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Apuleius & Filippo Beroaldo: Asinus aureus

 

Apuleius & Filippo Beroaldo

 

Apuleius & Filippo Beroaldo

 

per omnia vectus elementa remeavi, nocte media vidi solem candido coruscantem lumine, deos inferos et deos superos accessi coram et adoravi de proximo.

Lucius Apuleius Madaurensis & Filippo Beroaldo il Vecchio:

Cōmentarii a Philippo Beroal|do conditi in Asinum Aure|um Lucii Apuleii. || Mox in reliqua Opuscula eiusdem Annota-|tiones imprimentur.
Kolophon fol. XX4v: Impressum hoc opus Bononiae a Benedicto Hectoris īpressore solertissimo, Adhi-|bita sūma diligentia, ut in manus hominū ueniret q emendatissimum. | Anno salutis Millesimo quingētesimo Cal. Augusti. Inclyto | Io. Bentiuolo secundo status huisce Bononien|sis Florentissimi habenas foeli-|ter Mode|rāte.
Registrum und Signet B auf fol. XX6r, vide BMC VI,840.
Titel zu Index, fol. A1r:
Tabula Apulei || Habes Lector humanissimæ. L. Apulei de Asino aureo | tabulam uocabulorum & historiarum: & locorum multorum declarationē non ingratam. Sūt | et in hac tabula uocabula collocata | quæ in margine forsan nun no-|tabuntur: sed intus in cō|mentariis legen|do reperies. | VALE.

Bologna: Benedetto d’Ettore Faelli, 1. August 1500.

Folio. 298-301 × 206-208 mm. [4] Bll.; 282 Bll.; [16] Bll. (Index). – Lagenkollation: a4; A-Z6, &6, p8, R6, AA-XX6; A-B6, C4. Titel teils in 165G, sonst 52 Zeilen Kommentar in 83(88)R und Gk um den Text in 112R. Satzspiegel: 230 (236) × 149 (169 incl. Marginalien) mm. Indexteil vierspaltig. Die griechische Type orientiert sich an der Unziale des Bibelstils und besteht aus Minuskeln ohne Akzente und Spiritus und ist ein nur in einigen Buchstaben abweichender Nachschnitt der zweiten Mailänder Type, wie sie Bonus Accursius benutzte. Cf. BMC Vl,840 & Proctor p. 131, fig. 28.

Blindgeprägtes Halbschweinsleder der Zeit auf vier echten Doppelbünden und Holzdeckeln, zwei Messingschließen, handgestochene Kapitale in Natur/Blaßrosa, Schnitt gelb eingefärbt. Der auf dem Vorderdeckel neben Blüten- und Blattwerk-mit-Blüte-Stempeln aneinanderstoßend wiederholte, umrandete rhombische Adler nicht bei Schunke: Schwenke-Sammlung verzeichnet. Ebenso der auf dem Hinterdeckel an dessen Stelle verwandte rahmenlose Stempel mit stilisiertem Blattwerk. Einbandgröße: 320 × 225 mm.

