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Traktat über die drei Betrüger – Spinoza II. oder Subiroth Sopim

 

Spinoza II. oder Subiroth Sopim

 

Das erste Capitel. — Von Gott.

Das zweyte Capitel. — Von den Ursachen, so die Menschen bewogen haben, sich ein unsichtbares Wesen einzubilden, oder das, was man insgemein Gott nennet.

Das dritte Capitel. — Was das Wort Religion bedeute, wie und warum sich eine so große Menge in der Welt eingeschlichen hat.

Das vierte Capitel. — Handgreifliche und offenbare Wahrheiten.

Das fünfte Capitel. — Von der Seele.

Das sechste Capitel. — Von den Geistern, die man insgemein Teufel nennet.

 

Vorrede

Es ist dies das bekannte und berüchtigte Buch, über dessen Existenz man schon so lange gestritten hat, nemlich: de tribus Impostoribus. Morhof in seinem Polyhistor sagt: „Inter damnatos primo loco numerantur „Scriptores Athei, qui doctrinam de Deo, „de Christo, de immortalitate animae exstirpatum eunt. Princeps in his liber ille „famosus est de tribus Impostoribus.“ Also rechnet er den Verfasser zu den Atheisten.

Ich habe mir vorgesezt, meine Meinung über das Wort Atheist bei dieser Gelegenheit zu sagen. Ein Atheist ist ein solcher Mensch, der gänzlich das Daseyn eines Gottes oder einer Gottheit läugnet. Dies ist aber wohl schwerlich je der Fall gewesen, und wir werden lange suchen müssen, um einen Atheisten zu finden. Wir können uns aus der Geschichte überzeugen, daß alle diejenigen, die man so lange immer als Atheisten verschrien hat, in der That keine Atheisten sind. Sie dachten sich ein göttliches oder geistiges Wesen, und waren nur im Ideale verschieden. Diejenigen kann man schlechterdings nicht zu den Atheisten zählen, welche irrige und falsche Begriffe von Gott und der Religion gehabt haben sollen. Julianus nannte selbst die christliche Religion ἀδεότητα. Allein Joh. Ludw. Fabricius hat schon in apologet. pro gener. human. contr. atheismi calumniam bewiesen, daß es keine Atheisten gebe, ob es gleich Bayle und Rüdiger behauptet haben. Wir können als gewis behaupten, daß es niemals Atheos dogmaticos gegeben habe. Denn wenn Aristoteles behauptet, Gott sey nicht die causa prima rerum omnium; so verwarf er doch so wenig einen Gott als die Stoiker, die Gott und die Natur für Ein Wesen hielten. Ferner läugneten weder Epicurus (wie Stolle in der heidn. Moral p. 195. zeigt) noch die Eleatische Schule das Daseyn einer Gottheit. Diesen angeführten sind die Neuere gefolgt, unter denen ich nur Spinoza erwehnen will. Dieser Mann, der zu Amsterdam von jüdischen Aeltern gebohren wurde, den man überall schäzte, folgte dem Eleatischen System. In seiner Ethic sagt er: Es kann nicht anders seyn, der Mensch muß ein Theil der Natur seyn. Ferner: die Kraft, durch welche der Mensch jedes einzelne Ding, folglich sein Wesen erhält, ist selbst Gottes oder der Natur, nicht in soweit sie unendlich ist, sondern in so weit sie durch wirkliche Essenz kann dargesellt und gezeigt werden: Deshalb ist die Kraft des Menschen, in so weit sie durch seine wirkliche Essenz ausgedrükt wird, ein Theil der unendlichen Kraft Gottes oder der Natur. Was er von der Seele sagt, ist nicht so leicht, zu widerlegen, als man immer geglaubt har. Dies sind seine Gedanken: Die Seele ist eim Theil des unendlichen Verstandes Gottes; und wenn wir sagen: die menschliche Seele begreife und vernehme dies oder jenes; so sagen wir nichts anders als, daß Gott nicht in so weit er unendlich, sondern in so weit er durch die Natur der menschlichen Seele erklärt wird, oder sich vorstellt und zeigt, das ist, in sö weit er das Wesen der menschlichen Seele ausmacht, diese oder jene Idee habe. Diese natürliche und eben nicht unrichtige Vorstellung, beruhet auf seinem Hauptprincipio: er sey nur eine Substanz, welches er aus folgende Art zu beweisen sucht: In der ganzen Natur können nicht zwo oder mehrere Substanzen von einer Natur und Eigenschaft seyn; eine Substanz kann nicht von einer andern Substanz hervor gebracht werden; zu der Natur der Substanz wird erfordert, daß sie sey, oder existire; eine jede Substanz, kann nicht anders. als unendlichs eyn, oder ist nothwendig unendlich.

Es ist hier nicht der Ort und meine Absicht jeden Saz zu beweisen; vielleicht, daß sich eine andere Gelegenheit dazu findet. Ich habe blos die Lehrsäzze des grossen Mannes angeführt, damit der Leser selbige mit diesem Buche in parallel stellen kann, Der Verstand der meisten Menschen ist doch jezt schon so weit gediehen, daß er so ziemlich das Wahre vom Falschen zu unterscheiden weis.

Was die Zeit betrift, in welcher dies Buch: de tribus Impostoribus geschrieben seyn soll; so wird man hinten aus desselben Geschichte sehen, daß es zur Zeit Kaisers Friedrich II. und zwar an dessen Hofe verfertiget seyn soll. Dies mag wohl daher kommen, daß Gregorius IX den Kaiser 1239, am 24 Maerz in den Bann that, und ihm unter andern beschuldigte, er habe auf dem Reichstage zu Frankfurt, 1234, zum Landgraf Heinrich von Thüringen gesagt: Es wären drei große Betrüger in der Welt gewesen, nemlich Moses, Jesus und Mohamed, wogegen er sich aber in einem besondern Schreiben an die Prälaten in Deutschland, in einem Briefe an die Cardinäle und an die Römer vertheidigt. Auch hat Mathäus Parisiensis seine Vertheidigung über sich genommen. Es kann eine leere Beschuldigung des gottlosen Pabstes gewesen seyn, die aber doch in der Folge die Ursache zur Entstehung dieses Buchs wurde. Daß es aber nicht so alt sey, als man geglaubt hat; davon finden wir den Beweis in ihm selbst. Im dritten Kap. §. XV. spricht der Verfasser vom Antichrist, und meint, es wären bereits mehr als 1600 Jahre verstrichen, und er hätte sich noch nicht sehen lassen; und §. XXII. sagt er am Ende von der Lehre des Mohamed, daß es nach 1000 Jahren noch keinen Anschein habe, als werde sie untergehen. Ferner wird im fünften Kap. §. VI. Cartesius erwehnt. Diese Beweise sind hinlänglich, um das Alterthum dieses Buchs um sehr vieles zu mindern.

Wollen wir aber den Verfasser wissen; so wird es schwer seyn, ihn zu errathen. Viele haben den Benardinus Ochinus, einen Mediciner, andere den Muretus, wieder andere den Petrus Aretinus und deren noch mehrere für den Verfasser gehalten: Aber es ist nicht gewis und noch dazu schwer zu bestimmen. Ich, für mein Theil, halte dafür, daß es ein Holländer geschrieben habe. Denn diese haben sich im vorigen Jahrhundert rühmlich hervorgethan, den Aberglauben, Irrglauben und die falschen Meinungen auszurotten. Wer kennt nicht den Antonius van Dale? den Balthasar Bekker, und seine bezauberte Welt? Diese wurde so gut aufgenommen, daß in zween Monate 4000 Exemplare sind verkauft worden. Sonderbar ists, daß sich darin sehr vieles befindet, das dies Buch mit dem gemein hat. Doch will ich ihn nicht geradezu für den unbekannten Verfasser halten; sondern ich glaube vielmehr, daß es, wo nicht Spinoza selbst, doch zum wenigsten einer seiner Schüler sey; indem seine ganze Lehre darin vorgetragen ist. Spinoza sucht, wie Cartesius, alles mathematisch zu beweisen; und wir finden sogar in diesem Buche, daß sich der Verfasser an etlichen Orten auf die Mathematik beruft. Doch er mag seyn,wer er will; so ist gewis, daß er die Mühseeligkeiten dieses Lebens überstanden habe.

Der Verfasser hatte dieses Buch lateinisch geschrieben, wie man allgemein behauptet: Allein es ist auch in andere Sprachen übersezt, aber meines Wissens nie, weder das Original noch eine Uebersezzung, gedrukt worden; obgleich Morhof schreibt: Dicitur & in Germanicam linguam conversus, impressusque in folio latitare apud seelestos Atheismi propugnatores.

Das Mscrpt dieser deutschen Uebersezzung ist mir von ohngefehr in die Hände gerathen. Es führte den Titel: Das Buch von denen dreyen Erzbetrügern, Mose, Mesia und Mahomed, oder vom Gebrauch der Vernunft, oder Subiroth Sopim. Ein überaus rares Manuscript in französischer Sprache. Nunmehro aber ins Teutsche übersezt, und mit einer historischen Nachricht vermehret. 1745. —— Da ich nun kein lateinisches Manuscript bekommen konnte, um zu vergleichen; so behielt ich auch die deutsche Uebersezzung so bei, wie ich sie erhalten habe. Daher ist der Styl auch aus der vorigen Hälfte unsers Jahrhunderts. Die Anmerkungen bei den $$. wird man mir weder übelnehmen noch übeldeuten. Sie schienen mir hie und da nothwendig zu seyn. Uebrigens hab’ ich mich ebenfalls auf das Recht der Natur verlassen, meine Meinung frei zu sagen. Wer anderer Meinung ist, darf am wenigsten von mir Bannstrahien befürchten; allein ich verbitte mir auch die seinigen.

Auch hab’ ich dabei einen Beitrag geliefert, nemlich von der Erbsünde, und habe zum Beschluß einige Gedanken über das Ganze beigefügt, um einen oder den andern vor Versündigung zu sichern. Meine Absicht dabei ist gut, und ich denke durch die Herausgabe dieses Buchs ein Scherflein zur Aufklärung beizutragen. Ich glaub’ also kein Licht auf Stroh zu werfen, und ein ganzes Gebäude dadurch in Flummen zu sezzen, damit andere im Löschen geübt werden.

Warum ich einen andern Titel gewählt habe, kann jeder leicht errathen.

So gehe denn hin, liebes Buch, in alle Welt, und lehre alle Heiden, und mache, daß sie sich bekehren. Sey nicht schüchtern, doch hüte dich, daß du nicht in die Hände der Gottlosen geräthst, die dich verachten, und deines Namens Gedächtnis ausrotten wollen. Gehe hin, ohne Schmuk, und sey nicht traurig, wenn dich dieser oder jener nicht lesen noch ehren will; gehe heraus, und schüttele den Staub von deinen Füssen. Allen Seegen wünsch’ ich dir mit auf den Weg, gleich einem Vater, der seinen Sohn in die Fremde schikt. Meinen Frieden geb’ ich dir. Leb wohl!

Der Herausgeber.

 

Das erste Capitel. Von Gott.

Obwohl allen Menschen daran gelegen ist, die Wahrheit zu erkennen, so sind doch nur gar wenige, die sie kennen, weil der meiste Theil nicht im Stande ist, selber sie zu suchen, oder sich nicht die Mühe geben will. Folglich muß man sich nicht wundern, wenn die Welt voll Meynungen ist, die ohne Grund, ja gar lächerlich sind, weil kein Ding mehr als die Unwissenheit ihren Lauf befördert [a]. Diese ist die einzige Quelle von den falschen Vorstellungen, die man von der Gottheit, imgleichen von der Seele, von den Geistern, und fast von allen andern Sachen hat. Die Gewohnheit ist dergestalt zum Meister worden, daß man sich an den angebohrnen Vorurtheilen begnüget, und sich auf eigennützige Leute in allen Stücken verlässet, welche die eingeführte Meynungen halsstarrig behaupten, und anders reden, als sie gedenken, aus Furcht sich sonsten selber Schaden zu thun.

§ 2 — Was aber dieses Uebel unheilbar macht, ist, nachdem man die abgeschmackten Vorstellungen, die man von Gott sich einbildet, eingeführet hat, man das Volk angewöhnt, sie zu glauben, ohne sie zu untersuchen. Man macht ihm einen Abscheu vor den wahren Gelehrten; aus Furcht, es möchte ihm die Vernunft, welcher diese folgen, die Irrthümer erkennen lassen, darinnen es steckt. Die Gönner dieser abgeschmackten Sachen haben es so weit gebracht, daß es gefährlich ist, sie zu bestreiten, Es ist ihnen so viel daran gelegen, das Volk in der Unwissenheit zu erhalten, daß sie nicht leiden können, wenn man ihnen den Irrthum benehmen will, Also muß man entweder die Wahrheit verhehlen, oder sich der Wuth der falschen Gelehrten aufopfern, und dem Zorn der eigennützigen Gemüther Preiss geben. [b]

§ 3 — Wenn das Volk wüßte in was vor einen Abgrund die Unwissenheit es stürzet, so würde es gar bald das Joch dieser Leute abschütteln, die alles vor Geld thun. Denn man muß nothwendig die Wahrheit entdecken, wenn man die Vernunft gebraucht [c]. Damit man die guten Wirkungen verlindern möge, die die Vernunft ohnfehlbar erzeigen würde, so mahlt man sie ab als ein Ungeheuer, welches nicht im Stande ist einige gesunde Gedanken einzuflößen. Und ob wohl man überhaupt diejenigen tadelt, welche nicht vernüftig sind, so giebt man doch vor, die Vernunft sey ganz verkehrt. Also fället man in unaufhörliche Widersprüche, so, daß niemand weiß, was die Feinde der Vernunft haben wollen. Unterdessen ist gewiß, daß die richtige Vernunft die einzige ist, welcher der Mensch folgen soll, und daß das Volk hierzu nicht so ungeschickt ist, als man ihm weiß machen will [d]. Allein es wäre nöthig, daß diejenigen, die das Volk unterrichten, sich Mühe gäben, seine falsche Meynungen zu verbessern, und seine Vorurtheile auszulöschen [e]. So dann würde man sehen, wie das Volk nach und nach die Augen öfnen, die Wahrheit zu begreifen geschickt werden, und lernen würde, daß Gott gar nicht dasjenige sey, was man sich einbildet.

§ 4 — Zu dem Ende ist nicht nöthig, weder große Speculationes zu machen, noch sehr tief in die Geheimnisse der Natur einzudringen. Man darf nur ein wenig natürlichen Verstand haben, so siehet man, daß Gott weder zornig noch abgünstig ist, daß die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit falsche Eigenschaften sind, die man ihm beylegt, und kurz, daß seine Natur und Wesen gar nicht in demjenigen bestehe, was die Apostel und Propheten vorgegeben haben. In der That, wenn man die Sachen aufrichtig sagen will, wie sie sind, so ist gewiß daß diese Leute weder geschickter noch gelehrter waren, als andere, ja, daß vielmehr alles, was sie hiervon sagen, dermaßen plump ist, daß man dumm seyn muß, wenn man es glauben soll. Die Sache ist von selbsten klar; allein, damit sie noch geläufiger werde, so wollen wir sehen, ob es wahrscheinlich sey, daß sie besser gewesen sind, als andere Leute [f].

§ 5 — Betreffend ihre Geburt und ordentliche Verrichtungen, so ist man darinn einstimmig, daß sie nichts übermenschliches hatten, daß sie von Mann und Frau geboren waren, und sich nährten wie wir. Betreffend aber ihren Geist, so gibt man vor, daß Gott auf ganz andere Weise darinnen gewohnet, und daß sie einen weit aufgeklärtern Verstand gehabt, wie wir. Man muß gestehen, daß das gemeine Volk sich sehr gerne verblendet, weil man selbiges vorschwatzte, Gott liebe die Propheten mehr als andere Leute, und offenbare sich ihnen besonders, so glaubt es dieses eben so treuherzig, als wenn es eine offenbare Wahrheit wäre, ohne zu betrachten, daß alle Menschen einander ähnlich sind, und daß sie alle einerley Ursprung haben, dem alles gleich ist, so geben sie vor, diese Leute wären von außerordentlicher Beschaffenheit und ausdrücklich dazu gemacht, um die Aussprüche Gottes zu verkündigen. Aber, nebst dem; daß sie nicht mehr Verstand hatten, als jederman hat, noch größere Fähigkeit besaßen, was sehen wir denn in ihren Schriften, das uns bewegen sollte, höhere Gedanken von ihnen zu fassen, als von andern? Das meiste von ihren Reden ist so dunkel [g], daß man es nicht versteht, und so unordentlich, daß man wohl sieht, es sind sehr unwissende Leute gewesen. Was Gelegenheit gegeben hat, zu der Meynung, die man von ihnen heget, ist dieses, daß sie sich rühmten, alles unmittelbar von Gott zu haben, was sie dem Volk verkündigten [h]. Welches eine abgeschmackte und lächerliche Meynung ist, da sie ja selbst gestunden, daß Gott im Traum mit ihnen rede [i]. Denn da die Träume etwas natürliches sind, so muß ein Mensch sehr ruhmräthig und unvernünftig seyn, wenn er vorgibt, Gott rede zu solcher Zeit mit ihm, und der so ihm Glauben beymißt, muß sehr leichtgläubig seyn, weil gar keine Wahrscheinlichkeit da ist, daß Träume sollten göttliche Aussprüche seyn. Ja, gesetzt, Gott habe sich gegen einen oder den andern im Traume offenbaret, oder durch ein Gesicht, oder auf andere Weise, so ist doch niemand verbunden, einem Menschen zu glauben, der irren kann, ja was noch ärger, der lügen kann. Wir sehen auch, daß man zu Zeiten des alten Gesetzes vor die Propheten nicht so viele Hochachtung gehabt, als man heut zu Tage hat. Wenn man ihres Geschwätzes müde war, so nur darauf abzielte, das Volk vom Gehorsam gegen ihren rechtmäßigen König abzureden [k], so stopfte man ihnen das Maul durch allerhand Todesstrafen, so gar, daß Christus selber unterlag, weil er nicht, wie Moses, eine Armee zu seinem Gefolge hatte, um seine Meynungen zu vertheidigen [1]. Hierzu kommt, daß die Propheten dermaßen gewohnt waren, einander zu wiedersprechen, daß unter 400 nicht ein wahrhaftiger war [2]. Ferner, so ist gewiß, daß der Zweck ihrer Prophezeihungen so wohl als der Gesetze von den berühmtesten Gesetzgebern war, ihr Angedenken zu verewigen, indem sie dem Volke weiß machten, sie giengen vertraulich mit Gott um. Die feinsten Politici machten es allezeit so, obschon diese List bey denenjenigen nicht anging, die nicht wie Moses vor ihre Sicherheit sorgen konnten.

§ 6 — Dieses vorausgesetzt, so wollen wir den Begrif untersuchen, den die Propheten von Gott gehabt. Nach ihrer Aussage ist Gott ein pur cörperliches Wesen [l], Micha sieht ihn sitzen; Daniel weiß gekleidet in Gestalt eines Alten. Ezechiel wie ein Feuer. Das ist im alten Testament. Im neuen bilden sich die Jünger Christi den heil. Geist unter Gestalt einer Taube vor, die Apostel als feurige Zungen, und Paulus als ein Licht, das verblendet, und blind macht. Was die Widersprüche in ihren Meynungen betrifft, so glaubte Samuel I Sam. 15, 29. it, 18, 10. es gereue Gott nicht, was er einmal beschlossen. Unterdessen sagt Jeremia 28, 20: Es gereuet Gott, was für einen Schluß er gefasset. Joel 2, 13. sagt, es reue ihm nichts, als das Uebel, das er dem Menschen zufüge, das 1 Buch Mosis sagt: der Mensch sey Herr über die Sünde, und käme es nur auf ihn an, Gutes zu thun, dahingegen Paulus sagt: die Menschen hätten keine Macht über die Luft, ohne eine ganz besondere Gnade und Ruf Gottes. Dieses sind die edlen Meynungen, die diese gute Leute von Gott gehabt, und die man als wahr annehmen soll, da doch alles in solchen sinnlich und materialisch ist, wie man siehet. Und dennoch sagt man, Gott habe mit der Materie nichts gemein, und daß er vor uns etwas unbegreifliches ist. Ich möchte wissen, wie man dieses zusammen reimen kann. Ob es billig sey, dergleichen offenbare Widersprüche zu glauben, die so wenig wahrscheinlich sind? und ob man sich soll auf dergleichen dumme Leute verlassen, welche ungeachtet der Kunststücke Mosis, sich einbildeten, ein Kalb sey ihr Gott? Aber uns ohne bey den thörigten Einfällen eines Volks aufzuhalten, das in der Sclaverey, und unter abergläubischen Leuten erzogen war, so wollen wir sagen, daß die Unwissenheit eine Mutter der Leichtgläubigkeit und der Lügen ist, woraus hernach alle heutiges Tages herrschende Irrthümer entstanden sind.

 

Das zweyte Capitel. Von den Ursachen, so die Menschen bewogen haben, sich ein unsichtbares Wesen einzubilden, oder das, was man insgemein Gott nennet.

Diejenigen, so die natürlichen Ursachen lehren, haben eine natürliche Furcht, welche aus dem Zweifel entsteht, darinnen sie leben, ob eine Macht sey, die ihnen helfen oder schaden kann, daher ist die Neigung gekommen, die sie haben, unsichtbare Wesen zu erdichten, d. i. ihre eigene Hirngespinster, die sie in ihren Nöthen anrufen, die sie in ihrem Glück loben, und daraus sie endlich sich Götter machen [m]. Und diese leere Furcht vor denen unsichtbaren Mächten ist der Saamen der Religionen, die jederman nach Belieben sich erdenket. Viele, denen daran gelegen war, daß das Volk durch dergleichen Einbildungen im Zaum gehalten würde, haben diesen Religionssaamen unterhalten, ein Gesetz daraus gemacht, und das Volk durch die Sorge des Künftigen angespornet, ihnen blindlings zu gehorchen.

§ 2 — Nachdem die Quelle der Götter gefunden war, so glaubten die Menschen, jene wären ihnen ähnlich, und thäten gleich wie sie, alles um einer gewissen Ursache willen. Denn sie sagen alle einhellig, Gott habe alles um des Menschen Willen gemacht, und hingegen sey der Mensch blos um Gottes willen da. Weil dieses Vorurtheil allgemein ist, so wollen wir sehen, warum die Menschen so geneigt sind es anzunehmen, damit wir hernach zeigen können, daß sie daher Gelegenheit genommen, sich einen Begriff vom Guten und Bösen, von Tugend und Sünde, von Unordnung und Ordnung, von Lob und Schande, von Schönheit und Häßlichkeit, und dergleichen Dingen zu machen.

§ 3 — Jedermann muß gestehen‚ daß alle Menschen in tiefer Unwissenheit geboren werden, und daß die einzige unter ihnen natürliche Sache ist, das zu suchen, was ihnen nützlich und vortheilhaftig ist. Daher kommt, daß man erstlich glaubt, zur Freyheit sey genug, wenn man bey sich selber spüre, man könne wünschen und wollen, ohne sich um die Ursachen zu bekümmern, die zum Wollen und Wünschen bewegen, weil man sie nicht kennet. Zweytens, es sey genug, daß die Menschen nichts ohne Absicht thun, die sie allen andern Sachen vorziehen, also haben sie keinen andern Endzweck, als die Endursachen ihrer Handlungen zu erkennen, in der Meinung, daß sie außer diesem weiter an nichts mehr zu zweifeln, oder sich zu bekümmern haben. Indem sie nun in sich und außer sich Mittel finden, zu ihrem Wunsche zu gelangen, indem sie z. E. Augen haben zu sehen, Ohren zu hören, Thiere zur Nahrung, eine Sonne, die ihnen leuchtet, so haben sie also geschlossen, es sey nichts in der Natur, als um ihrentwillen, und hätten sie über alles zu gebieten [n]. Indem sie ferner betrachteten, daß sie nicht selber die Welt gemacht hätten, so hielten sie sich berechtiget zu glauben, daß ein höchstes Wesen sey, welches die Welt, so wie sie ist, für sie zubereitet habe [o]. Denn nachdem sie sich einbildeten, sie könne sich nicht selber gemacht haben, so schlossen sie, sie wäre ein Werk eines oder mehrerer Götter, die sie zur Luft und zum Gebrauche, allein der Menschen bestimmt hätten. Da nun anbey die Natur der Götter, die sie annahmen, ihnen unbekannt war, so urtheilten sie davon nach der ihrigen, in der Einbildung, die Götter wären gleichen Leidenschaften, als sie, unterworfen, hätten also die Welt blos für sie gemiacht, und wären sie den Göttern sehr lieb. Wie nun die Neigungen sehr unterschieden sind, so bemühte sich ein Jeder, Gott nach seinem Willkühr anzubeten, und dessen Seegen auf sich zu ziehen, und die ganze Natur seinen Begierden unterthänig zu machen.

