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Guillaume Du Vair:
Le tombeau de la mélancholie.
Ou le vray moyen de vivre ioyeux

 

Guillaume Du Vair: Le tombeau de la mélancholie. Ou le vray moyen de vivre ioyeux

 

Guillaume Du Vair: Le tombeau de la mélancholie. Ou le vray moyen de vivre ioyeux

 

Mittel gegen die Melancholie, gebunden von Niédrée

Guillaume Du Vair:

LE | TOMBEAV | DE LA | MELANCHOLIE. | OV LE VRAY MOYEN | de viure ioyeux. | Seconde Edition, reueué, corrigée | & augmentée. | Par le sieur D. V. G.

Paris: Charles Sevestre, 1640.

Duodecimo. 126 x 74 mm. 96 Seiten. – Lagenkollation: a-d12. Titel mit Holzschnittvignette, Text mit zwei Holzschnittinitialen.

Handgefertigter dunkelblauer Maroquineinband (129,5 x 79 x 8 mm) um 1850 auf fünf echten, erhabenen Bünden mit reicher Rückenvergoldung, Titel auf zweitem Feld, Ort und Jahr auf dem dritten, die Deckel mit Randrahmen aus drei goldgeprägten Linien, Stehkantenvergoldung aus einer Linie, reiche, zierliche Innenkantenvergoldung. Handgestochene, blau/weiße Seidenkapitale, Goldschnitt, Vorsätze aus Marmorpapier. Signiert auf dem zweiten vorderen fliegenden Vorsatz recto oben: E. Niédrée.
¶ Jean-Edouard Niédrée wurde 1836 Nachfolger von Muller, ab 1854 arbeitet er mit Philippe Belz zusammen, der die Firma nach Niédrées Tod 1864 übernahm und in der Folge die Einbände mit Belz-Niédrée signierte. „Très habile, et sachant exécuter par lui-même toutes les parties de la reliure, il se classa vite comme un relieur, et surtout un doreur de premier ordre“ (Beraldi). Cf. Fléty pp. 135-136 – Ramsden p. 147 – Beraldi II, p. 60 mit Faksimile eines Briefes sowie Einbandabbildung auf Tafel 103 gegenüber p. 178. Einbandkunde.

Die Zuschreibung an Du Vair (1556-1621) wird nur selten gegeben. Enthält u. a.: Invention subtile de trois bons Compagnons pour trouver moyen de disner sans argent; Beau traicz d’un homme apres avoir battu sa femme; Dutour qu’un Cordelier ioua à deux voleurs; La maniere de faire une bonne sallade; D’un Medecin qui tastoit le poulx à une Damoiselle; L’hypocrisie d’une ieune veufue; Les rimes ioyeuses du Pape Sixte; Rencontre Ioyeuse d’un qui se mouroit; Effronterie d’une femme impudique; Recepte & vraye Medecine pour degraisser les gens trop gras; D’un gourmand avare attrapé par un hoste.

Wohlerhalten. Provenienz: E. Desq, mit seinem goldgeprägten Lederexlibris auf dem vorderen Spiegel (Kat. 1866, Nr. 796). Schöner, sehr dekorativer Meistereinband.

Reliure du milieu du dix-neuvième siècle en maroquin bleu nuit, dos à cinq nerfs entièrement orné de motifs dorés, triple encadrement d'un filet doré sur les plats, dentelle dorée intérieure, tranches dorées. Signée de E. Niédrée. Provenance: E. Desq, avec ex-libris (cat. 1866, n° 796).

Goldsmith G16 & G17 mit Ausgaben 1634.

 

Wenn nur jede Melancholie so formschön verpackt zu uns gelangte.
„MELANCHOLIE, f. trübsinn, schwermut; zunächst, nach der wörtlichen bedeutung des griechischen, aus der heilwissenschaft des alterthums ins mittelalter herüber gekommenen ausdrucks, die schwarzgalligkeit, als fehlerhafte beschaffenheit des mit schwarzer, verbrannter galle (vergl. th. 41, 1184. 1185) versetzten blutes rinderein flaisch machet dickeʒ pluot vol melancoli. Megenberg 159, 32; welche schwermut erzeugt: Galiênus spricht, daʒ melancholia ir sideln hab in dem milz, und wenn diu melancoli ain oberhant nimpt und sich zeucht zuo dem haupt, sô kümpt dem menschen sweigen und betrahten, und swærikeit, wainen und trâkheit, vorht und sorg und klainmüetichait. 30, 33; diu melancoli macht die läut tœrocht, alsô daʒ manig mensch sich selber ertœtt oder wænt, eʒ sei glesein oder eʒ sei tôt. 326, 11“ — Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Band XII, Spalten 1988-1989.
Trat wohl im 14. Jahrhundert in die deutsche Sprache ein, Herkunft ist das spätlateinische melancholia, das auf dem griechischen μελαγχολία beruht.