Erste Ausgabe. Im Gegenteil zu den von Beroaldo im Vorwort auf fol. A4v erwähnten 2000 Exemplaren ist die Auflage niedriger anzusetzen: „... the contract for the printing, which dates from 22 May, 1499, specifies only 1200 for sale, which an additional 50 for private distribution.“ (BMC Vl,846, cf. A. Sorbelli: Storia della Stampa in Bologna, p. 61.) Obgleich Bestandteil dieser Edition wurde der Index später gedruckt: Er zeigt einen späteren Zustand der Kommentartype, die auf 83 mm reduziert ist; ebenfalls ist das Papier von kleinerem Format.
¶ Apuleius wurde um 125 zu Madaura in Nordafrika geboren, nach Studium der Rhetorik und Philosophie in Karthago und Athen - er beherrschte sowohl die punische wie die lateinische und griechische Sprache - war er als Anwalt und Rhetor in Rom tätig, dann jedoch in seiner Heimat als Provinzialpriester des Kaiserkults und Wanderredner. Auf Reisen in Griechenland und Asien ließ er sich in die Mysterien einweihen. Seine um 170 verfaßten und immer noch mit Vergnügen lesbaren Metamorphosen, eine Bearbeitung der Verwandlungen des Lucios von Patrai, sind der einzige vollständig überlieferte lateinische Roman und nach Merkelbach selbst ein Mystererientext (cf. Reinhold Merkelbach: Roman und Mysterium in der Antike. München/Berlin: Beck, 1962, pp. 1-90 et pass.), in ihm wird neben einer Fülle von Abenteuern das berühmte Märchen von Amor und Psyche erzählt, den Schluß bildet eine Verherrlichung der Mysterien der Isis und des Osiris.
¶ Der hier um den Romantext gedruckte Kommentar ist das Hauptwerk Filippo Beroaldos aus Bologna (7 November 1453 - 17 Juli 1505). Vide Konrad Krautter: Philologische Methode und humanistische Existenz: Filippo Beroaldo und sein Kommentar zum Goldenen Esel des Apuleius. München: Fink, 1971, pp. 180-193 für die Bibliographie Beroaldos; für einen Abriß seines Lebens cf. p. 9 sqq.
¶ „Der Kommentar, auch wenn er Apuleius zum Anlaß hat, soll also ausdrücklich auch allgemeinere Bildungsbedürfnisse der Studenten, für die er ja hauptsächlich geschrieben wurde, befriedigen und außer der Erläuterung des einen Werkes auch eine Hilfe für das Verständnis weiterer antiker Texte und damit eine Art Einführung in die Altertumswissenschaft überhaupt geben.“ (Krautter, p. 41) „Neben den notwendigen, teils lakonisch knappen, teils sehr ausführlichen Bemerkungen zur Textkritik und Worterklärung stehen oft weitschweifige Sacherläuterungen zu Fragen der Magie, Mythologie, Religionsgeschichte, Geographie und all den mannigfaltigen Realien, an denen der apuleianische Roman so reich ist. (...) Neben zahlreichen Ausblicken in die juristische Literatur, ..., begegnen immer wieder Exkurse auf das Gebiet der Medizin und Naturwissenschaften, wobei außer den theoretischen Kenntnissen auch deren praktische Anwendung in Hygiene und Diätetik, Landwirtschaft und nicht zuletzt in der Gastronomie eine bedeutende Rolle spielt. (...) Offenbar sind es die realistischen Schilderungen und die starken biotischen Elemente im Roman des Apuleius, diesem ‚Spiegel menschlicher Sitten’, die solche Abschweifungen des Philologen nicht nur rechtfertigen, sondern geradezu herausfordern.“ (Krautter, p. 40 sqq.)
¶ Allgemein läßt sich sagen, daß Beroaldo die aktualisierende Interpretation vorzieht, indem er immer wieder das textlich Vorliegende mit seiner Gegenwart mittels Aperçus oder eingeflochtener kleiner Geschichten verbindet. Stilistisch hingegen ist dieser Kommentar als eine literarische Gattung mit künstlerischem Anspruch einzuordnen, was sich besonders in der Sprache, die durch Ausgewähltheit dem behandelten Vorbild gleichkommt, ausdrückt. Dies steht in Zusammenhang mit Beroaldos grammatikalischem Verständnis: Es ist nicht normativ, sondern empirisch am Diskurs der lebendigen Sprache orientiert, was ihn wie Politian in Gegensatz zu den Ciceronianern stellte. So ist auch die lnterpretationsweise historisch-wörtlich, weder allegorisch wie die des Fulgentius Planciades, noch anagogisch. (Zur Aktualität dieser Rezeptionsmethode: cf. Edgar Wind: Pagan Mysteries in the Renaissance. London: Faber and Faber, 1968. pp. 58-9 & ann. 22, führt Beroaldos Text in einer späteren Ausgabe (Lyon, 1587) als Belegstelle an.) Die aus solcher Einstellung resultierende textkritische Genauigkeit der Edition drückt sich am besten darin aus, daß „von rund 380 Emendationen nicht weniger als 265 auch in den neuesten Ausgaben der Metamorphosen als zutreffend bestätigt“ sind. Siehe Krautter, p. 129; cf. p. 134 sqq. für genaue Listen.

