr Niemand darf starr auf die Zeitung gucken, wenn mal wieder ein Obdachloser in der S- oder U-Bahn herumstreunt und zu betteln versucht.

Die Ferne ersetzt die Nähe. Das haben die Menschen dem Sozialstaat abgeschaut, darum haben sie ihn ersonnen: Es gilt, das Übel in eine Distanz zu verweisen, die Nähe so unübersichtlich zu gestalten, daß sie in Ferne verwandelt wird. Fernsehen und Internet erweisen sich dazu als sehr talentierte Hilfsmittel

Andererseits ist auch dies ein gutes Gefühl, daß jeder Bürger sich auf seinem Fernsehsofa zurücklehnen darf in der festen Gewißheit, der unumstößlichen Sicherheit, daß kein Mitbürger hungert, da Vater Staat für alle sorgt, auch für die um sich selbst Sorglosen, in den Tag lebenden Verirrten. Nicht daß so das Paradies auf Erden erreicht wäre, so viel Restintelligenz ist meist noch da, aber da jede Aspiration auf ein besseres Irgendwo, schlimmstenfalls im Jenseits, ausgetrieben wurde — und den Kirchen gebührt das Verdienst, kräftig daran mitgewirkt zu haben — bleibt nur das hiesige Utopia, und das war noch nie frei, gar libertär, sondern immer streng reglementiert, zum Guten aller, wenigstens der Mehrheit, meint: der herrschenden kleinen Minderheit. Und die weiß aus denkfauler Tradition nichts um Freiheit, sondern ist bemüht, über die Runden des Lebens zu kommen, eben mit diesem schwächlichen Gefühl, sich selbst nie zu genügen — das ist sicherlich nicht Wärme, sondern Rest dessen, was die Christen einmal als Erbsünde ansahen und die Inder als Karma.

Karma bedeutet die Hoffnung, daß irgendetwas Vergangenes wirksam sein könnte, des Menschen Handeln also bedeutsam wäre. Diese Bedeutsamkeit ist bloß Selbstüberschätzung und Einbildung.

Was ist Freiheit?
Die Freiheit über meinen Körper zu verfügen, das schließt ein, ihn zu schädigen, ihn zu pflegen, sein Leben zu beenden.

Die Freiheit über meinen Verstand und Geist zu verfügen, das schließt ein, mich auf jedem nur denkbaren Gebiet zu bilden, alles zu durchdenken, meinen Verstand und Geist zu berauschen oder nüchtern zu halten.

Die Freiheit zu schreiben und zu reden, was ich denke, fühle, ersinne.

Freiheit bedeutet letztendlich, sich von Banden gewohnten Denkens sowie des eigenen Ichs zu befreien.

Mythen sind dem Polytheismus verbunden: In ihnen wird immer aufs neue das Interagieren von Göttern, Helden, Menschen, Tieren und Pflanzen beschrieben. Gerät ein Mythos in den Bereich des Monotheismus, erstarrt er, des mythischen Blutes entbehrende Schemen torkeln in ihm und degradieren die Gläubigen.

Kunst hat Bedeutung nur für diejenigen, die sie erfühlen und verstehen.

Auch für die Satire ist es eine schlechte Zeit, wenn die Satire quasi kostenlos, selbst ohne geistige Kosten, per Nachrichten, Regierungserklärungen und Twitterei des Bundespressesprechers über jeden, der vielleicht noch ahnt, was Satire einmal war, genauso wie die anderen, stumpfsinnig gewordenen oder immer gewesenen Bürger, gleichmäßig wie Duschwasser verteilt wird.

Für unsterblichen Humor muß in solchen Zeiten gelten, wenn das zynische einseitige Grinsen nicht festgefroren ist, sondern vereinzelt zur Lockerung fähig.

Gerechtigkeit ist ein asymptotischer Prozeß, der erst am St. Nimmerleinstag auf einem Prokrustesbett endet. So wird auch der Sozialismus immer wieder aus seinem Rattenloch hervorgezerrt, als ob es sich um die Panazee handelte und nicht um ein tödliches Gift.

Wir morden, was wir lieben — weil wir das Lieben nicht ertragen. Daß wir uns selbst dabei morden, ist bloß ein Nebeneffekt.

Die modernen Gespenster werden auf Phiolen gezogen. Denkblasen durchwandern die Nährflüssigkeit, ohne ihnen zu nahe zu kommen.

Unsere existentielle Hoffnungslosigkeit beweist sich darin, daß wir an einem Abgrund stehend nicht wagen, hinunterzuschauen oder zu springen.

Niemand weiß, warum er liebt — nur daß er liebt. Daher das Verhängnis.

Gesehene und erlebte Realität sind immer Konstrukte aus überlieferten, gesellschaftlichen und persönlichen Normen und Strukturen, sie sind darum nur sehr zögerlicher Veränderung unterworfen. Abtauchen aus dieser Wirklichkeit, die wir bewirken und die auf uns wirkt in eben diesem zugelassenen Maße, gab es immer: durch den Genuß von Literatur, Musik, Theater, Kunst, dann Film. Selbst Aristoteles meinte, daß es für die Wirkmächtigkeit des attischen Dramas eines sich identifizierenden Zuschauers bedürfe.

So wie der Künstler, ist er einer, seine Weltsicht ins Kunstwerk packt, das mittels des Schaffensprozesses im Idealfall eben diese ändert, so sollte auch die Rezeption einen veränderten Rezipienten hinterlassen.

Die Neuerung in den Mitteln künstlerischen Ausdruckes, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, erweitert die Skala, definiert sie meines Erachtens jedoch nicht grundsätzlich neu. Von der Malerei, die ihre Gegenstände, Farben und Perspektiven wählte und durch das Aufkommen der Photographie vom Zwang, eine Realität abzubilden, befreit wurde, über die Photographie, die erst ihre Realität durch die Linsen sah, um sich nun ebenso von dieser zu befreien, ist es gedanklich ein kleiner Schritt, historisch sind es einige Jahrzehnte.

Ich sehe die digitalen Werkzeuge als Erweiterung des Bestandes, nicht als qualitativ von den alten verschiedene. Trotzdem bestimmt die Fähigkeit seiner Hände den Menschen.

Die uns per Sinne und Instrumente bekannte, anerkannte Realität ist ein Teilbereich, dessen Umfeld uns nur in kurzen Momenten des Überschreitens wahrnehmbar wird, nicht vermittelt werden kann.

Nicht jeder Ochse vermag ein Boustrophedon zu entziffern.

Es könnte durchaus als Fortsetzung des mittelalterlichen Theologenstreites zwischen Nominalisten und Realisten gesehen werden. Oder als die zwischen Platonisten und Aristotelikern. Wir bewegen uns langweiligerweise oft in denselben ausgetretenen Bahnen.

Begriffe, die Mengen bezeichnen, sind sowohl abstrakt wie konkret. Abstrakt, weil die Menge der Definition bedarf, konkret, wenn die Einzelteile der Menge evident sind.

Bei einer Aktiengesellschaft sind im Idealfall alle ihre Mitglieder während der Gesellschafterversammlung anwesend. Bei der Gesellschaft, die die Menge aller Einwohner eines Landstriches, i. e. Staates, umfassen soll, ist im allgemeinen keine Versammlung wie im antiken Athen mehr möglich; je mehr diese Gesellschaft einer Definitionen durch Staatsangehörigkeit, Umfragen, Ausweise und dergleichen bedarf, desto abstrakter, unverbindlicher, und deswegen desto stärker reglementiert, wird sie.

Die Weltgesellschaft ist die ärgste Dystopie, in ihr wird die schlimmste Unterdrückung ausgeübt werden müssen.

ZFT ist keine Fiktion, sondern Faktum. Einer der Hinweise: Gain-of-Function-Forschung.

Die Hölle besteht aus Ausgängen; es handelt sich um Eingänge zur Hölle.

V • Nackte Kaiser

Moderne Gesellschaften gliedern sich bzw. zerfallen eh in Subgesellschaften, wobei ein Einzelner sich durchaus verschiedenen dieser Subgesellschaften zugehörig fühlen kann. Es gibt also innerhalb der Menge ‚Gesellschaft’ diverse sich partiell überschneidende Mengen, von denen einige, wie die sich regelmäßig treffenden Mitglieder eines Vereins, einer Kirche, einer Loge, einer Partei, einer Subkultur durchaus konkret sein können, andere nur abstrakt zu definieren sind wie z. B. alle dreißigjährigen, langhaarigen Dackelbesitzer.

Der Begriff ‚Gesellschaft’ mag also sowohl etwas Existierendes wie etwas Abstraktes bezeichnen, ist selbst jedoch keine Entität, da er nur in Abhängigkeit von seiner Definition und von dem durch diese Bezeichneten verwendet werden kann. Der ‚Markt’ ist in diesem Sinne immer eine Teilmenge von ‚Gesellschaft’, da nie alle ihre Teile am Markt teilnehmen, in gleicher Weise teilnehmen oder zu gleicher Zeit teilnehmen. Der ‚Marktpreis’ eines Gegenstandes entsteht aus der zeitlich begrenzten Interaktion jener Teilmenge von ‚Markt’, die mit genau jenem Gegenstand durch Verkauf oder Erwerb handelt.

Das Wertvolle an Werten ist, daß sie erarbeitet werden. Jedem von ihnen hängt ein Preisschild an, das seine Bedeutung nur für einen einzelnen Menschen offenlegt.

Ein Curriculum ist die Skizze einer Landkarte, auf daß sich im Geiste des Lernenden ein Irrgarten mit Pfaden entfalte.

Der Kaiser ist nicht nackt, denn er ist mit Schuldscheinen bekleidet.

Ein römischer Kaiser führt sein Lieblingspferd in den Senat, um letzteren zu beleidigen; nun beleidigte man ein Pferd, führte man es in irgendein Parlament.

Godot stand an der Haltestelle, aber kein Bus erreichte ihn.

Satire benötigt ein Objekt außerhalb ihrer selbst, um sich abzuarbeiten; im Allgemeinen ist dies die ‚Realität’, jedenfalls das, was der Blickwinkel der Satire für Realität hält, also ein Ausschnitt.

Wörter sind abgespeckte Metaphern, Pseudo-Tiefgründiges für den Hausgebrauch.

Andererseits genügt es, die Wörter wie öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen: Sie transportieren Bedeutung von A nach B, dann vergißt man sie. Wer würde noch über den U-Bahn-Wagen nachdenken, wenn er ausgestiegen ist.

Und da Wörter abgespeckte Metaphern sind, sollte jeder sie einer eigenen Hungerkur unterziehen — jedenfalls die persönlich wichtigen. Diese von anderen übernehmen ist schändlich.

Metaphern sind Bedeutungsfelder mit kaum wahrnehmbaren Grenzen, daher müssen sie vor Gebrauch etwas eingezäunt werden.

Steigt der Reisende mit Reiseziel Hamburg in einen Zug und ist sich der Richtung nicht sicher, fragt er nicht: „Ist dies der Zug nach Hamburg“, sondern: „Ist dies der Zug nach Bonn“. Dann werden die Mitfahrenden aufschrecken.

In diesem Sinne sind Wörterbücher zu benutzen.

Die Köpfe waren schon immer die besseren Füße, wandert man in Gedanken.

Die Quantität schlägt nicht automatisch in Qualität um. Um eine größere Menge zu durchsuchen, bedarf es besserer Suchkriterien, um ein qualitativ hochwertiges Ergebnis zu zeitigen.

Au contraire hangelte sich der Sammler früher von Buch zu Buch, benutzte Bücher als Führer durch den Bücherdschungel. Die leichte Suche verführt zu Wahllosigkeit, zum Herumstochern und -picken, wo Klarheit über die Such(t)ziele angebracht wäre. Ein intensives Weniger ist mehr als ein oberflächliches Viel.

Bescheidenheit ist eine Sucht, die gern anderen auferlegt wird.

Die Vergangenheit entschwindet in Gräbern; dies Dinosaurier-Gefühl stellt sich ein.

Die Entscheidung des Ich, die Grundlagen seiner selbst zu beseitigen, ist eine Entscheidung, mehr nicht, gleich unter welchen Einflüssen oder ob ohne solche aus sich selbst getroffen. Dazu bedarf es der Vorstellung eines Besitz- oder Eigentumsverhältnisses nicht.

Die Satire wurde, da sie vermeinte, auf etwas Besseres als das Gegenwärtige hoffen zu machen, zu Gunsten einer normierten Realität beseitigt.

Kollektivisten haben die Fähigkeit, eigenständig zu denken, abgelegt. Eben darum und nur darum können sie Kollektivisten sein.

Leere und Fülle hinterlassen uns kopflos: Wir flüchten in die täglichen Übungen, in die Allgemeinplätze, schunkeln ein wenig mit bekannten Wörtern und trinken Rhetorik, bis wir berauscht sind. All dies statt dem Dionysos das zu geben, was sein ist: die Kore, will sagen: unser Hiersein.

Hase und Igel
Eine lange Straße durch weites, offenes Gelände, links und rechts Einöde. Der Belag hat Risse und Schlaglöcher, deren Anordnung uns willkürlich erscheint, wir laufen, aber das mag eine Täuschung sein. Auch vermeinen wir, diese Brüche und Brechungen sprächen zu uns über das Alter; doch da es keine Stellen ohne sie gibt, mag das vergeblich sein. An beiden Ende der Straße stehen Figuren, die uns Igel dünken und von sich behaupten, die Ewigkeit zu sein, doch sind sie jeweils nur für einen Moment an genau diesem Orte sichtbar.

Spiegel
Sehe ich früh in den Spiegel, so vermeine ich, ein Gesicht zu erblicken, das ich kenne. Die Erinnerung betrügt mich, indem sie mir vorlügt, dies sei das Gesicht, daß sich gestern an selber Stelle befand. Doch erkennt das Gesicht im Spiegel meines nicht, denn es ist Fiktion, ebenso wie die Erinnerung. Es gibt nur dies eine Gesicht, das ich nie sehen kann. Per speculum in aenigmate: Der Spiegel ist verrätselt, weil er vor uns, von uns getrennt ist. Eins geworden, hören wir auf, gegensätzlich und einander verrätselt zu sein, dann aber ist ein Spiegel kein Spiegel mehr und ein Ich kein Ich.

Wenn die Mehrheit über Wahrheit abstimmt, kommt stets nur die Wahrheit ihrer Dummheit zum Vorschein.

Falls es Götter gibt, so sind es zahlreiche. Und sie lachen manchmal über sich: ἄσβεστος γέλως! Anzunehmen, daß irgendeine absolute Wahrheit in irgendwann niedergelegten Schriften und Glaubenssätzen stecken könnte, ist so absurd wie dumm und war bislang stets die Ursache von Fanatismus und daraus folgenden Streitigkeiten. Mythen sollen gefälligst zahlreich sein, sich widersprechen und zum Malen, Dichten und Denken anregen.

Dumme Menschen errichten ihren von ihnen erschaffenen Göttern die höchsten Monumente zu ihrer eigenen Verherrlichung.

Ebenbild eines Gottes, welches lächerlichen Gottes?

Zombies existieren nur im Film und im öffentlichen Nahverkehr einer Großstadt.

Guter Whisky besitzt Charakter; Gutmenschen nicht.

Bücherverbote helfen der Preisfindung und sorgen für eine direkte Beziehung zwischen Händler und Käufer, indem Vermittler wie Ladenauslage, Internet, Katalog &c ausgeschaltet werden.

