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Desiderius Erasmus Roterodamus: Colloquia, Gespräche

 

Desiderius Erasmus: Colloquia Gespräche, 1561

 

Desiderius Erasmus: Colloquia Gespräche, 1561

 

Desiderius Erasmus: Colloquia Gespräche, 1561

 

Antronius: Librorum familiaritas parit insaniam

Desiderius Erasmus Roterodamus:

COLLOQVIA. | Gespräche deß | Hochgelerten vnd weyt-|berümpten Erasmi von Ro-|terodam/ erstlich in Latein beschri|ben/ nachmals dem gemeinê Mann/ so deß | Lateins vnerfaren/ zů gůt verteütscht | durch Justum Alberti von Volckmarsen/ Lieblich | zů läsen/ auch nützlich zů wissen. Vnd | yetzt mit sonderm fleyß über-|sehen vnnd ge-|bessert. || Zů Franckfurt am Mayn, | M. D. LXI.
Kolophon: Gedruckt zu Franckfurt am | Mayn/ durch Weygand | Han vnnd Georg | Raben.

Frankfurt: Weygand Han & Georg Rab, 1561.

Octavo. 150 x 96 mm. 181, [1] Blätter. - Lagenkollation: A-Z8 (-foll. Z7&8, beide weiß). Titel in rot und schwarz gedruckt.

Handgefertigter blindgeprägter Schweinsledereinband der Zeit auf drei Doppelbünden und dünnen Holzdeckeln, auf den Deckeln eine Puttenrolle mit vier Putten, davon zwei mit Säule bzw. Füllhorn, in dessen oberer Öffnung sich ein kursives, unverziertes ‚H‘ befindet, 157 x 12 mm, Haebler I,159,5 (= II,48,2). Diese Rolle verweist den Einband möglicherweise nach Nürnberg. Handgestochene blau/weiße Kapitale.

Übersetzungen der „Colloquia“ ins Deutsche wurden relativ spät angefertigt - eine englische schon 1536: erst 1545 gab Justus Albert von Volckmarsen, ein Pfarrer von Gladenbach in Schwaben die erste deutsche Übertragung von 15 Dialogen heraus; sie ist Valentin Bruel, dem Kanzler und Rat des Landgrafen von Hessen gewidmet.
¶ Vorreden führen in den Sinn des jeweils folgenden Gespräches ein, kleiner gedruckte Absätze erläutern die Personen, Randbemerkungen helfen dem Verständnis des Lesers und interpretieren den Text. Auch weist der Übersetzer auf redende Namen hin und erläutert sie, soweit sie aus dem Griechischen rühren: z. B. wird Eulalia als die „Wohlredende“ vorgestellt; Sophronius als jemand, der enthaltsam lebt.
¶ In seiner Vorrede gibt Volckmarsen Auskunft über die Intentionen: so sieht er in den Erasmischen Gesprächen nicht allein ein Hilfsmittel, die lateinische Sprache zu beherrschen, sondern ihren Vorzug darin, einen Weg zur wahren Tugend und zum christlichen Glauben zu öffnen, und schlechte Vorbilder aufzuzeigen: „Vnd nicht allein das, sonden auch von allerley irrthumb, verfürungen, aberglauben vn(d) mißbreuchê, damit die Welt etliche hundert jar her, (...) verfürt ist worden.“ – Provenienz: Besitzeinträge auf dem vorderen fliegenden Vorsatz: „Coll: Soc. Jesv Herbipoli. 1634“ und: „Joh: Leonh: Beilzius (?)“.

Einband leicht fleckig, minimal berieben, eine Ecke etwas bestoßen, fliegende Vorsatzblätter und die letzten beiden weißen Blätter v. a. H. entfernt. Innen wenige Blätter marginal etwas fleckig, sonst meist recht frisch; insgesamt schönes Exemplar des seltenen Werkes.

Contemporary blindstamped pigskin over thin wooden boards, three raised bands. Few marginal stains, a fine copy in its first binding.
¶ “An equally lively picture of the author and his time comes from the even more popular ‘Colloquia’, or ‘Conversations’. Originally written in his early days at Paris as dialogues illustrating the art of polite conversation, they were afterwards expanded into conversation pieces in which all the topics of the day are discussed with a freedom which ensured their popularity. Later in the century and up to the eighteenth century they were a set book in schools, and there are lines in Shakespeare which directly recall Erasmus‘ words” — PMM, Latin edition, Froben, 1524.

