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Johannes ab Indagine: Chiromantia

 

 

Johannes ab Indagine, i. e. Johann von Hagen:

Chiromantia. | 1 Phyſiognomia, ex aſpectu membrorum Hominis. | 2 Periaxiomata de Faciebus SIGNORVM. | 3 Canones Astrologici, de iudiciis AEgritudinum. | 4 ASTROLOGIA NATVRALIS. | 5 Complexionum notitia, iuxta dominum Planetarū.

[Paris]: „Apud Petrum Regnault“, 1543.

Octavo. 170 × 110 mm. 111, [1] Bll. - Lagenkollation: a-o8. Mit dem Holzschnittportrait des Verfassers in ovalem Rahmen nach jenem von Hans Baldung Grien der Erstausgabe Straßburg, 1522; sowie 35 (von 37) Textholzschnitte mit chiromantischen Figuren, sechs mit Planetengottheiten, elf Holzschnitte mit jeweils zwei Gesichtern (davon einer wiederholt), sowie 27 astrologische Diagramme und eine Tabelle.

Handgebundener Halblederband mit breitem Rücken aus dunkelbraunem Maroquin, vier erhabene Doppelbünde, goldgeprägtes Rückenschildchen, Pappdeckel, diese mit hellbraunem Kleisterpapier bezogen. Handgestochene dunkelblaue Kapitale.

„The ‚Introductiones apotelesmaticae’ of John ab Indagine or von Hagen, a priest at Steinheim near Frankfurt, combine astrology with physiognomy and chiromancy in one volume. ... The chiromantic part ... is related to the planets as well as the lines of the hand. ... The chiromancy is followed by a tract on determination of the planets of the horoscope and the ascendent sign from the four temperaments: choleric, phlegmatic, melancholy and sanguine“ (Thorndike V, pp. 65-66). „Indagine perhaps initiated a distinction which was to be increasingly employed later in the century when he stated his preference for what he called natural astrology to the artificial variety than which it is more faithful and less superstitious. ... A chief distinction for John between natural and artificial astrology is that, where the latter in drawing up horoscopes determines in detail the positions of all the planets, natural astrology observes merely the movements of sun and moon“ (Thorndike V, pp. 175-176).

Fol. b1 mit Ausschnitt unter Verlust von zwei Holzschnitten und etwas Text, dies in Faksimile ergänzt; papierbedingt leicht gebräunt, vorn schwach wasserrandig, die letzten Blätter im Rand braunfleckig, eine Seite mit Tintenfleck. Äußerst breitrandig, sowohl unten wie vorn Témoins. Diese Ausgabe von großer Seltenheit.

Adams I90 – BM STC 235 – Holzmann/B. 140 – cf. Mortimer 324 (Ausg. 1546) & Rosenthal 975 (Ausg. 1547) – Bibliographien. Nicht bei Caillet, Dorbon-Ainé, Graesse: Magica.

 