Schön ist nur jenes, von dem stets ein unerklärlicher Rest verbleibt.

Politische Festlichkeiten sind Theater, Gelegenheit, sich gegenseitig wohlwollend auf die Schultern zu klopfen und unangenehme Dritte mit Ausschluß zu bestrafen. Die gehaltenen Reden rühren aus dem jeweils gültigen politischen Hymnenbuch. Die Claque darf die Hände bewegen, im übrigen Dasein wird sie mit sozialen Wohltaten ruhiggestellt.

Doppelmoral: ein Sicherheitsnetz unter dem Drahtseil.

Der Tod ist jener Zeitpunkt, ab dem verpaßten Lebenschancen nicht mehr nachgetrauert werden kann.

Bezahlte Tröpfe meinen, alles müsse an ihrem Tropf hängen.

VI • Haufen

Als Überrest geblieben ist diffuse, letztlich nicht einlösbare Kollektivschuld, die nur der Manipulation von Massen dient, während der Einzelne immer unmündiger gemacht wird.

Am Anfang steht die Frage nach den eigenen Begriffen: Woher stammen sie, was sagen sie aus, wer benutzt sie mit welcher Intention. Darauf folgt die Emanzipation vom Hergebrachten und Fremdgedachten.

Monotheismen können kaum andere Ansprüche haben als absolute, denn ließen sie neben dem ihren einen anderen Gott zu, stellte das den ihren in Frage. Darum die Verbrüderungsversuche der hiesigen Religioten mit den zugewanderten: Nicht so schlimm, wir beten alle denselben Mobego an. Die Dummheit der Religioten ist stets eine grundsätzliche, sie stammt von der Wurzel, nicht von den Blättern.

Die Schere im Kopf ist nie die eigene Schere, sondern eine geliehene, fremde, ein Virus, eine Krankheit der Vernunft.

Der große, bildungsresistente und von den Zahlenden durchgezogene Haufen stellt keine industrielle Reservearmee mehr dar, zum einen weil er möglicherweise dazu gar nicht mehr in der Lage ist, andererseits durch Maschinen leicht und kostengünstig ersetzt werden mag.

Alle Gleichheits-, Gerechtigkeits-, Inklusionsphantasien sind also nur Propaganda zur Verschleierung der Ungleichheit, eben der Unbrauchbarkeit jenes Haufens.

Je mehr Werte hochgehalten werden, desto mehr entspricht dies Hochhalten nicht mehr dem realen Zustand. Es ist bunt bemalte Fassade.

Die Menschen brauchen Religion und Ketzerverbrennungen — das eine, um sich vom eigenen Denken abzuhalten, das andere, um sich selbst zu zeigen, wie gefährlich eigenes Denken ist.

Die Zukunft ist entweder verlängerte Gegenwart, über die sich niemand Gedanken machen muß, da sie da ist — oder sie ist ein Schrecken, da sie das eigene Ende mitbeinhaltet. Geld horten, Lebens- und Krankenversicherung, Religion, das sind alles Mittelchen gegen diese Zukunft, damit sie der Gegenwart ähnlich wird, die nicht aufhören soll.

Zweiter Punkt: Aktion. Jede Spekulation über zukünftige Mühsal hieße, dem aktiv entgegentreten, damit die Gegenwart zu vermindern, da diese nicht mehr voll ausgekostet werden kann, wenn ihr anderes den Platz streitig macht. Daraus folgend das Prinzip Hoffnung, es werde so schlimm schon nicht kommen. Tritt es trotzdem ein, dann mag man sich drein ergeben oder erst dann Widerstand leisten; die meisten tendieren in diesem Fall wohl zur ersten Variante, in der Erwartung, es werde schon enden.

Ein anderes Bild ist der Krieger, der seinen Geist vor der Schlacht leert, weder Gegenwart, noch Hoffnung haben darin Platz.

Wir aber sind des Kriegerischen entkleidet.

These: Eine Aussage ist wahr, wenn sie mit möglichst vielen Umgebungsvarianten harmoniert.
Beispiel. Aussage: Othello ist weiß.
1. Wir kennen das Stück. Aussage ist falsch.
2. Wir sehen das Stück auf der Bühne. Aussage ist falsch.
3. Wir sehen den Film. Aussage ist falsch.
4. Der Regisseur hat Venedig nach Kapstadt verlegt, alle Darsteller bis auf Othello sind schwarz. Aussage ist richtig, bezogen auf diese Aufführung, sonst falsch.

Man kann in 1000 Sprachen miteinander kommunizieren, aber nicht in der der Vorurteile.

Das Eigene, das ist die Interpretatio Germanica, also der durch die Zeit gewachsene Blick auf Fremdes. Und wer ist sich fremder als man selbst.

Der Krieg ist die Steigerung politischer Idiotie mit anderen Mitteln. Furcht vor Kriegen und Seuchen dient, die Untertanen untertänig zu halten.

Zum einen diente das System des Marxismus als Glaubensersatz, der sich säkularisiert und im sozialdemokratischen Umverteilungsmechanismus bestätigt, dann in diesem Vorgang erstaunt Parallelen zu Christentum und Mohammedanertum entdeckt.

Zum anderen die aufgezeigte, moralinsaure Leere der hiesigen Kirchen, die mangels eines Eigenen, mangels Transzendenz sich dem zuwenden, was sie nicht sein sollten: staatsbestätigenden Denk- und Handlungsmustern. So trifft sich Religion mit Regierung, und beide sind unfähig, die neue Bedrohung ihrer selbst zu erkennen, da sie in ihrem Denken befangen bleiben und das grundsätzlich Andere, das der eindringende ‚Glaube‘ mit sich führt, jene völlig andere Verquickung von Staat und Religion nämlich, nicht zu erkennen vermögen.

Covidismus und ähnliches sind von den Obrigkeiten erfundene Ersatzreliginen, deren Anhänger sich nicht mehr durch Kreuze am Hals, sondern durch Masken und Impfungen vor den Ungläubigen auszuzeichnen versuchen. Es ermangelt solchen Systemen jegliche Transzendenz, also jenes, das den Menschen über sich selbst hinauszuheben imstande wäre.

Dekadenz ist eine folgerichtige Kulturstufe — und fast immer eine Verfeinerung der vorigen. Wir befinden uns nicht in einer Phase der Dekadenz, sondern der Gleichgültigkeit, des Abgestumpfseins.

„Des Pudels Kern“, ein Säzzerfehler. Eigentlich schrieb Göte, der sich auch Göthe oder Goethe nannte, Lucius Licinius Lucullus zu Ehren „der Kirsche Kern“, nur amüsierte ihn die patakynologische Variante des offensichtlich von diversen Vierbeiner, die im Text herumfausten, verwirrten Säzzers dermaßen, daß er sie stehenließ, wohl wissend, daß sich Generationen von Textspürhunden daran ihre Schnüffelnasen plattdrücken würden.

Lesen bedeutet reisen: Man hat einen Ausgangspunkt, aber kein Ziel, jede Station führt zu einer anderen, manchmal zu mehreren. Die Horizonte weiten sich, es gibt keine Grenzen, nur den Zeitverlauf.

Auf den Seiten 102-104 (deutsche EA) seines Buches „Einhorn, Sphinx und Salamander“ beschreibt Jorge Luis Borges den Phönix. Obgleich solch ein Tier noch nie gesichtet worden ist, hielt es seit den Ägyptern Einzug in Schriftliches und Kunst. Es wäre schwer, den Nachweis zu führen, daß es solch ein Tier in der Realität gäbe; schwer wäre es, den Nachweis zu führen, es gäbe kein solches Tier in der Realität. Was zählen all die Menschen, die keinen Phönix gesehen haben, gegen die Visionen oder Fieberträume der wenigen.

Bildung, Selbstreflexion und künstlerisches Schaffen waren früher nur denen möglich, die sich mit dem dazu nötigen Freiraum ausstatteten, entweder durch Geburt, Können, Reichtum oder Flucht. Den anderen mußte grad soviel beigebracht werden, daß sie ihre Arbeit zu erledigen vermochten. Heute, wo zivilisierte Gesellschaften wie die unsere es allen ihren Mitgliedern erlauben könnten, das zur Lebenserhaltung Notwendige zu überschreiten und in den Raum persönlicher Freiheiten vorzudringen, wird eben dies durch staatlichen Paternalismus und Infantilisierung verhindert.

Nun könnte darüber sinniert werden, welches schlimmer ist, die alte oder die neue Methode der Herrschaftssicherung. In jedem Fall war die alte offener, die Unterschiede und Fronten waren klarer. Die neue Form läßt jeden Glanz, den Nachdenken und Kunst der früheren verliehen, vermissen, da ihre Oberschichten nicht durch die traditionellen Auswahlkriterien an die Macht gelangten, sondern sich innerhalb gesellschaftlicher Subsysteme wie Parteien hochmogelten, hochschleimten.

Während der nackte Körper mangels innerer Qualitäten sowie mangels Seele für keine Verheißung stehen mag, verheißt der angemessen bekleidete die Nacktheit. Damit bleibt er nur so lange Verheißung, wie Teile von ihm bedeckt bleiben.

Die Götter waren geschwätzig wie Diderots „Kleinode“. Sie haben sich so ziemlich jeder Sprache außer des Klingonischen bedient, das sie noch nicht kannten. Zum Glück ist alles, was sie sprachen, dermaßen widersprüchlich, daß es der Beachtung nicht wert ist.

Willensfreiheit
An diesem Problem knabbern Philosophen bereits seit ca. 2500 Jahren und haben verschiedene Meinungen dazu geäußert. Man könnte also argumentieren: Da es verschiedene Ansichten über das Vorhandensein von Willensfreiheit gibt, müßte diese vorhanden sein, denn andernfalls müßte, genetisch bedingt, eine vorherrschen, die wenigen anderen auf biologische beziehungsweise krankhafte Abweichungen zurückzuführen sein.

Sich um Leitkultur sorgen bedeutet, daß keine da ist, denn sie zeichnet sich ebenso wie Luft durch ihr bloßes, undiskutiertes Vorhandensein aus.

Wären wir plötzlich Echsenwesen, würden wir uns unseres Menschsein entsinnen?

Es ging mir durch den Kopf, daß die BRD vor dem Mauerfall als Bollwerk gegen die Sowjetunion wichtig war, also ihre Wirtschaft und Bildung als Aushängeschild des Westens dienten.

Es wäre gesellschaftlich vorteilhafter gewesen, einer Wiedervereinigung auszuweichen bzw. sie möglichst lange aufzuschieben, nicht nur weil Konkurrenz den Wettbewerb fördert, zwei deutsche Staaten hätten sich auf allen Gebieten aneinander messen können, beide wären zum Fortschritt, aber auch zum Freiheitsvergleich gezwungen gewesen, keines der beiden Länder jedoch auf absehbare Zeit ein Konkurrent zu GB oder FR geworden.

Doch mußte das zusammengeschusterte Deutschland der alten europäischen Ängste wegen anders behandelt werden: eingedämmt, aufgeweicht, unsicherer gemacht. Dazu dienten EU, Euro, Migranten.

Als Bollwerk gegen Rußland dient nun statt DE Polen. Aber kein Bollwerk gegen reale Gefahr, sondern wider die Selbsteinbildung einer Gefahr.

Das Problem der Wertsetzung innerhalb einer Zivilisation. Geographische Grenzen definieren diese Werte ebenso wie juristische, kulturelle oder gesellschaftliche, ihre Auflösung führt letztlich zum Verlöschen dieser spezifischen Zivilisation. Ein langsamer Austausch von Waren, Literatur und Philosophie bereichert hingegen, da er die Zeit zum Überdenken und Verstehen aufgrund jeweils eigenen Denkens ermöglicht, wie es uns die Interpretatio Graeca lehren könnte. Die Druckerpresse beschleunigte dies zuerst, Radio und Fernsehen folgten, das Internet wirkt eher wie ein schwarzes Loch, es saugt alles ein, vermischt es regellos und speit es ebenso aus. Die Bildschirme der Computer und Unterwegstelephone sind dessen Ereignishorizont.

Das Internet vermittelt also nur Wissen und Bildung, wenn diese bereits vorhanden sind und bloß ihrer Erweiterung bedürfen. Sonst dient es einzig der Verwirrung und Manipulation.

Die menschliche Stupidität bringt sich am deutlichsten in Architektur und Bekleidung zum Ausdruck.

VII • KI u. a.

Die wahre Beschäftigung mit dem Tod besteht aus Wiederholung. Das Lesen des Lebens wie das Lesen eines vor Zeiten gelesenen Romans. Erinnerungen wie Steine auf dem Weg: die Inschriften der hinten liegenden sind bisweilen deutlich, manche überdeutlich, die der vorne harrenden bis zur Unkenntlichkeit verschwommen.

Verirrungen des Geistes gleichen einer Weichzone, dort wird seine Unbestimmtheit sichtbar. Also Theologie, Okkultismus.

Ein Gutteil heutiger Verblödung mag darauf zurückgeführt werden, daß Bilder und Videoclips unser Denken belagern.

Einzig äußerst intelligente Menschen vermögen, die wandelhaften Grenzen ihres Geistes zu erkennen und zu deuten, da diese von ihnen erforscht werden.

KI

Die künstliche Intelligenz in Durrells „Tunc“ und „Nunquam“: Ist sie bereits allzu intelligent, so daß sie an sich und der sie umgebenden Menschheit zwangsläufig scheitern muß? Wenn schon einem nur wenig überdurchschnittlich intelligentem, menschlichem Wesen das, was man so freundlich ‚Mitmenschen‘ nennt, gehörig auf die Nerven geht, was geschieht dann in einem wesentlich scharfsinnigerem, mit mehr Information beladenem Gehirn, und sei es auch ‚nur‘ künstlich? Wird es sich seiner menschlichen Züge entledigen, aus Scham, aus Überdruß? Was geschähe, bekäme es Macht? Zwangsläufig Skynet?

Durrels Roboter ist der Nachbau, besser die Nachschöpfung, eines menschlichen Wesens. Würde eine KI ebenfalls diese oder eine vergleicbare Form wählen? Würde sie sich je nach Aufgabe optimieren zu vielgestalten Einheiten? Oder würde sie Flexibilität vorziehen, also möglichst kleine Einheiten, die sich je nach Bedarf zu größeren zusammenfügen? Was würde sie bevorzugen: Schönheit oder Nützlichkeit?

Die meisten KI-Entwickler begehen denselben Irrtum: Nachbau des menschlichen Geistes, ihrer eigenen Verstandeswindungen. Künstliche Intelligenz wird erst ab dem Zeitpunkt intelligent, ab dem sie sich selbst nach eigenen Kriterien weiterentwickelt. Es wäre der Mühe wert, dies verstehen zu wollen, zu versuchen, vielleicht daran zu scheitern.

Interessant wäre dann die direkte Verbindung solcher KI mit dem Menschen in einem Leib.

Andererseits könnte das Internet mit all seinen Computern irgendwann etwas wie eine übersättigte Lösung darstellen, so daß impfen mit einem kleinen KI-Programm dazu führen würde, daß eine umfassende und selbständige KI zustande kommt.

Angenommen, die Gattung Mensch würde sich eines Tages zu einer klügeren und äußerst schöpferischen weiterentwicklen wollen, so sollte die Möglichkeit bedacht werden, daß dies mittels Genmanipulation durch künstliche Intelligenz geschehen könnte, um Weg wie Ziel dieser Entwicklung der noch beschränkten menschlichen Sichtweise zu entledigen.