Einbanddeckel unwesentlich wurmstichig, Rücken im zweiten Feld etwas wurmstichig; erstes, zweites und fünftes Feld fleckig; Schließbänder mit Pergament und vordere fl. Bll. mit handgeschöpftem Bütten erneuert. Innen der Titel mit kleiner Läsur und etwas Leimschatten; einige Lagen mit schmalem, max. 11 mm breitem, nicht störendem Wasserrand im oberen weißen Rand innen, die letzten Bll. mit vier kleinen Wurmstichen; sonst bis auf wenige Fleckchen sehr sauber und frisch. Mit dem nicht immer vorhandenen Index, hier am Schluß miteingebunden.
¶ Provenienz: 1. Fein geschriebener, zeitgenössischer Besitzeintrag auf dem Titel oben: „lacobi de Mosham:- “ Dies wohl der lutheranische Bruder des Ruprecht von Moshaim, Jacob, der dessen Phemonis kynosophion herausgab und auch eigenes veröffentlichte, vide BM STC 630. Cf. Jöcher/Adelung lV,1813. – 2. Großes gestochenes Exlibris montiert auf das Titelverso: „Ex Bibliotecha lllustris ac Generosi Domini Dni Ferdinandi Hoffman Liberi Baronis in Grvnpühel et Strecav, (...)“.

First edition. Contemporary pigskin-backed wooden boards, four raised bands, two clasps. Small wormholes, new upper flyleafs, clasps repaired, small waterstain. Otherwise a fine crisp copy. Beroaldo, an Italian humanist, was active as a professor at the University of Bologna and a very popular teacher. He also sometimes worked as a diplomat for Bentivoglio.

GW 2305 – Hain 1319 – Lülfing/Altmann: 8erlin 2790a – Stillwell A 837 – Proctor 6647 – BMC Vl,845-6 – Goff A 938 – HC 1319 – Pell 926 – Ebert 857 – Hamberger ll,346-7 – Brunet4 l,135 – Krautter p. 190 – nicht in BPH l,1-2; nicht bei Valsecchi: Ambrosiana – BibliographienText.
Die Abbildungen stammen aus meinem Katalog acht und wurden bearbeitet. Die Fußnoten des gedruckten Kataloges sind hier eingearbeitet oder in Klammern gesetzt eingefügt.

 

Der gerissene Lederteil eines der Schließbänder wurde von der Buchbinderin des Auktionshauses, bei dem ich dieses Werk erwarb, durch einen Pergamentstreifen ersetzt, das noch intakte andere Schließband ebenfalls auf diese Weise „restauriert“. Ohne Einfühlungsvermögen, ohne Kenntnis von Einbänden des frühen 16. Jh., ohne Fertigkeit in ihrem Gewerbe. Meine Gefühle, als ich das Buch abholte, darf ich verschweigen.

Nebenbei angemerkt: Dasselbe Auktionshaus bei dem ich einige Jahre später einen Pergamentband ersteigerte, der sich als Pappband erwies.

„Das Merkwürdige an der Bearbeitung des Apuleius ist jedoch, daß er all die Erscheinungen der Magie im Eselsroman, auch die komischsten, völlig ernst nahm; er hat es unternommen, aus einem der geistig freiesten und unbekümmertsten Werke der antiken Literatur eine religiöse Propagandaschrift zu machen, wiederum durch eine simple Erweiterung der übernommenen Handlung.“ — Helmut van Thiel: Abenteuer eines Esels oder die Verwandlungen des Lukios. Der griechische Eselsroman rekonstruiert, übersetzt, erläutert. München: Heimeran, 1972. p. 80.