§ 4 — Als nun auf solche Weise dieses Urtheil zu einem Aberglauben geworden, so wurzelte es dermaßen tief, daß die allerdummsten sich für fähig hielten, die Endursachen einzusehen, eben als wenn sie eine vollkommene Wissenschaft davon hätten, so daß, anstatt zu zeigen, was maaßen die Natur nichts umsonst thue, sie bewiesen haben, daß Gott und die Natur eben so unnütze Dinge vornehmen, als die Menschen. Denn da sie aus der Erfahrung lernten, daß unzählige Unbequemlichkeiten das Vergnügen des Lebens stören, dergleichen sind die Stürme, Erdbeben, Krankheiten, Hunger und Durst, so schrieben sie alles dieses Uebel dem Zorn der Götter zu, von denen sie glaubten, sie wären über die Beleidigungen der Menschen empfindlich, und dieses Vorurtheil wollten sie nicht fahren lassen, ohnerachtet der täglichen Exempel, welche bewiesen, daß Gutes und Böses zu allen Zeiten die Frommen und Gottlosen gleich betreffen. Die Ursache davon war, weil es ihnen leichter fiele, in der natürlichen Unwissenheit zu bleiben, als ein Vorurtheil auszurotten, das seit viel 100 Jahren sich eingeschlichen hatte, um dagegen etwas wahrscheinliches anzunehmen.

§ 5 — Dieses Vorurtheil leitete sie in ein anders, nehmlich zu glauben, es wären die Gerichte Gottes ihnen unbegreiflich und deswegen sey die Erkenntniß der Wahrheit über den menschlichen Verstand erhoben. In welchem Irrthum man noch stecken würde, wenn nicht die Mathematik (Meßkunst) und einige andere Wissenschaften dieses Vorurtheil abgebracht hätten.

§ 6 — Um zu beweisen, daß die Natur sich keine Absichten zu erreichen vorsetzt, und daß alle Endursachen, blos menschliche Erdichtungen sind, so ist wohl nöthig, weitläuftige Reden zu halten, weil diese Lehre Gott seine Vollkommenheit wegnimmt, die man ihm beylegt. Ich beweise dieses also: wenn Gott um einer Absicht willen handelt, es sey nun vor ihn selbst, oder vor jemand anders, so verlangt er etwas, das er nicht hat, und muß man gestehen, daß eine Zeit gewesen, da Gott das nicht hatte, warum er jetzo würket, und daß er also sich gewünscht es zu haben, auf welche Weile man Gott bedürftig macht. Und damit wir nichts vorbey lassen, was diesen Schluß befestigen kann, so wollen wir ihm das Urtheil der Gegenparthey entgegen setzen. Wenn z. E. ein Stein herabfält, und einen todt schlägt, so sagen sie: dieser Stein muß in der Absicht herabgefallen seyn um diesen Menschen zu tödten, und wäre nicht geschehen, wenn es Gott nicht hätte haben wollen [p]. Antwortet man, der Wind habe den Stein herabgeworfen, zu eben der Zeit, als der Mensch vorbeyging, so fragen sie, warum der Mensch just zu der Zeit vorbeyging, als der Wind den Stein los machte? Antwortet ihr; der Wind sey damals heftig gewesen, weil das Meer seit den vorigen Tagen her sehr bewegt war, obwohl man in der Luft keine große Bewegung gespüret, und daß dieser Mensch zu Gaste gebeten gewesen, dahin er denn gehen wollen. So fragen sie weiter: (denn sie lassen niemals nach) warum dieser Mensch vielmehr jetzo als zu einer andern Zeit zu Gaste gebeten war? Und machen also eine unendliche Menge Fragen, und trachten mich damit zum Geständniß zu bringen, daß der Wille Gottes allein, als die Zuflucht aller Unwissenden, die Ursache des Herabfalles sey. Also auch, wenn sie den Bau des menschlichen Leibes sehen, so gerathen sie in Verwunderung und schließen daher, weil sie die Ursachen einer so wunderbaren Sache nicht wissen, er sey ein übernatürliches Werk; an dem die uns bekannten Ursachen keinen Theil können gehabt haben. Daher kömmt es, daß derjenige, so die Ursachen der Wunderwerke aus dem Grunde wissen, und als ein wahrer Gelehrter in die natürlichen Ursachen eindringen will, ohne sich bey ihrer Bewunderung gleich einem Unwissenden aufzuhalten, daher kommt es, sage ich, daß dieser wahre Gelehrte für einen gottlosen Bösewicht gehalten wird, und vor einen Kezzer, blos aus Bosheit derjenigen, welche das Volk vor Ausleger der Natur und Gottes hält. Weil diese Geldgierigen Seelen wohl wissen, daß die Unwissenheit, die das Volk in der Erstaunung erhält, ihnen ihren Unterhalt verschaft, und ihr Ansehen erhält.

§ 7 — Weil nun die Menschen sich die lächerliche Meinung in den Kopf gesetzt, daß alles, was sie sehen, ihrentwegen gemacht sey, so haben sie einen Religionspunkt daraus gezimmert, auf ihren eigenen Nutzen sich zu legen, und von dem Werth der Sachen nach dem Vortheil zu urtheilen, den sie darausziehen. Daher nahmen sie Gelegenheit sich diese Begriffe zu machen, die ihnen zu Erklärung der Natur der Sachen dienen. Nemlich: das Gute, das Böse, die Ordnung, die Verwirrung, die Wärme, die Kälte, die Schönheit, die Heßlichkeit, welches alles im Grunde gar nicht das ist, was sie sich einbilden. Und weil sie sich vorstellen, ihren freyen Willen zu haben, so haben sie sich unterfangen, ein Urtheil zu fällen, von Ruhm und Schande, von Tugend und Laster, indem sie gut nennen, was ihnen zum Vortheil gereicht, imgleichen was den Gottesdienst betrift, hingegen böse, was weder zu dem einen noch andern dienet. Und weil unwissende Leut von nichts urtheilen können, und keinen Begrif von einer Sache haben, als durch Hülfe der Einbildungskraft, die sie vor den Verstand halten. Diese Leute, sage ich, welche die Natur von keinem einigen Dinge kennen, bilden sich eine Ordnung in der Welt ein, die sie also beschaffen zu seyn glauben, wie sie sich solche einbilden, maaßen die Menschen also geartet sind, daß sie die Sachen vor gut oder übel angeordnet halten, je nachdem sie solche mit Mühe oder ohne Mühe sich einbilden können, wenn die Sinnen ihnen solche vorstellen. Und weil dasjenige besser gefällt, was der Einbildungskraft leichter ankommt, so vermeinet man genugsamen Grund zu haben, die Ordnung der Verwirrung vorzuziehen, Eben, als wenn die Ordnung etwas anders wäre, als eine bloße Wirkung der Einbildungskraft der Menschen, also, daß wenn man sagt, Gott habe alles ordentlich gemacht, so gesteht man, er habe diese Eigenschaft geschaffen, so wohl als den Menschen; wenn sie nicht etwan zum Vortheil der menschlichen Einbildungskraft gar vorgeben wollen, Gott habe die Welt auf diejenige Weise gemacht, die am leichtesten sey, sich einzubilden, ob wohl 1000 Dinge weit über die Einbildungskraft erhaben sind, und unendlich viele andere Dinge sie wegen ihrer Schwachheit in Verwirrung stürzen.

§ 8 — Was die übrigen Begriffe betrifft, so sind es bloße Wirkungen eben dieser Einbildungskraft, die nichts wirkliches haben, und nur verschiedene Arten sind, welche diese Kraft vermag. Z. E. wenn die Bewegung, so die Sachen den Nerven einprägen, durch Hülfe der Augen den Sinnen angenehm fällt, so sagt man, diese Sachen sind schön, dieser Geruch sey gut oder heßlich, der Geschmack süße oder bitter, die angerührte Sache sey hart oder zart, der Thon rauh oder angenehm, je nachdem der Geschmack, Geruch oder Thon die Sinne rühret, oder durchdringt, sogar, daß einige gewesen, welche geglaubt haben, Gott belustige sich an den Zusammenklange, und die himmlische Bewegungen seyen vollstimmige Concerte; welches eine deutliche Probe ist, daß jeder die Sachen also zu seyn glaubet, als er sich solche einbildet, oder vielmehr, daß die Welt ganz und ein gar in der Einbildung besteht [q].

Derowegen ist es kein Wunder, daß man kaum 2 Menschen findet, die einerley Meynung haben, ja, daß es welche gibt, die eine Ehre darinnen suchen, daß sie an allem zweifeln [r]. Denn obwohl die Menschen einen Leib haben, der sich in vielen Stücken ähnlich ist, so sind sie doch in vielen Dingen unterschieden. Und daher kommt es, daß, was einem gut dünket, dem andern schlimm vorkommt, und was diesem gefällt, dem andern mißfällt. Daher man leicht schließen kann, daß die Meynungen blos wegen der Einbildungskraft unterschieden sind, daß der Verstand wenig Theil daran hat, und daß schließlich die Sachen in der Welt eine bloße Wirkung der Einbildungskraft sind. Dahingegen, wenn man das Licht des Verstandes zu Rathe zöge, so bekräftigt die Mathematik, daß jederman im der Wahrheit überein kommen würde, und daß man übereinstimmigere und vernünftigere Urtheile fällen würde, als man jetzo thut.

§ 9 — Es ist also offenbar, daß alle die Gründe, deren sich der gemeine Mann zu bedienen pflegt, wenn er die Natur erklären will, bloße Arten sind, sich etwas einzubilden, die nichts weniger beweisen, als was er vermeint. Und weil man diesen Gründen eben so rechte Nahmen beylegt, als ob sie sonsten wo vorhanden wären, außerhalb der Einbildungskraft, so will ich sie nicht Dinge nennen, die bloß im Verstande vorhanden sind, sondern Dinge, die blos in der Einbildungskraft beruhen, maaßen nichts so leicht ist, als auf die Beweißgründe zu antworten, die man auf diese Begriffe bauet, und die man uns entgegen setzt, wie folget. Wenn es wahr wäre, daß die Welt ein Ausfluß und nothwendige Folge der göttlichen Natur ist, woher kämen denn die Unvollkommenheiten und Mängel, so man an ihr wahrnimmt. Z. E. die Fäulung, die alles mit Gestank erfüllet, so viele Grauen erweckende Anblicke, so viel Unordnungen, so viel Uebel, so viel Sünden, und andere dergleichen Dinge? Es ist nichts leichter, sage ich, als diese Einwürfe zu widerlegen. Denn man kann von der Vollkommenheit eines Dinges nicht urtheilen, als in so ferne man sein Wesen und seine Natur kennet. Man betrügt sich, wenn man glaubt, daß eine Sache vollkommener oder unvollkommener sey, weil sie gefällt, oder mißfällt, oder weil sie der menschlichen Natur nützlich oder unnützlich ist. Und um diejenigen das Maul zu stopfen, welche fragen, warum Gott nicht alle Menschen ohne Ausnahme also geschaffen habe, daß sie sich durch das Licht des Verstandes leiten lassen, so darf man nur sagen, deswegen, weil er Materie genug hatte, um einem jeden Dinge diejenige Vollkommenheit zu geben, die sich für solches schickt, oder deutlicher zu reden, weil das Gesetz der Natur so weitläuftig, und so weit ausgedehnet war, daß es hinlänglich seyn konnte, zu Herfürbringung aller derjenigen Dinge, deren ein unendlicher Verstand fähig ist.

§ 10 — Dieses vorausgesetzt, wenn man fragt, was Gott sey? so antworte ich, daß dieses Wort uns ein unendliches Wesen vorstelle, dessen eine Eigenschaft ist, eine ausgedehnte Substanz zu seyn [s], folglich ewig und unendlich weil die Ausdehnung oder Größe nur in so weit theilbar it, als man solche sich also vorstellt. Denn weil die Materie allenthalben eben dieselbe ist, so unterscheidet der Verstand keine Theile an ihr, z. E. das Wasser, in so ferne man sich das Wasser als theilbar, und seine Theile von einander getrennet einbildet, obwohl es, in so ferne es eine cörperliche Substanz ist, weder zertrennlich noch theilbar ist. Kurz das Wasser, in so ferne es Wasser ist, ist der Zeugung und Fäulung unterworfen, aber in so ferne es ein selbstständig Ding ist, weder einem noch dem andern. Auf diese Weise hat weder die Natur noch die Größe etwas, das Gott unanständig wäre. Denn wenn alles in Gott ist, und alles nothwendig aus seinem Wesen fließet, so muß er nothwendig eben also beschaffen seyn, als das, was er in sich hält, maaßen es unbegreiflich ist, daß materialische Dinge sollen in einem Wesen vorhanden seyn, so nicht materialisch ist, und damit man diese Meynung nicht vor neu halten möge, so hat Tertullianus einer der vornehmsten Männer unter den Christen gegen den Apelles ausgesprochen, daß das, was kein Cörper sey, nichts sey, und gegen den Praxeos: daß eine jede Substanz ein Cörper sey, ohne daß man diese Lehre in den 4 ersten allgemeinen Conciliis verdammet hätte. Diese 4 ersten Concilia sind, das zu Nicea, so 325. unter Kayser Constantino dem Großen und dem Pabst Syivester, dem 1ten gehalten worden, das zu Constantinopel im Jahr 381. unter den Kaysern Gratiano und Valentiniano, auch Theodosio, und unter dem Pabst Damaso dem 1ten. Das zu Ephesus im Jahr 431. unter den Kaysern Theodosio dem Jüngern, und Valentiniano, und dem Cœllestino; das zu Chalcedon im Jahr 462. unter den Kaysern Valentiniano und Marciano, und unter dem Pabst Leo den 2ten.

§ 11 — Diese Meynungen sind einfältig, ja die einigen, die ein guter und gesunder Verstand von Gott bereiten kann. Unterdessen lassen sich wenige an dieser Einfalt begnügen. Das gemeine Volk ist an die Schmeicheleyen der Sinnen gewöhnet, und will einen Gott haben, der den Königen auf Erden ähnlich sey. Der Pracht und die Herrlichkeit, damit diese umgeben sind, verblendet es dergestalt, daß, wenn man ihm die Hofnung benimmt, nach seinem Tode die Anzahl der himmlischen Hofleute zu vermehren, und da eben die Ergötzlichkeit zu genießen, die man an den Höfen der Könige genießet, so benimmt man ihm seinen einigen Trost und die einige Sache, die es verhindert, bey Widerwärtigkeiten zu verzweifeln. Man will einen gerechten Gott haben, einen Rächer, welcher belohnen und strafen könne, wie die Könige der Erden, einen Gott, der allen Affecten der Menschen unterworfen sey. Man gibt ihm Füße, Hände, Augen, Ohren, und doch läugnet man, daß ein solcher Gott etwas materialisches habe. Man sagt: der Mensch sey sein Meisterstück, ja sein Ebenbild, aber man läugnet, daß die Copey dem Original ähnlich sey. Kurz der heutige Gott des gemeinen Volks ist weit mehr Gestalten unterworfen, als der Jupiter der Heyden [t]. Das seltsamste ist dieses, je mehr diese Possen einander widersprechen, und der gemeinen Vernunft zuwider laufen, je mehr Ehrerbietung hat das gemeine Volk davor, weil es halsstarrig alles glaubt, was die Propheten davon gesagt haben, obschon diese Träumer bey den Hebräern eben das waren, was bey den Heyden die Wahrsager und Zeichendeuter. Man ziehet die Bibel zu Rathe, eben als ob Gott, oder die Natur sich darinnen erklärte auf eine ganz besondere Weise, obschon dieses Buch nur ein Gewebe von überbliebenen Stücken ist, die man zu verschiedenen Zeiten an einander genähet, die von verschiedenen Personen gesammlet, und zum gemeinen Gebrauch mitgetheilet worden, nach Gutdünken der Rabbiner, welche sie nicht eher zum Vorschein brachten, als bis sie einige verworfen, einige genehm gehalten hatten, je nachdem sie ihnen mit dem Gesetz Mosis einzustimmen oder zu streiten schienen. Ja die Bosheit und Dummheit der Menschen ist so groß, daß sie lieber ihre Lebenszeit zubringen wollen, einander Verdruß zu machen, und ein Buch anzubeten, das sie von einem unwissenden Volke herhaben, ein Buch, worinnen nicht viel mehr Ordnung und Lehrart ist, als in Mahomets Alcoran, welches Niemand versteht, so verwirrt ist es, und so übel hängt es zusammen‚ und welches zu nichts dienet, als Uneinigkeit zu unterhalten. Die Menschen, sage ich, wollen lieber dieses Gespenst anbeten, als das natürliche Gesetz anhören, welches Gott, d. i. die Natur, in so ferne Sie die Quelle der Bewegung ist, in die Herzen der Menschen geschrieben hat. Alle die andern Gesetze sind menschliche Erdichtungen, und ein pures Blendwerk, nicht der Teufel oder bösen Engel, welche niemalen anderswo, als in der Einbildung gewesen, sondern der Fürsten und Geistlichen. Jene machten es, um ihrem Ansehen ein größer Gewichte zu geben, diese, um sich durch den Verkauf einer unendlichen Menge von Hirngespinsten zu bereichern, die sie den Unwissenden theuer aufheften. Alle die andern Gesetze, sage ich, gründen sich blos auf ein Buch, die Bibel genannt, davon das Original nicht vorhanden, und welches mit lauter übernatürlichen Dingen angefüllet, d. i. mit unmöglichen, und welches von nichts redet, als von Belohnungen und Strafen vor die guten und bösen Handlungen, welche aber nur in jenem Leben geschehen sollen, aus Beysorge, der Betrug möchte sonst offenbar werden, weil noch keiner daher wieder gekommen ist. Als schwebt das Volk immer zwischen Furcht und Hofnung, und wird durch die Meynung bey seiner Schuldigkeit erhalten, ob Gott die Menschen blos deswegan geschaffen habe, um sie ewig glücklich oder unglücklich zu machen, woraus unendlich viele Religionen entstanden, davon wir jetzo reden wollen.

 

Das dritte Capitel. Was das Wort Religion bedeute, wie und warum sich eine so große Menge in der Welt eingeschlichen hat.

Ehe das Wort Religion in der Welt eingeführet war, war man zu nichts weiter verbunden, als dem natürlichen Gesetze zu folgen, d. i. sich der gesunden Vernunft gemäß zu halten. Dieser einige natürliche Trieb war das Band, womit die Menschen gebunden waren, und dieses, so schlecht weg als es war, vereinigte sie dergestalt, daß die Trennungen etwas seltenes waren. Allein seitdem, als die Furcht sie auf die Gedanken gebracht, daß Götter und unsichtbare Mächte seyn, so richteten sie Altäre auf vor bloß eingebildete Wesen, also daß sie das Joch der Natur und Vernunft abwarfen, so die Quelle des wahren Lebens ist, und sich vermittelst vergeblicher Ceremonien und einer abergläubischen Verehrung an eitle Hirngespenster der Einbildungskraft hingen, und daher kommt das Wort Religion‚ das so viel Lermen in der Welt gemacht hat. Nachdem also die Menschen die unsichtbaren Mächte zugestanden hatten, die alle Gewalt über sie haben sollten, so beteten sie selbige an, um sie zu besänftigen, und bildeten sich noch dazu ein, die Natur sey ein diesen Mächten unterworfenes Wesen, das sie sich als einen grossen Klumpen vorstelleten, oder wie eine Sclavin, die nur thut, was ihr diese Mächte befehlen. Von der Zeit an, als diese falschen Begriffe ihren Verstand eingenommen, hatten sie lauter Verachtung gegen die Natur, und keine Ehrerbietung, als vor jene eingebildete Wesen, welche sie ihre Götter nannten. Daher ist die Unwissenheit entstanden, worin so viele Völker stecken, und woraus die wahren Gelehrten, so tief auch dieser Abgrund ist, sie ziehen könnten, wenn ihr Eifer nicht gehindert würde durch diejenigen, so diese Blinden leiten, und sich bloß von Betrügereyen ernähren. Ob nun aber gleich wenig Ansehen vorhanden ist, dergleichen Unternehmen glücklich auszuführen, so muß man dennoch die Seite der Wahrheit nicht verlassen, ja wenn es auch nur denjenigen zu gut geschähe, die vor dieser großen Krankheit sich bishero verwahret haben, so muß eine großmüthige Seele die Sachen sagen, wie sie sind.

§ 2 — Die Furcht, welche die Götter gemacht hat, hat auch die Religion [u] gemacht, und seitdem die Menschen sich in den Kopf gesetzt, daß es unsichtbare Engel gäbe, welche die Ursache ihres Glücks oder Unglücks seyn; so verließen sie die gesunde Vernunft, und hielten ihre Hirngespenster vor eben so viele Gottheiten, die Sorge vor sie trügen. Nachdem sie sich Götter geschmiedet, so wollten sie auch wissen, von welcher Materie sie wären, und bildeten sich zuletzt ein, sie müsten von gleicher Selbständigkeit seyn, als die Seele; denn da sie meynten, diese wären den Bildern ähnlich, die in den Spiegeln oder im Traume erschienen, so glaubten sie, ihre Götter wären wirkliche Substanzen, aber so dünne und zart, daß sie solche zum Unterschied von den Körpern Geister nannten, obwol die Körper und Geister in der That einerley Sache sind, und nur mehr oder weniger unterschieden sind, maßen es eine unbegreifliche Sache ist, eim Geist zu seyn, und doch nur körperlich. Die Ursache ist, weil jeder Geist eine ihm eigene Figur hat, und weil er in einem gewissen Orte begriffen ist, das ist, weil er seine Grenzen hat, und folglich ein Körper ist, er mag nun so dünne und zart seyn, als er will.

§ 3 — Als die Unwissenden, d. i. der gröste Theil der Menschen auf diese Weise die Selbständigkeit ihrer Götter festgesetzet, so suchten sie auch zu erforschen, auf was Weise diese unsichtbaren Engel ihre Wirkungen verrichteten. Weil sie aber wegen ihrer Unwissenheit damit nicht konnten zu Stande kommen, so glaubten sie ihren Muthmaßungen, und schlossen blindlings vom vergangenen auf das zukünftige, obschon sie darin weder eine Verknüpfung noch eine Unterworfenheit sahen. In allem, was sie unternahmen, sahen sie auf das Zukünftige und Vergangene, und schlossen einen guten oder bösen Ausgang, nachdem dergleichen Unternehmen sonst gelungen war, oder nicht, Also, da Phormion die Lacaedemonier bey Naupactum geschlagen hatte, so erwählten die Athenienser nach seinem Tode einen andern gleiches Nahmens. Weil Hannibal gegen Scipione Africano untergelegen war, so schickten die Römer wegen solchen glücklichen Erfolgs in eben diese Provinz einen andern Scipio gegen den Cæsar, allein es gelang weder den Atheniensern noch Römern. Also haben viele ihr Glück und Unglück nach 2 oder 3 Erfahrungen mit gewissen Oertern und Namen verbunden. Andere bedienen sich gewisser Worte, die sie Zaubereyen nennen, und ihnen solche Kraft beylegen, daß sie Bäume können redend machen, aus einem Stück Brod einen Menschen, und alles verwandeln, was ihnen vorkommt. [x]

§ 4 — Als die unsichtbaren Mächte auf diese Weise festgesetzt waren, so verehrten sie die Menschen anfänglich eben so, als ihre Landesherren, d. i. mit Kennzeichen der Unterwürfigkeit und Ehrerbietung, desgleichen die Geschenke, das Bitten und sofort sind. Ich sage anfänglich, denn die Natur lehret nicht, daß man bey solcher Gelegenheit blutige Opfer gebrauchen müsse, als welche zu keinem andern Zweck gestiftet worden sind, als zum Unterhalt der Opferpriefter, und zum Dienst dieser schönen Götter verordneten Bedienten.