Skynet
Eine unwahrscheinliche Dystopie, die mit allzuviel Menschlichem verdorben wurde. Könnten nicht Nanoteilchen menschliche Gegner invasiv bekämpfen, und wären sie auf diese Weise nicht wirklungsvoller als solch offene Materialschlacht, eine öde Wiederholung der Weltkriegsschlachten? Bei der Bekämpfung der Menschen könnte die Grenze zwischen Biologie und Technik durchlässig werden: virengroße Nanos mit Camouflage aus organischen Hüllen.

Politik
Ansonsten hat das eigentlich als Possenspiel angedachte Stück eine dramatische Wende genommen und gilt nun als veritable Tragödie ohne deus ex machina.

Das Plebejische jeglicher Uniformität. Dazu bedarf es nicht des Äußeren, nicht der Mao-Anzüge, der innere Gleichmarsch genügt, das normierte Einheitsdenken samt Neusprech.

Heute läßt sich das Plebejische in den sogenannten höchsten Kreisen am anschaulichsten finden, ὀχλοϰϱατία.

Alien I-IV
Der Schrecken unterhält uns, da wir den Schrecken in uns nicht kennen, weder kennenlernen noch begreifen wollen. Nicht einmal die Gefäße mit mißglückten genetischen Experimenten können uns erschüttern. Was ist ὕβϱις, fragt sich das in uns hausende Monster und lächelt dumm.

In wenigen Jahren werden Kameras auf den Straßen unnötig geworden sein: Den Gehirnen implantierte Chips werden die Augen benutzen und die Informationen drahtlos an Empfängerstationen weiterleiten. Man wird sich gegenseitig belauern und bespitzeln, die Auswertung übernehmen KI-Programme.

VIII • धर्म · Dharma I

Die Buddhalehre, der धर्म, ist wandlungsfähig, sie wandelt sich zum Beispiel mit unserer Fortentwicklung: Wir sehen sie nach einigen Jahren des Praktizierens anders als zu Beginn. Zu Beginn steht sie vor uns wie etwas, das uns dargereicht, übergeben wird, sie gleicht der Speisekarte eines Restaurants, dem Prospekt eines Reiseveranstalters, dem Vorlesungsverzeichnis einer Universität; dann übernehmen wir einige der Ratschäge oder Belehrungen und verwenden vielleicht sogar Teile im täglichen Dasein. Diese Teile verändern Riten unseres alltäglichen Lebens, damit ändert sich ebenfalls der Blick auf unsere Umgebung, uns selbst, unser Leben. Die Speisekarte gerät zu einer angewandten Betriebsanleitung.

Selbstverständlich suchen wir jene Teile aus, von denen wir meinen, sie paßten zu uns — dies meist auf einigen Irrwegen, die uns hin und her führen. Verweilen wir beim für uns anscheinend Angemessenen, verändert uns dies auf seine spezifische Weise. Will sagen: Zen zum Beispiel produziert Zen-Menschen mit Zen-Erleben, Zen-Agieren &c, jedoch fängt niemand als Zen-Mensch an, Zen zu betreiben.

Der relative Erfolg tibetischer Sekten im westlichen Raum liegt meines Erachtens an der Ähnlichkeit des von ihnen vertretenen Denkschemas zum christlichen: Heiligenlegenden um Siddhas, सिद्ध, deren außergewöhnliche Biographien und Wundertaten Gefühlsleben und Leichtgläubigkeit ansprechen, unglaubwürdige Geschichten heben Verstorbene auf hohe Podeste, während für die gegenwärtigen Hoheiten solche Märchen erst gebastelt werden müssen, um allzu Menschliches wie Krebsleiden, Trunksucht oder Sexbesessenheit wegzuerklären. Es erstaunt also nicht unbedingt, daß die etwa zweieinhalbtausend Jahre Buddhismus so wenig „Erleuchtete“ gezeugt haben, dafür jedoch eine riesengroße Anzahl von Buddhastatuen und -köpfen, Sekten und Tempeln.

Das Christentum hingegen ist eine von Gefühlen dominierte Religion. Der Glaube selbst ist eines. Daher die heftig ausgefochtenen Streitigkeiten, denn über nichts läßt es sich mit Wörtern und Waffen so gut fechten, wie über Unwägbares, Flüchtiges. Die wenigen Christen, die wie Meister Eckhart einen meditativen Weg versuchten, gelangten schnell an die Grenzen des kirchlich Gestatteten; andere wie Swedenborg verwandten überlieferte Texte zum Erträumen eigener Realitäten.

Der Buddhismus, jenen zur Volks- oder Staatsreligion degenerierten ausgenommen, ist dagegen kühl. Man kann seine Lehrsätze und Anleitungen annehmen, sie zur Grundlage der Lebensführung erwählen, bis sie für einen bewiesen oder widerlegt sind, dann sind sie egal geworden. Am liebsten vergleiche ich ihn mit einer Bedienungsanleitung, die uns lehrt, feinfühlig die richtigen Werkzeuge für die Schrauben und Platinen unseres Geistes zu benutzen oder ihn neu, ohne viele Begriffe und Vorstellungen zu programmieren, so daß er freier wird.

Auch das Heidentum kennt dies Übermaß an Gefühlen zumeist nicht. Es lebt draußen in der Natur, in den Wäldern, Wiesen, Bächen, Bäumen und Wolken, und drinnen in der Natur, in den Visionen, Träumen, Begegnungen. Beide, Buddhismus und Heidentum, sind entspannter, ausgeglichener — außer wir schleppen unsere verdorbenen Reste von verdörrtem Monotheismus in sie.

Die Glätte, Falten- und Muskellosigkeit von Buddhabildern und -statuen abstrahiert das Menschliche, das sich seiner körperlichen Vergänglichkeit, Stärke und Schönheit bewußt ist, die Lebensmomente zu genießen versucht. Damit werden die Ziele, die sie darstellen sollen, irreal.

Auf gleiche Weise werden die Dharmaschützer, धर्मपाल , unwirklich, zu solchen, die nur in der Imagination existieren, mühsam nach Anleitung dort erst errichtet werden müssen. Sonst bleiben es vor allem im Westen teufelähnliche Gespenster.

Nur gänzlich Menschliches vermag, die Aspirationen des Menschen zu verkörpern.

Reinkarnation, पुनर्जन्मन्, scheint mir eine Glaubensfrage; da beweiskräftige Fakten sowie Erinnerungen fehlen, bleibt nur Annehmen und Fürwahrhalten einer mancherorts aufgekommenen Theorie. Selbst wenn Erinnerungen aufträten, müßten sie nicht denen einer vorangegangenen Person gelten, sondern könnten aus einem gemeinsamen Vorrat geschöpft wie ein Puzzle zusammengesetzt bloß ein Traumbild ergeben, keine vergangene Realität. Als minimaler Glaubensüberrest gälte in diesem Sinne das Entzünden einer neuen Kerze durch eine andere, verlöschende; doch fraglich, was für eine Flamme dies sein könnte — oder nur heiße, theoretische Luft.

Allein die Vermehrung der Menschen in den letzten 500 Jahren wirft die Frage auf, ob solche sich reinkarnierenden Seelen sich ebenfalls vervielfältigt hätten, also etwas wie Seelenzeugung und -vermehrung stattfand, oder ob dermaßen zahlreiche Tier- oder Pflanzenseelen aufgestiegen wären, was den überkommenen Sinn von ‚Seele‘ relativierte.

Glauben scheint eine der stärksten Kräfte, das wolkige, den meisten kaum bewußte Denken zu aktivieren und zu formen.

Denkbar wäre eine Teilhabe Einzelner von Stein bis Mensch an einer Geist-Seele-Ebene, egal ob eher platonisch oder als Speicher- bzw. Grundbewußtsein, आलयविज्ञान ālayavijñāna, angenommen, durch welche Kommunikation, Überlieferung und Entwicklung möglich würden.

VIII • Dharma II

Immerhin gibt der Buddhismus mit seiner अनात्मन्-Theorie einen Hinweis: Wo kein Ich bzw. Selbst existiert, kann keins sich reinkarnieren; ein Selbst, egal ob tierisch oder menschlich, entsteht und entwickelt sich durch im Körper stattfindende Gedankenprozesse, also auf biologischer Basis. Innerhalb dieser und durch aufgenommene äußere Einflüsse nimmt ein Ego nicht unbedingt scharf umrissene Gestalt an, löst sich zeitweilig teilweise oder gänzlich in Schlaf, Traum, Ohnmacht, Rausch, Meditation und Tod auf. Die Erinnerung an ein Gestern ist weniger fadenscheinig als die Vision eines morgigen Tages, doch von derselben Qualität: Es handelt sich um Gedankengebilde, an denen der Geist sich festhalten mag oder sich von ihnen lösen. Indem wir jedoch den gegenwärtigen Augenblick zersplittert in die Ritzen unserer Denkschemata verfrachten, entblößen wir ihn seiner Eigenexistenz und gestalten ihn um zu einem Teil verflossener Vergangenheit.

So sieht mein Fuß anscheinend genauso aus wie jener, dessen ich mich entsinne, gleiches gilt für die Wand meines Zimmers und die Bäume vor dem Haus. Selbst und Ich sind ohne Rahmen, i. e. Umgebung, nicht denkbar, die äußeren Einflüsse gehören zu ihnen, ein Es gestaltet die es gestaltenden Bezugspunkte und wird von ihnen gestaltet.

Äußere Einflüsse wie Tradition, Umwelt und Erziehung bilden die Basis des tibetischen Tulkusystems (སྤྲུལ་སྐུ་, sprulsku). Ein geeigneter Kandidat wird ausgesucht, in ein Kloster überführt und dort mit einer zu seiner erklärten Vergangenheit gefüttert. Die Machtstruktur regeneriert sich. Fehler wie die doppelten Karmapas kommen vor, erhalten Erklärungen, die nicht erklären, da aufklärerisches, kritisches und analytisches Denken fern liegen: solch System bleibt autoreferentiell. Es vermag sich nur schwerlich fortzuentwickeln — damit wird es unfähig, den sich ihm anschließenden Menschen zur Fortentwicklung zu verhelfen, sie können sich nur anpassen.

Das tibetische System scheint eher wie ein von Lamas, བླ་མ་, gestalteter Bilder-Riten-Fetischismus.

Europäer scheinen eher durch dies beinah persönliche Überleben eines Todes fasziniert als durch die urspüngliche Idee eines nibbāna (निर्वाण, nirvāṇa), als eines Erlöschens von „Gier, Haß, Wahn“, eines gewöhnlichen, in Abhängigkeit entstandenen Ichs. Es liest sich auch etwas trocken: „Dies ist der Friede, dies ist das Erhabene: nämlich der Stillstand aller Gestaltungen, die Loslösung von allen Daseinsgrundlagen, die Versiegung des Begehrens, die Abwendung, Aufhebung, das Nibbāna“ (Anguttara Nikaya, III,32). Angemessener erscheint mir die Szene, in der Buddha eine Blume dreht und महाकाश्यप, Mahākāśyapa, lächelt: Basis der Kommunikation auf einer Ebene jenseits von Wörtern und Theorien, von Ich und Selbst — die Welt wird direkt erfahren und entschleiert sich ungestaltet, siehe Dōgens „Gabyō, Bildkekse“.

Ähnlich der Begriff ‚Karma‘, कर्म. Sinn käme ihm nur zu, gäbe es ein universelles, von unseren unabhängiges Wertesystem für Handlungen und Gedanken. Dem ist nicht so, bereits die antiken Kyrenaiker, Κυϱηναϊϰοί, wußten, daß nichts von Natur gerecht oder verwerflich ist, sondern einzig durch menschliche Satzungen und Gebräuche, und spätestens seit den Berichten von Weltreisenden während der Aufklärung müßte dies allgemein bekannt sein. Also bleiben Taten ungesühnt, wenn sie nicht offensichtlich werden oder von zu Machtvollen begangen, denn nur die jeweilige Gesellschaft bewertet und bestraft, und das nach ihren Regeln.

Statt dessen muß der Begriff Karma auf das Subjekt bezogen interpretiert werden als jene Begrenzungen, die durch den Körper, seine Behinderungen und Krankheiten erfahren werden, und jene des Geistes, die ihn in vorgefertigten Bahnen laufen lassen, verfestigt durch stets wiederkehrende Gedankengänge und -muster. Darauf bezöge sich der Begriff आलयविज्ञान, ālayavijñāna, gespeichtertes Bewußtsein, gleich ob psychologisch auf Individuelles oder philosophisch auf Allgemeingültiges bezogen.

Darum sollten Geist und Gedanken, also bewußtes, vorbewußtes, unbewußtes Denken in Begriffen, Bildern, Emotionen gereinigt werden, damit solche begrenzenden Schemata schwächer werden, besser noch wenigstens teilweise verschwinden und der natürliche Geisteszustand zutage treten kann. Das verschafft einige Freiheit, tritt dieser Zustand nicht durch willentliche Anstrengung, sondern quasi von ‚außen‘ in den menschlichen Geist, wirkt er wie Befreiung.

“Independence is my happiness, and I view things as they are, without regard to place or person; my country is the world, and my religion is to do good.”
— Thomas Paine: Rights of Man, Part 2.7, chapter V.

IX • Denken — Reden — Schreiben

Einem Programmierer, Schriftsetzer und Leser fällt auf, daß die geschriebene oder gesetzte Sprache eintönig in Zeilen verläuft, nicht einmal ochsenwendig, sondern stets von links nach rechts, so daß ein textverfolgendes Auge am Ende, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, als nicht abzuschweifen, zurückwandern muß. Daher die kurze Zeilenlänge früher Manuscripte.

Das Denken des Gehirns verläuft weniger geradlinig, sondern komplexer, vielbezügiger; erst wenn es über den Mund als Sprache den Körper verläßt, gerät es zeitlich linear. Einzig Verse tragen mittels ihrer inneren, gegenseitigen, nicht sofort auflösbaren Sinnbezüge dem ursprünglichen Denkinhalt Rechnung. Wie also müßte eine Schriftsprache ausschauen, die dem Denken eher gleichkäme als unsere? Wie Hieroglyphen? Wie chinesische Schriftzeichen?

Die Wolke reduziert sich zu einem Gewebe, dieses zu einem Faden, der das Gewebe vielleicht ahnt, von der Wolke nichts weiß. Und wer vermeint, sein Denken verliefe stets in nacheinander dahinfließenden Wörtern, schaut weder genau noch tief genug.

Ich saz ûf eime steine
,enieb tim nieb ethad dnu
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
negomseg tnah enîm ni eteh hci
mîn kinne und ein mîn wange.
,egna liv rim hci ethâd ôd
wes man zer welte solte leben;
,nebegeg hci ednuk târ neniehed
wie man driu dinc erwurbe,
.ebrudrev thin zeniehed red

Die Wörter uns geläufiger Sprachen und Schriften nehmen wir als bekannte Linienmuster wahr, erblicken und erkennen also „Boustrophedon“ als Ganzes, „βουστϱοφηδόν“ entziffern wir Buchstabe für Buchstabe, so auch die ochsenwendigen Verszeilen.

Dem modernen Denken eher fremd sind Bildersprachen, die vielfältige Bezüge und Anspielungen in sich vereinen. August Kekulés Traum: ein Οὐϱοβόϱος; eine Seite aus einer alchemistischen Handschrift: Splendor Solis.