Indagine: Johannes ab (de) I. (von Hagen), Theolog und Astrolog im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts. Wann und wo er geboren, läßt sich nicht ermitteln und ebenso sind die Nachrichten, welche uns über sein äußeres Leben überliefert sind, mangelhaft und ist sein Vorleben bis zum J. 1522 völlig unbekannt. Seiner Abstammung nach gehört er vermuthlich dem zahlreichen freiherrlichen und gräflichen Geschlechte „von Hagen“ an, das in Niedersachsen, am Rhein, in Thüringen, Pommern und Mecklenburg und fast in allen Gegenden Deutschlands sich ausgebreitet hatte und (Iselin, Lexikon, II. 642–43) seinen ursprünglichen Namen „Hagen“ (von einem Haag oder Hagen, Hain, Busch) in „ab“ oder „de I.“ latinisirte (Albinus, Meißn. Chron., S. 339; Leipz. gel. Zeitg. 1758, S. 771–73). Nachdem er 18 Jahre an verschiedenen Höfen sich aufgehalten, wurde er Decan am St. Leonhards-Stifte zu Frankfurt a/M. und zugleich Pfarrer zu Steinheim a/M. bei Hanau, in der mainzischen Diöcese, in welch’ letzterem Orte er auch meistens wohnte und dieser Pfarre 49 Jahre vorstand. Obgleich katholischer Geistlicher, war er doch nicht Ordensmann, wol aber ein für seine Zeit sehr geschickter und gelehrter Mann und wurde aus diesem Grunde auch als Gesandter an den Papst nach Rom geschickt, um dem damaligen Kurfürsten und Erzbischof Albrecht das Pallium einzulösen. Aber wie für Luther zu gleicher Zeit die Reise nach Rom die erste Veranlassung geworden war zum Abfalle vom Papst, so auch für I. Denn in der seiner Schrift „Introductiones“ vorgesetzten, vom 9. Mai 1522 aus Steinheim datirten Dedication an den damaligen erzbischöflichen Vicar in spiritualibus und Domschulmeister zu Mainz, Doctor Dieterich Zobel, hebt er die Fehler der Kirche nachdrücklich hervor, deren Beseitigung er gerne sähe, und in einem lesenswürdigen Briefe, den er diesem Werke anhängt und der an Otto Brunfels „ex parochia nostra Stainheim. Kal. Julii 1522“ gerichtet ist, gibt er sich ausdrücklich als einen Bekenner der evangelischen Wahrheit kund und bezeugt in warmen Worten seine Liebe zu dem eben aufgegangenen Lichte des Evangeliums. Brunfels selbst lebte fast zwei Jahre bei I. in Steinheim, jedoch hier nicht selbst als Pfarrer (Bd. III. 441), wurde durch ihn vermuthlich ebenfalls dem Studium der Astronomie und Astrologie zugeführt und beide hielten bis zum Tode des letzteren (1534) Freundschaft und Briefwechsel und noch am 1. Juli 1522 schrieb I. an Brunfels einen Trostbrief der Verfolgungen wegen, die dieser zu erleiden hatte. Es kann deshalb auch nicht Wunder nehmen, daß I. dieser Ansichten und Aeußerungen wegen der Haß Roms zu Theil ward und daß Papst Paul IV. dieses sein Buch verdammte und auf den Index setzte. Sein Sterbejahr findet sich nirgends angemerkt. I. war trotz aller Gelehrsamkeit und Frömmigkeit der Astrologie und ähnlichen Wissenschaften sehr ergeben und erlangte hierin bei seinen Zeitgenossen einen solchen Ruf, daß er von diesen [68] als einer der größten Kenner und Eingeweihten betrachtet wurde. Die Schrift, welche er