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Georg Reichard, Johann Warner, Johannes Vilitz u. a.:
Chiliastische Schriften des 17. Jahrhunderts

 

Reichard, Georg; Johann Warner u.a.: Chiliastische Schriften des 17. Jahrhunderts

 

Georg Reichard, Johann Warner, Johannes Vilitz u. a.:

I: Georg Reichard: Erster Theil Etzlicher sehr nachdencklicher Visionen und Offenbarungen welche mir ... durch den Geist des Herrn sind kund gethan und eröffnet worden. Betreffende den Zustand der Christlichen Kirchen, des H. Röm. Reichs und geliebten Vaterlandes Teutscher Nation, und was der Allmächtige Gott umb der Menschen Sünde und Unbußfertikeit willen an Straffen und Plagen noch wird ergehen lassen. — Andre Theil ... — Dritter Theil ... — Vierdter Theil ... Insgesamt vier Teile. Teil 1: „zu Hall“, Teil 4: „Zum andern mahle gedruckt zu Berlin“, 1640-1641. Quarto. 188 x 148 mm. [16]; [24]; [30]; [46] Bll.
II. Idem: Ein Wahrhafftiges Gesicht, und wunderliche Geschicht, welches mir ... benebenst einem Bawersmanne von der Heyda, am Firmament oder an den Wolcken des Himmels, ist für unsere Augen gestellet worden, den Eilfften Augusti diß 1637. Jahres. Ohne Ort und Drucker, 1638. [4] Bll.
III. Idem: Zwey wahrhafftige Visiones Gesichter und Off'enbahrungen ... „zu Hall“, 1638. [4] Bll.
IV. Idem?: Eigentliche Beschreibunge Oder Wahrhafftige Außlegunge des Newen Erschrecklichen Cometen oder Wunder Sterns. Welchen uns der Allerhöchste Gott ... im Anfange dieses 1638. Jahres, in den Hungarischen und Oesterreichischen Gräntzen als eine Buß-Fackel auffgestecket ... „zu Hall“, 1638. [2] Bll.
V. Idem: Eine Schöne Vision und Göttliche Offenbahrung von der Rechten Prüfung der Guten- und Bösen-Geister ... Ohne Ort und Drucker, 1639. [4] Bll.
VI. Idem: Dieses wird genandt Der Engel-Sieg, wieder die jenigen, welch die Englischen Gesichter oder Geister (ungeprüfet und ungelesen) verwerffen wollen. ... Ohne Ort und Drucker, 1639. [2] Bll.
VlI. Johann Warner: Beschreibung etzlicher Visionen, welche ihm sind von Gott, wegen des Zustandes der Lutherischen Kirchen und ihrer Widerwertigen, innerhalb 9. Jahren, gezeiget werden ... Ohne Ort und Drucker, 1642. [1] Bl., 70 Ss. - Zweite Ausgabe. BM STC W301.
VIII. Johannes Vilitz: Regale Sacerdotivm, Das ist: Die hochnötige und zugleich anmütige heilsame Lehre, Von demGeist- und Königlichem Priesterthumb, in dreyen Puncten und Predigten ... Quedlinburg: Joh. Ockeln, 1640. [40] Bll.
IX. Andreas Mickel: Trewhertzige Newen Jahres Glückwünschung Wie auch Christliche und hertzliche Betrachtung Der gnadenreichen Geburt und Menschwerdung unsers Erlösers und Seligmachers Jesu Christi ... Bautzen, 1642. [4] Bll.
X. Immerwerende Newe Politische Postzeitung Auß Macrocosmia. „in Parnasso“, 1641. [2] Bll. Mit einem Holzschnitt auf dem ersten Blatt.
XI. Wahrhafftige Copia eines Schreibens aus Constantinopel, In welchem umbständiglich zu befinden, was vor wunderliche, erschreckliche Gesicht und Geschicht, allda zu Constantinopel ... gesehen und geschehen ... Aus deren zu Ancona Italiänischer Copey in die Deutsche Sprache versetzet und überschicket An Herrn Dominico Magliani von Florentz. Hamburg, 1642. 4 Bll. Mit Titelholzschnitt.