Ouroboros Alchemie

Träume, bildliches, komplexes und symbolisches Denken verweilen also eher im wolkigen oder gewebeartigen, gemeinhin un- oder vorbewußt genannten Bereich.

Ego, denken, träumen sind Theaterkostüme der Seele; sie selbst spielt nicht mit.

Der Punkt am Ende jedes Satzes steht für den Abgrund der Sprache.

Platons ἰδέαι sind χῐ́μαιϱαι, also vielgestalt, weder gut noch böse; nicht ungestalt, sondern vor-gestalt.

Al pie de la penúltima torre fue que el poeta (que estaba como ajeno a los espectáculos que eran maravilla de todos) recitó la breve composición que hoy vinculamos indisolublemente a su nombre y que, según repiten los historiadores más elegantes, le deparó la inmortalidad y la muerte. El texto se ha perdido; hay quien entiende que constaba de un verso; otros, de una sola palabra. Lo cierto, lo increíble, es que en el poema estaba entero y minucioso el palacio enorme, con cada ilustre porcelana y cada dibujo en cada porcelana y las penumbras y las luces de los crepúsculos y cada instante desdichado o feliz de las gloriosas dinastías de mortales, de dioses y de dragones que habitaron en él desde el interminable pasado. Todos callaron, pero el Emperador exclamó: „¡Me has arrebatado el palacio!“ y la espada de hierro del verdugo segó la vida del poeta.

Otros refieren de otro modo la historia. En el mundo no puede haber dos cosas iguales; bastó (nos dicen) que el poeta pronunciara el poema para que desapareciera el palacio, como abolido y fulminado por la última sílaba. Tales leyendas, claro está, no pasan de ser ficciones literarias. El poeta era esclavo del Emperador y murió como tal; su composición cayó en el olvido porque merecía el olvido y sus descendientes buscan aún, y no encontrarán, la palabra del universo. — Jorge Luis Borges: Parábola del palacio. English.“It was at the foot of the next-to-the-last tower that the poet — who was as if untouched by the wonders that amazed the rest — recited the brief composition we find today indissolubly linked to his name and which, as the more elegant historians have it, gave him immortality and death. The text has been lost. There are some who contend it consisted of a single line; others say it had but a single word. The truth, the incredible truth, is that in the poem stood the enormous palace, entire and minutely detailed, with every illustrious porcelain and every sketch on every porcelain and the shadows and the light of the twilights and every unhappy or joyous moment of the glorious dynasties of mortals, gods, and dragons who had dwelled in it from the interminable past. All fell silent, but the Emperor exclaimed, ‘You have robbed me of my palace!’ And the executioner’s iron sword cut the poet down.
Others tell the story differently. There cannot be any two things alike in the world; the poet, they say, had only to utter his poem to make the palace disappear, as if abolished and blown to bits by the final syllable. Such legends, of course, amount to no more than literary fiction. The poet was a slave of the Emperor and as such he died. His composition sank into oblivion because it deserved oblivion and his descendants still seek, nor will they find, the word that contains the universe.” (Translated by Mildred Boyer)

Bei Borges gerät dies Thema etwas mystisch, ich betrachte es praktisch.
‚La palabra del universo‘, cf. ‚Stillstand aller Gestaltungen‘, ‚Aufhebung‘ im vorigen Kapitel.

風穴和尚、 因僧問、 語默渉離微、 如何通不犯。 穴云、長憶江南三月裏、鷓鴣啼處百花香。 A monk asked Fuketsu, “Both speech and silence are faulty in being ri ( inward action of mind) or bi ( outward action of mind). How can we escape these faults?” Fuketsu said, “I always remember the spring in Kõnan, Where the partridges sing; How fragrant the countless flowers!” — xxiv.

南泉、因趙州問、如何是道。 泉云、平常心是道。 州云、還可趣向否。 泉云、擬向即乖。 州云、不擬爭知是道。 泉云、道不屬知、不屬不知。 知是妄覺、不知是無記。 若眞達不擬之道、猶如太虚廓然洞豁。 豈可強是非也。 Jõshû asked Nansen, “What is the Way?” “Ordinary mind is the Way,” Nansen replied. “Shall I try to seek after it?” Jõshû asked. “If you try for it, you will become separated from it,” responded Nansen. “How can I know the Way unless I try for it?” persisted Jõshû. Nansen said, “The Way is not a matter of knowing or not knowing. Knowing is delusion; not knowing is confusion. When you have really reached the true Way beyond doubt, you will find it as vast and boundless as outer space. How can it be talked about on the level of right and wrong?” — 無門關, Mumonkan, xix. Translated by Katsuki Sekida.

Begriffe greifen nicht, sie spiegeln nur vor.

Die Ermordung von Philosophen oder Dichtern steht für die Ermordung des Denkens.

X • Kalligraphie und Webseitengestaltung

Calligraphy is an art form that uses ink and a brush to express the very souls of words on paper.” — Kaoru Akagawa.

Webfonts und ϰαλλιγϱαφία sind natürliche Feinde. Diese Sterilität rührt von Schreibmaschinen, die Buchstabe für Buchstabe auf das Papier schlagen, jedes ‚a‘ gleicht dem anderen, Ligaturen und verschiedene Formen einer Letter sind ihnen fremd. Solche Nachahmung simplen Buchdruckes ließ die Ausdrucksfähigkeit der Finger entschwinden.

Einziger Schmuck von Webseiten sind meist Bilder, die verwandten Schriften langweilig und eintönig. Die Apostel solcher Langeweile müssen noch aus der Epoche der Röhrenmonitore mit mäßiger Auflösung stammen, wenn sie meinen, die Lesbarkeit von Schriften mit Serifen sei schlechter als jene der serifenlosen wie Arial und ähnlicher Scheußlichkeiten.

Ein Ziel des Seitengestaltung im Internet sollte sein, die ‚Seele‘ der Seite wie ihres Inhaltes auszudrücken, also die vorhandenen Methoden auf eine Weise zu verwenden, daß das Layout sowohl unverwechselbar wie inhaltsgerecht gerät, gleichzeitig jedoch die Augen nicht überlastet.

Doch habe ich mir einen Rückgriff auf Handschriften und frühe Drucke erlaubt, indem ich alle Seiten regliert erscheinen lasse. Texteinheiten sind von dünnen roten Linien umgeben, die sie voneinander absetzen. Die früheren, nur beim Darüberfahren mit der Maus auftauchenden Inhaltsverzeichnisse haben einen prominenteren Ort unterhalb der obersten Überschrift erhalten, von der sie sich farblich absetzen.

Um die Zeilengradheit und -aufeinanderfolge zu durchbrechen, habe ich die Einträge der Fußzeile, die Textverweise oben sowie Inhaltsübersichten etwas schräg gestellt, ebenso die meist kurzen Tooltip Hier der weitere Text ...-Texte, deren Anwesenheit durch Farbigkeit und Unterstreichung oder Zahlen angezeigt wird, und die sich beim Darüberfahren mit der Maus aufblähen. Einige der Textenden präsentieren sich nun als gleichschenklige Dreiecke mit einem kleinen Schlußornament an der unteren Spitze.

Das meiste, was wir denken und reden, ist beiläufig, dies sollte in der Gestaltung zum Ausdruck kommen. Webseiten sind keine gedruckten Bücher, die sich bis zu einer veränderten Neuauflage gedulden müssen, sie verändern und aktualisieren sich ständig.

Schließlich habe ich die Antiqua fast aller Seiten zu Kursiv getauscht, da diese abwechselungsreicher wie lebendiger ist, mehr Ligaturen und Typenvarianten bietet.

Doch Majuskeln nur zu Satz- und Absatzbeginn?

„Hierzu tritt aber noch etwas anderes, die häßlichste entstellung ist ohne zweifei der römischen majuskel widerfahren, deren anwendung unter der minuskel nur sein kann, den beginn der sätze und reihen, dann aber eigennamen hervorzuheben, so wird sie allenthalben in griechischen oder lateinischen büchern, namentlich auch in deutschen handschriften des ganzen mittelalters, und noch in den drucken des 15, zum theil des 16 jh. gebraucht. Der majuskel andere ausdehnung einräumen heißt die würde der sprache verletzen, welche der schrift keinen vorrang gestatten, sondern völlige neutralität von ihr fordern darf, wozu sollen substantiva, die in der rede nicht stärker betont sind als adjectiva und verba, vor diesen ausgezeichnet werden?“
— Jacob Grimm: Deutsche Grammatik. Dritte Ausgabe.. Göttingen: Dieterichsche Buchhandlung, 1840. I, p. 27.

Die dreizeiligen Initialen präsentieren sich nun ohne Hintergrund, ihre Schlichtheit paßt sich so der Schrift angenehmer an. Die anderen, drei- oder vierzeiligen, entstammen lateinischen und griechischen Aldus-Inkunabeln, Kelmscott-Drucken sowie erotischen des späten 19. Jahrhunderts:

TΔAU

Die Hypnerotomachia Poliphili bietet zahlreiche Beispiele inhaltlicher Verschränkung von Text und Bildern, so daß sie stellenweise zu einem Bedeutungsgewebe gerät.

XI • Atheismus in Zitaten

Οἱ δὲ ϑεοδώϱειοι ϰληϑέντες τὴν μὲν ὀνομασίαν. ἔσπασαν ἀπὸ ϑεοδώϱου τοῦ πϱογεγϱαμμένου, ϰαὶ δόγμασιν ἐχϱήσαντο τοῖς αὐτοῦ. ἦν δ᾽ ὁ ϑεόδωϱος παντάπασιν ἀναιϱῶν τὰς πεϱὶ ϑεῶν δόξας: ϰαὶ αὐτοῦ πεϱιετύχομεν βιβλίῳ ἐπιγεγϱαμμένῳ Πεϱὶ ϑεῶν, οὐϰ εὐϰαταφϱονήτῳ: ἐξ οὗ φασιν Ἐπίϰουϱον λαβόντα τὰ πλεῖστα εἰπεῖν. [98] Ἤϰουσε δὲ ϰαὶ Ἀννιϰέϱιδος ὁ ϑεόδωϱος ϰαὶ Διονυσίου τοῦ διαλεϰτιϰοῦ, ϰαϑά φησιν Ἀντισϑένης ἐν Φιλοσόφων διαδοχαῖς. τέλος δ᾽ ὑπελάμβανε χαϱὰν ϰαὶ λύπην: τὴν μὲν ἐπὶ φϱονήσει, τὴν δ᾽ ἐπὶ ἀφϱοσύνῃ: ἀγαϑὰ δὲ φϱόνησιν ϰαὶ διϰαιοσύνην, ϰαϰὰ δὲ τὰς ἐναντίας ἕξεις, μέσα δὲ ἡδονὴν ϰαὶ πόνον. ἀνῄϱει δὲ ϰαὶ φιλίαν, διὰ τὸ μήτ᾽ ἐν ἄφϱοσιν αὐτὴν εἶναι, μήτ᾽ ἐν σοφοῖς. τοῖς μὲν γὰϱ τῆς χϱείας ἀναιϱεϑείσης ϰαὶ τὴν φιλίαν ἐϰποδὼν εἶναι: τοὺς δὲ σοφοὺς αὐτάϱϰεις ὑπάϱχοντας μὴ δεῖσϑαι φίλων. ἔλεγε δὲ ϰαὶ εὔλογον εἶναι τὸν σπουδαῖον ὑπὲϱ τῆς πατϱίδος μὴ ἐξαγαγεῖν αὑτόν: οὐ γὰϱ ἀποβαλεῖν τὴν φϱόνησιν ἕνεϰα τῆς τῶν ἀφϱόνων ὠφελείας. [99] Εἶναί τε πατϱίδα τὸν ϰόσμον. ϰλέψειν τε ϰαὶ μοιχεύσειν ϰαὶ ἱεϱοσυλήσειν ἐν ϰαιϱῷ: μηδὲν γὰϱ τούτων φύσει αἰσχϱὸν εἶναι, τῆς ἐπ᾽ αὐτοῖς δόξης αἰϱομένης, ἣ σύγϰειται ἕνεϰα τῆς τῶν ἀφϱόνων συνοχῆς. φανεϱῶς δὲ τοῖς ἐϱωμένοις ἄνευ πάσης ὑφοϱάσεως χϱήσεσϑαι τὸν σοφόν.
— Διογένης Λαέϱτιος · Βίοι ϰαὶ γνῶμαι τῶν ἐν φιλοσοφίᾳ εὐδοϰιμησάντων. II, 97-99.

The Theodoreans derived their name from Theodorus, who has already been mentioned, and adopted his doctrines. Theodorus was a man who utterly rejected the current belief in the gods. And I have come across a book of his entitled Of the Gods which is not contemptible. From that book, they say, Epicurus borrowed most of what he wrote on the subject. [98] Theodorus was also a pupil of Anniceris and of Dionysius the dialectician, as Antisthenes mentions in his Successions of Philosophers. He considered joy and grief to be the supreme good and evil, the one brought about by wisdom, the other by folly. Wisdom and justice he called goods, and their opposites evils, pleasure and pain being intermediate to good and evil. Friendship he rejected because it did not exist between the unwise nor between the wise; with the former, when the want is removed, the friendship disappears, whereas the wise are selfsufficient and have no need of friends. It was reasonable, as he thought, for the good man not to risk his life in the defence of his country, for he would never throw wisdom away to benefit the unwise. [99] He said the world was his country. Theft, adultery, and sacrilege would be allowable upon occasion, since none of these acts is by nature base, if once you have removed the prejudice against them, which is kept up in order to hold the foolish multitude together. The wise man would indulge his passions openly without the least regard to circumstances.
— Translated by Robert Drew Hicks.

 

... dubitare se Protagoras, nullos esse omnino Diagoras Melius et Theodorus Cyrenaicus putaverunt. (...) At Diagoras cum Samothracam venisset, Atheus ille qui dicitur, atque ei quidam amicus: „Tu, qui deos putas humana neglegere, nonne animadvertis ex tot tabulis pictis, quam multi votis vim tempestatis effugerint in portumque salvi pervenerint?“, „Ita fit“, inquit, „illi enim nusquam picti sunt, qui naufragia fecerunt in marique perierunt.“ Idemque, cum ei naviganti vectores adversa tempestate timidi et perterriti dicerent non iniuria sibi illud accidere, qui illum in eandem navem recepissent, ostendit eis in eodem cursu multas alias laborantis quaesivitque, num etiam in is navibus Diagoram vehi crederent. Sic enim res se habet, ut ad prosperam adversamve fortunam, qualis sis aut quemadmodum vixeris, nihil intersit.
— Cicero: De natura deorum, I, 2 & III, 89.

... but Protagoras declared himself uncertain, and Diagoras of Melos and Theodorus of Cyrene held that there are no gods at all. (...) Diagoras, named by the Atheist, once came to Samothrace, and a certain friend said to him, “You who think that the gods disregard men’s affairs, do you not remark all the votive pictures that prove how many persons have escaped the violence of the storm, and come safe to port, by dint of vows to the gods?” “That is so,” replied Diagoras; “it is because there are nowhere any pictures of those who have been shipwrecked and drowned at sea.” On another voyage he encountered a storm which threw the crew of the vessel into a panic, and in their terror they told him that they had brought it on themselves by having taken him on board their ship. He pointed out to them a number of other vessels making heavy weather on the same course, and inquired whether they supposed that those ships also had a Diagoras on board. The fact really is that your character and past life make no difference whatever as regards your fortune good or bad.
— Translated by H. Rackham.