über diese Gegenstände verfaßte, erschien unter dem Titel: „Introductiones Apostelesmaticae … in Chiromantiam, Physiognomiam …“ auf seine Kosten gedruckt, jedoch im Verlage von Joh. Schott zu Straßburg 1522 mit Holzschnitten und seinem Bildnisse, nach Gleichmann aber (Spicileg. I. Scriptor. ad Reform. hist. p. 36) zu Frankfurt bei David Zephelius, seine eigene deutsche Uebersetzung als „Die Kunst der Chiromantzey, vß besehung der hend …“, 1523. Das lateinische Original wurde auch wiederholt gedruckt, zuerst 1551 und nochmals Ursellis 1603 und dasselbe auch von anderer Hand, durch J. F. Hallmayer (Straßburg 1630, 1664) ins Deutsche übertragen. Des Verfassers Leben fiel in eine Zeit, wo in Deutschland, Frankreich und Italien Astrologie und Chiromantie in voller Blüthe standen, lebte doch zu derselben Zeit auch der französische Astrolog Nostradamus (geb. 1503, † 1566), dessen Prophezeiungen in der ganzen Welt das riesigste Aufsehen machten, und obgleich bereits Seb. Brant in seinem Narrenschiff 1494 den Astrologen ihre Stelle angewiesen hatte, so verfaßte gleichwol ein gleichzeitiger Straßburgischer Arzt Lorenz Fries (Eloy, Dict. hist. de la médecine) eine Vertheidigung der Sterndeuterei als Erwiderung gegen Luther’s freimüthige Aeußerungen über diese Afterkunst in dessen Erklärung der zehn Gebote; die Schrift erschien bei dem jeder Confessionspartei dienenden Drucker Joh. Grüninger (Bd. X. S. 53–54) „uff mitwoch vor St. Andreastag 1520“ (Panzer, Ann. I, 446) als „Ein Kurtze schirm der Kunst Astrologia …“ Und so darf es uns denn auch nicht wundern, daß, was speciell die Chiromantie anbelangt, um von anderen Lehrern dieser Kunst zu schweigen, kurz vor Indagine’s Auftreten ein fahrender Doctor, Johann Has, den 13. Juli 1516 an der Kirchthüre zu Freiburg (Schreiber, Geschichte der Universität Freiburg, I. 252) anschlagen ließ, er sei bereit, in seinem Gasthofe diese Kunst auszuüben und zu lehren. Dagegen wurde jedoch sogleich seitens der medicinischen Fakultät mit einem Verbote eingeschritten und der Chiromant fand sich vergeblich in der Senatssitzung vom 18. Juli persönlich ein, die Universität beharrte auf ihrem Beschlusse. Ueber die bereits 1448 abgefaßte, dann zuerst zu Augsburg durch eine unbekannte Officin als einer der ältesten Holztafeldrucke bekannte „Cyromantia“ des Doctor Hartlieb (Bd. X. S. 671), vgl. Guichard im Bulletin de Bibliophile belge, 1840, 187, Dibdin, Decam. I. 143–47, Metzger, Aelteste Druckdenkmäler in Augsburgs, S. 21–22, Ebert, 9309 und über das lateinische Original Gräffe’s Litteraturgeschichte, II. 1, 622. Ein anderes zu Augsburg durch Erhard Ratdolt gedrucktes Buch „Flores Astrologiae“ erschien 1488 und in Italien druckte und zwar zu Padua 1481 mit den Typen (instrumentis) des nach Augsburg zurückgekehrten Ratdolt, Matth. Cerdonis des Mich. Scotus „Chiromantia Scientia naturalis“ und in Bologna erschien 1494 „Anton. Tiburti de Chyromantia lib. III.“ — Jakob Franck in: Allgemeine Deutsche Biographie, Leipzig: Duncker & Humblot, 1881. Band XIV, pp. 67–68.