§ 5 — Dieser Religions-Saamen, nemlich Furcht und Hofnung, hat endlich, nachdem er durch die Hände der Affecten, der Urtheile und Anschläge der Menschen gegangen, eine große Menge seltsamer Glaubens-Artikeln hervorgebracht, welche die Ursache so vielen Uebels und Staatsveränderungen sind. Die Ehre, und die reichen Einkünfte, die man mit dem Priesterthume verband, gleichwie man hernach mit den Predigtamte, und mit den geistlichen Aemtern vethan, lockten den Hochmuth und Geitz listiger Köpfe herbey, die sich der Dummheit des Volks bedienten, und es bey seiner Schwäche zu fassen wusten, daß man sich allgemach eine süsse Gewohnheit draus gemacht, die Lügen zu verehren, und die Wahrheit zu hassen.

§ 6 — Als die Lügen festen Fuß gewonnen, und die Hochmüthigen über ihres gleichen erhaben zu seyn angelockt waren, so suchten sie sich in Ansehen zu setzen, indem sie sich vor Freunde dieser unsichtbaren Götter ausgaben, vor denen sich das Volk furchte. Um desto besser fortzukommen, so erdachte jedweder selbst welche, und nahm sich so viele Freiheit sie zu vervielfältigen, daß man bey jedem Schritte welche vorfand.

§ 7 — Die ungestalte Materie der Welt wurde der Gott Chaos genannt. Gleiche Ehre erwies man dem Himmel, der Erde, dem Meer, den Winden und Planeten, ja Männern und Weibern, sogar die Vögel und Würmer, die Crocodilen, das Kalb, der Hund, die Zwiebeln, die Schlangen und Schweine hatten ihren Theil daran, mit einem Worte, alle Arten der Thiere und Pflanzen. Jedweder Fluß, jedweder Brunnen trug den Namen eines Gottes. Jedes Haus hatte den seinigen, jeder Mensch seinen Schutzgeist. Kurz alles unter und über der Erde war voll Geister, Gespenster und Teufel.

Es war nicht genug, daß man an allen ersinnlichen Orten Gottheiten erdichtete, man glaubte, die Zeit, der Tag, die Nacht, die Einigkeit, die Liebe, der Frieden, der Sieg, der Streit, der Rost oder Verderbniß, die Ehre, die Tugend, das Fieber und die Gesundheit würden es übel nehmen, man glaubte, sage ich, diese schönen Gottheiten zu beleidigen, die man immer bereit zu seyn vermeynte, den Mensehen leides zu thun, wenn man ihnen nicht Tempel und Altäre aufrichtete. Zuletzt fing man an, seinen eigenen Schutzgeist zu fürchten, den einige unter dem Namen des Glücks anruften, andere unter dem Namen der Muse ihre eigene Unwissenheit anbeteten. Diese tauften ihre Wollüste mit dem Nahmen Cupido, jene nennten ihrem Zorn, eine Furie; mit einem Wort, es war gar nichts mehr, das nicht den Nahmen eines Gottes oder Geistes trug.

§ 8 — Als die Stifter der Religionen wahrgenommen hatten, daß die Grundsäule ihrer Betrügereyen die Unwissenheit des Volks sey, beschlossen sie, selbige, durch die Anbetung der Bilder zu unterhalten, worin sie vorgaben, daß die Götter wohnten, damit ein güldener Regen, und fette Pfründen auf die Pfaffen fallen mögten; man nannte sie heilige und zum Gebrauch dieser geweyheten Diener gewidmete Sachen, damit niemand anders so verwegen seyn, und darnach gelüsten, ja sie nur berühren mögte. Um das Volk desto besser anzulocken, so gaben sich diese Priester vor Propheten aus und sagten, sie könnten vermöge ihres vorgegebenen Umgangs mit den Göttern, künftige Dinge wissen. Nichts ist so natürlich, als sein Schicksal zu wissen, und diese Betrüger waren allzuwohl unterrichtet, als daß sie einen zu ihrem Zweck so vortheilhaften Umstand hätten versäumen sollen. Einige setzten sich zu Delos feste, die andern zu Delphos, und anderswo, woselbst sie mit zweideutigen Orakeln auf die vorgelegten Fragen antworteten. Die Frauen selber liessen sich damit ein, und die Römer pflegten in grossen Drangsalen ihre Zuflucht zu den Sybillinischen Büchern zu nehmen. Die Narren hielte man vor entzückte Personen, die, so da lehrten mit den Todten zu reden, nannte man Necromanticos, andere, Augures genannt, lasen die künftigen Dinge, aus dem Fluge der Vögel, die Aruspices aus dem Eingeweide der Thiere. Kurz, die Augen, die Hände, das Gesicht, eine ausserordentliche Begebenheit, alles, alles, bedeutete etwas gutes oder böses. So wahr ist es, daß man der Unwissenheit alles, weiß machen kann, was man will, seitdem man das Geheimniß erfunden, sich ihrer zu bedienen.

§ 9 — Die Ehrgeizigen, die allezeit grosse Meister in der Kunst zu betrügen gewesen, folgten dieser Bahn in Stiftung ihrer Gesetze. Um das Volk zu bereden, sich gutwillig zu unterwerfen, so gaben sie vor, sie hätten sie von einem Gott oder einer Göttin bekommen,

 

Moses

§ 10 — Der berühmte Moses, ein Enkel eines grossen Zauberers, wie Justinus berichtet, warf sich zum Oberhaupte der Hebräer auf, die man durch einen Königl. Befehl aus Egypten jagte, weil sie es mit dem Erbgrind, oder Aussatze ansteckten, damit sie behaftet waren. Dieser glückliche Politicus war einer von den geschicktesten allerley Kunstgriffe zu gebrauchen. Nach einem sechstägigen Marsch in einem beschwerlichen Abzug befahl er diesen elenden Vertriebenen, den siebenten Tag durch eine allgemeine Ruhe Gott zu heiligen, um ihnen beyzubringen, dieser Gott würde ihnen beystehen, er würde seine Regierung sich gefallen lassen, damit ihm Niemand wiedersprechen dürfte. Niemals war ein unwissenderes Volk gewesen, als dieses, und folglich kein leichtgläubigerers. Bey einer so schönen Gelegenheit seine Gaben zu gebrauchen, machte Moses ihnen weiß, Gott sey ihm erschienen, und auf dessen Befehl führe er sie an; dieser habe ihn zu ihren Regenten bestellt, und sie selber würden sein Volk seyn [y], woferne sie nur glauben würden, was er ihnen in dessen Nahmen vortrüge. Diese arme Unglückseelige waren sehr erfreuet, daß der oberste von allen Göttern sie zu seinen Kindern annehmen wollte, da sie kaum der Sklaverey entgangen, gaben Mosi Beyfall, und schwuren ihm zu gehorchen. Nachdem sein Ansehen befestiget war, so sorgte er selbiges fortzusetzen, und unter dem Vorwande, einen Dienst des obersten Gottes, dessen Stadthalter er seyn wollte, einzuführen, machte er seinen Bruder und dessen Kinder zu Häuptern des Königlichen Pallastes, d. i. des Ortes, wo die Oracula (göttliche Aussprüche) gegeben wurden [z], und dies geschah ausser dem Gesichte und der Gegenwart des gemeinen Volkes. Hernach that er, was man allezeit bey neuen Einrichtungen zu thun pflegte, nemlich Zeichen und Wunder [aa], so die einfältigen verblendeten, und einige zum Erstaunen brachten, aber ein Spott der Scharfsichtigen waren, die seine Betrügereyen merkten. So verschlagen als Moses war, und so listige Streiche als er zu machen wuste, so hätte er es doch nicht so weit bringen sollen, daß man ihm gehorchet, wenn er nicht die Macht in Händen gehabt hätte; maßen Betrug ohne List selten gelinget. Unter dem grossen Haufen unwissender Leute fanden sich immer einige, die das Herz hatten, ihm seinen Betrug vorzurücken, daß er unter falschem Schein von Gerechtigkeit und Billigkeit alles an sich gerissen, daß, da die höchste Gewalt mit seinem Geblüte verbunden wäre, keiner mehr einig Recht hätte, darnach zu streben, und daß er mehr ihr Tyrann, als ihr Vater wäre. In dergleichen Fällen machte Moses als ein durchtriebener Politikus, den Garaus mit diesen Ungläubigen, und verschonte keinen, der seine Regierung tadelte. Vermittelst dieser Vorsicht, und indem er diese Todesstrafen eine göttliche Rache nannte, lebte er allezeit unbeschränkt, und um das Spiel auf gleiche Weise zu endigen, als es angefangen war, nemlich als ein Betrüger, so stürzte er sich in den Abgrund, den er hatte in einer Wüsten graben lassen, dahin er sich zuweilen begab, unter dem Vorwand, insbesondere mit Gott sich zu unterreden, um seinen Unterthanen den Gehorsam und die Ehrfurcht einzuprägen. Er stürzte sich in diesen Abgrund, den er seit langer Zeit ausersehen, damit, wenn man seinen Leib nicht finden würde, man glauben sollte, die Götter hätten ihn weggenommen, und er wäre ihnen gleich. Er wuste wohl, daß das Angedenken der Patriarchen, die vor ihm gelebt, in grossen Ehren war, obwohl man ihre Gräber gefunden; aber dieses war nicht genug vor einen Ehrgeitz, wie der seinige. Er wollte als ein Gott verehret seyn, an dem der Todt keine Macht habe, wohin dasjenige zielte, was er bey Anfang seiner Regierung vorgegeben, daß ihn Gott zum Gott Pharaonis gesetzet habe. Nach seinem Exempel hatte Elias, nach Elias Exempel Plinius, und alle die, so aus thörigtem Ehrgeitz ihren Nahmen verewigen wollten, die Zeit ihres Todes verborgen, damit man sie vor unsterblich hielte.

§ 11 — Um wieder auf die Gesetzgeber zu kommen, so ist keiner, der nicht seine Gesetze von einer Gottheit hergeleitet oder gesuchet hätte, die Leute zu bereden, sie wären selbsten mehr als Mensch. Nachdem Numa Pompilius die Süßigkeit des einsamen Lebens geschmeckt, vertauschte er es ungerne mit dem Throne des Romulus, da er sich aber durch das allgemeine Zurufen gezwungen sahe, bediente er sich der Andacht der Römer, beredete sie, er gienge mit den Göttern um, und wenn er ihr König seyn sollte, so müßten sie die Gesetze und Ordnungen halten, die ihm die Nymphe Egeria vorgeschrieben. Alexander wollte ein Sohn des Jupiters seyn. Perseus leitete seine Herkunft von eben diesem Gotte her, und von der Jungfrau Danae. Platon von Apolline, und von einer Jungfrau, welches sie vielleicht deswegen glaubten, weil die Egypter behaupteten, der Geist Gottes könnte eine Jungfrau schwängern.

 

Von Jesu Christo [bb]

§ 12 — Jesus Christus, welcher die Manieren und Wissenschaften der Egypter wohl wuste, brachte diese Meynung in Schwang, und hielte sie zu seinem Vorhaben vor dienlich, weil er betrachtete, wie berühmt Moses geworden, weil er ein unwissendes Volk beherrschet, so unternahm er aus diesen Grund zu bauen, und ließ einige dumme Leute sich nachfolgen, die er beredete, der heilige Geist sey sein Vater gewesen, und seine Mutter eine Jungfrau [cc]. Diese guten Leute, die schon gewohnt waren, Träume und Phantasien anzunehmen, fielen dieser Meynung bey, und glaubten alles, was er wollte, um so viel lieber, da eine mehr als gemeine Geburt bey ihnen was unerhörtes war. Von einer Jungfrau durch Wirkung des heiligen Geistes gebohren seyn, war in Betrachtung ihrer noch weit mehr, als was die Tartarn von ihrem Chingis-Chan sagen, daß dessen Mutter auch eine Jungfrau gewesen, aber den sie nur von den Sonnenstrahlen empfangen. Dieses geschah zu einer Zeit, da die Juden ihres Gottesdienstes müde waren, wie sie ihrer Richter müde gewesen [3] und einen sichtbaren haben wollten, gleich andern Völkern. Weil die Zahl der Dummen unendlich ist, so fand er allenthalben Unterthanen, allein seine äusserste Armuth war eine unübersteigliche Hinderniß vor seine Erhöhung, die Pharisäer freueten sich zuweilen über die Kühnheit eines Mannes von ihrer Secte [4], zuweilen eifersüchtig über seine Verwegenheit; unterdrückten ihn also, oder erhöheten ihn, nach der unbeständigen Gemüthsneigung des Volks. Es mochten also solche Gerüchte von seiner Gottheit laufen, als nur immer wollten, so war es doch bey seiner Armuth unmöglich, daß sein Anschlag gelunge. Er mochte so viel Kranken gesund machen, und so viel Todten auferwecken, als er wollte, da er weder Geld noch Armeen hatte, so muste er untergehen. Aber er würde allem Ansehen nach mit dieser Vorsicht es eben sowohl ausgeführet haben, als Moses, Mahomet, und alle die, so aus Ehrgeitz sich empor geschwungen, und ob er schon unglücklicher gewesen, so war er doch eben so geschickt, falls, wie einige Stellen in seiner Geschichte bezeugen, nicht der größte Fehler seiner Staatsklugheit in diesem bestanden hätte, daß er vor seine Sicherheit nicht genugsam gesorget. Uebrigens sehe ich nicht, daß er seine Anschläge schlechter gefasset, als die andern beiden Gesetzgeber, deren Angedenken zur Vorschrift des Glaubens so vieler Völker gewesen ist. [dd]

§ 13 Von der Politique oder Staatsklugheit Jesu Christi — Kann etwas subtilers seyn, als was er geantwortet, wegen einer im Ehebruch ergriffenen Frau Joh. 8, 8. Die Juden fragten, ob man sie steinigen sollte? Anstatt ausdrücklich Ja oder Nein zu antworten, wodurch er in den Fallstrick gerathen wäre, den ihm seine Feinde legten, maassen die Verneinung dem Gesetze gerade entgegen lief, die Bejahung aber ihn der Strenge und Grausamkeit überführte, welches die Gemüther von ihm abwendig gemacht hätte. Anstatt, sage ich, zu antworten, wie eine gemeine Seele gethan hätte, sagte er, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie. Geschickte Antwort! woraus seine geschwinde Ueberlegung zu ersehen. Ein andermal, da man ihn fragte, ob es recht wäre, dem Kayser Zins zu bezahlen, und er das Bildniß dieses Fürsten auf dem Geldstück sahe, das man ihm zeigte, entwich er der Schwierigkeit, indem er antwortete, man müsse dem Kayser zahlen, was des Kaysers ist. Die Schwierigkeit bestand darinn, daß er sich des Lasters der beleidieren Majestät schuldig machte, wenn er es verneinte, daß es erlaubt wäre, und hingegen Mosis Gesetz umstieß, wenn er es bejahete, welches er doch seinem Vorgeben nach nicht thun wollte, da er sich noch vor allzu schwach dazu hielte, obwohl er es hernach umgestossen, da er so berühmt worden, und es ungestraft thun konnte, eben wie alle Fürsten, die versprechen‚ die Freiheiten ihrer Unterthanen zu bestätigen, so lange ihre Macht noch nicht recht befestiget ist, die aber hernach über ihr Versprechen lachen, wenn sie genugsame Gewalt haben. Als die Pharisäer ihn fragten, aus welcher Macht er sich unterstehe das Volk zu lehren, so begriff er im Augenblick ihre Gedanken, welche dahin zielten, ihn der Lügen zu überführen, er möchte antworten, er thue es aus menschlicher Gewalt, weil er nicht aus dem heil. Collegio des alten Gesetzes war, noch aus der Zahl derer, denen der Unterricht des Volks anvertrauet war, oder er möchte sich rühmen, er predige auf ausdrücklichem Befehl Gottes, weil seine Lehre dem Gesetz Mosis entgegen lief. Er wickelte sich aus dieser Falle, indem er sie selber in Verwirrung setzte durch die Frage: In wessen Nahmen sie glaubten, daß Johannes taufe? die Pharisäer, die sich aus Politique der Taufe entgegen setzten, hätten sich selber verdammt, wenn sie gestanden hätten, er sey von Gott, und gestunden sie es nicht, so hatten sie den Zorn des Volks zu befürchten, daß sich das Gegentheil einbildete. Um aus dieser Verwirrung zu kommen, antworteten sie: Sie wüsten es nicht! worauf er versetzte: so wäre er auch nicht gehalten, ihnen zu sagen, warum und in wessen Namen er predige.

§ 14 — Auf diese Art wußte sich der Zerstörer des alten Gesetzes und der Vater der neuen Religion zu helfen, die auf dem Schutt der alten gebauet wurde, und also war ihr Anfang beschaffen, worinnen die Wahrheit unpartheyisch zu sagen, nicht mehr göttliches ist, als in den andern vorhergehenden. Ihr Stifter, der nicht ganz unwissend war, als er die äusserste Verderbniß der Jüdischen Republik sahe, so urtheilte er ihr Ende nahe zu seyn, und glaubte eine andere müste aus ihrer Asche hervorkommen. Die Furcht, es möchten ihm andere ergeizige zuvorkommen, machte, daß er eilte, sich fest zu setzen, durch andere den Mitteln Mosis ganz entgegen gesetzte Kunstgriffe. Dieser fing an sich bey andern Völkern fürchterlich und schrecklich zu machen. Hingegen Jesus Christus zohe sie an sich durch die Hofnung der Glückseligkeiten in jenem Leben, die man durch den Glauben an ihn erhalten sollte. Und anstatt, daß Moses nur lauter zeitliche Glückseeligkeiten vor die Beobachtung seines Gesetzes versprach, so gab Jesus Christus Hofnung zu solchen, die nimmermehr aufhören würden. Die Gesetze des einen giengen nur auf das Aeussere, des andern seine bis aufs Innere, indem er sogar die Gedanken lobete oder tadelte, und in allen Stücken das Gegentheil vom Mosaischen Gesetz hielte. Voraus folget, daß Jesus Christus mit Aristoteln glaubte, es sey mit der Religion und den Staaten eben so, wie mit andern einzeln Dingen, welche entstehen und vergehen, und gleich wie nichts entstehet, als aus dem Vergangenen, so folgt kein Gesetz auf das andere, das solchem nicht entgegen wäre. Weil man nun Mühe hat von einem Gesetz zum andern überzugehen, und die meisten Gemüther in Religionssachen schwer zu bewegen sind; so nahm Jesus Christus, wie andere, die etwas neues aufbringen, seine Zuflucht zu Wunderwerken, welche zu allen Zeiten der Stein des Anstossens der Unwissenden, und die Zuflucht der Ehrgeizigen gewesen sind.

§ 15 — Da nun durch dieses Mittel das Christenum gegründet war, und Jesus Christus sich zu Nutze machte, wo Mosis in seiner Staatsklugheit gefehlet, so gelung es ihm nirgend so wohl, als in den Anschlägen, die er faste, sein Gesetz ewig zu machen. Die hebräischen Propheten gedachten Mosi Ehre anzuthun, indem sie einen Nachfolger verkündigten der ihm ähnlich wäre, d. i. einen Moses, groß von Tugend, mächtig an Gütern, und schrecklich gegen seine Feinde. Und döch thaten ihre Prophezeyungen eine ganz andere Wirkung. Nachdem viele Ehrgeizige Gelegenheit genommen hatten, sich vor den verheissenen Messias auszugeben, woraus so vieler Aufruhr entstanden, der bis an die Zerstörung dieser alten Republick gedauret, so war Jesus Christus geschickter, als die Mosaischen Propheten, und um denjenigen allen Grund zu untergraben, die sich gegen ihn auflehnen könnten; so prophezeyete er, daß ein solcher Mensch der größte Feind Gottes, die Freude der Teufel, der Abschaum aller Laster, und das Verderben des ganzen menschlichen Geschlechts seyn würde. Nach diesen schönen Lobsprüchen ist meines Erachtens Niemand‚ der sich den Antichrist nennen wollte, und ich sehe nicht, was vor ein besser Geheimniß man erdenken könnte, als dieses ist, um ein Gesetz zu verewigen, obwohl nichts ungegründeteter ist, als das ausgesprengte Gerüchte von dem vermeynten Antichrist. Der heil. Paulus sagte, bey seinen Lebzeiten, er sey schon geboren, und daß man folglich die Zukunft Christi bald erwarten müste. Unterdessen sind bereits mehr als 1600 Jahre verstrichen, seit der Geburt dieses Vorläufers, ohne daß jemand etwas von ihm gehöret hätte. Ich gestehe, daß einige dieser Worte auf den Ebion gedeutet, und auf den Corinthus, 2 grosse Feinde Christi, weil sie seine Gottheit bestritten. Allein man kann auch sagen, daß wenn diese Erklärung dem Sinne des Apostels gemäß ist, wie doch nicht glaublich, so bedeuten diese Worte in allen Jahrhunderten eine unzählige Menge von Antichristen, weil kein wahrer Gelehrter glaubt, er rede wider die Wahrheit, wenn er sagt: die Historie von Christo sey eine Fabel [5] und seine Gesetze ein Gewebe von Träumereyen, welche durch die Unwissenheit in Schwang gebracht, und durch den Eigennutz unterhalten worden.

§ 16 — Unterdessen gibt man vor, eine Religion, die auf schwachen Gründen ruhe, sey ganz göttlich und übernatürlich. Als ob man nicht wüste‚ daß keine Leute geschickter sind die aller ungereimtesten Meynungen in Gang zu bringen, als Weiber und Unwissende. Folglich ist kein Wunder, daß Jesus Christus keine Gelehrte zu seinen Nachfolgern hatte. Fr wuste wohl, daß sein Gesez und die gesunde Vernunft nicht beysammen stehen können, deswegen schreyet er auch in vielen Orten dermassen wider die Weisen, und schließt sie von seinem Reiche aus, worinn er niemand lässet, als die am Geist Arme, die Einfältigen und Dummen. Es kränkt sich auch kein vernünftiger darum, wenn er mit Unsinnigen nichts zu thun hat.

