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Franz Hermann Czech: Versinnlichte Denk- und Sprachlehre

Versinnlichte Denk und Sprachlehre

Franz Hermann Czech: Versinnlichte Denk- und Sprachlehre

Taubstummenunterricht

Franz Hermann Czech:

Versinnlichte Denk- und Sprachlehre, mit Anwendung auf die Religions- und Sittenlehre und auf das Leben. Mit 64 [recte 72] Kupfertafeln.
 
Beigebunden / bound with: Nothwendigkeit der allgemein einzuführenden Elementar-Bildung der Taubstummen, aus den Verhältnissen derselben zum Staate und zur Kirche begleitet und dargestellt. Als Schlußwort des Werkes: Versinnlichte Denk- und Sprachlehre, mit Anwendung auf die Religions- und Sittenlehre und auf das Leben.

Wien: „Gedruckt und in Commission der Mechitaristen-Congregations-Buchhandlung, 1836. – „Noth­wendig­keit“: ibidem, 1837.

Quarto. 267 × 207 mm. xvii (statt xxi, ohne die Widmung) Ss., gefaltete Tafel, verso weiß, Ss. [25]-441, [3] Ss. (Index) – „Nothwendigkeit“: 33, [3] Ss. (wiederholter Index). Mit einem Frontispiz, 72 Kupfertafeln und mehr als 120 Illustrationen im Text.

Pappband der Zeit, bezogen mit Marmorpapier, goldgeprägtes Rückenschild.

Erste Ausgabe, erster Druck. Das erste Werk in der Geschichte des Taubstummenunterrichts, das internationale Aufmerksamkeit erregte. Czech (1788-1847) war Professor im k.k. Wiener-Taubstummen-Institut, zuvor Präfekt und Professor der Philosophie an der k.k. Theresianischen Ritter-Akademie zu Wien; er erhielt zahlreiche Ehrungen. Czech trat 1818 als Katechist in das Taubstummeninstitut ein und blieb dort bis 1842. Das Frontispiz zeigt ihn im Kreise von engelgleich ausschauenden, taubstummen Kindern.
 Das vorliegende Werk war als Anleitung für die Taubstummenlehrer gedacht und wendet sich im Vorwort an „Sämmliche Regierungen civilisirter Staaten“. Zum ersten Male werden die Anforderungen der Taubstummen verbalisiert und festgestellt, daß es moralisch wie rechtlich undenkbar sei, den Unterricht der Taubstummen nicht zu fördern. Czech ging davon aus, daß die Entwicklung der Denkfähigkeit der Taubstummen nicht durch artikulierte Laute oder Schrift bzw. kunstvolle Zeichen oder Gesten bedingt sei, sondern er betrachtete Denken als geistige Aktivität, die jeder Person eingeboren sei, gleich ob taubstumm oder nicht, und die nichts zu ihrer Ausbildung erfordere als den Einfluß äußerer Gegenstände. Artikulierte Sprache vereinfacht demzufolge die Ausbildung des Denkens, ist dazu aber nicht notwendig.
 Czechs Werk führt sein Unterrichtssystem en détail aus, und die 72 gestochenen Tafeln sind mehr als eine bloß illustrierende Beigabe, sondern integraler Bestandteil seines Bildungskonzeptes. Diese Tafeln bilden Personen und Szenen ab, um die Zeichen darzustellen, die Begriffe übermitteln, sowie die Situationen, die die Vorstellungen hinter diesen Zeichen und Begriffen darlegen sollen. Es handelt sich also um eine Grammatik des Ausdrückens, dargelegt in bildlichen Erklärungen. Andere der Kupfer versuchen, grammatische Strukturen wie Artikel, Substantive, Fälle, Aktiv und Passiv darzulegen, oder Absichten und Zwecke (Tafel 38), Ursache und Wirkung (39), Mißbrauch des freien Willens und dessen Folgen auf den Nebenmenschen (49) u.s.f.
 Die Tafeln 54-72 sind eine bildliche Enzyklopädie und umfassen Naturgeschichte, Berufskunde, Botanik (Giftpflanzen, Schwämme / Pilze, Forstbäume, Fruchtgewächse), Gesellschaft und Stände, Geographie u.s.w.; die letzte ist eine Darstellung der Taubstummeninstitute auf der ganzen Welt.