 

Chiromantie (v. gr.), 1) Weissagung des Charakters, des Lebensganges u. der Schicksale aus der Hand, u. zwar aus den, bei verschiedenen Menschen verschiedenen Hautfalten od. Hautvertiefungen der hohlen Hand. Ein solcher Weissager heißt Chiromant. Der Aberglaube unterscheidet zuvörderst I. die in der Handhöhlung wahrnehmbaren Linien od. länglichen Hautvertiefungen, u. diese theilt man wieder in A) die 5 Hauptlinien: a) die Lebenslinie (Linea vitalis), sie fängt am äußersten fleischigen Theile der Hand, zwischen dem Daumen u. Zeigefinger, an u. läuft krumm um das Dickfleisch unter dem Daumen herum abwärts gegen die Querlinien, Rascela u. Discriminallinien; sie soll, wenn sie undurchschnitten, rein ausgeprägt ist, bis in jene Querlinien hinein od. noch besser über dieselbe hinaus reicht, u. das Dreieck im oberen Winkel geschlossen ist, auf innere Lebenskraft, Gesundheit u. Sittlichkeit u. deshalb auf langes Leben hindeuten; fehlt sie, od. ist sie unscheinbar, so soll daraus ein schlechtes Herz, schwacher Geist, Unbeständigkeit u. früher Tod erkennbar sein; b) die Natur- od. Hauptlinie (Linea naturalis s. cephalica), sie fängt an unter dem Zeigefinger, od. vom Zwischenraume des Zeige- u. Mittelfingers, zuweilen auch erst unter dem Zeigefinger, vereinigt sich gewöhnlich unmittelbar od. durch einen Ast in einem spitzigen Winkel unter jenen beiden Fingern mit der Lebenslinie, od. geht ohne jene Vereinigung fort u. verliert sich in den Mondberg; bei vollkommen gehöriger Länge u. bei guter Vereinigung der Leber- u. Magenlinien mit ihr u. mit der Lebenslinie soll sie einen guten Zustand des Magens, der Leber u. der Lebensgeister anzeigen; Kürze derselben soll dagegen auf einen unbeständigen Charakter schließen lassen; c) die Tisch-, Gedärm- od. gemeine Linie (Lin. mensalis s. inquinalis s. communis), welche, unter dem kleinen Finger an der Seite od. auch auf dem Rücken der Hand anfangend, unter den 3 letzten Fingern quer über die Hand vorläuft u. etwas aufwärts gebogen, unter dem Zwischenraum des Zeige- u. Mittelfingers od. unter ersterem endet; sie zeigt, stark ausgehängt u. rein, eine gute Zeugungskraft, aber wenn sie bis ins 1. Gelenk des Zeigefingers geht, ein mühseliges Leben an; d) die Leber- od. Magenlinie (Lin. hepatica s. stomachica, von unbestimmtem Anfang, läuft entweder von der Lebenslinie, od. vom Venusberg, od. von der Rascela aus u. endigt in der Naturlinie; sie soll mit dem Zustande der Verdauung in Zusammenhang stehn u. wohl beschaffen sein, wenn sie das Dreieck gehörig schließt u. undurchschnitten ist; c) die Rasceta, die erste Querlinie unter der Hohlhand auf dem Handgelenke; deutet, ununterbrochen, auf glücklichen Fortgang in Unternehmungen; B) die 7 Nebenlinien: f) die Martislinie od. Schwester der Lebenslinie (Lin. Martis s. Soror vitalis), läuft parallel mit der Lebenslinie zwischen dieser u. dem Ballen auf dem Daumen; sie soll lang, deutlich u. unzerrissen, bes. bei reinem u. wohlgeschlossenem Dreieck, andeuten, daß ein Mensch Reichthum u. Glück, bes. als Soldat, erlangen werde; g) die Sonnen- od. Ehrenlinie (Lin. Solis s. honoris), von der Grenzlinie des 4. Fingers aus bis zur Tischlinie reichend, od. auch dieselbe durchschneidend, bis zur Naturlinie, od. auch durch beide bis zur Lebenslinie, od. auch bis zur Marshöhle fortgehend; sie deutet auf Verstand u., wenn sie lang ist, auf Ehrenstellen; h) der Venusgürtel (Cingulum Veneris), fängt zwischen dem Zeige- u. Mittelfinger an, geht zwischen der Tischlinie u. dem Mittel- u. 4. Finger in einem Halbkreis bis zu dem Zwischenraum des letztern u. des kleinen Fingers, kommt bisweilen doppelt u. mehrfach, aber auch stückweis u. sehr kurz vor. Aus ihrer Beschaffenheit wird auf relative Neigung u. Fähigkeit zu Geschlechtsvereinigung