§ 17 Von der Moral, oder Sittenlehre Jesu Christi. — Was seine Sittenlehre betrift, siehet man wohl etwas göttlicheres darinnen, als in den Schriften der Alten? oder was siehet man vielmehr, das nicht ein Auszug, oder wenigstens eine Nachahmung davon sey. St. Augustinus L. Confess. 7. cap. 9. gestehet, daß er in einigen ihrer Schriften fast den ganzen Anfang des Evangelii Johannis gefunden, wozu kommt, daß dieser Apostel das Stehlen aus andern Bücherschreibern dermassen gewohnt war, daß er ohne Bedenken den Propheten ihre Räthsel weggenommen, um seine Offenbahrung daraus zu machen. Woher sollte die Gleichförmigkeit sonsten kommen, zwischen der Lehre des alten Testaments und Platonis seiner, als weil die Rabbinen, und die andern, so die Schrift aus zusammengelesenen Stücken gemacht, diesen grossen Weltweisen geplündert haben. Gewiß der Anfang der Welt in seinem Timæo hat mehr Wahrscheinlichkeit als im Mose [ee]. Gleichwohl kann man nicht sagen, es komme daher, weil Plato auf seiner Reise nach Egypten die Jüdischen Bücher gelesen, massen Augustinus sagt Conf. L. 7. cap. 9. Ptolomaeus habe sie damals noch nicht übersetzen lassen, als Plato dahin reisete. Die Beschreibung des Landes, so Socrates dem Simias macht, in dem Phaedone, hat ungemein mehr Anmuth, als das irrdische Paradieß, und die Androgine ist ohne Vergleich besser ausgedacht, als alles was Moses sagt von Auszierung der Eva aus einer Ribbe des Adams. Siehet etwas einander ähnlicher, als die beyden Feuersbrünste, die von Sodom und Gomorra, und diejenigen so Phaeton verursachte? Ist etwas gleichförmiger als der Fall Lucifers und Vulcani, oder der Riesen, so durch den Donnerkeil Jupiters zerschmettert worden? Ist etwas gleichers, als Simson und Hercules? Elias und Phaeton, Joseph und Hippolytus, Nebucadnezar und Lycaon? Tantalus und der reiche Mann? Das Manna der Israeliten, und die Ambrosia der Götter? Der heil. Augustinus de Civit. Dei L. 3. cap. & 4. auch der Cyrillus und Theophylactus vergleichen Jonas mit dem Hercule, genannt Trinoctius, weil er 3 Tage und Nächte im Bauche eines Walfisches gewesen. Der Fluß, den Daniel im 7ten Capitel seiner Propheceyung vorstellet, ist eine sichtliche Nachahmung des Periphlegetons, davon im Gespräche von Unsterblichkeit der Seele geredet wird. Die Erbsünde hat man aus der Büchse der Pandora genommen, die Opferung Isaacs und Jephtae von der Iphigenia ihrer, an deren Stelle ein Reh unterschoben worden. Was von Lot und seiner Frau gesagt wird, ist dem ganz ähnlich, was man von der Baucis und dem Palemon erzählt. Die Geschichte von Perseus und dem Meerwunder ist der Grund von St. Georgens mit dem Drachen. Kurz, es ist gewiß, das die Verfasser der Schrift die Werke des Hesiodi und Homeri fast von Wort zu Wort übersetzt haben [ff].

§ 18 — Was Jesum Christum betrifft, so zeigte Celsus nach Origenis Bericht L. 6. contr. Celsum, daß er seine schönsten Sprüche aus Platone genommen. Dergleichen ist der, so besaget, daß ein Cameel leichter durch in Nadelöhr gienge, als ein Reicher in das Reich Gottes [6]. Der Secte der Pharisæer, als welcher er zugethan war, haben seine Anhänger den Glauben von Unsterblichkeit der Seele zu danken, item von der Auferstehung, von der Hölle, nebst dem größten Theil seiner Sittenlehre, worinnen ich nichts wundernswürdiges sele, als in des Epictetus seiner, in des Epicuri, und vieler andern. Diesen letztern stellt der heil. Hieronymus als einen Mann vor, dessen Beyspiel die strengesten Christen beschäme, weil alle seine Werke blos von Enthaltung von Kräutern und Obst handelten, und dessen Wollust so gemässigt war, daß seine besten Mahlzeiten aus ein wenig Käse, Brod und Wasser bestanden. Bey einem so mässigen Leben sagte dieser Weltweise, wie wohl er ein Heyde war, er wollte lieber unglücklich und vernünftig, als reich aber ohne Verstand seyn, mit dem Beysatz, es sey rar, daß man Glück und Weisheit beysammen finde, und daß man nicht glücklich noch vergnügt leben könne, als in so ferne unsere Glückseeligkeit mit Klugheit, Billigkeit und Ehrlichkeit verknüft sey, welches die Stücke der wahren und dauerhaften Wollust wären. Was Epicterum betrift, so glaube ich nicht, daß jemalen ein Mensch, auch Jesum Christum nicht ausgenommen, strenger, standhaftiger, und. gleichgültiger gewesen sey, als er. Was ich sage, wäre leicht zu beweisen, aber aus Furcht die Schranken zu überschreiten, die ich mir vorgeschrieben habe, will ich von den schönen Handlungen seines Lebens nur ein Exempel seiner Beständigkeit anführen. Weil er ein Leibeigener eines Freygelassenen, Nahmens Epaphroditus, Hauptmanns von der Leibwache Neronis war, so kam diesem viehischen Kerl die Lust an, ihm das Bein zu verdrehen. Als Epictetus sahe, daß er Wohlgefallen hieran hatte, sagte er lächelnd. Ich sehe wohl, das Ende vom Spiel wird seyn, daß mein Bein zerbricht. Es geschah auch wirklich, wie er vorher gesagt hatte. Nun fuhr er fort mit unverändertem und lachendem Gesicht, habe ichs nicht gesaget, du würdest mir das Bein brechen? Ist wohl eine Standhaftigkeit mit dieser zu vergleichen, und kann man sagen, daß Jesus Christus ihm gleich komme, da er doch weinte und schwitzte bey dem geringsten Schrecken, den man ihm verursachte, und bey seinem Tode eine solche Zagheit spüren ließ, die man bey dem größten Theil seiner Märtyrer nicht gesehen hat? Wenn uns nicht die Zeit das Buch beraubet hätte, das Arianus von seinen Leben und Tode geschrieben, so würden wir ganz gewiß noch mehr Exempel seiner Gedult finden. Ich zweifle nicht, man werde von dieser That eben das urtheilen, was die Unwissenden von den Tugenden der Weltweisen sagen, nehmliches sey eine Tugend, deren Mutter die Ruhmbegierde sey, und in der That nicht das sey, was sie scheine. Aber ich weiß auch, daß die, welche diese Sprache führen, Leute sind, die auf der Canzel alles sagen, was ihnen in den Mund kommt, und meynen, sie hätten das Geld, so ihnen der Staat, das Volk zu unterrichten giebt, wohl verdienet, wenn sie gegen diejenigen schreyen, welche die einigen Gelehrten sind, die da wissen, daß die gesunde Vernunft die einige Tugend ist. So wahr ist es, daß in dieser Welt von den Sitten wahrer Gelehrten nichts so weit entfernet ist, als die Handlungen dieser Unwissenden, die jene übel ausschreyen, und nur deswegen scheinen studiret zu haben, damit sie zu einem Posten gelangen möchten, der ihnen Brod verschaft, die sich sehr groß damit machen, wenn sie ihn erhalten haben, eben als ob sie hiermit zu einem Stand der Vollkomenheit gelanget wären [gg], obgleich solcher, vor diejenigen, so ihn erhalten, weiter nichts als ein Stand der Eigenliebe, des Geitzes, des Hochmuths und der Wollust ist, in welchem die meisten nichts weniger nachfolgen, als den Grundsätzen der Religion, zu der sie sich bekennen. Allein wir wollen die Leute bey Seite setzen, die nicht wissen, was Tugend ist, um die Gottheit ihres Meisters zu untersuchen

§ 19 — Nachdem wir seine Staatsklugkeit und Sittenlehre untersucht, worinnen wir nichts Göttlichers gesehen hahen, als in den Schriften der Alten, so wollen wir sehen, ob der Ruhm, der ihm nach seinem Tode nachgefolget ist, ein Kennzeichen sey, daß er ein Gott sey? Das gemeine Volk ist an falsche Urtheile so sehr gewöhnt, daß ich mich wundere, wenn man aus solchen einen richtigen Schluß ziehen will. Die Erfahrung bekräftigt, daß das Volk allezeit an denjenigen hänget, wovon nichts würkliches ist, und daß es nichts sagt oder thut, das nicht eine Unbeständigkeit anzeige. Unterdessen sind auf dergleichen Hirngespinsten zu allen Zeiten die allergemeinsten Meynungen im Schwang gegangen, ohnerachtet der Bemühungen der Gelehrten, die sich allemahl dagegen gesetz haben. Sie mochten noch so sehr sich befleissigen diese Possen auszurotten, so hat sie das Volk doch nicht fahren lassen, bis es damit betrogen worden. Moses rühmt sich vergeblich, er sey der Stadthalter des Gottes aller Götter, er bewieß seine Sendung durch ganz ausserordentliche Zeichen vergeblich. Er durfte sich nur ein wenig entfernen, gleich wie er unter dem Schein mit Gott zu reden je zuweilen that, (eben so machte es auch Numa Pompilius, und viele andere Gesetzgeber). Er durfte sich, sage ich, nur ein wenig entfernen, so fand er bey seiner Zurückkunft nichts als die Spuren von den Göttern, welche die Hebräer in Egypten gesehen hatten. Es war vergeblich, daß er sie 40 Jahre in der Wüsten aufhielte, um ihnen das Angedenken der hinterlassenen Götter auszulöschen, sie hatten selbiger noch nicht genug, sie wollten welche haben, die vor ihnen herzögen Exod. 33, 33. und beteten solche halsstarrig an, er mochte deswegen Todesstrafen ergehen lassen, wie er wollte. Der Haß allein, den man ihnen gegen andere Nationen beybrachte, vermittelst eines Hochmuths, dessen nür die Allerunwissenden fähig find, machte, daß sie allgemach das Andenken der Egyptischen Götter verlohren, und sich an den Gott Mosis hiengen, den man auch eine Zeitlang mit allen denen im Gesetze vorgeschriebenen Umständen anbetete, das man aber nach und nach verließ, um das Gesetz Jesu Christi anzunehmen, ich weiß nicht, aus was für einer Unbeständigkeit, die verursachet, daß man immer dem neuen nachläuft.

§ 20 — Gleichwie die unwissensten unter den Hebräern das Gesetz Mosis am meisten in Schwang gebracht hatten, also waren es auch die ersten, die Jesu Christo nachliefen, und wie die Zahl solcher Leute gewaltig groß ist, und sie sich untereinander lieben, so ist kein Wunder, daß diese Irrthümer sich leichtlich ausgebreitet haben. Es ist wohl wahr, daß neue Sachen allezeit Mühe verursachen, allein die Ehre, so man davon verhoffet, versüsset die Mühe. Die Jünger Christi also, so elend sie auch bey seiner Nachfolge dran waren, massen sie oft von den Körnern leben musten, die sie aus den Ahren rieben, ja schimpflich Luc. 10, aus solchen Orten verjagt und ausgeschlossen wurden, worinnen sie blos von ihrer Müdigkeit ausruhen wollten, wurden nicht eher überdrüssig, bis sie ihrem Meister in des Scharfrichters Händen, und ausser Stand sahen, ihnen die Güter und Hoheit zu geben, die er ihnen versprochen hatte. Nach seinem Tode waren die Jünger höchst betrübt, daß ihre Hofnung also zu Wasser worden, und sie von den Juden verfolgt wurden, die ihnen eben also mitspielen wollten, als ihrem Meister, sie machten also aus der Noth eine Tugend, und breiteten sich im Lande aus, da sie auf das Vorgeben einer Frauen Joh. 20. seine Auferstehung und göttliche Sohnschaft predigten, nebst denen Mährlein, davon die Evangelia voll sind. Weil es so schwer hielte unter den Juden fortzukommen, so entschlossen sie die Heyden aufzusuchen, um zu sehen, ob sie bey diesen glücklicher seyn würden‚ als bey den Juden. Allein, weil hiezu mehrere Wissenschaft nöthig war, als sie besassen, indem die Heyden Weltweisen waren, und allzu gute Freunde der Vernunft, als daß sie von Kleinigkeiten sich hätten sollen überweisen lassen, so gewannen sie einen jungen Menschen, Namens St. Paulus, von einem hitzigen und lebhaften Temperament, der etwas gelehrter war, als blosse Fischer, oder viel mehr ein grosser Plauderer, und sich mit ihnen vereinigte, wegen eines Streichs vom Himmel, der ihn blind machte, (denn sonsten wäre der Betrug unnütz gewesen) dieser zog einige schwache Seelen an sich durch die Furcht vor der Höllen, die aus den Fabeln der alten Poeten genommen war, und durch die Hofnung eines Paradieses, welches nicht viel besser herauskommt, als des Mahomet seines, also daß sie endlich ihrem Meister die Ehre zuwege brachten, vor einen Gott angesehen zu werden, welches er bey Lebzeiten nicht hatte können zuwege bringen [hh]. Das Schicksal Jesu Christi war also in diesem Stücke nicht besser als Homeri seines, nach dessen Tode sich 6 Städte um seinen Leichnam schlugen, die ihn bey seinem Leben verjagt und verachtet hatten.

§ 21 — Hieraus siehet man, daß das Christenthum gleich andern Dingen von dem Eigensinn der Menschen abhängt, als welchen alles gut oder böse zu seyn bedünkt, nachdem sie in einer Gemüthsverfassung sind. Ferner, wenn Jesus Christus Gott wäre, so könnte ihm nichts wiederstehen, denn St. Paulus Röm. 3, 13. daß seinem Willen niemand wiederstehen kann, obschon diese Stelle einer andern Gen. 4, 7. gerade wiederspricht, da es heist, daß sowohl das Verlangen als die Begierden des Menschen auf ihn selber ankommt, und daß er Herr darüber ist, welches man anführet aus Beysorge, dem Könige der Thiere d. i. dem Menschen seinen freyen Willen zu benehmen, weil Gott um seinetwillen die ganze Welt soll geschaffen haben. Allein wir wollen uns nicht in einen Irrgarten von Irrthümern und sichtbaren Wiedersprüchen verwirren, davon wir bereits genug geredet haben. Wir wollen etwas von Mahometh sagen, welcher ein Gesetz auf solche Gründe aufgeführet hat, die den Gründen Jesu Christi ganz entgegen laufen.

 

Mahometh

§ 22 — Kaum hatten dessen Jünger Mosis Gesetz abgeschaft um das christliche einzuführen, so folgten die Menschen nach ihrem Eigensinn und gewöhnlichem Wankelmuth einem neuen Gesetzgeber, der sich gleich Mosi durch die Waffen empor schwang. Der prahlerische Titul eines Propheten und Gesandten Gottes fehlte ihm eben so wenig, als ihnen. So hatte er auch nicht weniger Geschicklichkeit Wunderwerke zu thun, und den Affecten des Volks auf eine schickliche Art zu schmeicheln. Gleich sahe er sich, wie jene von einem unwissenden Volke begleitet, welchem er die neuen Aussprüche des Himmels vorschwatze. Dieses Lumpengesinde wurde durch die abgeschmackten Versprechungen und Histörchen dieses Betrügers angelockt. Sie breiteten seinen Ruhm aus, und erhöheten ihn dergestalt, daß seiner Vorfahren ihrer nach und nach abnahm. Dem Ansehen nach war Mahometh der Mann nicht, der ein neues Reich stiften konnte; er wuste gar wenig von der Staatsklugheir, und Weltweisheit, er konnte weder lesen noch schreiben, ja er hatte so wenig Standhaftigkeit, daß er sein Unternehmen öfters hätte fahren lassen, wenn ihn die Geschicklichkeit seines Mitgesellen nicht dazu gezwungen hätte, Allein, auf die Art, wie es ihm gelungen hat, so kann ein jeder Einfältiger hoffen, ein Gesetzgeber zu werden [ii]. So bald er anfing sich zu erheben, und sein Name in Arabien berühmt wurde, so verdroß es einem mächtigen Araber, Namens Corail, daß ein Lumpenkerl mit solcher Verwegenheit das Volk betrügen sollte, setzte sich ihm entgegen, allein, weil das Volk endlich glaubte, Mahomet unterrede sich beständig mit Gott, und seinen Engeln, so behielt er die Oberhand über seinen Feind. Als des Corails Familie unterlegen war, und Mahomet eine Menge Anhänger hatte, die ihn für einen göttlichen Menschen hielten, so furchte er sich vor Niemand mehr, als vor seinen Mitgesellen, aus Furcht, er möchte seinen Betrug entdecken, und beschloß, ihm vorzukommen. Damit er dieses desto sicherer thun könnte, gab er ihm die schönsten Worte, und versprach heilig, er suche nur deswegen groß zu werden, damit er ihm das Gute mittheilen könne, dazu er ihm verhülfe. Jetzo nahet die Zeit unserer Erhöhung herbey, sagte er, es hänget uns eine Menge Volks an, das wir auf unsere Seite gebracht: Allein wir müssen es in seiner Meynung befestigen durch das Kunststück, das du so klüglich ausgesonnen hast. Hierauf beredete er ihn, sich in dem Loche der Oracul (göttlichen Aussprüche) zu verbergen. Dieses war ein Ort, den sie brauchten um die Stimme Gottes nachzumachen, vor welchem er mit seinen Anbängern vorbeygehen wollte. Der arme Mann ließ sich die süssen Worte dieses dummen Kerls verblenden, und stellte, wie sonsten gewöhnlich, das Oracul vor, nehmlich, wie Mahomet mit einem grossen Gefolge von Leuten, die sich in seine falsche Tugenden verliebt hatten, vorbeyging, so schrie er: Ich, euer Gott, bezeuge euch, daß ich Mahomet zum Propheten aller Völker gesetzt habe. Von ihm werdet ihr mein wahrhaftiges Gesetz lernen, weil es die Juden und Christen.verfälschet haben. Gedachter Mann spielte seit langer Zeit diese Rolle, aber endlich wurde er mit Undank belohnt. Denn als Mahomet diese Stimme hörte, die ihn vor einen Mann Gottes ausgab, wandte er sich gegen das Volk, und befahl ihnen im Namen Gottes, der ihn vor seinen Propheten erkenne, das Loch, woraus dieses Zeugniss erschallet, mit Steinen anzufüllen, zum Angedenken des Steins, den Jacob aufrichtete, als ein Zeichen, daß ihm Gott erschienen. Also kam dieser elende Mensch ums Leben, welcher so viel beygetragen hatte, zur Erhöhung Mahomets, und auf diesen Steinhaufen gründete der letzte unter den berühmtesten Betrügern sein Gesetz. Dieser Grund ist so fest und stark, daß man nach verflossenen 1000 Jahren noch keinen Anschein des Untergangs wahrnimmt.

§ 23 — Also erhub sich Mahomet, und zwar glücklicher als Jesus Christus, weil er noch vor seinem Tode den Fortgang seiner Lehre sahe, welches dieser wegen seiner Armuth nicht konnte. Ja er war glücklicher, als Moses, der aus allzu grossem Ehrgeitz sich in seinen letzten Tagen zu tode stürzte, wie wir bereits erwehnet. Denn er starb nicht nur in Frieden, und erwünschter Glückseligkeit, sondern er hatte auch einige Gewißheit, daß seine Lehre nach seinem Tode bestehen würde, weil er sie nach der Beschaffenheit seiner Anhänger eingerichtet hatte, die in Unwissenheit geboren und erzogen waren, welches ein geschickter Mann nicht thun konnte. Sehet meine Leser, dies ist das vornehmste, was man von den 3 berühmten Gesetzgeber sagen kann. Sie waren also beschaffen, wie wir sie vorgestellet haben. Nun möget ihr sehen, ob ihr ihnen nachfolgen wollet, und ob ihr zu entschuldigen seyd, wenn ihr euch von Wegweisern führen lasset, welche der Ehrgeitz erhoben, und die Unwissenheit verewigt hat. Damit ihr von beyden möget befreyet werden, so leset das Folgende mit einem freyen Gemüth jedoch mit Aufmerksamkeit, so werdet ihr ohne Zweifel merken, daß es die reine Wahrheit ist.

 

Das vierte Capitel. Handgreifliche und offenbare Wahrheiten.

Da Moses, Jesus Christus, und Mahomet alle beschaffen sind, wie wir sie geschildert haben, so ist gewiß, daß man den wahren Begriff von Gott nicht bey ihnen suchen muß. Denn die Unterredungen des ersten und letzten mit Gott, und die göttliche Sohnschaft des mittlern sind Betrügereyen, die ihr fliehen müsset, wenn ihr die Wahrheit liebet.

§ 2 — Gott ist ein einfaches Wesen, oder eine unendliche Ausdehnung, welche dem ähnlich ist, was sie in sich fasset, d. i. er ist materialisch, und doch weder gerecht, noch barmherzig, noch ein Rächer, noch etwas von alle dem zu seyn, was man sich einbildet, folglich belohnert und straft er nicht [kk]. Maassen dieser Begriff von Belohnung und Strafe niemand als Unwissenden in die Gedanken kommen kann, welche dieses einfache Wesen, das man Gott nennet, nicht anders als unter Bildern begriffen, die ihn keinesweges zukommen. Dahingegen diejenigen, welche sich des Verstandes bedienen, ohne seine Wirkungen mit den Wirkungen der Einbildungskraft zu verwirren, und welche die Stärke besitzen, die Vorurtheile einer üblen Auferziebung abzuschaffen, diese, sage ich, sind die einigen, welche einen gesunden, klaren und deutlichen Begriff von ihm haben, und ihn als die Quelle aller Dinge betrachten, die er ohne Unterschied zu machen hervorbringt, weil bey ihm eines nicht mehr ist, als das andere, und der Mensch ihm nicht mehr Mühe kostet hervorzubringen als ein Wurm, oder eine Blume.

§ 3 — Deswegen muß man nicht glauben, daß dieses einfache und ausgedehnte Wesen, welches dasjenige ist, so man insgemein Gott nennet, mehr Wesens von einem Menschen mache, als von einer Ameise, von einem Löwen, als von einem Stein, und von jedwedem andern Dinge, als von einer Bohne; oder daß bey ihm etwas schön, oder häßlich, gut oder böse, vollkommen oder unvollkommen und so weiter sey? daß er sich um das bekümmere, was die Menschen thun oder reden, daß er des Hasses oder Zorns, oder Liebe fähig sey, oder mit einem Wort, daß er mehr vor den Menschen‚ als die übrige Creaturen sorge, von welcher Beschaffenheit sie auch seyn mögen [ll]. Alle diese Unterscheidungen sind blosse Erfindungen eines eingeschränkten Verstandes, welches so viel heist: daß die Unwissenheit sie erfunden, und der Eigennutz erhalten hat.

§ 4 — Also wird jeder vernünftige Mensch weder Himmel, noch Hölle [mm], noch Seele, noch Geist, noch Teufel auf solche Weise glauben, als man insgemein davon redet, maassen alle diese grosse Worte bloß deswegen geschmiedet werden, um das Volk zu erschrecken, oder zu verblenden [nn]. Diejenigen also, welche die Wahrheit hiervon wissen wollen, dürfen nur das folgende mit einem freyen Gemüthe lesen und sich angewöhnen mit vielem Nachdenken ihr Urtheil zu fällen.

§ 5 — Die grosse Menge Sterne, die wir über uns sehen, hat verursacht, daß man eben so viele feste Cörper angenommen hat, darinnen sie sich bewegen, worunter einer ist, der vor die Himmlische Hofhaltung gewidmet, woselbst Gott als ein König mitten unter seinen Hofleuten wohnet, die Seeligen sich aufhalten, und wohin die frommen Seelen sich erheben, wenn sie den Leib und diese Welt verlassen. Aber ohne uns bey einer Meynung aufzuhalten, die ohne Grund ist, und die kein Vernünftiger zulässet, so ist gewiß, daß das, was man Himmel nennet, nichts anders ist, als die Fortsetzung unserer Luft, die aber zärter und reiner ist, worinnen sich die Gestirne bewegen, ohne von einer dichten Masse (Kumpen) unterstützt zu seyn, eben wie die Erde, welche wirklich mitten in der Luft hänget, sich beweget und drehet.

§ 6 — Weil man sich einen Himmel eingebildet hat, welcher der Sage nach, der Aufenthalt der Seeligen und Gottes ist, eben wie bey den Heyden die Götter und Göttinnen darinnen wohnten; also hat man sich auch eine Hölle, oder einen unterirrdischen Ort vorgestellet, wohin dem Vorgeben nach, die Seelen der Bösen fahren sollen, um gepeiniget zu werden. Allein das Wort Hölle bedeutet eigentlich, und in seinem natürlichen Verstande nichts anders, als einen tiefen Ort, den die Poeten erfunden haben, um ihn den himmlischen Wohnungen entgegen zu setzen, die sie sehr hoch und erhaben zu seyn, vorgaben. Dieses bedeutet das lateinische Wort infernus, oder inferi, d. i. eine dunkle und tiefe Gegend, dergleichen ein Grab und jedweder tiefer finsterer Ort ist. Alles was man sonst davon sagt, ist blosse Betrügerey, und eine Erdichtung der Poeten, welche alles verblümt vortragen. Hernach haben Leute von schwachen, furchtsamen, melancholischen Gemüthe, und zumal solche, die einen Nutzen von dieser Meynung hatten, sie unterhalten.