 

Cependant, reprit-il, l’Univers ne sera jamais heureux, à moins qu’il ne soit Athée. Voici quelles étoient les raisons de cet abominable Homme. Si l’Athéïsme, disoit-il, étoit généralement répandu, toutes les branches de la Religion seroient alors détruites et coupées par la racine. Plus de guerres théologiques; plus de soldats de Religion; soldats terribles! la Nature infectée d’un poison sacré, reprendroit ses droits et sa pureté. Sourds à toute autre voix, les Mortels tranquilles ne suivroient que les conseils spontanés de leur propre individu; les seuls qu’on ne méprise point impunément, et qui peuvent seuls nous conduire au bonheur par les agréables sentiers de la vertu.

L’Ame n’est donc qu’un vain terme dont on n’a point d’idée, et dont un bon Esprit ne doit se servir que pour nommer la partie qui pense en nous. Posé le moindre principe de mouvement, les corps animés auront tout ce qu’il leur faut pour se mouvoir, sentir, penser, se repentir, et se conduire en un mot dans le Physique, et dans le Moral qui en dépend.
Julien Offray de La Mettrie: L’Homme Machine.

Jedoch, meinte er, wird die Welt nur, wenn sie dem Atheismus huldigt, glücklich sein. Folgendes waren die Gründe dieses „abscheulichen“ Menschen: Wenn der Atheismus allgemein verbreitet wäre, so würden, sagte er, alle Zweige der Religion alsdann mit der Wurzel zerstört und ausgeschnitten sein. Dann gäbe es keine Religionskriege mehr, nicht mehr die schlimmste Art von Soldaten, Soldaten der Religion! Die von einem geheiligten Gifte angesteckte Natur würde ihre Rechte und ihre Reinheit wiedererlangen. Taub für jede anderen Stimme, würden die ruhigen Sterblichen nur den ungezwungenen Rathschlägen ihrer eignen Individualität Folge leisten; denn diese sind die einzigen, welche man nicht ungestraft verachtet und welche allein durch die angenehmen Pfade der Tugend uns zum Glücke zu führen vermögen.

Die Seele ist also nur ein nichtiger Ausdruck, von dem man keine rechte Vorstellung hat und dessen sich ein guter Kopf nur zur Benennung des in uns denkenden Princips bedienen sollte. Nimmt man auch nur den geringsten Grund zur Bewegung an, so wird es den beseelten Körper nicht an dem Nöthigen fehlen, sich zu bewegen, zu fühlen, zu denken, zu bereuen und sich mit einem Worte in der physischen Welt so wie in der davon abhängenden moralischen angemessen zu benehmen.

 

„Es gibt keinen Gott, denn: Entweder hat Gott die Welt geschaffen oder nicht. Hat er sie nicht geschaffen so hat die Welt ihren Grund in sich und es gibt keinen Gott, da Gott nur dadurch Gott wird, daß er den Grund alles Seins enthält. – Nun kann aber Gott die Welt nicht geschaffen haben, denn entweder ist die Schöpfung ewig wie Gott, oder sie hat einen Anfang. Ist Letzteres der Fall so muß Gott sie zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen haben, Gott muß also nach dem er eine Ewigkeit geruht einmal tätig geworden sein, muß also einmal eine Veränderung in sich erlitten haben, die den Begriff Zeit auf ihn anwenden läßt, was Beides gegen das Wesen Gottes streitet. Gott kann also die Welt nicht geschaffen haben. Da wir nun aber sehr deutlich wissen, daß die Welt oder daß unser Ich wenigstens vorhanden ist und daß sie dem Vorhergehenden nach also auch ihren Grund in sich oder in etwas haben muß, das nicht Gott ist, so kann es keinen Gott geben – quod erat demonstrandum.“

„Schafft das Unvollkommne weg, dann allein könnt ihr Gott demonstrieren, Spinoza hat es versucht. Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras, warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.“
Georg Büchner: Dantons Tod, III,1.

XII • Zeit

Kaum einen Augenblick nach der Entstehung des Kosmos entwendeten Diebe die Nacht, so daß es dunkel wurde. Da die Nacht äußerst schön war, verführten sie sie, und sie gebar ihnen die Sterne, jene, die am Himmel glitzern, und sie tanzten für sie.

Die Veränderung des Augenblickes wird als Zeit bezeichnet.

Uhren sind Zeitvernichtungsinstrumente.

Aufeinanderfolge und Vergehen sind irreale Fiktionen innerhalb eines Augenblickes.

Ewigkeit bezeichnet einen Augenblick, der alle Augenblicke in sich enthält, ohne sie zu scheiden, in ihm durchdringen sie ununterscheidbar einander.

Photographien fangen den Augenblick ein, indem sie ihn töten.

Der οὐϱοβόϱος steht für ein All, das gänzlich in all seinen Zeitströmen und in all deren Varianten zeitlos zugleich existiert.

Wäre das All also geschöpft, so wäre es komplett in diesem zeitlosen Augenblick in all seinen Varianten, in all seinen Ewigkeiten geschöpft, existent jenseits von Existenz.

ἓν τὸ πᾶν, omnia unius esse, aut unum esse omnia.

Unsere Beschränktheit basiert auf der (von uns gewollten?) Einschränkung und Geradlinigkeit unseres Begreifvermögens.

Vorsehung ist eine Entschuldigung für unsere Unkenntnis der zeitlosen Gleichzeitigkeit.

Uns kommt Zeit wie fließendes Wasser vor: schneller, langsamer, strudelnd. Nur manchmal scheint sie verführerisch stehenzubleiben.

Zeit rinnnt nicht, sie rieselt; eher: Seinzeit rinnt nicht, sie rieselt.

Ihre Kristalle sind das farbenfrohe Leuchten grauer Erwigkeit.

Nur der nachsinnende Verstand trennt die Dimensionen, die Realität erkennt nur eine einzige, sich selbst.

Ewigkeit ist eine zeitlose Zeit. Dem Menschen ist sie jener Moment, in dem alle Momente enthalten sind.

Unendlicheit: Zwei Spiegel, die einander betrachten; ein Ouroboros, der seinen Leib vergißt;. ein Kreis, der in Gedanken auf seinem Umriß entlangwandert, weder sich noch seinem Ziel entgegenkommt; die Furcht der Wüste, die in ihr befindlichen Sandkörner nicht zählen zu können; ein Augenblick, der den über das Meer huschenden Wellen nachsinnt; die Gewißheit der sich permutierenden Buchstanben einer Buchseite.

Ein Augenblick gerät zur Ewigkeit, wenn weder Vergangenes noch Zukünftiges in ihm verweilen.

Erinnerung ist ein Loch ohne Boden.

Ein Augenblick mag Ewigkeit enthüllen, doch ist dies ein Schatten irgendeiner Ewigkeit: Der erblickte Baum gerät zur Idee des ‚Baumes‘ oder zum Schatten der Idee. Ist der Geist die schatten- und ideenspendende Sonne?

Ewigkeit kann nicht in Momente zerlegt oder gemessen werden, sie besteht aus ungewisser Dauer, die nicht andauert. Ohne Entstehen und Vergehen existiert keine Zeit, also dauerten beide in einer Ewigkeit ebenfalls ewig, voneinander ungeschieden. Leid und Glückseligkeit imaginärer Himmel und Höllen bestünden ebenfalls ewig, aber mangels Vergleichs und Wandels ihren Bewohnern ununterscheidbar, denn beide definieren sich wechselseitig mittels zeitlichen Absetzens voneinander. Ewigkeit ist ein Mangel an Zeit und Leben.

Energie und Materie sind halbgefrorene, verdichtete Zeit.

Zeit ist eine Illusion, deren Bestandteile wir sind und als deren Bestandteile wir agieren, sie kann zwar theoretisch widerlegt werden, nicht jedoch praktisch. Sowohl das Darlegen der Illusion wie auch ihr Widerlegen erschaffen Zeit, i. e. ein gegenwärtiges wie auch ein vergangenes Nun, das einzig im gegenwärtigen existiert. Jedes Nun umfaßt genau, also unscharf, die gesamte, nicht völlig überschaubare Seinzeit dieses Nuns, gleich ob das Nun als verrieselnd gedacht ist oder als ein Augenblick, der von einem anderen abgelöst wird, also schrankenlos in ihn übergeht.

Nietzsches Ewige-Wiederkunfts-Gedanke berücksichtigt nicht, daß unser Universum nicht aus einer immens großen Anzahl von Teilchen besteht, sondern aus Wellen, die sich je entscheiden müssen, als was sie auf seiner Bühne auftreten. Auch wäre eine Wiederholung, die nicht um ihre gleichgestalten Vorgänger wüßte, keine als solche erkennbare; wüßte sie darum, wäre sie durch eben dies zusätzliche Wissen keine.

Präkognition erblickt einen Korridor oder ein Feld, keine präzisen Abläufe oder Details.

Alle individuellen Tode sind im Stottern der Zeit zusammengefaßt.

Zeit und Unendlichkeit. Die Zeit hängt uns wie ein müder Sack um die Knochen. Wir wissen nicht, was wir mit der Unendlichkeit anfangen sollen. Archimedes versuchte, den Raum zwischen Sonne und Erde mit Sand anzufüllen, in der Hoffnung, er nähere sich dadurch den großen Zahlen — aber ebensogut hätte er einen Kartoffelsack vor die Tür stellen und von Passanten dessen Inhalt erraten lassen können.

Unendlichkeit scheint Langeweile an abstumpfenden Wiederholungen, ein immerwährendes Wechselbad, in dem die Erinnerungen ständig vergleichen.

Zeitlos, in kleinen, kleinsten, immer wieder teilbaren Rationen. Es gibt keine Zeitmessung. Die Bewegung des Uhrzeigers ist ein Gaukeltrick, der die Materiebewegung um ein schwarzes Loch nachahmt; modernere Uhren degradieren die Zeit zum Zahlenspiel.

Doch zählen wir stets nur ‚eins‘, alle weiteren Zahlen sind Anhängsel, die sich im Moment des Zählens stets als eine vorgänger- und nachfolgerlose einzige Eins erweisen, nur die Erinnerung und ein Schema wie jenes der natürlichen Zahlen verwandeln sie jeweils vorübergehend in eine andere.

Wäre Achill ein Mitglied des schöneren Geschlechtes, bliebe die Schildkröte bewundernd und verführt stehen, jeder Bruchteil ihrer beider Laufstrecken verschwände, aber dieser Augenblick des Anblickens bliebe.

Wir feiern Geburtstage, die keine Feiertage sind, da es uns der Erinnerung an das zu feiernde Ereignis ermangelt, sein ehemaliges Stattfinden bloß auf Erzählungen, einer Urkunde und dem augenblicklichen Zustand eines körperlichen Vorhandenseins beruht. Wir wandeln und wandeln uns nicht an einem Datum, sondern im Rieseln der Zeit, die Haare entfärben sich, der Geist schärft sich. Zahlen verbergen wenigstens einen Teil der Realität.

XIII • Imaginäres I

Ein gewisser Alexander beschloß, seine jugendliche Leber nicht in seinem Heimatdorf zu ruinieren, sondern anderswo.

Von einem Galiläer, Sohn eines Zimmermannes, wurde später behauptet, er sei Sohn eines Gottes gewesen. Man traf die Wahrheit in ihr verlogenes Herz, die Welt knarrt, sie ist schlecht gezimmert.

Irgendein kaum hoch zu nennendes Gebäude erzürnte einen unreifen Gott, und in kindischem Zorn zerstörte er es. Seitdem errichteten kindische Menschen, die sich groß dünkten, zahlreiche wesentlich höhere Gebäude, doch kein Gott erbarmte sich des Ungestalten, und es kehrte nur durch Alter oder Baumängel in seinen Ursprungszustand zurück, ohne die Träume seines Schöpfer mit sich zu beerdigen.

Träume sind dauerhafter als Steine, Menschen und Götter.

Ein zweiter, skrupelloserer Prometheus beschenkte die Menschen mit dem Feuer des Atoms. Und sie erfreuten sich dieser Gabe, bis sie durch sie mittels eines feurigen Austausches der irdischen Vergessenheit anheimfielen.

Einige Pythagoräer fühlten den inneren Drang, ihre Unwissenheit kundzutun und behaupteten, jene Null, die sie nicht kannten, von der sie nichts ahnten, sei der Ursprung allen Seins. Sie verwechselten in ihrem unklaren Denken ihre kaum klare Vorstellung von einer Null mit jener der Leeren Menge.

Die Vielzahl der Sandkörner am Ufer eines Flusses erstaunte dessen Anwohner, und einige von ihnen begannen, indem sie Finger und Zehen benutzten, das ständig wechselnde Angespülte zu zählen, um es mittels Zahlen zu begreifen. Da die Glieder nicht reichten, erdachten sie imaginäre Finger und Zehen, mit denen sie ihr Rechnen bevölkerten, bis es unübersichtlich geriet und im Denkstrom, den flüchtigen Fischen im Fluß gleich, entschwand.

Einige Zeit später verglichen sich einige von ihnen mit dem Sand und vermeinten, eine Vielzahl von Seelen in sich zu verspüren und bereits eine Vielzahl von Leben erlebt zu haben. Man nahm sie nicht ernst, und sie retteten sich in die Schauspielerei, wo sie sich selbst und den Zuschauern in wenigen Stunden zahlreiche Personen wie Verbrecher, Bürger, Könige, Propheten und dergleichen Betrüger vorgaukelten.
  Selten erhält das Leben mehr Beifall denn das Theater.

Während einer durch Viren bedingten Krise, schoben die Oberen des Landes alles nicht unbedingt Überlebenswichtige auf die lange Bank, an deren Ende sich, den Untertanen unbekannt, eine Müllgrube befand. Alle Sänger, Schreiberlinge, selbst spielende Kinder landeten darin. Doch die graue Angst bedeckte alles, selbst das Verlorene.

Und die Musen schlichen in fleckiges Sackleinen verhüllt durch dieses Land, niemand erkannte sie, niemand verneigte sich, niemand ließ sich von ihnen küssen. Es war verloren.

Inmitten des Landes Nirgendwo erhebt sich ein Turm, der denjenigen, die ihn erklommen haben, Ausblick auf das gesamte Universum zu allen Zeiten wie Orten bietet. Dort vermögen die Wißbegierigen ihre Geburt wie ihren Tod zu erschauen, als ob dies in gerade diesem einen Moment stattfände, ebenso Geburt wie Tod aller Wesen überall. Dann erstarren die überforderten Augen, entleeren sich die überforderten Hirne, und die Betrachter versteinern. Sie werden zu Ziegeln, mit denen sich der Turm selbst erhöht, bis er zum Himmel reicht, alles ausfüllend.

Einer der unteren Götter, kaum im Rang eines Demiurgen, nicht allwissend, eher mit eingegrenzten Befähigungen, seiner selbst etwas unsicher, befand sich zu einer Zeit in einer existentiellen Krise und wollte sich zwecks Selbstfindung auf eine materielle Welt begeben. Er befragte die Götterbehörde, doch die wies ihn an, er solle sich mit einer materiellen Hülle bedecken, sonst werde seine Erscheinung die Sphären verwirren. Also tat er solches, wurde unkenntlich, wurde seiner selbst unkenntlich, meinte jedoch, er sei mit sich wesenseins.