geschlossen u. sie deutet, rein u. durchschnitten, auf Glück in der Liebe; i) die Saturn- od. Glückslinie (Lin. saturnina), geht nach dem Mittelfinger zu entweder unter dem Daumballen in der Rascela, jenen u. die Lebenslinie durchschneidend; od. läuft außerhalb des Daumenballens in der Rascela, od. nur in der Nähe der Rascela od. in dem Mondberge aus; sie endigt entweder schon in der Natur- od. in der Tischlinie od. unterhalb des Mittelfingers. Wenn sie unzerrissen u. nicht geschlängelt, in der Marshöhle stehen bleibend u. sich vor der Naturlinie endigt, soll sie Glück u. Reichthum anzeigen; wenn sie aber diese Grenze überschreitet u. doppelt od. dreifach da ist, Mühseligkeit u. Gefahren; k) die Heiraths- od. Ehestandslinien (Lineae matrimoniales). kleine Linien, die unter dem kleinen Finger mit der Tischlinie parallel laufen u. auf Glück im Heirathen deuten sollen; l) die Milchstraße (Via lactea), eine Schwester- od. Seitenlinie der Lebenslinie, fängt unter derselben, am Mondberge u. bei der Rascela an u. geht gegen den Mondberg zu od. fängt im Venusberg an u. geht bei der Rascela in u. durch den Mondberg hin; sie soll, wenn sie lang u. ununterbrochen ist, Geschick zu Studien u. Künsten, auch Glück in der Fremde u. der Liebe andeuten; m) die Discriminal- od. Entscheidungslinien (Lineae discriminales), bilden die Grenze der Hand gegen den Arm; die erste ist die Rascela, sie werden in der Rechten von der linken gegen die rechte Seite, in der Linken von der rechten gegen die linke Seite gemessen. II. Die Räume sind Stellen in der Hohlhand, zwischen den angeführten Linien: A) der Tisch (Mensa), zwischen der Natur- u. Tischlinie, deutet auf Reichthum u. Freigebigkeit; B) die Martishöhle od. das Dreieck (Cavea Martis), ein dreieckiger Raum zwischen der Lebens-, Natur- u. Leberlinie; die beiden ersten Linien bilden die Schenkelseiten desselben die Leberlinie aber ist [⇐47][48⇒] die Basis; ein doppeltes Dreieck wird dieser Raum, wenn die Natur- od. die Tischlinie zum Mittelfinger steigt; die Martishöhle deutet, wohlgeschlossen, auf Glück im Vaterlande u. läßt auf natürlichen Verstand, Bescheidenheit u. stilles Wesen schließen; C) die 5 Berge der Finger (Montes), die fleischigen Theile unter den ersten scheinbaren Gelenken der Finger: a) der Venusberg (Mons Veneris), unter dem Daumen, nach innen von der Lebenslinie, unten von der Rascela begrenzt; b) der Jupiter- od. Jovisberg (Mons Jovis), unter dem Zeigefinger abwärts, bis an die Lebens- u. Naturlinie; c) der Saturnberg (Mons Saturni), unter dem Mittelfinger; d) der Sonnenberg (M. Solis), unter dem Ringfinger; e) der Mercurberg (M. Mercurii), unter dem kleinen Finger, die 3 letzten bis zur Tischlinie herab. Nach diesen Namen sind auch die bezüglichen Finger benannt. D) Der Mondberg (M. Lunae), der dem Venusberge entgegengesetzte, erhabene, fleischige Theil der innern Hand unter dem kleinen Finger, zwischen der Rascela u. der Tischlinie. Alle diese Berge zeigen die bezügliche planetarische Natur an, also der Venusberg die venerische, der Jupiterberg die joviale, der Saturnberg die saturninische, der Sonnenberg die solarische, der Mercurberg die mercurialische, der Mondberg die lunarische Natur u. sind nach dem Vorherrschen dieser planetarischen Eigenschaften zu deuten. Eine besondere Kunst der Ch. ist die Ausmessung der Linien u. Räume, wobei bes. auf deren Anfang u. Ende zu merken ist, sie geschieht mit dem Zirkel nach verschiedenen Rücksichten für die verschiedenen Räume u. Linien. Diese Dimensionen bedeuten die Zeit des Lebens, die Dauer eines Zustandes od. Ereignisses od. des Eintretens desselben. Bei der Lebens- od. Sonnenlinie ist möglichst große Länge gut, nicht so bei den andern, z.B. der Saturn- u. der Tischlinie. Tiefe u. breite Linien zeigen