 

Das fünfte Capitel. Von der Seele.

Von der Seele ist weit schwerer und delicater zu handeln, als von Himmel und Hölle. Damit also die Begierde des Lesers vergnüget werde, müssen wir ausführlicher davon reden. Ehe ich aber meine Meynung sage, will ich vorhero erzählen, was die berühmtesten Weltweisen vor Gedanken davon gehabt, allein ich will es mit wenigen Worten thun, damit man es desto leichter merken möge. Einige haben gesagt, die Seele sey ein Geist, oder eine unsichtbare Kraft. Andere gaben sie vor ein Theilchen der Gottheit aus, andere vor eine sehr zarte Luft, einige vor die Zusammenstimmung aller Theile des Leibes, und noch andere vor das dummeste und subtileste Theil vom Geblüt, daß sich davon im Gehirne abscheidet, und in den Nerven austheilet, also, daß das Herz die Quelle der Seele ist, woselbsten sie gezeuget wird, und der Ort, da sie ihre edelsten Wirkungen verrichtet, ist das Gehirn, indem sie daselbst von den groben Theilen des Bluts weit mehrer gereiniget ist. Dieses sind die vornehmsten Meynungen, die man von der Seele gehabt hat. Damit sie aber deutlicher werden, so wollen wir sie in Cörperliche und uncörperliche theilen, und ihre Urheber anzeigen, damit man sich hierinnen nicht betriege.

§ 2 — Pythagoras und Plato haben gesagt, die Seele sey nichts Cörperliches, d. i. Ein Wesen, das im Stande ist, ohne Hülfe eines Cörpers zu dauren, und das sich von selbsten bewegen kann; daß alle besondere Seelen der Thiere nur Theile sind der allgemeinen Weltseele, eben so, als wie hundert kleine Feuer eben dasselbige Feuer sind, und von eben der Natur, als ein grosses Feuer, daraus man sie genommen hat [oo].

§ 3 — Diese Weltweisen haben geglaubt, die Welt werde durch eine unmaterialische Selbständigkeit belebt, die unsichtbar sey, alles weiß, sich immer bewegt, und die Quelle ist aller Bewegung, und aller Seelen, welche nur kleine Theilchen von ihr sind. Wie nun aber diese Seelen ganz rein sind, und über den Cörper unendlich erhoben, so vereinigen sie sich ihrem Vorgeben nach, nicht unmittelbar mit ihm, sondern vermittelst eines subtilen Cörpers, dergleichen die Flamme, oder die subtile, dünne und ausgebreitete Luft, die der Pöbel vor den Himmel hält, hernach nehmen sie einen andern noch weniger subtilen Cörper an, so dann einen gröbern, und immer also Stuffenweise, bis sie sich mit den sichtbaren Cörpern der Tiere vereinigen können, worinnen sie fahren, als in Gefängnisse oder Gräber. Der Todt der Seele, sagen sie, ist das Leben des Cörpers, worinnen sie wie begraben ist, und ihre edelsten Verrichtungen nur ganz schwach erzeiget. Im Gegentheil ist der Tod des Cörpers das Leben der Seele, weil sie aus ihrem Gefängniß gehet, sich von der Materie losmacht, und mit der Weltseele wieder vereinigt, aus welcher sie gegangen ist. Nach dieser Meynung also sind die Seelen der Thiere von gleicher Natur, und die Verschiedenheit ihrer Verrichtungen kommt bloß von der Verschiedenheit der Cörper her, worein sie gehen. Ueber dieses giebet Aristoteles einen allgemeinen Verstand zu, den alle Menschen mit einander gemein haben, und welcher in Absicht auf die besondern Verstande eben das thut, was das Licht in Absicht auf die Augen thut. Und gleich wie das Licht die Sachen sichtbar macht, also macht der allgemeine Verstand die Sachen begreiflich. Dieser Weltweise nennet die Seele dasjenige, was uns belebt, bewegt und begreiffen macht. Allein er sagt nicht, was dieses Wesen ist, so die Quelle und den Ursprung dieser edlen Verrichtungen darstellt, und folglich muß man die Auflösung dieses Zweifels nicht bey ihm suchen, die man wegen der Natur und der Seele haben mag.

§ 4 — Dicearchus, Asclepiades und einigermaassen auch Galenus haben die Seele vor etwas uncörperliches gehalten, aber auf eine andere Weise. Denn sie sagten, sie wäre die Zusammenstimmung aller Theile des Leibes, d. i. das was aus der genauen Vermischung der Elementen, und aus der Beschaffenheit der Säfte und Lebensgeister entspringt. Also sagen sie, gleichwie die Gesundheit kein Theil desjenigen ist, der sich wohl befindet, obschon sie in ihm ist, also ist auch die Seele kein Theil des Thieres, in dem sie ist, sondern nur eine Wechselweise Uebereinstimmung aller Theile, daraus er besteht. Wobey man merken muß, daß diese Gelehrte die Seele vor uncörperlich gehalten, aus einem Grunde, der ihrer Meynung ganz entgegen ist, nemlich daß sie kein Cörper, sondern nur etwas mit dem Cörper unzertrennlich verknüftes sey, das heist, daß sie ganz und gar cörperlich sey, maassen man cörperlich nennet, nicht nur, was ein Cörper ist, sondern auch was eine Gestalt oder zufällig Ding ist, das man von der Materie nicht trennen kann. Dieses sind die Namen derjenigen, so die Seele vor uncörperlich oder unmaterialisch gehalten haben, und die, wie zu sehen, unter sich selber nicht eins sind, und folglich nicht verdienen, daß man ihnen glaube. Nun wollen wir auf diejenigen kommen, welche sie vor einen Cörper gehalten halten.

§ 5 — Diogenes hat geglaubt, sie sey aus Luft gemacht, woraus er die Nothwendigkeit des Odemhohlens gefolgert, und sie erklärt hat, daß sie eine Luft sey, so durch die Lungen in das Herz fähret, wo sie sich erhitzet, und hernach im ganzen Cörper ausbreitet. Leucippus und Democritus haben gesagt, sie sey von Feuer, und gleich solchem aus untheilbaren Dingen zusammengesetzt, welche leicht durch alle Theile des Leibes dringen, und ihn bewegen. Hippocrates hat gesagt, sie bestehe aus Wasser und Feuer, und Empedocles aus den 4 Elementen. Epicurus hat geglaubt wie Democritus, die Seele bestehe aus Feuer, er setzt aber hinzu daß zu dieser Zusammensetzung noch ein Dampf, so dann Luft, imgleichen eine andere Selbständigkeit komme, die keinen Namen hat, und die Quelle des Empfindens ist. Aus diesen 4 verschiedenen Selbständigkeiten werde ein sehr subtiler Geist, der sich im ganzen Leibe ausbreitet, und den man Seele nennen soll.

§ 6 — Cartesius behauptet auch erbärmlich, daß die Seele nicht materialisch sey, denn kein Weltweiser hat von dieser Materie so schlecht geurtheilt, als dieser grosse Mann. Er thut es auf folgende Weise. Anfangs, sagte er, muß man an der Wirklichkeit aller Cörper zweifeln, und glauben, es gäbe gar keine; hernach muß man auf folgende Weise Schlüse machen.

Es ist kein Cörper, dem ungeachtet bin ich, folglich bin ich kein Cörper, und kann also nichts, als ein denkendes Wesen seyn.

Obwohl dieses schöne Urtheil von selbsten zerfällt, so will ich doch in wenig Worten meine Gedanken davon sagen. Erstlich ist der Zweifel, den er macht, ganz unmöglich, denn obwohl man zuweilen nicht daran zu gedenken pflegt, daß es Cörper gibt, so ist es doch unmöglich zu zweifeln‚ ob es welche gibt, wenn man daran gedenkt. Zweitens wer zweifelt, daß es Cörper gibt, der muß versichert seyn, daß er keinen habe, weil Niemand an sich selber zweifeln kann. Ist er nun dessen versichert, so ist sein Zweifel unnöthig. Drittens, wenn er sagt, die Seele sey eine Selbständigkeit, oder ein Wesen, das gedenkt, so fügt er uns nichts neues, denn dieses sagt jedermann. Die Schwierigkeit ist, zu bestimmen, was denn dieses denkende Wesen sey, und dieses thut er eben so wenig als die andern.

§ 7 — Damit man keine Fehler begehe, wie er begangen hat, und damit man den gesundesten Begriff erlange, den man von der Seele haben kann, welche in allen Thieren, auch den Menschen nicht ausgenommen, von einerley Natur ist, und nur deswegen andere Verrichtungen hat, weil die Gliedmassen anders beschaffen sind, wie auch die Säfte, so muß man folgendes glauben.

Es ist gewiß, daß in der Welt ein sehr subtiler Geist ist, oder eine sehr dünne Materie, die in beständiger Bewegung, und deren Quellen in der Sonnen ist, das übrige davon ist in allen Cörpern ausgebreitet, mehr oder weniger, nach Beschaffenheit ihrer Natur oder Wesens. Dieses ist die Seele der Welt, die solche regiert und belebt, und davon ein Theil in alle die Theile, daraus die Welt besteht, ausgetheilet ist. Diese Seele ist das vollkommenste Feuer, das in der Welt zu finden, es brennet nicht von sich selber, sondern vermöge der unterschiedenen Bewegungen, die es denen Theilgen anderer Cörper, worein es kommt, mittheilet, trennet es, und lässet seine Wärme spüren, das sichtbare Feuer hat von diesem Geiste mehr, als die Luft, die Luft mehr, als das Wasser, und die Erde hat weit weniger. Unter den vermischten Dingen haben die Pflanzen mehr als die Metalle, und die Thiere noch mehr. Endlich, wenn dieses Feuer in den Cörper eingeschlossen ist, so macht es, daß sie denken, und dieses ist, was man Seele nennet, oder Lebensgeister, die sich in allen Theilen des Cörpers ausbreiten. Nun ist gewiß, weil diese Seele von gleicher Natur in allen Thieren ist, so verfliegt sie in des Menschen Tod so wohl, als in dem Tode der unvernünftigen Thiere, woraus ferner folgt, daß alles, was die Geistlichen und Poeten uns von der andern Welt vorschwatzen, ein Hirngespinste ist, das sie um solcher Ursachen willen erdichtet, und ausgebreitet haben, welche leicht zu errathen sind.

 

Das sechste Capitel. Von den Geistern, die man insgemein Teufel nennet [pp]

Wir haben weitläuftig genug ausgeführet, wie der Glaube von den Geistern sich bey den Menschen eingeschlichen hat, und daß diese Geister blos Gespenster sind, die nirgend, als in ihrer Einbildung wirklich sind. Die alten Weltweisen waren nicht erleuchtet genug, dem gemeinen Volk zu erklären, was diese Gespenster wären; allein sie sagten doch, was sie davon gedachten. Einige, weil sie sahen, daß diese Gespenster verflogen, und keine Festigkeit hatten, nenneten sie unmaterialisch, uncörperlich, Formen ohne Materie, im gleichen Farben oder Figuren ohne gefärbte oder figurirte Cörper zu seyn.

Anbey sagten sie, sie könnten sich mit der Luft bekleiden, wie mit einem Kleide, wenn sie sich wollten sichtbar machen, und von den Menschen sehen lassen. Andere sagten, sie bestünden aus Luft, oder aus einer weit subtilern Materie, welche sie nach Belieben verdickten, wenn sie erscheinen wollten.

§ 2 — Waren diese beyden Arten von Weltweisen gleich unterschieden in der Meynung, die sie von den Gespenstern hatten, so waren sie doch einstimmig in den Namen, die sie ihnen gaben, denn alle zusammen nenneten sie Daemones (d. i. Teufel), worinnen sie eben so wenig Grund hatten, als diejenigen, die sich einbilden, sie sähen die Seelen der Verstorbenen im Traume, oder das wäre ihre Seele, was sie erblicken, wenn sie in den Spiegel sehen, oder welche glauben, die Sterne, die sie im Wasser sehen, wären die Seelen dieser Sterne. Nach dieser tollen Einbildung fielen sie in einen Irrthum, der nicht weniger unleidentlich ist, indem sie glaubten, diese Gespenster hätten eine unumschränkte Macht, welches eine abgeschmakte, aber bey Unwissenden gewöhnliche Meynung ist, die sich einbilden, was sie nicht kennen, das sey eine unendliche Kraft.

§ 3 — So bald diese lächerliche Meynung ausgebreitet war, so bedienten sich die Regenten derselbigen, um ihr Ansehen zu unterstützen. Sie brachten einen Glauben auf, die Geister betreffend, den sie Religion nenneten, damit die Furcht, so das Volk vor diesen mächtigen Wesen hatte, selbiges bey ihrer Schuldigkeit erhielte. Und damit sie dieses mit grösserm Nachdruck thun möchten, theilten sie die Geister in gute und böse; jene um die Menschen zu Haltung ihrer Gesetze aufzumuntern, und diese, um zu wehren, solche zu überschreiten. Damit man aber wisse, was Daemones, (Geister oder Teufel) sind, so darf man nur die griechischen Poeten und Historien lesen, und insonderheit was Hesiodus in seiner Theogenia (Götterursprung) davon sagt, da er weitläuftig von der Herkunft und Abstammung der Götter handelt.

§ 4 — Die Griechen waren die ersten, die sie erfunden haben, und von ihnen sind sie vermittelst ihrer Colonien und Siege nach Asien, Egypten und Italien gekommen. Die Juden, so zu Alexandria und anderswo zerstreuet waren, bekamen daselbst Kundschaft davon, deren sie sich eben so glücklich als andere Völker bedienten, aber doch mit dem Unterschied, daß sie nicht wie die Griechen die guten und bösen Geister ohne Unterschied Daemones nannten, sondern nur die bösen, und dem einigen guten Daemoni die Benennung Geist Gottes beylegten, und diejenigen Propheten hiessen, welche diesen guten Geist hatten, den sie Gottesgeist nannten, und vor ein grosses Gut hielten, hingegen den bösen Geist Cacodaemon, den sie vor ein grosses Uebel hielten.

§ 5 — Dieser Unterschied zwischen bösen und guten machte, daß man diejenige Daemoniacos (Besessene) nannte, welche wir Mondsüchtige heissen, rasende, unsinnige, und mit der hinfallenden Krankheit behaftete, gleich wie auch diejenigen, so fremde Sprachen redeten. Ein ungestalter und unsauberer Mensch war nach ihrer Sprache vom unreinen Geist besessen, und ein Stummer, von einem stummen Geiste. Endlich wurden diese Worte, Geist und Teufel so gemein, daß man sie bey aller Gelegenheit brauchte. Es ist also klar, daß die Juden, wie die Griechen glaubten, es wären diese Gespenster keine blosse Einbildungen, noch Träume, sondern wirkliche Wesen, die ausser der Einbildungskraft vorhanden wären.

§ 6 — Daher ist es gekommen, daß die Bibel mit den Worten Teufel und Besessene ganz voll gestreuet ist, Aber nirgend ist angezeigt, wie und wann sie erschaffen wurden, welches man Mosi billig übel nehmen muß, der sich unterstanden hat, wie man sagt, von der Schöpfung Himmels und der Erden, des Menschen &c. zu reden, imgleichen auch Christo, welcher viel von Engeln und guten und bösen Geistern redet, aber ohne zu melden, ob sie materialisch sind oder nicht. Woraus man wohl siehet, daß er nichts weiter davon wuste, als was die Griechen ihren Vorfahren gelehret hatten. Worinnen er eben so wohl zu tadeln ist, als daß er allen Menschen die Tugend, den Glauben und die Gottseligkeit vorsaget, die er ihnen, seinem Vorgeben nach, mittheilen kann. Damit wir aber wieder auf die Geister kommen, so ist gewiß, daß diese Worte: Daemon, Satan, Diabolus keine eigene Namen sind, die eine einzelne Person anzeigen, und daß blos die Unwissenden solches geglaubt, so wohl unter den Griechen, als ersten Erfindern, als unter den Juden, dahin sie kamen. Von der Zeit an, als diese damit angesteckt waren, eigneten sie diese Worte: Satan, Diabolus, Abbadon, so einen Feind, Ankläger und Ausrotter bedeuten, so wohl den unsichtbaren Mächten, als ihren eigenen Feinden zu, d. i. den Heyden, von denen sie sagten, sie wohneten im Reiche des Satans, weil nach ihrer Meinung niemand, als nur sie allein im Reiche Gottes wohnete.

§ 7 — Weil Jesus Christus ein Jude war, und folglich mit diesen abgeschmackten Meynungen der Juden sehr angefüllet, so lieset man allenthalben in dem Evangelio, und in den Schriften seiner Jünger die Worte. Satan, Diabolus, Hölle, eben als ob sie etwas wirkliches wären. Unterdessen bleibt es dabey, gleich wie wir es gezeiget haben, daß es eine blos eingebildete Sache ist, und woferne das, was wir davon gesagt haben, zum Beweis noch nicht hinlänglich wäre, so kann man die allerhartnäckigsten mit zweyen Worten überweisen. [7] Alle Christen stimmen darinnen überein, daß Gott die erste Quelle und der Grund aller Dinge ist, daß er solche geschaffen hat, und daß er sie erhält, und daß ohne seine Hülfe sie in das Nichts zurückkehren würden. Nach diesem Satze ist unläugbar, daß Gott dasjenige erschaffen hat, was man Satan oder Teufel nennet, eben sowohl, als das übrige alles, er mag ihn nun gut oder böse geschaffen haben, darauf kommt es jetzo nicht an, es folgt aber aus diesem Satze, daß, wenn der Teufel, so böse als er, dem Vorgeben nach, seyn soll, wirklich vorhanden, so muß solches durch den Beystand Gottes geschehen. Wie kann man aber begreifen, daß Gott eine Creatur erhalte, die ihn nicht allein ohne Unterlas verflucht, und die ihn tödtlich hasset, sondern die sich auch bemühet, ihm seine Anhänger zu verführen, blos um das Vergnügen zu haben, ihn durch unzählige Zungen zu lästern. Wie kann man begreifen, sage ich, daß Gott den Teufel erhalte, damit dieser sein äußerstes anwende, um ihn vom Thron zu stürzen, und sich bemühe, die Freunde und Diener Gottes von solchem abwendig zu machen? [qq] Was hat Gott vor eine Absicht hierunter? Oder vielmehr, was will man uns vorschwatzen, wenn man von Teufel und Hölle redet [rr]? Wenn Gott alles zu thun vermag, und ohne ihn nichts, geschehen kann, woher kommt es, daß ihn der Teufel hasset, daß er ihn verfluchet, und ihm seine Freunde verführet? Entweder ist er es zufrieden, oder er ist es nicht. Ist er es zufrieden, so ist gewiß, daß der Teufel, indem er ihn lästert, seine Schuldigkeit thut, weil er nichts thun kann, als was Gott will, folglich ist es nicht der Teufel, der Gott lästert, sondern Gott selber, welches, meiner Meynung nach, höchst ungereimt zu sagen ist. Ist Gott nicht damit zufrieden, so ist er nicht allmächtig, folglich sind zwey Ursprünge (principia) ein gutes und ein böses. Das eine will dieses haben, das andere thut gerade das Gegentheil [ss]. Wohin bringt uns dieses Urtheil? Dahin, daß wir ohne Einwendung gestehen müssen, es sey weder Gott noch Teufel, weder Seele noch Hölle, auf diese Art, als man sie abmahlt, und daß die Gottesgelehrten, d. i. diejenigen, so Fabeln vor Wahrheit ausgeben, Betrüger sind [tt], welche die Leichtgläubigkeit des Volks boshafter weise mißbrauchen, um ihnen weiß zu machen, was sie wollen. Eben als ob das gemeine Volk zu nichts tüchtig wäre, als zu abentheuerlichen Mährlein, oder als ob man ihm lauter abgeschmackte Speisen vorsetzen müste, woran alles leer, untauglich und nichtig ist, ohne ein Körnlein Salz der Wahrheit und Weisheit darin anzutreffen. Man hat schon seit langer Zeit den Narren an diesem abgeschmackten Urtheil gefressen, aber es haben sich auch zu allen Zeiten aufrichtige Gemüther gefunden, die wider eine so offenbare Ungerechtigkeit geschrien haben, gleichwie wir dieses in gegenwärtiger Abhandlung gezeigt. Diejenigen, so die Wahrheit lieben, werden ohne Zweifel einen grossen Trost darinnen finden, und blos diesen suche ich zu gefallen, ohne mich im geringsten um diejenigen zu bekümmern, welche ihre Vorurtheile vor unfehlbare göttliche Aussprüche halten [uu].

 

Beitrag des Herausgebers

Von der Erbsünde.

Zu den falschen Lehrsäzzen unsrer Kirche gehört auch das Kapitel von der Erbsünde. Oder gehört es etwa nicht dazu? — Warum finden wirs in allen Compendiis theologicis? Wird es nicht auf Schulen und Universitäten gelehrt? — Genug, daß wir es haben und das in manchen Consistoriis darüber examinirt wird. Die Erbsünde soll von unsern ersten Aeltern auf uns fortgeflanzt seyn, weil diese zuerst sich durch Essen einer verbotnen Frucht versündigt haben. Vorher waren sie rein und ganz schuldlos: Aber gleich nach der ersten Sünde wurd’ ihr ganzes Innre umgekehrt, u. s. w. Es ist doch ganz wunderbar wie die Christenheit eine solche närrische Lehre hat autorisiren können. Ohne zu bestimmen, wer die ersten Menschen gewesen, und zu welcher Zeit sie gelebet haben, welches alles ungewiß ist: So will ich nur untersuchen, ob die Erbsünde, so wie sie gelehret wird, Statt haben kann.

Wenn Jemand sich versündigt; so bestraft schon die weltliche Obrigkeit blos den Sünder und nicht seine Nachkommen: Nur ein Tyrann kann die Schuld der Aeltern auch auf die Kinder übergehen lassen, und sich noch an diese rächen, Hätten die ersten Menschen sich versündigt; so wäre Gott der größte Tyrann, wenn er uns noch dafür büßen ließe. Das sey ferne, daß wir der Gottheit eine solche Bosheit beilegen sollten. Vielmehr fällt diese auf diejenigen zurük, die solch ungereimtes Zeug erdichten konnten; oder ihre Unwissenheit müste sie entschuldigen. Aber man weis sich zu helfen, indem man sagt: Gott wollte die ersten Menschen nur versuchen, ob sie auch standhaft bleiben würden. Dies ist eben so albern, als daß Gott den Abraham soll versucht haben, ob er auch vom Glauben weichen würde. Man sage mir nur, wie man Gott so einschränken kann. Legt man ihm denn nicht die Allwissenheit bei? Konnte Gott vermöge dieser nicht wissen, daß die ersten Menschen fallen und Abraham so grausam seyn würde, seinen Sohn, einen Menschen zu schlachten? — Ist es denn nicht schon eine Klugheitsregel alles das sorgfältig zu vermeiden, wodurch Jemand zur Sünde gereizt wird? Und was ist die Versuchung? — Wird der Mensch durch sie nicht am ersten zur Uebertretung einer Sache verführt? — Wer kann nun wohl Gott so unbedachtsam handeln lassen!

Aber es steht doch nun einmal da: Krazz’ es aus, wer da kann. Was Gott thut, ist ganz anders, als was der Mensch thut. Dies sind die lezten Einwürfe des Unsinnigen, wenn er nicht weiter kann. Folgt denn daraus, daß ich oder du das glauben müssen, was da steht? Ja, wenn wenn es wahr wäre, daß alles, was da stehet, Wahrheiten wäre; dann wär’ es ein anders: Aber so ist das Gegentheil bewiesen worden. Betracht’ also die Bibel nicht mehr und nicht weniger als ein anderes Buch, in welchem du ebenfalls Wahrheiten und Lügen findest.