Dazu paßt die erste Beschreibung der Anwendung von Hexensalbe in der Literatur:

„Iamque circa primam noctis vigiliam ad illud superius cubiculum suspenso et insono vestigio me perducit ipsa perque rimam ostiorum quampiam iubet arbitrari, quae sic gesta sunt. Iam primum omnibus laciniis se devestit Pamphile et arcula quadam reclusa pyxides plusculas inde depromit, de quis unius operculo remoto atque indidem egesta unguedine diuque palmulis suis adfricta ab imis unguibus sese totam adusque summos capillos perlinit multumque cum lucerna secreto conlocuta membra tremulo succussu quatit. Quis leniter fluctuantibus promicant molles plumulae, crescunt et fortes pinnulae, duratur nasus incurvus, coguntur ungues adunci. Fit bubo Pamphile. Sic edito stridore querulo iam sui periclitabunda paulatim terra resultat, mox in altum sublimata forinsecus totis alis evolat.“ (III,21)

„Sobald es Nacht war, holt sie mich ab und führt mich leisen, unhörbaren Tritts hinauf an die Erkerstube. Da zeigt sie mir eine verborgene Ritze in der Tür und läßt mich hindurchgucken; wo ich denn folgendes sah: Allererst zieht sich Pamphile fasernackt aus. Nachher schließt sie eine Lade auf, woraus sie verschiedene Büchschen nimmt. Eines von diesen Büchschen öffnet sie und holt daraus eine Salbe, die sie so lange zwischen beiden Händen reibt, bis sie völlig zergangen ist, alsdann beschmiert sie sich damit von der Ferse bis zum Scheitel. Nun hält sie ein langes, heimliches Gespräch mit ihrer Lampe. Darauf schüttelt und rüttelt sie alle ihre Glieder. Diese sind nicht sobald in wallender Bewegung, als daraus schon weicher Flaum hervortreibt. In einem Augenblick sind auch starke Schwungfedern gewachsen, hornicht und krumm ist die Nase; die Füße sind in Krallen zusammengezogen. Da steht Pamphile als Uhu! Sie erhebt ein gräßliches Geheul und hüpft zum Versuche am Boden hin. Endlich hebt sie sich auf ihren Flügeln in die Höhe und in vollem Fluge hinaus zum Erker!“ — Übersetzt von August Rode, 1920.
 

“Apuleius of Madaura is a striking example of one of those men, highly educated in the general culture of the Graeco-Roman world who, weary of the stale teachings of the schools, sought for salvation in the occult, and particularly in the Egyptian type of the occult. Born circa A.D. 123, Apuleius was educated at Carthage and at Athens and later travelled to Egypt where he became involved in a lawsuit in which he was accused of magic. He is famous for his wonderful novel, popularly known as The Golden Ass, the hero of which is transformed by witches into an ass, and after many sufferings in his animal form, is transformed back into human shape after an ecstatic vision of the goddess Isis, which comes to him on a lonely seashore whither he has wandered in despair. Eventually he becomes a priest of Isis in an Egyptian temple. The whole mood of this novel, with its ethical theme (for the animal form is a punishment for transgression), its ecstatic initiation or illumination, its Egyptian colouring, is like the mood of the Hermetic writings. Though Apuleius was not really the translator of the Asclepius, that work would certainly have appealed to him.

Augustine calls Apuleius a Platonist, and he attacks him for the views on airy spirits or daemones which he held to be intermediaries between gods and men in his work on the ‘demon’ of Socrates. Augustine regards this as impious, not because he disbelieves in airy spirits or demons but because he thinks they are wicked spirits or devils. He then goes on to attack Hermes Trismegistus for praising the Egyptians for the magic by which they drew such spirits or demons into the statues of their gods, thus animating the statues, or making them into gods. Here he quotes verbally the god-making passage in the Asclepius. He then discusses the prophecy that the Egyptian religion will come to an end, and the lament for its passing, which he interprets as a prophecy of the ending of idolatry by the coming of Christianity. Here too, therefore, Hermes Trismegistus is a prophet of the coming of Christianity, but all credit for this is taken away by Augustine’s statement that he had this foreknowledge of the future from the demons whom he worshipped.” — Francis A. Yates: Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, pp. 9-10.

 

Mehr zu Biographie und Werk des Apuleius unter der Aldine.

Apuleius & Alcinous: Metamorphoseos, sive lusus Asini libri XI

Ein vergleichbares Werk der italienischen Renaissance: Francesco Colonna: Hypnerotomachia Polifili

Francesco Colonna: Hypnerotomachia Polifili. Textkritische Ausgabe