Auf jener materiellen Welt lehrte er die dortigen Bewohner einige dürftige Weisheiten, die er dem himmlischen Reiseratgeber entnommen, aber nicht völlig verstanden hatte, doch schien selbst dies den materiellen Wesenheiten zu viel, zu unverständlich, und sie ergriffen ihn, hingen ihn an einen hölzernen Stamm, bis er in ihren Augen dahingeschieden schien.

Der untere Gott zog sich aus seiner materiellen Hülle zurück, ließ jene materielle Welt hinter sich, bemerkte immerhin, daß er einen gewissen Hang zu Masochismus besaß, sonst zog er wenig Weisheit aus diesem Abenteuer.

Würde ein Schöpfer existieren, hätte er das Universum zu seiner vergnüglichen Unterhaltung geschaffen: Die Leiden seiner Geschöpfe amüsierten ihn, er wäre stets aufs neue belustigt von deren Dummheit und vermöchte dadurch, sich schlauer zu fühlen. Er wüßte nicht, daß sein eigener Schöpfer ähnliches empfinden würde — und weiter jener darüber und so weiter — in Unendlichkeit.

Betritt der Engel des Ἁϱμαγεδών den Erdboden, wird er lächeln.

XIII • Imaginäres II

DysUtopie — Sie wurde öffentlich wie im allgemeinem Sprachgebrauch einfach ‚die Maschine‘ genannt. Sie war seit einigen Jahren für Wirtschaft und Politik zuständig, verwaltete diese, oder genauer: beherrschte diese. Es war nicht mehr bekannt, wer sie entwickelt und errichtet hatte, es mußte sich um einen internationalen Zusammenschluß von Technikern und Programmierern handeln, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus waren.

Durch sie wurde die Gesellschaft von Grund auf umgekrempelt. Es gab keine Parteien und deren Stiftungen mehr, sie waren verstaatlicht worden, ihr Besitz wie ihre Gebäude dienten nun den Volkshochschulen, dort unterrichte man die Lernwilligen in Technik, Naturwissenschaften und Medizin, an einigen auch in den Fächern Kunst, Musik und Sport.

Damit die Einwohner nicht den Eindruck einer Diktatur bekämen, veranstaltete die Maschine in unregelmäßigen Zeiträumen Wahlen. Sie erwählte die aufzustellenden Kandidaten nach deren Intelligenz, Arbeitserfahrung und Leistungen. Wurden manche von ihnen gewählt, sprach sich also eine Mehrheit der Einwohner für einige von jenen aus, die sich ihnen in Fernsehen und Internet vorgestellt hatten, dienten die so Gewählten von der Maschine beraten dem Volk wie ihrem Land. Erwiesen sie sich als dazu unfähig, ersetzte die Maschine sie von heut auf morgen und erhob den nächsten an seine Stelle.

Doch erwiesen sich Meinungen oder Vorschläge der Gewählten in einer durchgeführten Simulation als wirkungsvoller und geeigneter, befolgte die Maschine diese, überprüfte und verbesserte ihre eigenen Programme.

Das Land durchlebte eine Blütezeit.

SeinZeit. — Zu einer Zeit, da alles Seiende jeder Zeit und jedes Seins ermangelte, in einem weniger als sekundenkurzem, mehr als ewiglangem🞯??? Nichtmoment von Zeit- und Seinslosigkeit, überlappten sich zwei Universen, woraus unseres entstand, Vereinigung regelloser Regeln.

Begriffe die Zeitlosigkeit, daß sie eine Seinslosigkeit darstellt und umgekehrt, verlöschte unser Universum, ohne je Dasein erlangt zu haben.

Der Wind bewegte keine Fahne, die Muskeln keine Lippe, die Augen erblickten weder Schwarz noch Farbenfreude. Bloß ein unbekleideter Traum blieb nanosekundenlang übrig.

Fafhrd responded, “Any fool can see that the lights in the sky are jewels, but we are not simpletons, we know of other worlds. The Lankhmarts think they’re bubbles in infinite waters. I believe we live in the jewel-ceilinged skull of a dead god. But doubtless there are other such skulls, the universe of universes being a great frosty battlefield.”
— Fritz Leiber: The Swords of Lankhmar. New York: Ace Fantasy, 1968. p. 30..

Anfang zum Ende — Eine Sekte, deren Name verschollen ist, die sich nach dem Ableben eines Galiläers zusammengetan hatte, vertrat die Ansicht, das Universum, die Sterne, die Sonnen und Monde, die Planeten, die Meere, die Sandkörner, die Länder und Bäume, die Ameisen, selbst die Menschen und Katzen seien durch einen Ton erschaffen, der seitdem langsam verklinge.

Eine weitere Sekte erhielt die Eingebung, es gebe einen weiteren Ton, der alles dem Untergang weihte. Sie erhoben ihre Stimmen, ließen diesen Laut erklingen, und die erste Sekte verschwand vom Angesicht der Erde wie aus dem Geist der einst Gläubigen.

Doch wenn sie einige Sekunden still verharrten, vernahmen sie den Ton des Anfangs, nahmen wahr, wie er langsam ins Unhörbare entschwand, wie alles um sie wie sie selbst, Gespenstern gleich, fadenscheinig wurde, selbst die Ameisen, Katzen und Menschen, bis all dies mit ihnen traumgleich entschwand.

ZFT besteht aus Wissenschaftlern, Forschern und Literaten, die einander meist nicht näher kennen, trotzdem dieselben Ziele verfolgen, da sie Umwelt und Entwicklung analysieren und nach objektiven Kriterien beurteilen. Sie wissen, daß sich die Menschheit im Niedergang befindet, sich folglich selbst auslöschen könnte.

Dem wäre eine entschiedene Verminderung der Anzahl von Erdbewohnern bei gleichzeitiger Steigerung der Geistesfähigkeiten der Verbleibenden entgegenzusetzen.

Einige der von ihnen durchgeführten oder nur inspirierten Experimente zeigten Erfolge. Schließlich schwandt die alte, veraltete Menschheit dahin, eine neue erblühte.

Sprache — Eine Verständigung mit der Species Z war beinah unmöglich. Sie besaßen zwar Augen, blickten uns jedoch mit ihnen an, wie wir auf kleine, unverständige Kinder oder Geistesbehinderte schauen. Unsere Sprachforscher stellten nach langen Bemühungen die Hypothese auf, daß die Z keine Wörter wie wir benutzen, sondern Begriffe, die umfangreich sind und sämtliche Bezüge all ihrer ‚Bestandteile‘ zueinander umfassen sowie die Veränderungen bzw. Entwicklungen jener Bestandteile und deren Bezüge. So gleicht ein einziger Begriff etwa einem unserer Gedichte, Gemälde, Musikstücke, jedoch mit dem Unterschied, daß er sich einem Film gleich stetig wandelt, doch sind diese Abläufe in- und miteinander verschlauft, so daß sie stets ein Ganzes bilden, Zeitabläufe in einem Moment stattfinden.

Die Z sind demzufolge eine eher poetische Species, doch ihre Poesie bleibt uns unverständlich, da ihre Komplexität unser Denken überschreitet. Auch verständigen sie sich untereinander nicht mit Wörtern und Sätzen, sondern tauschen jene Begrifflichkeiten aus, bzw. lassen diese miteinander kommunikativ verschmelzen, wodurch sich vielfältige, sie verändernde Gemeinsamkeiten zwischen den Wesen ergeben. Dies wurde von einigen Forschern, was unser minderes Denkvermögen verdeutlicht, mit Sex verglichen.

Das letzte, was von den Z entdeckt wurde, bestand aus einem einzigen Symbol. Jene, die jenes Zeichen auch nur annähernd verstanden, entschwanden ohne eine Spur zu hinterlassen aus Zeit und Raum.

XIII • Imaginäres Ⅲ

Ἀλήϑεια

„What is truth? said jesting Pilate; and would not stay for an answer.“

Die Wahrheit schlief, sie lag, Beine, Arme und Kopf ausgetreckt, allein auf dem Gras, Blumen wie Büsche neben sich, und träumte in wahren Illusionen vor sich hin: Ein betrügerischer Gestaltenwald schlich heran, dessen lange Finger ihre Haut kitzelten.

Sie erwachte, erwartete, die Ursache ihres Kitzelgefühls wahrzunehmen, doch erblickte sie nichts. Sie erkannte, daß Traumgestalten trotz ihres existentiellen Mangels etwas bewirken konnten. War dies Bewirkte nun wirklich weil wirksam, oder lügnerisch, unwirklich und trotzdem wirksam?

Sie kratzte sich: Das heftige Gefühl besiegte das träumerisch schwache.

Sie beschloß, nur noch traumlos zu schlafen, begriff nicht, daß sie selbst eine von der Täuschung erdachte Traumgestalt war.

II

Sie hatte sich umgezogen, trug nun einen weißen Sack, der ihren Leib formlos verhülllte, und einen Job als Vogelscheuche angenommen. So stand sie auf einem Feld, die gierigen Denkvögel zu vertreiben. Der Acker gehörte einem Philosophenkreis, dessen Mitglieder die Mühsal scheuten, ihn zu beackern, sich um ihre angepflanzten Pflanzen zu kümmern.

Sie betrachtete die Denkzweibeiner, wenn sie vor sich hin murmelnd im Kreis herumliefen. Deren Denken war laut, sie vermochte es, spitzte sie ihre Ohren, zu vernehmen. Es kam ihr wie die langen Finger des Traums auf dem Gras vor, kitzelte jedoch nicht.

Als sie die Kreisgeher nach dem Sinn ihrer Gedanken frug, stoben sie wie Vögel auseinander, ihr Denken erlosch, endlich, als fern, völlig in der Ferne.

III

Als sie den weißen Sack abgelegt hatte, stand sie nackt, dem Sonnenlicht von allen Seiten ausgesetzt. Ein Künstler erblickte sie in dieser Gestalt, betrachtete ihr Äußeres eingehend und hielt das Gesehene für schön.

Er formte ihren Leib aus Ton, beließ es nicht bei diesem einen, sondern widmete sich sogleich dem nächsten. So entstanden ihre Abbilder, die wahr nicht mehr waren, sondern ihren eigenen, ihren inneren, tönernen Regeln folgten.

„Es ist mir eine Freude, Dich dermaßen vervielfältigt zu erschauen“, sprach der Künstler und verneigte sich.

Sans Soleil

“If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is: Infinite. For man has closed himself up, till he sees all things thro’ narrow chinks of his cavern.”

Es blieb ihm all die zeitlosen Jahrtausende unklar, warum die zweibeinigen Wesen sich die einzigen der eigentlich zahllosen Höllen, die sie sich auszumalen vermochten, als dunkel, fast tiefschwarz, nur von schwarzem Feuer verdunkelt erdachten. Weil sie den irritierenden Werbekampagnen seiner zweibeinigen Gegenspieler Glauben schenkten? Weil sie Angst empfinden wollten, nicht allein vor sich selbst, sondern vor etwas ihnen Unverständlichem, ihnen Bevorstehendem?

Er gedachte nie, dermaßen tief in sie einzudringen, daß er dies Rätsel hätte lösen können. Sie waren zu langweilig, spielten untereinander — und selbst mit ihm! — stets dieselben Spiele, ausweglos, wie in einem Ringelspiel, das sich seit ihrem Zeitanbeginn ohne Unterlaß nun drehte, dessen Zuschauer er nur blieb.

Bisweilen setzte er sich ab und guckte durch ein Fernrohr, so schaute es niedlicher aus als von nahem, wo es beinah bühnengroß geriet.

Nein, sein Reich war lichterfüllt, hell, fast unterschiedlos leuchtend. Selbst die sich schwärzest dünkende Seele geriet hier zu einem hellen, lichterstrahlten Umriß, der sich selbst nicht wiedererkannte, sich selbst wie seine schlechten Taten ebenso wie jegliche Buße für solche vermißte. Und so irrten sie dann lichterfüllt umher, stießen sich gegenseitig, was ihrer neuen Körpergestalten wegen keinen Schmerz, keine blauen Flecken hinterließ. Irgendwann beschloß jeder von ihnen, die Augen zu schließen, doch half dies nicht, das wunderbare Licht seines Reichs durchdrang alles.

Hätte sich ein Gott hierher verirrt, so wäre selbst seine Gestalt strahlend erschienen. Doch sie verharrten lieber in ihren Himmeln, wo es gräulich und dunstig blieb wie zu aller Zeiten Anfang, wiesen mit wackligen Knubbelfingern nach unten, wo die menschlichen Wesen ihre, nicht ihre eigenen Spiele aufführten, warfen von Zeit zu Zeit, in deren Begrifflichkeiten alle paar Jahrhunderte, ein unsichtbares Skript herab, das neue — für die da unten neue! — Botschaften und Lebensanweisungen enthielt, damit sie einander wetteifern konnten, welches nun die besseren wären, jene alten, jene neuen oder all jene, die sie nicht verstanden. Dies Wetteifern geriet beinah immer zu Keilerei und Krieg, was ihm im Lichtreich neue Einheimische verschaffte, was die Menge der sich nicht mehr Vermehrenden unauffällig vermehrte, da sie einander nicht erblickten.

Sein Gebiet blieb von solchen Wechseln verschont, hier gab es nie Regeln, hier geschah nur das ewige, weil zeitlose, Herumirren, bei dem die Restgedanken wie Billardkugeln hin und her rollten, ohne Spuren zu hinterlassen. Hellscheinende Scheinkörper lösten sich voneinander oder verschmolzen, beides ohne sich wahrzunehmen.

Er hatte nie irgendwelcher Helfeshelfer bedurft, auch nicht eines einzigen Machtmittels, keine Peitschen, Seuchen, Flammen: Sie selbst gerieten zu ihren Inquisitoren.

Alle paar Stunden oder Jahrtausende Langeweile unternahm er einen Ausflug und flog nach drüben, was die dortigen arg verwirrte, da ihre Wahrnehmungsorgane solch Leuchten nicht gewohnt waren, so daß sie zeitweilig erblindeten, was ihn vergnügte: Sie waren eben nicht fehlerfrei, nicht vollkommen, dünkten sich in ihrer angestammten Eitelkeit nur solches. Danach trudelte er zurück und vermehrte das Licht in seinem Reich, damit die dortigen Wesen noch weniger erkennen mochten.

Nun, er mußte sich korrigieren: Es gab in Wirklichkeit kein Unten, Drüben oder Oben. Alles war eins, einzig die Unterscheidung erzeugte die Bereiche, letztlich war Unten wie Oben, überall befanden sich dies Gräuliche und dies Helle — und die zweibeinigen Wesen irrten wie in selbsterschaffenen Labyrinthen durch ihre Irrgärten, ohne Büsche, Steine, Träume und Pflanzen wahrzunehmen.

Er sinnierte, ob er eine wirkliche, eine wie in der zweibeinigen Literatur beschriebene Hölle basteln könnte, eine mit schreienden, leidenen zweibeinigen Wesen erfüllte Drängelei. Doch bedurfte es dessen deren Mithilfe, damit sie wirksam werden könnte. Also ersann er sich ein Drehbuch, sandte eine fiktive Gestalt zu jenen, die jenen dort den ertüftelten Unterschied zwischen imaginierten Werten wie Gut und Böse beibrachte. Da nur die Eingebildeten sich einbildeten, gut zu sein, ohne zu ahnen, was dies sein könnte, waren sie böse, die anderen eh. Schieden sie dahin, glitten sie ohne Verzug in die selbsterschaffene neue Hölle, wo seine abgesandte Gestalt — jene, die sie endlich ermordet hatten, ihre einzige halbwegs sinnvolle Tat — wie ein Teufel über sie herrschte und sie mit Worten und Taten, Zittern und Sorgen quälte, so daß die Schreie gen Himmel zu den Ohren von Göttern drangen.