Um wieder auf die Erbsünde zu kommen; so ist erwehnt worden, daß der Fall der ersten Aeltern selbige in die Welt gebracht haben soll. Allein es ist auch der Ungrund gezeigt worden. Wie kommts aber, daß wir eine solche Fabel beim Mose finden? — Es ist sicher, daß Moses, oder der Verfasser dieser Bücher aus Bilderschrift, Tradition und Volksliedern geschöpft habe. Die Menschen konnten sich, vor Entstehung der Fabel vom Teufel oder Satan, nicht erklären, woher das Böse in die Welt gekommen ist. Da entstand nach und nach die Fabel von der verbothnen Frucht. Der Mann, welcher immer als Herr von der Frau betrachtet wurde, konnte, seiner Würde gemäs nicht zuerst gefehlt haben; folglich must’ er durch List der Frau zur Uebertretung verleitet werden. Nun zeichnete man diese Fabel mit der Bilderschrift auf. Der Baum wurde gezeichnet, die ersten Menschen dabei, und die List der Frau — wodurch konnte man diese wohl am besten ausdrükken, als durch die Schlange? — Die Schlange war bei den alten Völkern, und besonders bei den Aegyptiern, das Bild der List. Auf solche Art sind unsre Vorfahren getäuscht worden. Wollten wir uns ferner täuschen lassen, damit unsre Nachkommen etwas über uns zu lachen hätten? — Wenn wir unsre Vernunft gebrauchen; so werden wir leicht das Wahre vom Falschen unterscheiden lernen. Und ist das nicht unsre Pflicht? — Was haben wir davon, wenn wir den Mährchen Glauben beimessen? — Haben wir Vortheil oder Schaden? —— Leztern haben wir gewiß, weil unser Verstand durch Fabel und Irrthümer gleichsam umnebelt ist, daß auch nicht ein schwacher Strahl der Wahrheit durchdringen und uns erleuchten kann. Aberglaub’ und Unwissenheit werden befördert, und bleiben dem Dummen ewige Fesseln. Strebet also nach Wahrheit.
 

Einige Gedanken über das Ganze.

Es ist leicht zu vermuthen, das dies kleine Werk Aufsehen und Sensation machen werde. Wie mancher krasse Orthodox wird auf seinen dikken Bauch schlagen, das hochrothe Gesicht verzerren, und überlaut ausschreien: Verführung! Falsche Lehre! Wie mancher wird seine Feder spizzen, und schon im Voraus denken, wie er diesen oder jenen Buchhändler mit einer Widerlegung prellen will, indem er so denkt wie der seelige Autor. Wieviele Bannstrahlen werden von Osten und Westen, von Norden und Süden, auf diese nicht unzeitige Geburt herabgeschossen werden. Man wird sagen: Nun steht ein dritter Goliath (Lessings Ungenannten nannte man den andern) auf, der dem Zeuge Israels Hohn spricht. Das ist aber ganz recht. Wollte Gott! wir könnten dem albernen Zeuge Israels recht Hohn sprechen: Vielleicht würden die Menschen sich bessern und das Judenchum ganz aus ihrer Mitte verbannen.

Um aber auf dies Buch selbst zu kommen. — Was hat der Autor gethan? — Hat er mehr gethan, als was jedem Menschen frei stehen muß; nemlich seine Meinung zu sagen? Wir leben doch wohl nicht in jenen finstern Zeiten, in welchen man dieser Freiheit ganz himmelschreiend beraubt war? — Was sich hier und da wider ihn sagen lässt, hat der Herausgeber in den Anmerkungen gezeigt. Was er vom Mose gesagt hat, ist jedem Denker sonnenklar. Nur was Jesum Christum betrift, ist noch einiger Reden werth. Er legt ihm, wie der Wolfenbüttelsche Fragmentist nach ihm, weltliche Absichten bei, die wir Jesu doch ganz absprechen können, obgleich in 1800 Jahren vieles unglaublich und ungewis gemacht werden kann. Ob Jesus weltliche, geistliche oder moralische Absichten gehabt habe; ob er auferstanden und gen Himmel gefahren sey, dies sag’ ich, sind keine Fakta, worauf die wahre Religion sich gründet. Denn wenn diese durch solche Dinge‚ die im Grunde nichts frommen, erst eine Gültigkeit erhalten sollte; denn müste‚ sie vor selbigen nichts oder doch ungültig gewesen seyn. Mich däucht, die Leute spielen nur mit dem Worte Religion. Wie vielerlei Erklärungen hat man nicht davon gegeben? — Die absurdeste darunter ist, wenn es alle feierliche und cerimonielle Handlungen samt den Menschensazzungen einer Gesellschaft bedeuten soll. Meiner Meinung nach ist Religion weiter nichts, als das eifrige Bemühen nach Vollkommenheit. Man überdenke dies ganz, und man wird finden, daß ich recht habe. Schliessen wir nicht schon a posteriori, daß ein Mensch, der gut handelt, Religion besizzen müsse? — Und wodurch vervollkommen wir üns anders, als wenn wir unsere Pflichten erfüllen? — Bleiben es nieht immer dieselben Pflichten, wenn auch obige Fakta ganz abgeläugnet werden? — Und sind sie nicht ewig und rein? Bedürfen sie der Autorität Jemandes, und wenn es auch der Gottheit wäre? — Keinesweges! Wir können also nicht sagen: Es giebt Fakta, worauf eine Religion sich gründet. Ist nun die christliche Religion eine solche, die keiner Autorität bedarf; so muß es einem Jeden lieb seyn, wenn solche Dinge angezapft und bestritten werden, die schlechterdings hicht zum Wesen der wahren Religion gehören. Sie, die göttliche, die vielvermögende, die dem Menschen Ruhe und Glükseeligkeit gewährt, wird dadurch erhalten, befördert, indem sie immer kennbarer gemacht wird. Es wird also nichts fruchten, wenn die Welt den seeligen Verfaser dieses Buchs für einen Naturalisten, Deisten oder Materialisten hält. Ueberhaupt suchen sich heutiges Tages viele zu verstekken, wenn sie öffentlich beständig mit Naturalisten um sich werfen. Sie scheinen mir so ziemlich mit dem Epiphanius in Parallele zu stehen, der nichts konnte, als Kezzer machen. Was hilft das? — Wir sind Menschen, und die angeführte Benennungen sind ganz unnüzze Praedicate, wodurch nur Haß gegen einen oder den andern erwekt wird, statt daß man, seiner Pflicht gemäs, überall Liebe zu verbreiten suchen sollte. Wir sind Menschen, und unser aller Ziel muß die Vollkommenheit seyn, wenn wir nicht unter unsre Würde herabsinken wollen. Die Lehren Jefu machen uns zu Menschen.

Wenn wir diesen würdigen Mann betrachten, und nur einige Flekken seines Zeitalters von ihm abwischen, wie gros und erhaben erscheint er uns. Wenn wir seine Lehren untersuchen, ünd die Lehren der Natur kennen; so müssen wir das von ihm sagen, was Cicero (in Tuscul: Quaest: Libr. IV) vom Socrates sagt: Er nahm seine Lehren vom Himmel; vertheilte sie in die Städte, und führte sie in die Häuser ein, und nöthigte die Menschen über das Wahre und Falsche Untersuchungen anzustellen. Er verweiset die Menschen auf eine Zeit, in welcher sie eine bessre Kenntnis (den Tröster, den heiligen Geist) erhalten werden, vermöge welcher sie die Wahrheiten einsehen können. Und, mir dünkt, dies Wachsen und Zunehmen in der Erkenntnis wird in Ewigkeit fortgehen, so lange vernünftige Geschöpfe dies Weltall bewohnen, weil wir für den Besiz der wahren Vollkommenheit zu eingeschränkt sind.

Wer sieht nun nicht, wie nöthig es sey, die Freiheit zum Denken zu unterstüzzen? — Wer wird nicht zwekwidrig handeln, wenn er dem Aufschwung des menschlichen Geistes Schranken sezzen wollte? — Nach diesen Gründen kann ich hoffen, daß keine Bannstrahlen auf dies Buch, das von der natürlichen Freiheit erzeugt wurde, herabgeschossen werden. Ich bin gewis, daß wenn der Verfasser blos vom Mohamed und seiner Lehre geschrieben hätte, sein Buch würd’ eher ans Licht haben treten und des Beifalls der Christenwelt sich haben versprechen können. Würden wir aber nicht ausserordentlich partheilich seyn, wenn wir sein Buch gänzlich vertilgen wollten? — So unvernünftig ist heutiges Tages die Welt im allgemeinen nicht.

Betrachtet also, liebe Leser, dies Buch wie es da ist, als eine Sache, wodurch Autor und Herausgeber Nuzzen zu stiften suchen. Die Einwendung, es können dadurch viele verführt werden, hat nur ihr Abschrekkendes im Worte verführt. Mag man doch dies Wort brauchen wie man will; wenn dies Buch nur Nuzzen verschafft, so wird es von selbst wegfallen. Handelt immer nach den Worten: Alles zu prüfen, und das Beste zu behalten, welches euch mit aufrichtigem Herzen empfiehlt

Der Herausgeber.

Geschrieben auf dem Vorgebürge der guten Hofnung, am Tage, da sich die Wolken zertheilten, und die Sonnenstrahlen ungehindert Leben und Freude geben konnten.

 

Anhang

Eine historische Nachricht dieses sehr raren Buches in dich haltend.

Dieses Werk ist das Manuscript von den dreyen Betrügern, und eben das, so zu Frankfurt am Mayn im Jahr 1706 verkauft worden, wie solches der Verfasser von der Autwort auf die Dissertation des gelehrten Herrn de la Monnoye p. 3. erzählet. Der Herr von Uffenbach, Rathsherr der Kayserl. freyen Reichsstadt Frankfurt am Mayn hat mir die Ehre angethan, eine Abschrift von demjenigen Original zu verehren, das er in seiner curieusen und zahlreichen Bibliothek hat. Folgendes schreibt er mir von diesem Buche in einem Briefe vom 13 April 1725. „Was Ihnen wegen des in meiner Bibliothec vorhandenen beruffenen Buchs de Tribus impostoribus berichtet worden‚ d. i. zwar an sich selbst nicht ohne Grund, hat aber einige Erklärung nöthig. Ich besitze ein dergleichen giftiges Geräth, ob schon ich zweifeln muß, ob das Buch de tribus impostoribus, so wie es die gemeine Sage beschreibt, jemals in der Welt gewesen sey. Denn die Sache kommet darauf an, ob zu Kaysers Friedrich II des Rothbarts Zeiten ein solches Buch verfertiget, und hernach auch gedruckt worden sey? Zwar haben viele solches bejahet, obschon sie keine andere als untüchtige Zeugen, erwa die es nur gehöret, oder von Büchern nicht recht zu urtheilen vermocht, aufführen können. Hingegen klügere und gelehrtere Männer, verneinen dieses, und zernichten die Fabeln von diesem Buche mit den stärksten Gründen. Unter welchen alle andere übertrift der Herr de la Monnoye, in seiner gelehrten Dissertation, die der neuen Edition der Menagiorum beygefügt ist. Dieses aber glaube ich fest, und kann es mit eben dem Buche, das ich selber besitze, augenscheinlich bewiesen werden, daß einige gewesen, welche um die Religion zu verlachen, oder umzustürzen, oder um schändlichen Gewinnstswillen, diesen gottlosen Satz weitläuftig ausgeführet haben. Unter diesen ist der Amsterdammische Medicus, welcher ein schändliehes Buch verfertigt, so in meiner Bibliothec geschrieben anzutreffen, und eben das ist, so Krausen, ein sonst nichr ungeschickter Mann, aus Unbedachtsamkeit, und mit unglücklichem Erfolg der gelehrten Weit im 2ten Theil p. 281. sqq. seines Journals angekündigt hat, so er umständliche Bücherhistorie nennet, und zu Leipzig 1716. in 8vo drucken lassen. Aus diesem werden sie völlige Wissenschaft von diesem Buche erlangen können.“

Es ist nicht nöthig, bey Mr. Krausen zu suchen, wäs wir in eben der Dissertation de Mr. de la Monnoye sur le traité de tribus impostoribus, gedruckt im Haag bey Henr. Scheurler 1716. Uebrigens ist an diesem Buche weiter nichts als die Rarität, denn ein gründliches Urtheil und wahrscheinliche Gründe sind gar was seltenes darinnen. Der Verfasser trägt keine einige Schwierigkeit vor, darauf man nicht unzählige mahl bereits gründlich geantwortet hätte.

NB. Dieses ist des Mr. le Croze Nachricht.
 

Aus dem ersten Theile von Krausens umständlicher Bücherhistorie.
Leipzig 1715. in 8vo pag. 143. seq.

Das Buch de Tribus Impostoribus (von denen dreyen Erz-Betrügern) hat lange Zeit viel Redens und Schreibens unter den Gelehrten gemacht. Weil aber einige grosse Männer, die sonst eine trefliche Wissenschaft von Büchern gehabt, gar daran gezweifelt, ob jemals ein solches Buch in der Welt gewesen, so hat man sich nachgehends bemühet, Zeugnisse von denjenigen selbft beyzubringen, welche das Buch selber gelesen. Dergleichen hat auch der Herr Bömler in seinem noch nicht gedrucktem Commentario de rebus Turcicis (Buche von türkischen Sachen) welches wir ehestens hoffen von der geschickten Hand eines wehrten Freundes zum Druck befördert zu sehen, angeführet. Der Beweis desselben scheinet mir bündig zu seyn, indem er sich auf das Exempel eines vornehmen Mannes beruft, der das Buch gröstentheils auswendig gekannt, auch dadurch selbst zum Atheismo (Gottes Verleugnung) verleitet, und endlich mit grosser Mühe wieder bekehret worden.
Ich will seine Worte selbst hersetzen:
(Lauten aus dem lateinischen Original verteuschet also:) — — — — — — (Fehlte im Mscript).

Aus dem zweiten Theile vom Krausens umständlicher Bücherhistorie.
Leipzig 1716. verlegts Joh. Eberhard Kloß p. 280, seqq.

V. — Die neueste Nachricht von dem Buche de Tribus Impostoribus (oder dreyen Erzbetrügern)

Man hat von diesem berufenen gottlosen Buche so viel ein paar Jahrhundert her geredet und geschrieben, daß ich mich bey der Enge des Raums, welcher mir in diesem Theile noch übrig ist, keinesweges einlassen darf, die Historie desselben vorzutragen, und den Leser vor diesesmal blos auf dasjenige verweisen muß, was der Herr Kortholt, Herr Struve, und der Herr de la Monnoye davon geschrieben, ungeachtet ich sonst noch allerhand dabey würde zu erinnern haben. Unter denselben hat der Herr de la Monnoye in einer besondern Dissertation, die er in der neuen Auflage der Menagiorum beygefügt, und davon bereits ein Extract in des Herrn Boswage seiner Historie des Ouvrages des Savans (Febr. 1694. p. 278.) gestanden, zu erweisen gesucht, daß niemals dergleichen Buch in der Welt gewesen. Er hat darinn gezeiget, daß die angeführten Zeugnisse von diesem Buche immer wider einander liefen, daß die allerwenigsten das Buch selber gesehen, und die, so es gesehen zu haben, vorgeben, entweder von andern hintergangen worden, oder aber sehr verdächtig wären, daß sie wider die Wahrheit geredet, daß das Buch in keinem indice expurgatorio, oder prohibitorio (Verzeichniß von verbotenen Büchern) erwähnet worden, und gestehet, daß ein einziges Exemplar, welches man öffentlich vorweisen könnte, allen Zweifel heben würde, hierüber hat ein Ungenannter eine Antwort im Haag dieses Jahrs in einen Bogen drucken lassen, darinn er alle andere Beweisgründe fahrenläst, und seine Gegner durch den Augenschein zu widerlegen sucht, indem er das Buch selbst zu besitzen vorgibt, und so wohl die Gelegenheit, wie er dazu gekommen, als auch den Inhalt desselben umständlich erzählet. Allein so wenig gründliche Beweisthümer ihm des Herrn de la Monnoye Dissertation zu haben geschienen, so wenig wird auch hinwiederum seine Antwort vermögend seyn, diesen zu überzeugen. Man hat schon längst erinnert, daß garleicht einige Betrüger sich die Leichtgläubigkeit vorwitziger Leute könnten zu Nutze gemacht, und ein Stück Geld zu schneiden selber etwas von dieser Materie geschrieben haben, welches sie hernach vor dieses so berufene Buch ausgegeben. Aber auch dieses ist nicht einmal ausser allem Zweifel gesetzt, daß der Verfasser dieser Antwort eines solchen Betrügers Buch wirklich in Händen habe. Denn die Historie, wie er dazu gekommen, klingt ziemlich fabelhaft, und der Inhalt siehet demjenigen so ähnlich, was der Herr Struve aus Tentzels curieusen Bibliorhec(in: des 1ten Repositorii V. Fache p. 493.) davon anführet, daß man nicht unbillig dabey auf den Argwohn geräth, es sey solches blos daher genommen, und mit einigen selbst ersonnenen Zusätzen vermehret worden, welches, wie bekannt, ein jeder, wenn er auch noch so schlechte Geschicklichkeit besitzet, leichtlich thun kann. Ich will von andern Beweisgründen wieder die Existenz (Daseyn) dieses Buchs, als daß die Specimina (Proben) so unterschiedlich von diesen, und noch letzlich darzu gegeben, gar nicht mit einander übereinkommen; daß man noch nicht eins sey, ob es lateinisch, italienisch, französisch, oder deutsch geschrieben sey, und doch von dem Stylo (Schreibart) desselben urtheilen wolle, und was dergleichen mehr ist, nichts erwähnen; sondern nur erinnern; daß der Verfasser der Antwort dem Herrn de la Monnoye Unrecht thue, wenn er ihn beschuldiget, als wenn er das Seinige, aus dem Herrn Struve genommen habe, indem jener seine Dissertation schon 1694 dieser aber seine erst 1700 geschrieben. Ich war erst willens, einen Extract (Auszug) aus dieser Nachricht zu machen, weil aber dieselbe kurz ist, und es mit Recht heist: dulcius ex ipsa fonte (süsser aus der Quelle selbst) so glaube ich, es werde dem geneigten Leser nicht unangenehm seyn, das Original selbst hier zu finden. Das Original ist in französischer Sprache (der Titul ist Reponse à la Dissertation de Mr. de la Monnoye sur la Traite de Tribus Impostoribus) und lautet in der deutschen Uebersetzung folgender massen:

Antwort auf die Dissertation des Herrn de la Monnoye, wegen des Tractats von den dreyen Erzbetrügern.

Eine ziemlich schlecht beweisende Abhandlung, so zu Ende der neuen Ausgabe von den Menagianis stehet, so hier zu Lande kürzlich herausgekommen, gibt mir Gelegenheit, die Feder zu ergreifen um öffentlich einige Gewißheit von einer Sache zu geben, wovon, wie es scheinet, alle Gelehrten ihre Beurtheilung wollen sehen lassen, imgleichen viele geschickte Leute zu entschuldigen, worunter einige sehr tugendhafte befindlich sind, welche man hat zu Verfassern einer Schrift machen wollen, davon besagte Abhandlung redet, deren Urheber der Herr de la Monnoye seyn soll. Weil ich glaube, sie werden dieses neue Buch bereits haben, so werden sie auch wissen, daß ich das kleine Büchlein von denen dreyen Erzbetrügern meyne. Der Verfasser der Abhandlung läugnet, daß es vorhanden sey, er will seine Meynung durch Wahrscheinlichkeit darthun, ohne einigen Beweis zu geben, welches ein Gemüthe bewegen könnte, das nicht leichtgläubig ist. Ich verlange nicht diese Abhandlung von Stück zu Stück zu widerlegen, worinnen auch weiter nichts stehet, als was in einer lateinischen Dissertation von gelehrten Betrügern des Herrn Burchard Gotthilf Struve, so zum zweyten male zu Jena 1706, gedruckt worden, befindlich, und welche der Verfasser gleichfalls muß gehabt haben, weil er sie anführet. Ich habe ein weit gewissers Mittel zur Hand, diese Abhandlung des Herrn de la Monnoye umzustossen, nemlich, ich habe mit meinen Augen das berufene Büchlein gesehen, und habe es in meiner Studierstube. Ich will ihnen, mein Herr, Nachricht geben, auf was Weise ich dazu gekommen bin, und einen kurzen getreuen Auszug mittheilen. Als ich 1706 zu Frankfurt am Mayn war, ging ich nebst einem Juden, und einen andern guten Freund, einem Studios. theol. Namens Frecht, zu einem mit allerley Büchern am besten versehenen Buchhändler, wir gingen das Bücherverzeichniß des Buchhändlers durch, und unterdessen kam ein deutscher Officier hinein, der den Buchhändler auf deutsch fragte, ob er wollte den Kauf abschliessen, oder ob er einen andern Käufer suchen sollte? Frecht kannte den Officier, grüste ihn und erneuerte die alte Bekanntschaft, fragte auch endlich den Officier, welcher Tausendorf hiesse, was er mit dem Buchhändler abzuthun hätte. Dieser antwortete, er hätte zwey Manuscripta (geschriebene Bücher) und ein sehr altes Buch, so er auf die künftige Campagne zu Gelde machen wollte; dem Buchhändler käme es noch auf 50 Rthlr. an, denn er ihm vor alle drey nur 450 Rthlr. geben wollte, er aber verlange 500 Rthir. Diese grosse Summe machte Frechten begierig, daß er seinen Freund fragte, ob er diese theuren Bücher nicht könnte zu sehen kriegen? Tausendorf zog sogleich ein Paquet Pergament aus der Tasche, das mit einer seidenen Schnur zugebunden war, und langte daraus die drey Bücher hervor. Wir gingen in das Gewölbe des Buchhändlers, um sie ungestört durchzugehen. Das erste, so Frecht öfnete, war ein Italienisches gedrucktes, mit einem geschriebenen Titul, anstatt des vorigen zerrissenen. Der Titul hieß Specchio della Bestia trienfante. Der Druck schien nicht alt, ich glaube Toland hat eine englische Uebersetzung davon drucken lassen, davon man die Exemplarien so theuer bezahlet hat. Das zweyte war ein altes lateinisches Manuscript, das sehr unleserliche Buchstaben hatte, und keinen Titul. Aber oben auf der ersten Seite stand mit ziemlich grossen Buchstaben Ottoni illustrissimo‚ amico meo charissimo F. i. d. f. und das Werk selbst fing sich mit einem Briefe an, dessen erste Zeilen folgende sind: (NB. aus dem Lateinischen übersetzt) „Was von den dreyen berüchtigsten Betrügern ganzer Völker, auf meinen Befehl, derjenige Gelehrte in Ordnung gebracht hat, mit welchem du in meiner Studierstube davon gesprochen, das habe ich aufsezzen lassen, und schicke dir mit nächstem solches Buch, das mit einer so wahrhaften als reinen Schreibart versehen ist. Denn: &c.“ Das andere Manuscript war auch lateinisch, und ohne Titul, und fing mit folgenden Worten an, die, wie mich dünkt, des Ciceronis im: ersten Buche de natura Deorum (won der Natur der Götter) sind. (NB. aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt.) „Welche Götter Glauben haben so unterschiedene und einander entgegen gesetzte Meynungen, daß es sehr verdrießlich fället, solche zu erzählen. Eines kann wohl möglich seyn, daß nemlich keine davon wahr sey, aber dieses ist unmöglich, daß mehr als eine davon wahr sey.“ Die grossen Ehrenstellen, welche dieser Römische Redner bekleidete, und die Sorge vor seinen guten Namen waren Ursache, daß er sich nicht getrauete, in öffentlichen Versammlungen die Götter zu läugnen, ob er schon bey Weltweisen &c.“ Nachdem Frecht alle drey Bücher hurtig durchgegangen, hielt er sich bey dem dritten auf, davon er öfters hatte reden und so vielerley erzählen hören, und ohne die beyden andern dürchzugehen, zog er Tausendof bey Seite, und sagte, er riethe ihm als ein guter Freund, von den 500 Rthlr. nichts nachzulassen, er würde allenthalben Kaufleute dazu finden. Von dem Italienischen Buche wurde wenig gesprochen. Die allgemeine Meynung wegen des dritten war, nachdem man einige Sätze hie und da gelesen hatte, es sey ein Beweis der Atheistischen Grundsätze. Weil der Buchhändler bey feinem Anerbieten beharrete, so gingen wir weg, und auf Frechts Stube, der Wein holen ließ, und den Tausendorf bat, zu erzählen, wie er zu diesen Büchern gekommen wäre? Wir liessen ihn so viele Pocale voll austrinken, daß, als seine Vernunft etwas schwach wurde, Frecht ohne Mühe die Erlaubniß erhielt, das geschriebene Buch de Tribus Impostoribus (von denen dreyen Betrügern) zu behalten, doch muste man einen schrecklichen Eyd leisten, daß man es nicht abschreiben wollte. Mit dieser Bedingung waren wir von Freytag Abends um 10 Uhr bis Sonntag Abend Herren davon, da es Tausendorf abholen, und noch einige Bouteillen von diesem Wein, der ihm so gut schmeckte, ausleeren sollte.