Pergament der Zeit auf drei durchgezogenen Pergamentbünden, handgestochene Kapitale in Grün/Weiß. Mit schöner Federzeichnung eines Blumenbuketts auf dem Vorderdeckel, diese datiert 1646.

¶ Ad I-VI: Georg Reichard, Visionär, Chiliast und Prophet aus Meißen, geboren um 1600, lebte als einfacher Bergmann in Altenberg. Während des dreißigjährigen Krieges verschleppt, fand er 1635 eine Anstellung als Künstler und Schulmeister zu Seehausen und Rösa bei Leipzig. Beeinflußt von den Schwärmereien Johann Warners aus Meißen, der ab 1635 vierzehn Visionen in Halle veröffentlichte und dessen Nachfolger er dann wurde, verließ Reichard seine Stelle, gab sich für einen Propheten und Gottesboten aus, zog in ganz Ober- und Niedersachsen bis Lübeck umher, um Gottesoffenbarungen, Gerichtsordnungen und Bußmahnungen zu verkünden, die er mit Hilfe des ehemaligen Schulmeisters Laurentius Matthäi aus Brandis bei Leipzig aufzeichnete und in zahlreichen Schriften und Flugblättern verbreitete, darunter die hier als erstes eingebundenen 100 nachdenklichen Visionen, eine seiner ausführlichsten und wichtigsten Schriften. Zu Jöchers Zeiten blieben noch viele seiner Werke ungedruckt als Manuskript in der hollstein-gottorpischen Bibliothek. Jöcher III,1976 - ADB XXVII,622.
¶ Johann Warner aus Meißen gab seine Visionen zuerst 1638 auf Latein (?) und in Deutsch heraus, 1642 folgte die hier eingebundene (zweite?) deutsche Ausgabe. Sie ist seine Hauptschrift und war Anlaß für den Streit zwischen Jakob Stolterfoht und Jakob Fabricius. Des weiteren verfaßte er einige Verteidigungsschriften. Jöcher IV,1820.
¶ Johannes Vilitz war ein Schwiegervater Heinrich Ammerbachs und geboren zu Ratenau in der Mark. Als Magister der Philosophie und Senior des Ministerii zu Quedlinburg schrieb er obiges Werk. Er starb 1680 in seinem achtzigsten Jahre. Jöcher IV,1606.

Einband etwas fleckig und leicht verzogen; innen meist papierbedingt gebräunt. Provenienz: Gestochenes Exlibris auf dem vorderen Spiegel: „Säfstaholms Bibliothek.“

 

Untergangsprophetie und Chiliasmus (χῑ́λια, χῑ́λιοι, tausend) sind noch immer en vogue, sie haben sich nur angepaßt und erscheinen als CO2-Buße, Hitzehysterie und ersehntes klimaneutrales Weltreich.

“The absence of romance in my history will, I fear, detract somewhat from its interest; but if it be judged useful by those inquirers who desire an exact knowledge of the past as an aid to the interpretation of the future, which in the course of human things must resemble if it does not reflect it, I shall be content. In fine, I have written my work, not as an essay which is to win the applause of the moment, but as a possession for all time.” — Θουκυδίδης, I,22,[4]. καὶ ἐς μὲν ἀκρόασιν ἴσως τὸ μὴ μυθῶδες αὐτῶν ἀτερπέστερον φανεῖται: ὅσοι δὲ βουλήσονται τῶν τε γενομένων τὸ σαφὲς σκοπεῖν καὶ τῶν μελλόντων ποτὲ αὖθις κατὰ τὸ ἀνθρώπινον τοιούτων καὶ παραπλησίων ἔσεσθαι, ὠφέλιμα κρίνειν αὐτὰ ἀρκούντως ἕξει. κτῆμά τε ἐς αἰεὶ μᾶλλον ἢ ἀγώνισμα ἐς τὸ παραχρῆμα ἀκούειν ξύγκειται.