standhaften u. ernsten Charakter u. deuten auf Gewißheit einer verkündigten Sache; seichte u. flache Linien zeigen wankelmüthigen u. unbeständigen Charakter; breite Linien zeigen Freigebigkeit, Verschwendung, Unbestand, schmale u. tiefe Linien Geiz u. Engherzigkeit an; durchschnittene Linien deuten auf Gefahr, die um so größer ist, wenn die durchschneidende breiter ist, als die durchschnittene. Zur allgemeinen Bestimmung des Glücks od. Unglücks einer Person untersucht der Chiromant zuförderst die Hand im Allgemeinen, u. es gilt als eine glückliche Hand diejenige, in welcher alle Linien u. bes. die Hauptlinien vorhanden u. zwar auch am rechten Orte, u. die Berge genau unter ihren bezüglichen Fingern, wo die Hauptlinien unzerrissen u. unzerschnitten, u. das Dreieck nicht durch verworrene Linien gestört ist, bes. muß der Venusgürtel vorhanden sein, alle Hauptlinien u. die Glückslinie gehörig u. der Tisch in beiden Händen gleich groß sein. Die Tischlinie darf nicht in das erste Gelenk des Zeigefingers gehen; das Gegentheil zeigt eine unglückliche Hand an. Die Chiromanten beachten auch die Nägel an den Fingern, welche die Name der unter C) a)–e) angeführten Berge haben; sie theilen dieselben in 3 gleiche Theile u. rechnen auf jede einen Monat; von jenen Theilen zeigt der unterste die Zukunft, der mittle die Gegenwart u. der oberste die vergangene Zeit von 4 Wochen an. Weiße Punkte in den Nägeln bedeuten Glück u. Gesundheit; bleiche, gelbe, schwarze, rothe Punkte, Streifen, Gruben etc. Gefahr, Unglück, Krankheit. Endlich achten einige Chiromantenauch auf kleine Figuren, die außer den Räumen noch von den Linien gebildet werden, unter ihnen z.B. die Buchstaben A-H, die sich zuweilen in den Bergen finden u. als göttliche (heilige) Buchstaben mit besonderen Andeutungen unterschieden werden. – Man leitet die Kunst der Ch. von den Chaldäern ab, wo sie schon zur Zeit des Propheten Daniel geübt worden sein soll. Von ihnen soll sie zu den Ägyptiern u. durch diese zu den Zigeunern, welche sie professionsmäßig betrieben, gekommen sein. Auch die Griechen haben sie von den Ägyptiern gelernt; Aristoteles kannte schon die sogenannte Lebenslinie u. verwirft nicht, daß ihre Länge der muthmaßlichen Lebenslänge entspreche. In dem Traumbuche des Artemidoros, im 2. Jahrh., findet sich zuerst eine zusammenhängende Lehre über die Deutung der Lineamente der Hand. Später verbreitete die Ch. sich mit der Astrologie; Cardan u. Theophrastus Paracelsus förderten den Glauben an sie, u. der Letztere dehnte den Begriff der Ch. ungebührlich aus, indem er darunter verstand 2) die Kunst aus den äußeren Signaturen u. Lineamenten an Menschen, Thieren, Pflanzen, Mineralien etc. ihre innere Qualität zu erkennen, u. hielt ihre Kenntniß für jedem Arzte nöthig. Vgl. außer Artemidoros, Cocles, Chiromantia etc., Bonn 1517, Fol.; Dessen Chyromantiae anaphr., ebd. 1523, Fol. u. ö. (französisch, Par. 1560, Rouen 1598); Dessen Chiromantiae compendium, Strasb. 1534; Joh. ab Indagine, Introductiones apotelesmaticae in chirom. etc., Frankf. 1522 u. ö., deutsch: Kunst der Chyrom., Strasb. 1523, Fol.; R. Goclenius, Chirom., Frankf. 1621; Ant. Piccioli, De manus inspectione, Bergamo 1578; De la Chambre, Sur la chiromance, Par. 1653; Joh. Prätorius, Thesaurus chiromantiae, Jena 1661.–64; Phil. May, La chiromantie médical, Haag 1665; Höping, Institutiones chiromanticae, Jena 1674; Dessen Chirom. harmonica, ebd. 1677; G. B. della Porta, Della chirofisionomia, Neap. 1677; Nic. Pompeji, Praecepta chiromant., Vened. 1680; Joh. Ingenbert, Chirom., Frankf. a. M. 1698, Fol.; Chiromantie nebst Traumbuch, ebd. 1742; Peuschel, Abhandl. der Physiognomie, Metoposkopie u. Chiromantie, Lpz. 1769. — Pierer's Universal-Lexikon, Altenburg: H. A. Pierer, 1858. Band IV. pp. 47-48.