“MELANCHOLY, the subject of our present discourse, is either in disposition or habit. In disposition, is that transitory melancholy which goes and comes upon every small occasion of sorrow, need, sickness, trouble, fear, grief; passion, or perturbation of the mind, any manner of care, discontent, or thought, which causeth anguish, dulness, heaviness and vexation of spirit, any ways opposite to pleasure, mirth, joy, delight, causing frowardness in us, or a dislike. In which equivocal and improper sense, we call him melancholy that is dull, sad, sour, lumpish, ill-disposed, solitary, any way moved, or displeased. And from these mclancholy dispositions, no man living is free, no stoic, none so wise, none so happy, none so patient, so generous, so godly, so divine, that can vindicate himself; so well composed, but more or less, some time or other he feels the smart of it. Melancholy in this sense is the character of mortality. (...) This melancholy of which, we are to treat, is a habit, morbus sonticus, or chronicus, a chronic or continuate disease, a settled humour, as Aurelianus and others call it, not errant, but fixed; and as it was long increasing, so now being (pleasant, or painful) grown to an habit, it will hardly be removed.” — Robert Burton: The Anatomy of Melancholy. Part 1. Introduction and Partition 1, The Causes of Melancholy, Subsect. V. Sixth edition, 1652

Deutsche Ausgabe: Robert Burton: Anatomie der Melancholie. Über die Allgegenwart der Schwermut, ihre Ursachen und Symptome sowie die Kunst, es mit ihr auszuhalten. Aus dem Englischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Ulrich Horstmann. Zürich und München: Artemis, 1988.
 

Friedrich Nietzsche, Juli 1871:
An die Melancholie

Verarge mir es nicht, Melancholie,
Daß ich die Feder, dich zu preisen, spitze,
Und daß ich nicht, den Kopf gebeugt zum Knie,
Einsiedlerisch auf einem Baumstumpf sitze.
So sahst du oft mich, gestern noch zumal,
In heißer Sonne morgendlichem Strahle:
Begehrlich schrie der Geyer in das Thal,
Er träumt vom todten Aas auf todtem Pfahle.

Du irrtest, wüster Vogel, ob ich gleich
So mumienhaft auf meinem Klotze ruhte!
Du sahst das Auge nicht, das wonnenreich
Noch hin und her rollt, stolz und hochgemuthe.
Und wenn es nicht zu deinen Höhen schlich,
Erstorben für die fernsten Wolkenwellen,
So sank es um so tiefer, um in sich
Des Daseins Abgrund blitzend aufzuhellen.

So saß ich oft, in tiefer Wüstenei
Unschön gekrümmt, gleich opfernden Barbaren,
Und Deiner eingedenk, Melancholei,
Ein Büßer, ob in jugendlichen Jahren!
So sitzend freut’ ich mich des Geyer-Flugs,
Des Donnerlaufs der rollenden Lawinen,
Du sprachst zu mir, unfähig Menschentrugs,
Wahrhaftig, doch mit schrecklich strengen Mienen.

Du herbe Göttin wilder Felsnatur,
Du Freundin liebst es nah mir zu erscheinen;
Du zeigst mir drohend dann des Geyer’s Spur
Und der Lawine Lust, mich zu verneinen.
Rings athmet zähnefletschend Mordgelüst:
Qualvolle Gier, sich Leben zu erzwingen!
Verführerisch auf starrem Felsgerüst
Sehnt sich die Blume dort nach Schmetterlingen.

Dies Alles bin ich — schaudernd fühl’ ich’s nach —
Verführter Schmetterling, einsame Blume,
Der Geyer und der jähe Eisesbach,
Des Sturmes Stöhnen — alles dir zum Ruhme,
Du grimme Göttin, der ich tief gebückt,
Den Kopf am Knie, ein schaurig Loblied ächze,
Nur dir zum Ruhme, daß ich unverrückt
Nach Leben, Leben, Leben lechze!

Verarge mir es, böse Gottheit, nicht,
Daß ich mit Reimen zierlich dich umflechte.
Der zittert, dem du nahst, ein Schreckgesicht,
Der zuckt, dem du sie reichst, die böse Rechte.
Und zitternd stammle ich hier Lied auf Lied,
Und zucke auf in rhythmischem Gestalten:
Die Tinte fleußt, die spitze Feder sprüht —
Nun Göttin, Göttin laß mich — laß mich schalten!