VD16 E2432 (gleiche Kollation, ebenfalls ohne die beiden weißen Blätter am Schluß) - Vander Haeghen I,38 - Catalogue Rotterdam 61 - Goedeke II,264 - cf. PMM 53 - nicht bei Bezzel, BM STC, Adams, Knaake, Hohenemser, Jackson & Kuczynski – Bibliographien.

 

Zum Drucker: Georg Rab aus Scheibenberg in der Grafschaft Meißen ließ sich 1557 in Pforzheim als Drucker nieder. Ende 1560 siedelte er nach Frankfurt am Main um, wo er am 9. April 1561 Weygand Hans Haus und Druckerei erwarb und mit diesem einen Gesellschaftervertrag schloß, durch den er Drucker des Verlages wurde. Nach Hans Tod im Herbst 1562 ging das Vertragsverhältnis auf dessen Erben über und wurde später mit Sigmund Feyerabend zur sogenannten „Cumpanei“ erweitert, die bis 1571 mehr als 60 Drucke herausbrachte. 1580 ging die Offizin nach Georg Rabs Tod im September auf seinen Sohn Christoph, genannt ‚Corvinus‘, über. Cf. Fritz Kastner: „Getruckt zu Pfortzheym bey Georg Raben“. Erinnerung an einen vergessenen Frühdrucker. In: Gutenberg-Jahrbuch 69, 1994, pp. 149-157.
 

Einen guten Überblick zum Werk Erasmi gibt diese Ausgabe:
Desiderius Erasmus: Ausgewählte Schriften. Ausgabe in acht Bänden. Lateinisch und deutsch. Herausgegeben von Werner Welzig.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1967-80.
Olivgrüne Original-Leinwandbände mit goldgeprägten Rückentiteln.
Lateinisch-deutsche Parallelausgabe: I: Epistola ad Paulum Volzium / Brief an Paul Volz. Enchiridion militis christiani / Handbüchlein eines christlichen Streiters. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Werner Welzig.
II: Μωρίας ἐγκώμιον sive laus stultitiae. Deutsche Übersetzung von Alfred Hartmann. Carmina selecta / Auswahl aus den Gedichten. Deutsche Übersetzung von Wendelin Schmidt-Dengler.
III: In Novum Testamentum praefationes / Vorreden zum Neuen Testament. Ratio / Theologische Methodenlehre. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Gerhard B. Winkler.
IV: De libero arbitrio diatribê sive collatio / Gespräch oder Unterredung über den freien Willen. Hyperaspistes diatribae adversus servum arbitrium Martini Lutheri. Liber primus. / Erstes Buch der Unterredung Hyperaspistes gegen den Unfreien Willen Martin Luthers. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Winfried Lesowsky.
V: Dialogus, Ivlivs exclvsvs e coelis / Julius vor der verschlossenen Himmelstür, ein Dialog. Institutio principis christiani / Die Erziehung des christlichen Fürsten. Querela Pacis / Die Klag des Friedens. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Gertraud Christian.
VI: Colloquia familiaria / Vertraute Gespräche. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Werner Welzig.
VII: Dialogus cui titulus Ciceronianus sive des optimo dicendi genere / Der Ciceronianer oder der beste Stil, ein Dialog. Adagiorum Chiliades (Adagia selecta) / Mehrere Tausend Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten (Auswahl). Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Theresia Payr.
VIII: De conscribendis epistolis / Anleitung zum Briefeschreiben (Auswahl). Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Kurt Smolak.
 

Das Zitat oben stammt aus Abbatis et eruditae, Der Abt und die gebildete Frau. Die Variationsbreite der Übersetzungen ist aufschlußreich:
„An. Vil lesen vnnd studieren macht taub vnd vnsinnig.“ (Übers.: Volckmarsen, fol. 147r.)
„Antr. Der Verkehr mit den Büchern fördert Unsinnigkeit zutage.“ (Übers.: Hans Trog. Jena: Diederichs, 1907, p. 13)
„Antronius. Der Verkehr mit den Büchern macht stumpfsinnig.“ (Übers.: Hans Trog. Benno Schwabe u. Co., 1936)
„Antronius: Bookishness drives people mad.“
„Antronius: Der Verkehr mit Büchern führt zum Wahnsinn!“
„Antronius: Der innige Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand.“ (Übers.: Kurt Steinmann)
Fortsetzung: „Magdalia: An colloquia combibonum, scurrarum et sannionum tibi non pariunt insaniam?
Antronius: Imo depellunt taedium.“