So sind die Vorläufer des modernen Chiliasmus zahlreich, in ihrer Wiederholung bilden sie das Muster nach und festigen es.
„Aber zur Zeit solcher Königreiche wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Königreich wird auf kein ander Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und verstören; aber es selbst wird ewiglich bleiben;“ — Daniel II,44, geschrieben um 165 v. u. Z. und zurückdatiert in die Zeit der Herrschaft des Nebukadnezar II. (נְבוּכַדְרֶאצַּר / נְבוּכַדְנֶאצַּר, Ναβου­χοδο­νόσωρ, um 640 - 562 v. u. Z., König ab 605 v. u. Z.).
„Und ich sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er griff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und Satan, und band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloß ihn und versiegelte obendarauf, daß er nicht mehr verführen sollte die Heiden, bis daß vollendet würden tausend Jahre; und darnach muß er los werden eine kleine Zeit. Und ich sah Stühle, und sie setzten sich darauf, und ihnen ward gegeben das Gericht; und die Seelen derer, die enthauptet sind um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier noch sein Bild und nicht genommen hatten sein Malzeichen an ihre Stirn und auf ihre Hand, diese lebten und regierten mit Christo tausend Jahre. Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis daß tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung. Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über solche hat der andere Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre. Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satanas los werden aus seinem Gefängnis und wird ausgehen, zu verführen die Heiden an den vier Enden der Erde, den Gog und Magog, sie zu versammeln zum Streit, welcher Zahl ist wie der Sand am Meer.“ — Offenbarung (sic!) XX,1-8.Καὶ εἶδον ἄγγελον καταβαίνοντα ἐκ τοῦ οὐρανοῦ ἔχοντα τὴν κλεῖν τῆς ἀβύσσου καὶ ἅλυσιν μεγάλην ἐπὶ τὴν χεῖρα αὐτοῦ. 2 καὶ ἐκράτησεν τὸν δράκοντα, ὁ ὄφις ὁ ἀρχαῖος, ὅς ἐστιν Διάβολος καὶ ὁ Σατανᾶς, καὶ ἔδησεν αὐτὸν χίλια ἔτη 3 καὶ ἔβαλεν αὐτὸν εἰς τὴν ἄβυσσον καὶ ἔκλεισεν καὶ ἐσφράγισεν ἐπάνω αὐτοῦ, ἵνα μὴ πλανήσῃ ἔτι τὰ ἔθνη ἄχρι τελεσθῇ τὰ χίλια ἔτη. μετὰ ταῦτα δεῖ λυθῆναι αὐτὸν μικρὸν χρόνον. 4 Καὶ εἶδον θρόνους καὶ ἐκάθισαν ἐπ᾽ αὐτοὺς καὶ κρίμα ἐδόθη αὐτοῖς, καὶ τὰς ψυχὰς τῶν πεπελεκισμένων διὰ τὴν μαρτυρίαν Ἰησοῦ καὶ διὰ τὸν λόγον τοῦ θεοῦ καὶ οἵτινες οὐ προσεκύνησαν τὸ θηρίον οὐδὲ τὴν εἰκόνα αὐτοῦ καὶ οὐκ ἔλαβον τὸ χάραγμα ἐπὶ τὸ μέτωπον καὶ ἐπὶ τὴν χεῖρα αὐτῶν. καὶ ἔζησαν καὶ ἐβασίλευσαν μετὰ τοῦ Χριστοῦ χίλια ἔτη. 5 οἱ λοιποὶ τῶν νεκρῶν οὐκ ἔζησαν ἄχρι τελεσθῇ τὰ χίλια ἔτη. αὕτη ἡ ἀνάστασις ἡ πρώτη. 6 μακάριος καὶ ἅγιος ὁ ἔχων μέρος ἐν τῇ ἀναστάσει τῇ πρώτῃ· ἐπὶ τούτων ὁ δεύτερος θάνατος οὐκ ἔχει ἐξουσίαν, ἀλλ᾽ ἔσονται ἱερεῖς τοῦ θεοῦ καὶ τοῦ Χριστοῦ καὶ βασιλεύσουσιν μετ᾽ αὐτοῦ [τὰ] χίλια ἔτη. 7 Καὶ ὅταν τελεσθῇ τὰ χίλια ἔτη, λυθήσεται ὁ Σατανᾶς ἐκ τῆς φυλακῆς αὐτοῦ 8 καὶ ἐξελεύσεται πλανῆσαι τὰ ἔθνη τὰ ἐν ταῖς τέσσαρσιν γωνίαις τῆς γῆς, τὸν Γὼγ καὶ Μαγώγ, συναγαγεῖν αὐτοὺς εἰς τὸν πόλεμον, ὧν ὁ ἀριθμὸς αὐτῶν ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης.