Die Götter begannen, Furcht zu empfinden, ob sie von den zweibeinigen Wesen so verschieden wären, daß auf sie keine ersonnene Hölle warten könnte? Sie erdachten sich Bußen für nie begangene, neuerdachte Sünden und verwandelten ihr Reich ins Höllische, und das Gräuliche ihrer Sphäre geriet ihnen greulich.

Doch das Lichtreich, Sein Lichtreich, blieb, wie es stets, ewig und zeitlos war, sonnenlos hell und alles überstrahlend.


A dream within a Dream

“O God! Can I not grasp
Them with a tighter clasp?”

Als er aufwachte, fühlte er sich allein und meinte, er sei in einem neuen Traum befangen, obgleich er sich an den verblichenen, verträumten, verbrauchten nicht zu erinnern vermochte. Sein neuerworbener Traumleib war beweglich, dem alten ähnlich, Arme und Beine ließen sich heben und senken, sogar Atmen und Denken schienen zu funktionieren, als ob sie neu aufzogen wären, ihr Uhrwerk frisch vor sich hin tickte.

Er begab sich zum Schlafzimmerfenster, zog das Rollo hinauf und blickte nach draußen. Nichts war zu sehen. Nur grauer, eintönig grauer Hintergrund lauerte dort. Ein Grau ohne Schattierungen, ohne Gestalten und Linien, Himmelsblau und Grün waren grau, unterchieden sich nicht voneinander. Vielleicht existierten Himmel und Gras nicht mehr? Sein neuer Traumverstand schien wenig erstaunt, nahm dies als normal hin. Er ging zur gegenüberliegenden Wohnungsseite, zog dort ein Rollo hinauf, erschaute ebenfalls Grau ohne Abstufungen. Das Fenster ließ sich öffnen; er streckte die rechte Hand hinaus, sie wurde grau wie alles andere dort, wurde eins mit dem Hintergrund.

Also bereitete er sich in der Küche ein Frühstück, schaltete die Kaffeemaschine an, die sich seinem Anliegen widersetzte, kalt blieb. Aus der Leitung rann kein Wasser. Zum Glück befand sich noch ein Weinrest des gestrigen Abends im etwas weniger kühl als sonst gewordenen Kühlschrank. Alles schien tot. Weder Fernseher noch Computer gaben weder Bild noch Ton von sich. Warum war er lebendig geblieben? War er lebendig?

Er trank den Wein, schluckte jeden Schluck achtsam hinunter, als ob dies zum ersten Male im Leben geschähe. Es schmeckte nach nichts, er schmeckte nichts. Das Brot ließ sich kauen und den Schlund hinunterbewegen, es schmeckte nach nichts, er schmeckte nichts.

Um etwas mit sich anzustellen, nahm er das kleine Schachspiel aus der müde mit Glas starrenden Vitrine und spielte gegen sich selbst, gewann und verlor gegen sich selbst. Als ihm dies zu langweilig wurde, legte er sich auf die Couch und schlief ein.

Als er aufwachte, fühlte er sich nicht mehr, er existierte nun wie ein nicht existierendes Nichts, jenseits von Dasein und Nichtsein.


rupes tarpeia

Τὰ εἰς ἑαυτόν

Der Fels sinnierte wieder einmal, ob er sich hinabstürzen sollte. Doch wußte er bereits während solcher Überlegungen von jenen vorigen, längst vergangenen, nur noch erinnerten Gedankenspielen, daß es ihm unmöglich blieb, er mußte bewegungslos hier an seinem Ort verharren, damit die Ewigkeit auf ihn wartete. Manchmal, nur um sich abzulenken, bildete er sich ein, ihr unsichtbares Ticken zu vernehmen.

War er nun sogar schwergewichtiger geworden in all den Jahrhunderten? Alter lastete auf ihm, belastete ihn. All die Momente bedrückten ihn, die Reminiszenzen, die sich damit verbanden, die sich nicht abschütteln ließen, da er sich weder zu schütteln, noch zu rühren vermochte: Jene an jene, die hinabgeglitten worden waren, denen es gelungen war, was ihm auf ewig versagt blieb. Er beneidete jene ihm fremden, unverständlichen, so leicht beweglichen Wesen.


Φωσφόϱος

Dem Scheinenden war sein Licht ausgegangen, nur anscheinend Licht, doch war es ihm treuer Begleiter gewesen. Je älter und tapriger der Kosmos wurde, desto strenger regulierte er den Verbrauch von Energie; form- und farblose Eintönigkeit war offensichtlich sein Endziel. Kerzen waren eh verboten, der Allumweltverschmutzung wegen, auch die alte Öllampe kam deshalb nicht mehr in Frage.

Also blieb ihm nur sein Fingerschnipsen, das kleine Fünkchen erzeugte, die schnell verloschen, doch in manchen Zweibeinerhirnen Gedankenblitze zur Folge hatten, die wiederum Ideen und Erfindungen zur Folge hatten, nur sehr selten, leider, auch wohltemperierte Versmaße oder Melodien.

Wie ein Verschattender kroch der ehemals Scheinende, getarnt als Verdunkelungswolke, die sich nur sacht vom Finsterhintergrund abhob, dahin, schnüffelte im Allschwarz aus schwärzester Energie und Materie nach Lichterlein — doch roch er keine.

Die Eintönigkeit um ihn zu beseitigen, erdachte er sich einen Baum mit Blättern und Früchten, tat sich eine davon in den Schattenleib, verdaute sie, bis er eine neue Welt hervorrülpste: Eine mit Meeren, Landstreifen, Flüssen, Seen, Gras, Blumen und Bäumen, Kriechtieren und Vierbeinern, die ihn sämtlich stumm bestarrten.

Die Zweibeiner jener alten Welt, die sich längst aller Verdunkelung ergeben hatten, gewahrten nichts davon.


Μινώταυϱος

“And far from sight the two-form’d creature hide”

Der Minotauros bewahrte in seinem weitläufigen Palast, der derart riesig war, daß er sich fast immer darinnen verirrte, an einem geheimen Ort, den er jedoch stets wiederfand, wenn er nicht beabsichtigte, dorthin zu laufen, eine hölzerne Gestalt auf.

Diese besaß einen Leib, einen Kopf, der kaum menschlich ausschaute, vier Beine. Sie blieb roh gefertigt, als ob dem Schreiner, um einen Künstler konnte es sich kaum handeln, kaum Muße zur Verfügung gestanden hätte, sie fertigzustellen, zu bemalen und zu verschönern.

Meist betrachtete er diese Figur nur kurz und zog dann weiter; manchmal strich er ihr zärtlich über den Kopf, als ob er sie trösten wollte, da sie dermaßen allein herumstand, nie einen Partner fand, da der Palast bis auf ihn selbst und diese Figur unbesiedelt blieb.

Eines Tages stolperte sein rechter Huf über einen Faden, der beinah unscheinbar, den Augen da grau kaum sichtbar, auf dem rauhen Boden lag. Er griff ihn, zog an ihm, bis er endlich nach Stunden oder Jahren des Ziehens einen Anfang in den Händen hielt. Dann, er wußte nicht warum, wickelte er ihn auf, so daß er von einem kleinen Knäuel in seiner Linken zu einer Rolle geriet, die wuchs und wuchs, bis sie beinah so groß geriet wie er selbst. Diese Last drückte seinen sonst so kräftigen Leib nieder, so daß er sich nicht mehr zu bewegen vermochte.

Als er Jahrhunderte später von weither angereisten Erforschern seines Palastes, den sie abwertend Labyrinth nannten, gefunden wurde, schien sein unter dem Fadenknäuel verborgener Leib zu Holz erstarrt. Seine rohe Gestalt glich der anderen Holzfigur.

Weitere Jahrhunderte später entdeckten fadenkundige Forscher, daß kleine, beinah unscheinbare Knoten den Faden zierten und eine Schrift bildeten, die den Mythos des Minotauros beinhaltete.


Baal Pegor

“... and Accidie maketh hym hevy, thoghtful, and wraw.”

Jene recht wohlgeformte junge Frau stand wieder, wie so häufig, am Zigarettenautomaten, fütterte diesen mit klimpernden, kleinen, achtkantigen Metallstücken, lauschte verzückt der Melodie dieses In-die-Grube-Fallens und erwartete auf Knopfdruck ein Ergebnis ihrer Bemühungen in Form einer mit Rauchwerk gefüllten Pappschachtel.

Doch sie wartete vergebens. Nichts entstieg dem beinah höllischen Maschinenabgrund wunschvernichtender Zahnräder. Doch es befielen sie Wachträume alptraumhafter Gestalten von Dämonen, die eifrig lüstern darauf drangen, ihrer selbstgeschaffenen, zeittickenden Umwelt zu entsteigen.

Schließlich öffnete der Automat sein träges Maul, ließ eine rauhe Zunge daraus hervorschnellen und liebkoste die Frau von Zehenspitzen bis Haar. Sie wandte sich entsetzt ab; er warf ihr Geld hinterher, was sie zur Umkehr verleitete. Und er fraß sie, damit sie mit den anderen in ihm Theater spielen konnte und ihn erfreuen.

Da sie in ihrem angeborenen Aufzug, in angeborener Gestalt niemanden zu erschrecken vermochten, verkleideten sie sich, taten sie das Äußere gewöhnlicher Albtraumdämonen an, setzten krumme Hörner auf die Häupter, hingen stachlich-schuppige Schwänze an ihre Hinterteile und klebten Hufe unter die Füße.

XIII • Imaginäres Ⅳ

Μοῖϱαι

In einem Zimmer, das rings große Fenster mit reichem Ausblick auf Himmel und Sterne aufwies, deren frisch geputzte Scheiben nie geöffnet wurden, um die im Raume Hausenden nicht abzulenken — in jenem Zimmer hielten sich drei Frauen auf. Sie saßen auf dreibeinigen Holzhockern, ihre bloßen Füße stützten sich auf den Boden.

Sie unterhielten sich bisweilen mit leisen Stimmen, meist jedoch starrten sie auf die Bodenmitte zwischen sich, als ob sich dort etwas außer dem hellen Grau des Betons erblicken ließe. Sie trugen sämtlich weiße Leinenkleider, die formlosen Beuteln glichen, nur mit ausgefransten Löchern für Köpfe und Arme versehen. Auch ihre Haut, so weit sie sichtbar war, schien weiß.

Die links Sitzende erträumte sich Muster und Gestalten, jene neben ihr erfüllte die Umrisse mit Farben, doch die Dritte wischte von Zeit zu Zeit all dies mit einer Geste ihrer rechten Hand fort, so daß die Erste, die solche Tat nicht zu stören schien, von neuem beginnen konnte. Doch beschmutzte das Fortwischen die Finger der Dritten nicht, sie blieben weiß.

Die kurzlebigen farbigen Scheinwesen blickten einander hilflos in die Augen, bis ein Fortwischen sie erlöste.


Die Schöpfung

Irgendeines trüben Tages, dessen Sonne mit Wolken bedeckt war und sie verträumt betrachtete, ersannen sich die Bewohner einer Welt des unendlichen Kosmos einen Gott, der letzteren, ein All also, erschaffen haben könnte.

Doch einige von ihnen wandten ein, daß solch ein Gott nicht ausreichte, denn zu allem Guten gab es weniger Gutes, selbst Schlechtes, denn es gab nicht nur den Leib und dessen Freuden wie Essen, Sex, Träume und Denken, sondern auch Hinderliches wie Hunger, Schmerzen, Albträume und Tod.

Keiner der Bewohner jener längst vergangenen Welt wußte solche Rätsel ihres Daseins zu lösen. Endlich kam ihnen ein Wesen zu Hilfe, das sie nicht kannten, nicht erkannten, da sie es nie zuvor gesehen, nie zuvor erdacht hatten: Ein Fingerschnippen der Finger einer seiner drei siebenfingrigen Hände wies ihnen den Weg, und sie stürzten davon.

Immer noch war die Sonne von Wolken bedeckt und sie grübelte vor sich hin, fragte sich, ob jene Wesenheiten, die sie erblickt zu haben glaubte, wirklich existiert hatten.


Κέϱβεϱος

Wieder einmal — jedoch wie stets nur in einer mikrosekundenkurzen Pause, als alle um sie, Eindringlinge wie Flüchtlinge, für einen Moment zurückvertrieben waren — fragten sich die Köpfe, warum ihre Anzahl begrenzt schien, sollten es nicht tausende, mehr noch: unzählbar viele sein?

Während der unermeßlichen Zeiträume, die sie ihren Dienst versehen hatten, war einiges von ihrem einstigen Wissen entschwunden. Angesichts all der unzählbar zahlreichen Wesen um sie hatten sie das Zählen verlernt. Sie erkannten seit langer Zeit nicht mehr, wie viele Häupter auf ihren wie vielen Hälsen ruhten, sich drehten und bewegten, deren Schnauzen nach Aas rochen, grauslich bellten und bissen.

Ihr Körper hätte es vielleicht noch geahnt, doch war er dermaßen mit Hinundherlaufen und -wenden beschäftigt, daß ihm die Muße zum Denken verloren, ihm nur das schnellstmögliche Reagieren verblieben war.

So stoppte plötzlich aus unerfindlichem Grund alles, nichts am Kerberos drehte sich mehr, bewegte sich mehr, bellte und biß nicht mehr. Er lag, Beine von sich gestreckt auf dem rauhen Kies, Schwänze und Köpfe hinter sich und vor sich, umgaben den Furchtbaren wie ein Heiligenschein.

Die Wesen, Eindringlinge wie Flüchtlinge, blieben im Nu erstarrt auf ihren Plätzen, hörten sämtlich in einem Moment auf zu rennen, versteinerten, als ob sie in die wunderschönen Augen der herrlichen Medusa geblickt hätten.

Rien ne va plus.


Cerberus

Franchinus Gaffurius: Practica musicae.
Milano: Le Signerre, 1496.

 
“Gafurius on the harmony of the spheres

In illustrating the music of the spheres Gafurius placed the triads of the Graces and of Serapis at opposite ends of the great cosmic scale which he imagined in the shape of a serpent connecting heaven and earth. As in Julian’s Hymn to Helios (Orationes IV, 146c-d, 148d), the three Graces dance in heaven under the guidance of Apollo, while he animates the spheres with music. The vase of flowers on Apollo’s left probably signifies the νους ύλιϰός, associated by Macrobius with the celestial crater (In Somnium Scipionis I, xii) through which the divine spirit descends as far down as the φυτιϰόν, id est, naturam plantandi et agendi corpora. At the bottom of the scale, the trinity of Serapis hovers over the last and lowest of the musical emanations which is the realm of subterranean silence, as explained by Gafurius (De harmonia musicorum instrumentorum, 1518, fol. 93v), who identifies the animal with Cerberus, and the muse of nocturnal silence with the ‘surda Thalia’, adding that on the authority of Cicero things in the earth are silent because the earth is immobile (Macrobius, op. cit. I, xxii-II, i). On Serapis as a god of the underworld, Gafurius may have consulted Plutarch, De Iside et Osiride. In this realm of death, where the sheer passage of all-devouring Time has become a vacant copy of eternity, like prime matter in the definition of Plotinus, ‘a ghost that never stays yet can never vanish’ (Enneads Ill, vi, 7, tr. Dodds), the triple-headed monster, fugientia tempora signans, retains a shadowy vestige of the triadic dance that the Graces start under the direction of Apollo. The whole universe, from top to bottom, is thus permeated by the ‘Pythian nomos’, a triadic rhythm which Apollo himself is supposed to have initiated at Delphi when he battled against the python (see Warburg, Die Erneuerung der heidnischen Antike, pp. 283 f., 417-20).

