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Παλαίφατος, Palaiphatos:
Palaephati de incredibilibus.

 

Palaephati de incredibilibus, relié par René Simier

 

Παλαίφατος, Palaiphatos:

Palaephati de incredibilibvs. Cornelivs Tollivs in Latinum sermonem vertit, & Notis illustravit.

Amsterdam: Ludwig Elzevier, 1649.

Duodecimo. 122 x 65 mm. [36], 253, [9] Seiten. – Lagenkollation: *12, **6, A-L12. [- fol. L12 weiß]. Titel in rot und schwarz, mit Holzschnittdruckermarke Rahir 17; Holzschnittinitialen.

Schwarzes langnarbiges Maroquin um 1810 mit fünf erhabenen Bünden auf dem Rücken, die von breiten Goldlinien abgegrenzt sind, auf den Feldern zierliche Vergoldung aus einem zentralen Kreisstempel, darum auf pointilliertem Grund verschiedene Blattornamente, im zweiten Feld Verfasser und Titel, im vierten Verlag und Jahr, am Fuß: „RELIE PAR SIMIER“. Die Deckel mit Randrahmen aus einer ornamentierten Blattrolle zwischen Doppellinien, in den Ecken Rosetten. Stehkante mit einer Wellenlinie vergoldet, die Innenkante mit sich abwechselnden Kreisen und Sternchen. Handgestochene doppelstöckige Kapitale in roséfarbener/weißer Seide, roséfarbenes Seidenlesebändchen; Goldschnitt; Vorsätze aus sehr fein strukturiertem, blau-rotem Türkisch-Marmorpapier. Auf beiden Deckeln mittig das goldgeprägte Wappensupralibros von Charles Lord Stuart de Rothesay, dem außerordentlichen Botschafter Großbritanniens in Paris. Seine Bibliothek wurde 1855 durch Leigh, Sotheby & Wilkinson auktioniert. Cf. Guigard: Nouvel Armorial, II, 442. Zu Simier: Ramsden 190 & Fléty 162. Ein Meistereinband des späteren königlichen Buchbinders mit harmonisch aufeinander abgestimmter Vergoldung, die dem Format des Werkes vorzüglich entspricht.

Erste und einzige Elzevier-Ausgabe, meist griechisch-lateinischer Paralleltext. Tollius Text, der der Aldine und einem Londoner Codex folgt, und vor allem seine Übersetzung wurden mehrmals nachgedruckt. Vom Athener Paläphatus (Palaiphatos) aus der zweiten Hälfte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts, bei dem es sich möglicherweise um ein Pseudonym handelt, ist uns nur dieser Auszug „Über unglaubliche Geschichten“, Περὶ ἀπίστων ἱστοριῶν, erhalten. Das Werk behandelt den Ursprung der Fabeln und konstruiert mittels Rationalismus einen natürlichen Kern der unglaubwürdigen Mythen; es übte besonders in der byzantinischen Periode beachtlichen Einfluß aus.

Der Einband von bestmöglicher Erhaltung. Titel minimal gebräunt, wenige Seiten mit kaum merklichem Anflug von Stockfleckchen, der erste Teil mit einer zeitgenössischen Kapitelnumerierung in Tinte, das letzte weiße Blatt nicht mit eingebunden. Ein außergewöhnliches schönes Exemplar in einem adäquaten Meistereinband.

Titel in black and red, with printer’s woodcut device. Early 19th-century French black straight-grained morocco by Simier. Spine in compartments with gilt floral tools on pointillé-ground, gilt frames on covers, inner gilt dentelles, edges gilt. From the library of Charles Lord Stuart de Rothesay, with his supralibros. Only Elzevier edition of this collection of Greek legends and their interpretations by the Greek writer Palaephatus (4th century B.C.). In best possible condition.

Willems 1089 – Rahier 1101 – Hoffmann III,36 – Schweiger I,221 – Hamberger I,47 – Ebert 15645.

 

Der griechische Text wurde erstmals 1505 in der Aesop-Ausgabe von Aldus Manutius gedruckt. Die hier beigegebene lateinische Übersetzung wurde häufig nachgedruckt; die Ausgabe: Palaephati de Incredibilia (...). Frankfurt: Meyer, 1685 enthält keine deutsche Übersetzung.