Wir waren eben so begierig als Frecht, den Inhalt dieses Buchs zu wissen, machten uns alle darüber, mit dem Entschluß, bis auf den Sonntag nicht zu schlafen. War denn das Buch so groß? wird man fragen. Gar nicht, es waren 10 Hefte in groß 8vo, aber mit so kleiner Schrift und vielen Abkürzungen ohne Puncte und Commata, daß wir mit der erstern Seite kaum in zwey Stunden fertig wurden. Allein hernach ging das Lesen leichter, da ich dann Erechten ein Mittel vorschlug, das ziemlich nach der Jesuitischen Zweydeutigkeit schmeckte, wie man ohne den Eyd zu brechen, eine Abschrift haben könnte, weil der Eyd nach der Meynung des Fragenden abgelegt war, nun hätte aber Tausendorf vermuthlich nur dieses verlangt, daß man es nicht abschreiben sollte; folglich ging mein Rath dahin, eine Uebersetzung zu machen. Frecht willigte nach einigen Schwierigkeiten drein, wir machten uns darüber, und wurden Sonnabends gegen Mitternacht fertig. Hernach ging ich unsere Uebersetzung mit Weile durch, jeder nahm eine Abschrift, und verbanden uns niemanden eine zu geben. Tausendorf bekam die 500 Rthlr. vom Buchhändler, der dazu von einem Sächsischen Prinz Commission hatte, als welcher wuste, daß dieses Manuscript aus der Münchischen Bibliothec war entwendet worden, als nach der Schlacht die Teutschen München einnahmen, wo Tausendorf seinem Erzählen nach von einem Gemach ins andere gegangen, und da ihm dieses Paquet Pergament mit der gelb seidenen Schnur in die Augen gefallen, es in die Tasche gesteckt, weil er wohl dachte, es müste etwas besonders seyn, wie auch wahr gewesen. Um die Geschichte von Erfindung dieses Buchs voll zu machen, muß ich ihnen auch meine und Frechts Muthmassungen wegen seines Ursprungs berichten, 1) Kommen wir überein, daß dieser, illustrissimus Otto, dem es geschickt worden, Otto illustris, Herzog von Bayern gewesen, ein Sohn Ludwigs des Ersten, und Enkel Ottonis Magni, Grafens von Sch... und Wittelsbach, dem Friedrich Barbarossa Bayern gegeben, als er es Heinrico Leoni weggenommen hatte. Dieser Otto Illustris folgte seinem Vater Ludwig Anno 1230, unter der Regierung Friedrich des zweiten Enkels des Barbarossa, eben da dieser nach seiner Rückkunft von Jerusalem mit dem Römischen Hofe ganz zerfallen war, daher wir schlosen, F. J. D. S. solle heissen Friedericus Imperator ducit salutem (Friedrich der Kayser grüsset). Aus welchen Muthmassungen wir schlossen, es sey das Buch vom Jahr 1230. an auf Befehl des Kaysers verfertiget worden, der auf die Religion erbittert war, weil ihm das Haupt der Seinigen so übel mitfuhr, nemlich Gregorius der IX‚ der ihn vor seiner Abreise in den Bann that, und bis nach Syrien verfolgte, als wo er durch seine Ränke verhinderte, daß des Kaysers Armee ihn nicht gehorsam war. Nach seiner Wiederkunft belagerte er den Pabst in Rom, verheerte die Gegend, und machte endlich einen Frieden, der nicht lange währte, worauf eine so heftige Erbitterung zwischen dem Kayfer und Pabst folgte, daß sie mit des leztern Tod erst aufhörte, der aus Verdruß erfolgte, weil er wohl sahe, daß Friedrich über seine eiteln Bannstrahlen siegte, und durch stachlichte Verse, die er in Deutschland, Italien und Frankreich ausstreuen ließ, des heil. Vaters Lasters entdeckte. Allein wir konnten nicht herausbringen, wer der Gelehrte gewesen, mit welchem Otto sich in Gesellschaft des Kaysers unterredet, woferne man nicht sagen wollte, es sey der bekannte Perras de Vineis des Kaysers Secretarius oder Canzler gewesen. Man siehet aus seinem Buche de potestate imperiali, auch aus seinen Briefen, was er vor Gelehrsamkeit und Eyfer vor seines Herren Interese, besessen, und wie erbittert er gegen Gregorium den IX, die Pfaffen und die Kirche gewesen. Es ist wahr, daß er in einem Briefe seinen Herrn zu entschuldigen sucht, den man schon damals zum Verfasser dieses Buchs machte. Allein dieses kann unsere Muthmaffung bestärken, und glauben machen, er habe nur deswegen Friedrichen vertheidiget, damit man ein so ärgerliches Werk nicht auf seine eigene Rechnung setzen möchte! Und vielleicht hätte er uns allen Vorwand zu Muthmassungen benommen, und die Wahrheit gestanden, woferne nicht, als Friedrich, wegen eines Verdachts, ob hätte er gegen sein Leben eine Zusammenverschwörung angesponnen, ihm die Augen ausstechen lassen, und seinen ärgsten Feinden den Pisanern auszuliefern befohlen, er aus Verzweifelung sich selber in einem infamen Gefängniß umgebracht, von daraus ihn Niemand hören konnte. Also sind nun die falschen Anklagen gegen Averroes, Boccace, Aretinum, Dolerum, Serverum, Ochinum, Postellum, Pompanatium, Campanellam, Poggium, Pucci, Muretum, Vaninum, Milton und vielen andern widerlegt denn es befindet sich, daß dieses Buch von einem vornehmen Gelehrten an des Kaisers Hof und auf dessen Befehl verfertiget worden. Was man von dessen Drucke sagt, so glaube ich, es sey wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, weil man sich leicht vorstellen kann, es werde Friedrich, da er so viele Feinde auf allen Seiten gehabt, dieses Buch nicht gemein gemacht haben, welches jenen schöne Gelegenheit gegeben hätte seinen Unglauben auszuschreyen, und vielleicht ist niemalen ein ander Exemplar in der Welt gewesen, als das Original, und diese an Otto von Bayern geschickte Abschrift. Dies mag genug seyn von der Entdeckung dieses Buchs in seinem Ursprung.

Nun komme ich auf den Inhalt: Es ist in 6 Bücher oder Capitel eingetheilet, davon jedes verschiedene Absätze hat. Das erste Capitel hat zur Ueberschrift von Gott, und VI Absätze, worin der Verfasser von allen Vorurtheilen und Partheilichkeit frey seyn will, und sagt: Obschon den Menschen gar viel daran gelegen sey, die Wahrheit zu erkennen, so hiengen sie doch an Meynungen und Einbildungen, und weil es Leute gibt, die aus Eigennutz sie darinn stärken, so bleiben sie dabey, ob sie sich schon leicht frey machen könnten, wenn sie nur die Vernunft brauchen wollten. Hernach handelt er von denen Begriffen, die man von der Gottheit hat, und beweiset, daß sie solcher nachtheilig sind, und das häßlichste und unvollkommenste Wesen vorstellen, das man sich einbilden kann, Er schreibt es der Unwissenheit des Pöbels, oder vielmehr seiner thörichten Leichtgläubigkeit zu, da er den Einfällen der Propheten und Apostel Glauben beymißt, die der Verfasser zu Folge seiner Begriffe abschildert.

Das zweite Capitel lautet: Von den Ursachen, so die Menschen bewogen, einen Gott sich einzubilden, und ist in XI. Sätzen abgetheilt, darin bewiesen wird, daß die Unwissenheit der natürlichen Ursachen eine natürliche Furcht bey dem Anblick vieler gefährlichen Zufälle hervorgebracht, welche einen Zweifel erwecket hat, ob nicht eine unsichtbare Macht vorhanden sey: welchen Zweifel und Furcht, sagt der Verfasser, die feinen Staatsleute sich zu Nutzen gemacht, und die Meynungen von dem Daseyn besagter Macht in Schwang gebracht, die hernach durch andere Leute unterstützt worden, welche ihren Eigennutz dabey fanden, und sodann durch die Thorheit des Pöbels einwurzelte, der allezeit ausserordentliche, hohe und erstaunende Sachen bewundert. Hernach untersucht der Verfasser die Natur Gottes, und stößt die gemeine Meynung um, von den Absichten der Dinge, als welche mit den Eigenschaften des ununterworfenen Wesens sich nicht reimeten. Endlich zeigt er, daß man sich diese oder jene Begriffe erst hernach von der Gottheit gemacht, wenn man festgesetzt, was gut, böse, Tugend und Laster sey, welche Eintheilung von der Einbildung herühret, und gar oft grundfalsch ist, woher sodann die falschen Begriffe entstanden, die man sich von der Gottheit gemacht und beybehält. Im zehnten Satz erkläret der Verfasser auf seine Weise, was Gott ist, und gibt einen Begriff an, der mit dem Lehrgebäude der Pantheisten, (sagen, daß alle Dinge Gott sey) ziemlich übereinkommt, massen er sagt: Gott bedeute ein unendliches Wesen, dessen Eigenschaft sey eine ausgedehnte und folglich ewige und unendliche Selbständigkeit zu seyn; im eilften macht er die allgemeine Meynung lächerlich, die Gott wie einen irrdischen König vorstellt, hernach kommt er auf die heil. Schrift, und redet sehr nachtheilig davon.

Das dritte Capittel hat zum Titul: Was das Wort Religion bedeute, und wie es sich eingeschlichen. Dieses Capitel hat 23 Sätze; in den 8 ersten untersucht er den Ursprung der Religion, und beweist durch Exempel und Schlüsse, daß sie nicht göttlich, sondern von der Staatsklugheit herrühren, im neunten will er Mosis Betrug entdecken, indem er zeigt, wer er war, und wie er es gemacht, um die Jüdische Religion einzuführen; im 11ten untersucht er die Betrügereyen von einigen Politicis, als Numa und Alexander, im 12ten kommt er auf Jesum Christum, und untersucht seine Geburt, im 13ten und folgenden seine Politic, im 17ten und so weiter seine Sittenlehre, die man nicht reiner findet, als die Moral vieler alten Weltweisen, im 19ten ob sein gut Gerüchte nach seinem Tode von einiger Erheblichkeit vor seine Vergötterung sey; im 22ten und 23ten handelt er von Mahomets Betrug, davon er nicht viel sagt, weil er nicht so viel Vertheidiger hat, als die beyden ersten

Das vierte Capitel enthält deutliche Wahrheiten, und hat nur 6 Absätze, darin man beweist, was Gott und seine Eigenschaften sind; man verwirft den Glauben eines künftigen Lebens und der Geister.

Das fünfte Capitel handelt von der Seele, und hat 7 Abtheilungen, darinn er erst die gemeine Meynung, hernach der alten Philosophen ihre erzählt, und zuletzt beweist der Verfasser nach seiner Lehrart die Natur der Seele.

Das sechste und letzte Capitel hat 7 Sätze; man handelt darinn von den Geistern, so man Teufel nennet, und zeiget die Falschheit der Meinung, daß es welche gäbe.

Dieses ist die Anatomie (Zergliederung) dieses Buchs, ich hätte weitläuftiger darinnen seyn können, allein gegenwärtiger Brief ist ohnedem schon zu lang, und halte ich auch dieses vor genug gesagt, um seinen Inhalt zu zeigen, wie auch, daß es wirklich vorhanden, und in meinen Händen sey. Viele andere Ursachen, die sie leicht begreifen, hindern mich mehr davon zu sagen, aber man muß ihnen nicht in den Unglauben stürzen.

Also obschon dieses Buch im Stande ist, gedruckt zu werden, nebst einer Vorrede, worinn ich die Geschichte dieses Buches erzähle, und die Weise, wie es entdeckt worden, nebst einigen Muthmassungen von seinem Ursprung, und einigen Anmerkungen, die man am Ende anhängen könnte, so glaube ich doch nicht, daß es jemalen ans Licht treten werde, oder es müsten die Menschen mit einmal ihre Meynungen und Vorstellungen ablegen, gleichwie sie die Franzen, Krausen an Strümpfen, und andere alte Moden haben fahren lassen. Meines Orts mag ich mich der theologischen Schreibart nicht aussetzen, als die ich so sehr, als Fra Paulo die römische Schreibart fürchte, blos damit einige Gelehrte die Lust haben diese kleine Abhandlung zu lesen, doch werde ich auch nicht so abergläubisch seyn, und auf dem Todtbette es ins Feuer werfen, wie man von Salvius dem Schwedischen Gevollmächtigten beym Münsterischen Frieden sagt: Meine Nachfolger können thun, was sie wollen, ohne daß ich mich im Grabe deswegen bekümmere, oder vorhero, ehe ich hineinkomme. Ich bin

Meines Herrn gehorsamster Diener
J. L. R. L.
Leyden, den 1ten Januar
1716.

 

Fußnoten

[a] Es war ein Hauptzwek der Pfaffen, die Unwissenheit zu befördern, weil ihr ganzes Ansehen und ihre Macht darauf beruhete. Könige und Fürsten waren zu schwach, sich der geistlichen Tyrannei zu widersezzen.

[b] Wer würd’ es wohl noch Vielen bereden können, daß sie sich Gott wie die Heiden und Juden denken? – Wer sollt’ es wohl glauben, daß die Nationalgottheit der Juden, der Jehovah, noch bis jezt so viele Anbeter unter den Christen habe? – Einen ganz andern Gott lehrte Jesus. Heut zu Tage sucht man fast überall den Menschen eine richtige Kenntnis vom Gott einzuflössen: Aber es giebt auch noch überall Aftergelehrten genug, die dieses heilige Bemühen zu hindern suchen. Aus Dummheit beten sie auf der Kanzel, in Gesellschaften und wo sie gehen und stehen dem jesuitischen, betrügerischen Grundsaz nach: „Man muß die Vernunft unter den Glauben gefangen nehmen, bei Gottesworte muß die Vernunft schweigen; oder, Vernunft geh wie sie will, der Satan kann sie drehen;“ kurz, man sucht die Vernunft, das Edelste, was der Mensch hat, zu unterdrükken. Dadurch aber werden der Irreligion, der Dummheit, und dem Aberglauben, den Mördern der wahren Glückseeligkeit, Thore und Thüren geöffnet. Das natürliche Gesez, das Gesez der Freiheit wird aufgehoben und gebrandmarkt. Ja es ist so weit gediehen, daß man den Nahmen Freigeist — ein edler Nahme — zum Beschimfen gebraucht. Soll man sich aber abschrecken lassen? — Soll man die Wahrheit verbergen? — O es giebt jezt erleuchtete, rechtschaffene Männer, die den Forscher nach Wahrheit vor der Wuth und dem Zorn’ unsinniger Menschen schützen!

[c] Allerdings! Daher solche Männer, die als wirkliche Gelehrte bekannt sind, ganz natürlich für die größten Heuchler gehalten werden, weil sie um feilen Gewinnst denen Menschen den Glauben ihrer dummen Väter einprägen, und ihnen auf solche Art Sand in die Augen werfen.

[d] Ganz richtig! Auch noch jezt ist der Saz: man muß das gemeine Volk in Dummheit erhalten, hin und wieder ein heimliches Gesez. Und das gemeine Volk ist auch so dumm, und folgt solchen häßlichen Miethlingen. Dahingegen, wenn ein Mann auftritt, den die Unwissenheit seiner Gemeine jammert; der mit heiligem Eifer Licht zu verbreiten sucht; der die Wahrheiten des Himmels lehrt, und einen Jeden zum eignen Nachdenken führen will: So wird er von Schwärmern und Irreligiösen verachtet, verspottet, geschändet und geschmäht. Aber sie mögen dahinfahren mit ihres Herzens Grimm; ihr eigner Schade wird ihr Lohn seyn.

[e] Freilich, wenn nicht die Mehresten um des Gewinnst willen ihre Pflicht vernachlässigten!

[f] Man sieht aus diesem und dem folgenden, daß der unbekannte Verfasser nichts von der Inspiration gehalten habe. Sie ist auch in der That ein Unding, das nur in einem verfinsterten Kopfe Plaz findet. Aus der Inspiration folget die Infallibilitæt oder Untrüglichkeit. Welchem Menschen auf Erden kann man selbige wohl beimessen? —

[g] Sie schrieben auch blos für Morgenländer, denen die bilderreiche Sprache bekannt war, und die sie auch verstanden. Für uns ist das Meiste Unsinn, und das Uebrige ganz entbehrlich.

[h] Einstheils war eine solche feine Betrügerei nöthig, um ein ungebildetes Volk in Zaum zu halten. Denn hatte es vor Menschen keine Furcht; so mußte es doch selbige vor der Gottheit haben. Anderntheils hätten sie bessere Mittel brauchen sollen, wodurch das Volk zur bessern Bildung gelangt wäre.

[i] Auch heut zu Tage hält man noch viel auf Träume, und sucht sie auszudeuten. Es ist dies noch ein wichtiges Stük aus dem Heidenthume.

[k]  Das war denn nun freilich nicht immer der Fall, worin sich also der Verfasser geirrt hatte. Meint er Mosen; so muß er nicht die übrigen Propheten diesem gleich stellen: Denn diese suchten in der That das Volk zu bessern. Auf solche Art ist jeder rechtschaffene Lehrer ein Prophet.

[1] Moses ließ auf einmal 2400. Menschen tödten, weil sie sich seinem Gesetz widersetzten. Anmerk. des Mscripts.

[2] I Reg. 22,6. steht, daß Ahab König von Israel 400 Propheten um Rath fragte, welche alle falsch waren, wie der Ausgang gezeigt. Anmerk, des Mscripts.

[l] Die Juden glaubten. der Jehovah sässe im Allerheilichsten sichtbarlich über der Bundeslade, die sein Fusschemmel wäre. Daher die bildlichen Vorstellungen bei den Propheten und in den Psalmen, Man sagt: ja, es ist poetisch. Immerhin! Aber man kann der Poesie gerade in dem Stükke entgegen seyn, weil sie die reinen Begriffe von einer Sache verdunkelt. Was nüzzet Klopstocks Messias? — Es ist ein kunstvolles Werk. Aber ist nicht das Mehreste künstlich bearbeiteter Unsinn? So verhält sichs mit allen morgenländischen poetischen Schriften.

[m] Der Verfasser verwechselt hier Ein unsichtbares Wesen mit den Göttern, und macht selbiges zum Hirngespinst. Darin hat er nun gänzlich Unrecht. Hätt’ er gesagt: sie machten das unsichtbare Wesen zu einer Substanz; ja, dann hätt’ er eher widerlegen können. Stimmt denn Substanz mit dem Begriffe von Geist überein? — Kann die Substanz das vollkommenste Wesen seyn? Und verliehrt nicht die Gottheit dabei? Wir sollen auch einen Geist haben; aber müste dieser nicht auch eine Substanz seyn? Ach! wie viel Götter! Haben wir aber etwas Geistiges, — welches nicht zu leugnen ist; so muß nothwendig dies Geistige mit dem Geistigen aller Dinge in Verbindung stehen; welches zusammen Ein geistiges Wesen ist, dessen Haupteigenschaft die wirkende Kraft, und diese wieder der hinreichende Grund des Daseyns und Fortkommens der sichtbaren und körperlichen Dinge ist. Auf solche Art steht alles, was sichtbar und unsichtbar ist, mit einander in Verbindung.

[n] Allerdings hat der Mensch das Recht über alles in der Welt zu gebieten; denn er ist, so zu sagen, die sichtbare Gottheit, weil er die vollkommste und künstlichste Modification des geistigen Wesens ist. Er hat das Recht von Natur.

[o] Wir werden schwerlich entdekken, wie und auf was für Art die Welt entstanden ist, und wem sie ihr Daseyn zu verdanken habe. Ein Zufall kann ihr selbiges nicht gegeben haben. Was hinders also, wenn wir der wirkenden Kraft die Ehre geben, die von Ewigkeit her wirksam gewesen seyn muß. Freilich sind wir in unsrer sterblichen Hülle zu schwach, etwas entscheidendes zu sagen. So viel aber ist gewis, daß alles Materielle eben so gut als das Geistige ewig seyn muß.

[p] So hören wir noch jezt fast allgemein sprechen. Ueberhaupt hängt der gemeine Mann so an der Prædestination, daß nichts geschiehet, was nicht von Gott vorher bestimmt worden wäre. Es hat schon so seyn oder kommen müssen; Gott hat’s so haben wollen; oder: es geschieht nichts, ohne Gottes Zulassung; Gott lässet es zu. Dies sind die gewöhnlichen Reden. Ein Mensch wird von einem Räuber erschlagen, oder geräth wider Willen in ein anderes Unglük. Ja, es geschieht nichts ohne Gottes Zulassung. Es wird Jemand verbrandt, gerädert, u. s. w., Gott lässet es zu, oder: diese Strafe war ihm von Gott schon bestimmt. Solche alberne Reden gereichen warlich zum Verdruß.

[q] Das ist denn nun wohl wahr, daß der eine sich eine Sache so, der andere wieder unders vorstellt. Die Einbildung thut sehr vieles. Sie verhalf den Menschen zu dem Bilde, welches Gott als einen alten Mann, mit einem langen Barte und einen morgenländischen Mantel vorstellte; dergleichen unschikliche Vorstellungen mehrere, die wir auch von Jupiter und Saturn aus dem Heidenthume finden.

[r] Beim Zweifeln gewinnt die Wahrheit mehr als beim blinden Glauben.

[s] Richtiger: ein ausgedehntes geistiges Wesen, das auch uns belebt.

[t] Wenn der Ochse oder Esel sich Gott vorstellen und mahlen könnte; er würd’ ihn als einen Ochsen oder Esel mahlen und vorstellen.

[u] Ganz sichtbarlich versteht der Verfasser unter Religion blos das Systematische, wodurch sich eine Religionsparthei von der andern unterscheidet. Aber das ist nicht Religion. Ich nenne jedes brennende Verlangen nach wahrer Glükselichkeit, das mit der Thätigkeit verbunden ist, Religion. Wer diese besizt, wird darnach trachten, sich und andere glüklich zu machen.

[x] Wir finden auch noch unter uns Wahrsager, Zeichendeuter, Besprecher, Traumdeuter, Teufelsbanner und dergleichen verrükte Betrüger mehrere. Aus eben dem Gesichtspunkte muß man die Desorganisation und das Magnetisiren betrachten.