Der protestantische Chiliasmus wurde erst im 17. Jahrhundert bedeutsam. Für die modernen Vorstellungen scheint der Ansatz des Psychoanalytikers Wolf-Detlef Rost stimmig, der eine „eine tiefsitzende Misanthropie, eine Menschenverachtung“ für die Katastrophensucht annimmt, welcher ein moribundes Lebensgefühl zugrunde liegt. „Für Furedi sind die inszenierten und künstlich hoch gepuschten Zukunftsängste ein Instrument der politischen Meinungsmache und Steuerung, wo sich unterschiedliche Interessengruppen im Kampf um das Geld und das Meinungsmonopol gegenseitig mit immer dramatischeren Szenarien zu überbieten suchen.“ Wolf-Detlef Rost: Die Apokalypse aus psychologischer Sicht - Angst und Faszination. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 2012, Nr. 52/53, pp. 44-50. Das vorgegebene Muster mag also jederzeit angewendet werden, um Gruppeninteressen durchzusetzen.

Der Historische Materialismus ersetzt den Gott bloß durch ökonomische Gesetze, die gleichwohl zu einem messianischen Reich kommunistischer Endzeit geleiten.
„Es ist deshalb kein Zufall, daß der letzte Antagonismus der beiden feindlichen Lager, der Bourgeoisie und des Proletariats, dem Glauben an einen Endkampf zwischen Christus und Antichrist in der letzten Geschichtsepoche entspricht, und daß die Aufgabe des Proletariats der welthistorischen Mission des auserwählten Volkes analog ist. Die universale Erlösungsfunktion der unterdrückten Klasse entspricht der religiösen Dialektik von Kreuz und Auferstehung und die Verwandlung des Reichs der Notwendigkeit in ein Reich der Freiheit der Verwandlung des alten in einen neuen Äon. Der ganze Geschichtsprozeß, wie er im ‚Kommunistischen Manifest‘ dargestellt wird, spiegelt das allgemeine Schema der jüdisch-christlichen Interpretation der Geschichte als eines providentiellen Heilsgeschehens auf ein sinnvolles Endziel hin. Der historische Materialismus ist Heilsgeschichte in der Sprache der Nationalökonomie. Was eine wissenschaftliche Entdeckung zu sein scheint […], ist vom ersten bis zum letzten Satz von einem eschatologischen Glauben erfüllt.“ — Karl Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart: Kohlhammer, 1953, p. 48.

Doch entschleiert sich der durch die Musterwiederholung mitgegebene reaktionäre Kern selbst moderner Untergangsvisionen und ihrer Verbotsorgien: „Die Welt, die den neuen Menschen von Geburt an umgibt, zwingt ihn zu keinem Verzicht in irgendeiner Beziehung; sie stellt ihm kein Verbot, keine Hemmung entgegen; im Gegenteil, sie reizt seine Gelüste, die prinzipiell ins Unangemessene wachsen könne. (…) Das wahrhaft schöpferische Leben verlange eine streng hygienische Lebensweise und eine hohe Zucht, und es wäre ein Fehler, wenn Europa in der brütenden Erniedrigung der letzten Jahre verharre, die Nerven schlaff aus Mangel an Disziplin.“ — Josè Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1956. pp. 40 & 138.