In seiner Einführung stellt Palaephatus denen, die alles glauben, was ihnen gesagt wird, jene subtileren, die davon ausgehen, daß keines der in der griechischen Mythologie geschilderten Vorkommnisse auf solch wundervolle Weise jemals geschehen ist, gegenüber. Er setzt zwei Prämissen, nämlich daß jede Geschichte von einem vergangenen Ereignis sowie einem Prinzip von Gleichförmigkeit herrührt, daß alles, was in der Vergangenheit existierte, jetzt ebenfalls existiert und noch später existieren wird; dies leitet er von den Philosophen Μέλισσος ὁ Σάμιος, Melissos von Elea und Λαμίσκος ὁ Σάμιος, Lamiskos von Samos her. Es muß also eine wahrscheinliche Reihe von Ereignissen geben, die hinter jedem Mythos steht, aber von Dichtern und frühen Historikern zu wundervollen Geschichten verwandelt wurde, um ihr Publikum zu fesseln. Palaephatus behauptet dann, das Folgende auf persönlichen Nachforschungen zu gründen, zu vielen Orten zu gehen und ältere Menschen zu fragen, was geschehen sei. So wird ein vorgebliches Wunder kühl und ohne den dazu erdichteten mythischen Zusammenhang erzählt, die Aktion von Göttern nicht erwähnt. Dies muß vom umfassenderen Rationalismus des Εὐήμερος ὁ Μεσσήνιος, Euhemeros von Messana (um 340 - 260 v. u. Z.) unterschieden werden: Palaephatus behält Callisto, Actaeon und andere als historische Personen bei, sein Rationalismus läßt diese zu vergöttlichten Menschen oder zu Personifikationen natürlicher Kräfte oder Leidenschaften werden.

Quasi als Anmerkung zur Anmerkung:

EUHEMERUS [Euemerus, Evemerus], Greek mythographer, born at Messana, in Sicily (others say at Chios, Tegea, or Messene in Peloponnese), flourished about 300 B.C., and lived at the court of Cassander. He is chiefly known by his Sacred History (Ἱερὰ ἀναγραφή), a philosophical romance, based upon archaic inscriptions which he claimed to have found during his travels in various parts of Greece. He particularly relies upon an account of early history which he discovered on a golden pillar in a temple on the island of Panchaea when on a voyage round the coast of Arabia, undertaken at the request of Cassander, his friend and patron. There is apparently no doubt that this island is ​imaginary. In this work he for the first time systematized an old Oriental (perhaps Phoenician) method of interpreting the popular myths, asserting that the gods who formed the chief objects of popular worship had been originally heroes and conquerors, who had thus earned a claim to the veneration of their subjects. This system spread widely, and the early Christians especially appealed to it as a confirmation of their belief that ancient mythology was merely an aggregate of fables of human invention. Euhemerus was a firm upholder of the Cyrenaic philosophy, and by many ancient writers he was regarded as an atheist. His work was translated by Ennius into Latin, but the work itself is lost, and of the translation only a few fragments, and these very short, have come down to us.

This rationalizing method of interpretation is known as Euhemerism. There is no doubt that it contains an element of truth; as among the Romans the gradual deification of ancestors and the apotheosis of emperors were prominent features of religious development, so among primitive peoples it is possible to trace the evolution of family and tribal gods from great chiefs and warriors. All theories of religion which give prominence to ancestor worship and the cult of the dead are to a certain extent Euhemeristic. But as the sole explanation of the origin of the idea of gods it is not accepted by students of comparative religion. It had, however, considerable vogue in France. In the 18th century the abbé Banier, in his Mythologie et la fable expliquées par l’histoire, was frankly Euhemeristic; other leading Euhemerists were Clavier, Sainte-Croix, Raoul Rochette, Em. Hoffmann and to a great extent Herbert Spencer.

Encyclopædia Britannica, Eleventh Edition, Cambridge: University Press, 1910. Vol. IX, pp. 886-887.