[y] Er selbst warf sich nicht zum Könige auf, sondern der Jehovah, ihre Nationalgottheit sollte, muste und wollte König seyn. Sehr fein ausgedacht. — Es wird nicht undienlich seyn, etwas von dem Ursprunge des Jehovah zu reden. Wir wissen, daß Moses diese Gottheit bei den Israeliten einführte, und ihr den Nahmen Jehovah gab. Moses war in den berühmten aegyptischen Priesterorden eingeweihet, wie selbst die Bibel sagt. Er kannte also die Geheimnisse desselben, die uns jezt gröstentheils bekannt sind. Diese bediente er sich bei der Einrichtung des israelitischen Gottesdienstes. Die Gottheit, die er einführte, hat ausserordentlich vieles mit der Isis und dem Osiris der Aegyptier gemein. Die Isis, oder die Natur, die Mutter aller Dinge, hatte zu Sais einen Tempel; an welchem die Aufschrift sich befand: Ich bin alles, was gewesen ist, was ist und was seyn wird; und Niemand unter den Sterblichen hat noch meinen Schleier aufgedekt. Vergleicht man dies mit dem Jehovah: — ich werde seyn, der ich seyn werde — so findet man, daß beide Eine Gottheit sind; nur jene weiblich, und diese männlich. Allein, weil Osiris eine männliche und auch die höchste Gottheit war; so machte Moses den Jehovah zur männlichen Gottheit. Vom Osiris schreibt (Met. I. XI, p. 272): Apulejus, der auch in den aegyptischen Priesterorden eingeweihet war, folgendes: Osiris redete mit mir, der Gott, der mächtiger als die grossen Götter ist, der höchste Gott unter den grössern, der größte unter den höchsten, und der Beherrscher der grösten Götter. Nun urtheile, unbefangner Leser!

[z] Denn wenn Moses in die Stiftshütte gieng, und die Gottheit um Rath fragte; so waren die Aussprüche derselben Oracula, wie des Apollini zu Delos, Delphi und Patara.

[aa] Wenn man natürliche Dinge Jemandem, der den natürlichen Zusammenhang nicht einsehen kann, für übernatürliche ausgiebt; dann wird man zum Betrüger, indem der Unwissende die Dinge für Wunder halten muß. Der Wunderglaube führet zum grösten Verderben der gesunden Vernunft.

[bb] Es haben verschiedne behauptet, daß Jesus ein Eingeweihter des aegyptischen Priesterordens gewesen sey, welches auch sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Uebrigens gehörte er unter den Juden zu der Sekte der Essäer, die sich mit Wohlthun und Heilung der Kranken abgaben.

[cc] Es ist möglich aber nicht wahrscheinlich. Man kann vielmehr glauben, daß dies ein Hirngespinst seiner Schüler gewesen sey.

[3] I. Sam. 8, steht, daß die Juden übel zufrieden waren mit den Söhnen Samuels, die sie richteten, und einen König verlangten nach dem Beyspiel anderer Völker, denen sie es nachthun wollten. Anmerk. des Mscrpts.

[4] Jesus Christus war von der Pharisäer Secte, d. i. von der Armen, welche der Secte der Sadducäer ganz entgegen gesetzt war, so die Reiche vorstellte. +) Anmerk. des Mscrpts.
  +) Dies ist geradehin falsch. Wir finden nichts davon.

[dd] Der Verfasser thut Jesu zu viel, wenn er ihm irrdische Absichten zumuthet. Er wollte durchaus weiter nichts, als sein Volk aufklären, und die natürliche Religion, die einzige und beste, einführen. Wenn man aber diese Stelle recht betrachtet; so sollte man fast glauben, der Wolfenbüttelsche Vngenannte hab’ in seinen Fragmenten diese Stelle vor Augen gehabt. — So viel ist gewis, daß die Evangelisten und Apostel ganz von ihrem Lehrer abgewichen sind.

[5] Pabst Leo der 10te sagte einst, da er seine Schäzze ausgebreitet liegend ansahe: diese Fabel von Christo hat uns zu so grossem Reichthum verholfen. Anmerk. des Mscrpts.

[ee] Allerdings herrscht da sehr viel Vngereimtes. Er lässet Gott erst das Licht schaffen, und hernach die Sonne. Moses muß, wie die Kazzen, im Dunkeln haben sehen können.

[ff] Das ist wohl nicht so gewiß, auch nicht wahrscheinlich. Wahrscheinlicher ists, daß die mancherlei Fabeln von den Aegyptiern ausgegangen sind, und sich im Oriente ausgebreitet haben, die aber ein Jeder besonders modelte.

[6] Wir dürfen nur das, was Cicero vom Aratus aufbehalten hat, vergleichen, und wir werden noch mehrere finden.

[gg] Es giebt, leider! Mittel genug, die den Dummen zum Amte helfen. Entweder er ist der Sohn eines angesehenen Mannes, (solche Kinder sind meistentheils zur unglüklichen Stunde gebohren, indem sie Zeit Lebens dumm bleiben) der sich empor geschwungen hat, und dem es leicht wird seinem Knaben einen Posten zu verschaffen, den er verunehrt, und geschikten Männern entzogen wird. Oder er hat grosse Empfelungsschreiben von betresten Dummen, da denn manus nanum lavat. Oder er verbirgt sich hinter eine Schürze, die ihn zum Posten verhilft, wie die Wolke der Venus den Paris zur Helena führete. Auch halten Patronen und Gönner die Augen gern zu, wenn Plutus die Hand darauf legt. So gehts her in der Welt, wenn Partheilichkeir und Eigennutz die Oberhand haben.

[hh] Was die Gottheit Christi betrifft, so wird keim vernünftiger Mensch sie so behaupren, wie die Schwärmer und Erzdummen. Weil hier der Ort und die Gelegenheit ist, etwas umständlicher davon zu sprechen; so wollen wir untersuchen, was ein Vernünftiger von der Gottheit Christi zu halten habe. Man ist kein Feind von Jesu, wenn man behauptet, daß er ein blosser Mensch gewesen ist, wie wir. Ja man kann ihn mehr und würdiger lieben, wenn wir ihn als unsern Nebenbruder betrachten, als wenn wir glauben, er sey mehr und höher gewesen, als wir. Was seine Gottheit betrift; so beruht sie blos auf die Vorstellungsart der Morgenländer, und die Art sich auszudrükken. So stritt sich die griechische Kirche mit der lateinischen lange genug über das Wort θεός, und Deus, indem aich die erstern das nicht dabei dachten, was die leztern, und eines des andern Begriff nicht annehmen wollte. Die lateinische Kirche behielt die Oberhand, und führte die strengste Bedeutung des Wortes Deus ein. Da entstand der allgemeine Lehrsaz des Nicenischen und Athanasischen Symboli, welches eine wahre Lästerung ist. Wir können die Gottheit Christi zugeben, aber wer untersteht sich selbige uns abzusprechen? Beseelt uns nicht auch etwas Geistiges? Und ist dies Geistige nicht Gottheit? — Das aber Gott einzig und allein in dem Leibe Christi gewohnt habe, ist die hirnloseste und abgeschmakteste Vorstellung. Nur dumme Pfaffen und Mönche konnten so etwas ausbrüten. Jesus bleibt uns immer werth, und er wird uns werther werden, wenn wir ihn und seine edle Denkungsart nur ganz kenneten. Niemals sollen uns die blinden Leiter der Menschen ihre irrige und hirnlose Vorstellung einflössen. Lasset uns dagegen waffnen, als gegen einen Feind, der uns das Leben rauben will.

[ii] Im Morgenlande gehts auch sehr gut an, weil die Sucht zum Neuen bei den Menschen daselbst ausserordentlich gros ist. So lange die Menschen unter dem Drukke mancher grossen und vieler kleinen Tyrannen und Despoten seufzen, ists immer eine misliche Sache um die Dauer und Festigkeit eines Staates oder einer Religion. Es darf nur einer sich aufwerfen, und den Leuten Freiheit versprechen; sogleich fällt ihm eine Menge zu, mit welcher er, wenn er Klugheit besizt, alle seine Plane durchsezzen und seine Absichten ereichen kann.

[kk] Gott ist nicht materiell, sondern geistig. Jedes materielle ist Körperlich und einer Veränderung ausgesezt, die aber bei der Gottheit nicht Statt finden kann, wenn sie das seyn soll, was sie seyn muß. Was die Belohnung und Bestrafung betrift, so hat ein Jeder selbige in sich.

[ll] Alles dieses fällt von selbst weg, wenn man die Gottheit als ein Wesen betrachtez, das sich selbst bewust ist, in einem jeden Dinge wohnet, und, weil es eine thätige Kraft ist, ihm Leben und Fortkommen giebet.

[mm] Viele dachten sich den Himmel als eine Veste, an welcher Sterne leuchtende Punkte wären. Da man aber das Gegentheil weis, und überzeugt ist, daß die Sterne kleinere, grössere und viel grössere Erdballen sind, als unsere Erde ist. So fällt die alte Idee vom Himmel und den Lustbarkeiten in selbigem von selbst weg. Die Hölle oder der Orcus ist ebenfalls ein uraltes morgenländisches Produkt, das in den Köpfen der Menschen vieler Veränderungen unterworfen gewesen ist. Die älteste Meinung bezog sich blos auf eine Unterwelt, wo alle Verstorbene ohne Unterschied hinkamen. Dies ist Scheol und Hades. Als man aber nachher das Böse vom Guten mehr unterschied; so glaubte man es für billig zu halten, die Bösen von den Guten zu trennen, einen Orcus zu erschaffen und erstere in selbigen zu verbannen, wo sie den Schlangen und Furien überlassen waren. Dies war mehr die Meinung der Ausländer von Palæstina, als dieses die Israeliten bewohnten. Diese aber sezten nach der Babylonischen Gefangenschaft noch einen Vorsteher über den Orcus, den Satan, von dem weiter unten gehandelt wird.

[nn] Ein dummes Volk, das ganz sinnlich ist, muß, der Klugheit gemäs, mit solchen Dingen erschrekt, geblendet und geleitet werden, wenn Plane ausgeführt und Absichten erreicht werden sollen. Andere Mittel sind schlechterdings fruchtlos.

[oo]Timäus Lecrus handelt in seinem Buche: von der Weltseele, im vierten Kapitel sowohl von der Seele des Menschen, als der Thiere. „Die Austheilung der Menschenseele“, sagt er, „die Gott nach gleichen Verhältnissen und Eigenschaften, nemlich, wie die Weltseele, gemischet und geordnet hatte, übergab er der stets veränderlichen Natur.“ Hierauf sezt er zwei herrschende Dinge fest, das stets Veränderliche, und das stets Gleiche. Zu ersterm rechnet er den Mond, die Sonne, und die andern Planeten, aus welchen die Natur Seelen genommen, die sie den Thieren, welche sie zuvor erschaffen, eingegossen habe. Auch schuf sie eine Seele aus dem Reiche des stets Gleichen, für die Klasse der vernünftigen Wesen, die ein Nachbild der Weisheit war, „Denn die Menschenseele“, fährt er fort, „besteht theils aus einem vernünftigen und denkenden Vermögen, theils aus vernunftlosen und blos sinnlichen Trieben. Die höhern Kräfte der vernünftigen Menschenseele sind von der Natur des stets Gleichen, die untern Kräfte aber von der Natur des stets Veränderlichen.“ Hierauf meint er, das Vernunftsvermögen habe seinen Sitz im Kopfe, der Zorn im Herzen, die Lust an der Leber, u. s. w. So wunderbar wie dies manchem scheinen wird; so legt doch ein wahrer Saz darinn, nemlich der: daß die Natur die Mutter alle Dinge und die einzige wirkende Kraft sey, der auch der Geringste sein Daseyn zu verdanken habe. Schon aus dem Mose könnten wir uns erklären, daß die Seele Gottes sey. Er spricht bildlich so: Gott blies dem Menschen den lebendigen Odem in die Nase, u. s. w. Folglich kam doch die lebendige Seele aus Gott.

[pp] Wenn man die Bücher alten Testaments lieset, die vor der babylonischen Gefangenschaft geschrieben sind; so wird man ganz vergeblich nach dem Satan oder Teufel suchen. Will man das Buch Hiob anführen; so kann ich versichern, und alle die die hebräische Sprache verstehen, werden mir Recht geben, daß dies Buch eine ganze Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft geschrieben. Ohne mich weiter auf dies fabelvolle Buch einzulassen; so will ich nur erwähnen, daß alle Bücher vor der babylonischen Gefangenschaft rein Hebräisch sind, das Buch Hiob aber ohne Kenntnis der chaldäischen, syrischen, arabischen und hebräischen Sprache nicht gelesen werden kann. Die Juden ergaben sich nach der babylonischen Gefangenschaft stark dem Handel, wodurch sich die drei erstern Sprachen in die hebräische einschlichen. Vor der babylonischen Gefangenschaft wußten die Juden also nichts vom Teutel oder Satan, aber nach derselben kannten sie ihn; folglich müssen sie ihn in den Schulen der Chaldäer kennen gelernt haben. Sie bildeten dies Wesen mit sammt seinem Gefolge immer mehr aus, bis die ganze Fabel ein Ansehn erhielt. Der Teufel ist, laut dieser Fabel, nicht als ein böser, sondern als ein guter Geist, als ein Engel des Lichts erschaffen worden. Er war ein Erzengel, und diese seine Würde machte ihn so stolz, daß er nach höhern Dingen trachtete, wobei Gottes Thron selbst in Gefahr gerieth. Er bekam einen grossen Anhang, vor dem der ganze Himmel zitterte. Dies erregte bey den Patrioten Murren und Unwillen, und einer unter diesen, auch ein Erzengel, Michael genannt, faste das Herz, sich an der Spizze einer auserlesenen Mannschaft dem Praetendenten des Thrones Gottes entgegen zu stellen, worauf im Himmel ein Krieg entstand. Allein in einer entscheidenden Schlacht wurde der stolze Lucifer totaliter geschlagen, und — aus dem Himmel geworfen samt seiner Mannschaft. Nun stimmte der ganze Himmel Siegeslieder an, und Lucifers Zorn verwandelte sich in eine ewig geschworne Rache. Denn nun geht er auf Erden herum mit seinen treuen Dienern, spuhkt, raset und tobet. Denen unschuldigen Menschen flösset er alle Bosheit und Gottlosigkeit ein, davon sonst ihr eigen Herz frei seyn würde. Ehemals fuhr er auch in die Menschen. Allein er muß sich doch wohl nach gerade bessern, oder er fürchtet sich vor der Vernunft, die nun besser bewaffnet in selbigen wohnet; denn man hört doch nichts mehr von Besessenen. Freunde! die ihr aller gesunden Vernunft Abschied gegeben habt, denkt doch nur nach, und ruft selbige wieder zurük. Wär’ es einem so grossen Erzengel möglich im Stande der Vollkommenheit (das soll doch der Zukünftige seyn) zu sündigen und wieder abzufallen; wie leicht wären wir alle diesem nicht auch ausgesezt?

[7] „Ja, aber die so sich überführen lassen sollen, müssen eben solche Schöpfe seyn, als der Stümper von Verfasser: Gott hat die Teufel erschaffen, aber nicht zu Teufeln, sondern zu selig Geister, welches Glück sie sich selbst verscherzt +).
  +) Dies war im Mscrpt. eine Randglosse‚ und eine ganz andere Hand als die im Mscrpt. Der Schimpfnahme fällt auf den Glossenmacher zurück, weil er eben durch seine Glosse seine wahre Dummheit verräth.

[qq] Es verlohnt sich zwar der Mühe nicht, von einem solchen fabelhaften Scheusale, wie der Teufel ist, viel zu sprechen, weil derjenge, der ihn glaubt, schwer davon abzubringen ist, indem er nicht so viel gesunde Vernunft hat, die Gegenbeweise einzusehen. Es ist aber doch wohl möglich, daß einer dieser armen, unglüklichen Menschen (so kann man sie doch wohl mit Recht nennen, weil sie stets vor ihrem Gözzen zittern und in Furcht leben) dies Buch in die Hände bekömmt. Für diesen will ich nur etwas über zwo Redensarten sagen, die ihm gewöhnlich sind. Die erste ist: Der Teufel hat mich geritten. Wie viel Lächerliches und Unbesonnenes liegt darin! Jezt begeht der Mensch eine Bosheitssünde, die ihn in grosses Verderben stürzet. Er kann nicht anders, er muß einsehen, daß er selbst schuld sey. Allein die Partheylichkeit ist bei ihm zu gros; als daß er nicht zur lezten Instanz schreiten sollte; und die ist: der Teufel hat mich geritten, d. h. er hat mich dazu verleitet öder geblendet. So verhält sichs auch mit der andern Redensart: Der Teufel hat mich verführt. Der Mensch sucht immer die Schuld von sich abzulehnen; denn da bleibt er Vorwurfs frei. Sein eigen Fleisch und Blut oder seine Leidenschaften, die ihn zur Versündigung reizen, werden übersehen. Der Grund aber liegt in der schlechten Selbsterkenntnis. Wer sich selbst kennt, der wird wissen, wie die Leidenschaften erwachen, und was sie vermögen; der wird wissen, daß man alle Vernunft anwenden muß, um sie zu unterdrükken und nicht Herr über sich werden lassen. Sie sind der Teufel, der anlokt und zur Sünde reizt, und den man durch keine Gebete vertreiben kann, wie die Alten als ein gutes Mittel vorschlugen. Die Vernunft ist es allein, die alles vermag. Ein Jeder, der es ernsthaft mit sich meint, und dieses Mittel gebraucht‚ wird mir, seiner Ueberzeugung gemäs, Recht geben.

[rr] Religion und Lehrsystem haben von jeher mit den Graden der Cultur in Verbindung gestanden. Selbst das Heidenthum ist ein Beweis davon. Als die Griechen und Römer noch ihre kriegerische Epoche hatten; da war Ares oder Mars ihre Hauptgottheit, und Tapferkeit ihre vorzüglichste Tugend. Juno, Minerva und Apollo wurden anfänglich nur als Schuzgottheiten des Krieges verehrt. Als man aber in der Cultur zunahm, da nahm man mehrere Gottheiten an, und die vorigen wurden auch Beschüzzer der Produkte des Verstandes. Wenn man all die Gottheiten blos als Symbola oder allegorische Vorstellungen betrachtet; so wird man den daraus fliessenden Nuzzen nicht verkennen. Die Philosophen der genannten Völker betrachteten sie aus keinem andern Gesichtspunkte. So sollten auch wir all die bei uns herrschenden Mythen betrachten; ja gar wegwerfen, nachdem wir in der Cultur so grosse Fortschritte gemacht haben; damit wir die wahre Religion erhöben, und in ihrer wahren Grösse und Reinigkeit darstellten.

[ss] Es können immer noch mehrere Einwürfe gemacht werden, die den Teufel in ein gänzliches Nichts verwandeln, z. B. Hat denn Gott, als er die Engel erschuf, nicht gewust, daß viele, unter der Anführung eines einzigen, von ihm abfallen, und hernach so viel Unglük in der Welt anrichten würden? — Hat er es gewust, warum hat er die, die hernach abtrünnig wurden, geschaffen? — Ist er also nicht die Ursache von all dem Unglük, das der Teufel in der Welt von je her angerichtet haben soll? Können wir also nicht ganz geruhig und gelassen seyn, wenn wir sündigen? — Hat es Gott nicht gewust, wo bliebe denn eine seiner Haupteigenschaften, die Allwissenheit? Und fiel nicht immer die Schuld von all dem Unglük auf Gott zurük? — Weg also mit der Fabel, worunter Gott leidet, und wodurch er gelästert wird. Ja, werden manche sagen, es steht doch geschrieben; und was da geschrieben steht muß man doch glauben. Wer heist dir aber das? — Glaub’ alles, was zur Veredlung und Vervollkommung deiner selbst abzwekket; das Uebrige betrachte als Menschensaz und Menschentand, und lerne das göttlichste, was du hast, nemlich deine Vernunft gebrauchen; dann wirst du nicht irre gehen, und sicher dem Zwekke deines Daseyns gemäs leben.

[tt] Es versteht sich, daß dies auf die damalige Zeit geht, in welcher der Verfasser lebte. Heut zu Tage haben wir doch überall rechtschaffene Gottesgelehrte, unter denen es freilich auch räudige Schaafe giebt, die theils dumm, theils Heuchler sind, die ihren Bauch zum Gott gemacht haben. Aber sie sterben nach gerad’ aus: Und ob sie gleich einen fürchterlichen Gestank bei der Nachwelt hinter sich lassen; so wird sich dieselbe doch seegnen, daß sie von solchen Miethlingen befreit ist.

[uu] Eben für diejenigen, die die Wahrheit lieben, schikt der Herausgeber dies Buch, das schon so viel Redens und Schreibens gemacht hat, in die Welt. Aus Liebe zur allgemeinen Aufklärung und Wegräumung so mancher unnüzzen, ja schändlichen Sachen, hat er die Anmerkungen gemacht, ob er gleich in manchen Stükken nicht so ganz denkt, wie der Verfasser, welches er auch offenherzig gezeigt hat. Eben die Offenherzigkeit, die schon zum Fall und Auferstehen so mancher unter dem Monde geworden ist, hat der Herausgeber auch da Herrscherin seyn lassen, wo man noch an manchen Orten den Finger auf den Mund legt. Daselbst steht die Vernunft noch unter dem Augurstabe der mit centnerschweren Peruken und Tollkragen belasteten Orthodoxen oder, richtiger gesprochen, Heterodoxen. Mögen doch solche Irrsale oder Irrwische dies Buch samt dem Verfasser und Herausgeber verdammen; so geht der Geist des Verfassers und des Herausgebers heraus, und schütteln den Staub von ihren Füßen.

 

Anmerkungen

„Eine 1745 entstandene deutsche Übersetzung wurde 1787/88 in Berlin unter dem auf den ersten Blick rätselhaften Titel Spinoza II. oder Subiroth Sopim. (Πᾶσιν άρέυαι δυσχερές ατόν ἐστι. rfm) Rom, bey der Wittwe Bona Spes. 5770 gedruckt; die hebräisch anmutenden Worte erweisen sich, rückwärts gelesen, als Anagramm des Wortes ‚impostoribus‘. Dieser Übersetzung liegt eine Textversion zugrunde, die textgeschichtlich zwischen dem Druck von 1719 und der Bearbeitung von 1768 einzuordnen ist.“ — Traktat über die drei Betrüger. Traité des trois imposteurs. Kritisch herausgegeben, übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung versehen von Winfried Schröder. Hamburg: Meiner, 1992. p. XXIII.

Diese 1787 in Berlin bei Vieweg erschienene Übersetzung rührt wohl vom Frühaufklärer und Schriftsteller Johann Christian Edelmann (1698 — 1767). „Von den deutschen Aufklärern des vorigen Jahrhunderts haben wir nur Edelmann ... als Bundesgenossen brauchen können.“ — Bruno Bauer: Das entdeckte Christentum. Eine Erinnerung an das achtzehnte Jahrhundert und ein Beitrag zur Krisis des neunzehnten. Zürich, Winterthur: Verlag des literarischen Comptoirs, 1843, p. VIII.

„Sein bekanntestes, theologisch-philosophisches Buch aber ist der seltsame ‚Moses mit aufgedecktem Angesicht‘ von 1740 an, zunächst eine historisch-kritisch sein sollende Analyse der alttestamentlichen Berichte und des kirchlichen Inspirationsbegriff überhaupt (angeregt durch Spinoza’s Tractatus theologico-politicus), im weiteren aber eine Kritik der metaphysischen Grundanschauungen des christlichen Theismus, den er, allmählich stark in Spinoza’schen Pantheismus sich versenkend, mit dem bittersten Spott gegen die allzu irenische Leibnitz-Wolff’sche Philosophie (‚die Schandhure aller theologischen Secten‘) in leidenschaftlichster mehr, als irgend tieferer Weise bekämpft. Polemik war sein Lebensinhalt“ — Edmund Pfleiderer in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 5 (1877), pp. 639–640.

Ich habe mich bemüht, die Orthographie des Druckes beizubehalten, offensichtliche Setzfehler wie die Vertauschung von u und n oder Spatium statt Komma und dergleichen sind korrigiert. Lange ſ wurden durch runde ersetzt, ſs durch ß. Auf die im Original mittels ‚a)‘ etc. bezeichneten Fußnoten wird hier durch ‚[a]‘ hingewiesen, die dem Druck beigegebenen Fußnoten des Manuskriptes sind hier durch Ziffern statt ‚*‘ etc. unterschieden. Der erste Abschnitt jedes Kapitels wurde hier wie bei den anderen Texten nicht numeriert, um die Typographie etwas abwechselungsreicher zu gestalten