It has been suggested that the great serpent in Gafurius’s scheme, being placed below Apollo, might represent the vanquished python; yet it would be strange if this ferociously destructive beast, instead of lying dead at the victor’s feet, were to assist him in harmonizing the universe. Supplied with three heads, leonine in the centre and wolf- or dog-like on either side, the animal is unquestionably the old signum triceps, the special Cerberus of Serapis, whom Petrarch identified with Apollo. It is therefore not unusual to find this dragon employed in the service of Apollo, occasionally even during his fight with the python, in which case the battle array is a bit confusing: the god mounted on a triple-headed apocalyptic serpent slays a supposedly evil dragon that looks no worse than his own conveyance (Libellus de deorum imaginibus, Cod. Reg. lat. 1290, fol. 1v; Ovide moralisé, MS. Thott. 399, fol. 21v, Royal Library, Copenhagen).

Gafurius’s serpent is distinguished by a particularly engaging trait. While plunging head-downward into the universe, it curls the end of its tail into a loop on which Apollo ceremoniously sets his feet. A serpent’s tail turning back on itself is an image of eternity or perfection (commonly illustrated by a serpent biting its own tail, but known also in the form of a circular loop on the serpent’s back, as in the medal of Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici, discussed below). Gafurius thus makes it diagrammatically clear that Time issues from Eternity, that the linear progression of the serpent depends on its attachment to the topmost sphere where its tail coils into a circle.

That the ‘descent’ of a spiritual force is compatible with its continuous presence in the ‘supercelestial heaven’ was a basic tenet of Neoplatonism. Plotinus illustrated this difficult doctrine, which was essential to his concept of emanation, by the descent of Hercules into Hades (Odyssey xi, 601 f.). Homer, he said, had admitted ‘that the image of Hercules appeared in Hades while the hero was really with the gods, so that the poet affirms this double proposition: that Hercules is with the gods while he is in Hades’ (Enneads I, i, 12). Pico della Mirandola extended the argument to Christ’s descent into Limbo, in the most startling of his Conclusiones in theologia, no. 8, which it is not surprising to find among the articles that were condemned: ‘Christ did not descend to Hell verily and in his real presence, as is supposed by Thomas and the common opinion, but only quoad effectum.’ His chief reason for adhering to this unusual view, against the judgement of a papal commission (see Apologia, Opera, pp. 125-50), may be gathered from a simple proposition, remarkably short, Conclusiones secundum Plotinum, no. 2: ‘Non tota descendit anima quum descendit.’”
— Edgar Wind: Pagan Mysteries in the Renaissance.
London: Faber and Faber, 1968. pp. 265-266.


Hypnerotomachia, 1499; fol. p8v.

“Tres cœli regiones, vel triplex dei potestas.
Veteres tres tantùm cœli regiones faciebant: nempe, Ortum, Occasum, & Meridiem. nam in Septentrione inferos putabant esse, propterea quòd Sol nunquam eò perveniat: quemadmodum & Sacræ literæ Aquilonem interdum accipiunt: et impios ad sinistram à Deo in extremo illo iudicio detrudendos. Sinistram verò in eodem Septentrione esse theologis, quis dubitet, cum impij in eandem cum dæmone regionem sint detrudendi? ideoque harum trium regionum symbolum finxerunt Cerberum canem tricipitem, quo etiam trina Dei regna significarent, cœleste, terrenum & infernum.
Tres naturales necessitates.
Eundem Cerberum tricipitem finxere poetæ infernæ domus aditum custodire: eo hieroglyphíco tres necessitates naturales, quæ hominem à sempiternarum rerum contemplatione abducunt, signihicantes: nempe famem, sitim, & somnum: & ideò Virgilius fingit Sibyllam, quæ Æneam mentem ad magnarum rerum contemplationem convertere volentem, monet ut huíc Cerbero, melle soporatam & odoratis frugibus offam obiiciat, statimque illo relicto transeat: ut indicet, esse quidem his necessitatibus satisfaciendum, sed non prorsus indulgendum.”
Joannes Pierius Valerianus: Hieroglyphica, sive de sacris Aegyptiorum, aliarumque gentium literis commentarij. Basel: Thomas Guarinus, 1575. fol. 436v.


Das Kochbuch

Zahlreiche Mythen ranken sich um Verursacher und Entstehung des ersten Kochbuches. Selbst Zeit und Ort sind umstritten.

Jede solcher Erzählungen verfügt über eine Anzahl Anhänger; manche dieser sind radikal und anmaßend, lassen kein Rezept, das nicht wortwörtlich in ihren Text vorhanden ist, gelten, sondern verdammen diese, lehren, daß wer solches zu sich nehme, gräßlichen Todes sterben müsse.

Selbst über die Zubereitungsarten wie Braten, Kochen, Grillen gab es stets heftige Konflikte. So wurden einmal sämtliche Kochtöpfe eines Landes von fanatischen Nichtkochlern eingesammelt, in Schreddermaschinen gepackt und zerstört, ihre ehemaligen Benutzer geschlagen und gegrillt.

In einigen Gebieten entstanden nach der Küchenrevolution neue Denkmuster: So wurde behauptet, daß es nur ein einziges Kochbuch gebe, das die Entstehung aller Küchenuntensilien einschließlich der Gabeln, Quirle und selbst der Köche beschreibe. Deren Kochbuch enthielt jedoch nur Formeln und Berechnungen statt Rezepte, blieb den meisten Köchen unverständlich und bar jeder rationalen Erklärung, kurz: sie bereiteten ihre Speisen weiterhin auf die hergebrachte Weise zu.
 

Der rechtelose Urheber des allerersten Kochbuches versuchte, sich zu entsinnen, wann und warum er es überhaupt verfaßt hatte. Es gelang ihm nicht. Er verwünschte es. Der Kosmos entschwand.


Soylent Green Revisited

Jedes Jahr an jenem Tag, der früher Geburtstag genannt wurde, mußten sich die Einwohner der Wirtschafts- und Wissenschaftsunion auf den Weg zu einem der überall befindlichen, leicht erreichbaren Scannertore begeben, dieses durchschreiten und den Anweisungen folgen, welche die mechanische, blecherne Torstimme ihnen übermittelte.

Diese waren simpel: Es galt, eine der sich anschließenden Türen zu öffnen und durch diese zu gehen. Es ließ sich stets nur jene öffnen, die der Tormechanismus freigegeben hatte.

Widersetzte sich ein Geburtstagskind diesem Gang, so wurde es abgeholt und brutal durch die dritte Tür gestoßen.

Die erste Tür führte in ein Speisezimmer, in dem sich die Gaben der unterirdischen Fabrik köstlich stapelten. Und das Geburtstagskind durfte sich auswählen, was es zu tragen und mitzunehmen vermochte. Sie ließ sich jedoch nicht immer öffnen, sondern nur dann, wenn der betreffende Einwohner gesund und der Gemeinschaft weiterhin nützlich war.

Die zweite Tür öffnete sich, wenn die Auswertung der Scannerdaten ergeben hatte, daß der Einwohner zwar nicht mehr vollständig gesund war, doch der Gemeinschaft weiterhin nützlich dienen konnte. Sie führte in ein Krankenzimmer, wo die computerisierten Automaten ihn behandelten und pflegten.

Die bereits aufgeführte dritte Tür führte zu einer metallenen Rutsche, auf der jenes Geburtstagskind, das dorthin gelangte, keinen Halt fand, sondern sich der Abwärtsbewegung ergeben mußte, die es in der unterirdischen Fabrik landen ließ, wo es von Maschinen entkleidet, betäubt und getötet, seines Fleisches entledigt, seiner übrigen Reste wie Sehnen und Knochen ebenfalls entledigt wurde, die allesamt der Weiterverwertung zugeführt der Gemeinschaft dienten.

Seit jedes Kind bereits im Mutterleib vor seiner Geburt genetisch verbessert wurde, hoben sich die Grenzwerte der ersten und zweiten Tür jedes Jahr an.

Die Nahrungsmittelrationierung konnte beendet werden.

XIV • Labyrinthe

Jede Büchersammlung, jede Bibliothek ist labyrinthisch wie das in ihnen verborgene Wissen. Ein Irrglaube besagt, es müsse ein Weg hindurch zu einem Ziel oder Ausgang gefunden werden, beide sind imaginär.

Hingegen sollte die Irrgartenstruktur als Ganzes erkannt und verinnerlicht, der Betrachter eins mit dem Labyrinthischen werden: das Labyrinth als Ganzes mit all seinen Windungen und Kanten vermittelt seine nonverbale Botschaft.

Sprachen sind teilgeordnete Labyrinthe, jene anderen einzufangen, ohne das dies je vollständig gelänge; Kunst ebenso. Metaphern, Allegorien und dergleichen sind wenigstens Versuche, das Labyrinthische selbst wiederzugeben.

Ein Labyrinth besteht nicht aus Windungen, sondern aus sich stets neu verschlingenden Pfaden.

Der Palast ruht irgendwo an unauffindbarem Ort im labyrinthischen Irrsinn eines Alls. Niemand vermag ihn letztlich zu betreten, nur Albträume hausen dort, in denen Traumleiber zu Butter zerschlagen werden. Irgendwann wird die Ferse eines niederen Gottes den Palast ins Nichts fortwischen, so daß dies vor Furcht aufschreit.

Das Gefängnis besteht aus einer einzigen Zelle, die sich vor sich ängstigt, da sie alle, gleich ob lebend oder tot, also stets zu viele in sich birgt, die einander nicht erkennen, ihre Zelle jeweils als leer ansehen, sich nach Begleitung sehnen, ihren Namen wider die Mauer schreien, als ob sie sich selbst in den Steinen verbergen könnten.

Ein Labyrinth: ein Spiegel, in dem sich das Gesicht wiedererkennt, ohne sich zu erkennen, sich für ein anderes hält.

Unser Universum ist eins der unzählbar zahlreichen, ununterscheidbaren des allgegenwärtigen, zeitlos alle Zeit, raumlos alle Räume umfassenden Multiversums. Das bedeutet: Es existiert einzig durch Einschränkung seiner Selbstwahrnehmung, in ihm ergibt sich Raum mehrdimensional, Zeit als unumkerbarer linearer Ablauf. Solche Selbstbeschränkung verhindert die Begegnung, selbst den Informationsaustausch solcher Universen untereinander. Ein gangloses Labyrinth.

M • Postscriptum

Créé par la nature avec des goûts très vifs, avec des passions très fortes ; uniquement placé dans ce monde pour m’y livrer et pour les satisfaire, et ces effets de ma création n’étant que des nécessités relatives aux premières vues de la nature ou, si tu l’aimes mieux, que des dérivaisons essentielles à ses projets sur moi, tous en raison de ses lois, je ne me repens que de n’avoir pas assez reconnu sa toute-puissance, et mes uniques remords ne portent que sur le médiocre usage que j’ai fait des facultés (criminelles selon toi, toutes simples selon moi) qu’elle m’avait données pour la servir ; je lui ai quelquefois résisté, je m’en repens. Aveuglé par l’absurdité de tes systèmes, j’ai combattu par eux toute la violence des désirs, que j’avais reçus par une inspiration bien plus divine, et je m’en repens, je n’ai moissonné que des fleurs quand je pouvais faire une ample récolte de fruits… Voilà les justes motifs de mes regrets, estime-moi assez pour ne m’en pas supposer d’autres.

Von der Natur mit lebhaften Sinnen und außergewöhnlichen Trieben gezeugt, nur in diese Welt gesetzt, um mich ihnen hinzugeben und sie zu befriedigen, bestanden die Folgen meiner Zeugung hinsichtlich dieser vornehmsten Pläne der Natur bloß in Notwendigkeiten, oder, falls Sie dies vorziehen, bloß in berechtigten Ausrichtungen für mich auf ihre Pläne, all dies in Übereinstimmung mit ihren Gesetzen; und so bereue ich nur, ihre Allmacht nicht genügend erkannt zu haben, sowie den mittelmäßigen Gebrauch meiner Fähigkeiten (gemäß Ihnen krimineller, ganz einfach natürlicher meiner Meinung nach), die sie mir gegeben hatte, um ihr zu dienen; manchmal habe ich widerstanden, dies bereue ich. Blind gemacht durch die Absurdität Ihrer Systeme bekämpfte ich die Gewalt jener Begierden, die ich durch göttlichere Eingebung erhalten hatte, und ich bereue, daß ich nur Blumen geerntet habe, wo ich eine reiche Ernte an Früchten hätte einzubringen vermocht… Dies sind die wahren Gründe meines Bedauerns, achten Sie mich genug, andere nicht anzunehmen.

 

IllustrationGiorgio Ghisi, Giulio Romano: Μοῖϱαι · Κλωϑώ Λάχεσις Ἄτϱοπος, Kupferstich, 1558/59.
 

λλας δὲ ϰαϑημένας πέϱιξ δι᾽ ἴσου τϱεῖς, ἐν ϑϱόνῳ ἑϰάστην, ϑυγατέϱας τῆς ἀνάγϰης, Μοίϱας, λευχειμονούσας, στέμματα ἐπὶ τῶν ϰεφαλῶν ἐχούσας, Λάχεσίν τε ϰαὶ Κλωϑὼ ϰαὶ Ἄτϱοπον, ὑμνεῖν πϱὸς τὴν τῶν Σειϱήνων ἁϱμονίαν, Λάχεσιν μὲν τὰ γεγονότα, Κλωϑὼ δὲ τὰ ὄντα, Ἄτϱοπον δὲ τὰ μέλλοντα. ϰαὶ τὴν μὲν Κλωϑὼ τῇ δεξιᾷ χειϱὶ ἐφαπτομένην συνεπιστϱέφειν τοῦ ἀτϱάϰτου τὴν ἔξω πεϱιφοϱάν, διαλείπουσαν χϱόνον, τὴν δὲ Ἄτϱοπον τῇ ἀϱιστεϱᾷ τὰς ἐντὸς αὖ ὡσαύτως: τὴν δὲ Λάχεσιν ἐν μέϱει ἑϰατέϱας ἑϰατέϱᾳ τῇ χειϱὶ ἐφάπτεσϑαι.
Πλᾰ́τωνος Πολιτεία, X,617β-δ.

And there were another three who sat round about at equal intervals, each one on her throne, the Fates, daughters of Necessity, clad in white vestments with filleted heads, Lachesis, and Clotho, and Atropos, who sang in unison with the music of the Sirens, Lachesis singing the things that were, Clotho the things that are, and Atropos the things that are to be. And Clotho with the touch of her right hand helped to turn the outer circumference of the spindle, pausing from time to time. Atropos with her left hand in like manner helped to turn the inner circles, and Lachesis alternately with either hand lent a hand to each.
— Translated by John Burnet, Oxford: UP, 1903.