Guyot & Guyot p. 18 – Bibliographien. Cf. Walter Schott: Das k.k. Taubstummen-Institut in Wien, 1779-1918. Wien, 1995.

 

Taubstumm

Der Eintrag im Grimmschen Wörterbuch ist halbstummkurz:
„TAUBSTUMM, adj. taub und stumm (sie ist taub und stumm Lichtwer 4, 20, md. der stumme toube passional 143, 69), substantivisch: sie mühen sich ab, taubstummen zeichen des verständnisses beizubringen. Auerbach ges. schriften 15, 112; zusammensetzungen: taubstummheit, surdomutitas Göttinger gel. anz. 1845 s. 1544. hannov. magazin 1846 s. 781; taubstummenanstalt, -bildung, -schule, -unterricht.“

Das Wort scheint die deutsche Sprache erst spät bereichert zu haben, das dazugehörige Substantiv ist dem Grimmschen Wörterbuch nur eine Anmerkung wert, beide traten wohl Ende des 18. Jahrhunderts hinzu, zuvor wurden die Begriffe taub und stumm voneinander getrennt benutzt. Gleiches gilt für andere europäische Sprachen, französisch sourd-muet, englisch deaf-mute, spanisch sordomudo. Nun, im Zeitalter eifrig tippender Smartphone-Benutzer, wird die Vielschichtigkeit gegenseitiger Verständigung jedem offensichtlich: Sprache, egal welche, dient dazu, Gedankeninhalte zu vermitteln.

 

Pierre-Louis Moreau de Maupertuis

Je suppose qu’avec les mêmes facultés que j’ay d’appercevoir & de raisonner, je’usse perdu le souvenir de toutes les perceptions que j’ai eües jusqu’icy, & de tous les raisonnements que j’ai faits: qu’après un sommeil, qui m’auroit fait tout oublier, je me trouvasse subitement frappé de perceptions telles que le hasard me les presenteroit; que ma prémière perception fût, per Ex. celle que j’eprouve aujourd’huy, lorsque je dis, je vois un Arbre; qu’ensuite j’eusse la même perception que j’ay aujourd’huy lorsque je dis, je vois un Cheval. Des que je recevrois ces perceptions, je verrois aussitôt que l’une n’est pas l’autre, je chercherois à les distinguer, & comme je n’aurois point de Langue formé, je les distinguerois par quelques marques & pourrois me contenter de ces expressions A & B, pour les mêmes choses que j’entens aujourd’huy, lorsque je dis, je vois un Arbre, je vois un Cheval.

Recevant ensuite de nouvelles perceptions je pourrois toutes les designer de la sorte; & lorsque je dirois par exemple R, j’entendrois la mesme chose que j’entens aujourd’huy, lors que je dis, je vois la Mer.
— Pierre-Louis Moreau de Maupertuis: Réflexions philosophiques sur l’origine des langues et la signification des mots.

 

Johann Gottfried Herder

Einer der Verteidiger des göttlichen Ursprunges der Sprache findet darin göttliche Ordnung zu bewundern, daß sich die Laute aller uns bekannten Sprachen auf etliche zwanzig Buchstaben bringen lassen. Allein das Faktum ist falsch und der Schluß noch unrichtiger. Keine einzige lebendigtönende Sprache läßt sich vollständig in Buchstaben bringen, und noch weniger in zwanzig Buchstaben: dies zeugen alle Sprachen sämtlich und sonders. Die Artikulationen unsrer Sprachwerkzeuge sind so viel, ein jeder Laut wird auf so mannigfaltige Weise ausgesprochen, daß z. E. Herr Lambert im zweiten Teil seines »Organon« mit Recht hat zeigen können, wie weit weniger wir Buchstaben als Laute haben und wie unbestimmt also diese von jenen ausgedrückt werden können. Und das ist doch nur aus der deutschen Sprache gezeiget, die die Vieltönigkeit und den Unterschied ihrer Dialekte noch nicht einmal in eine Schriftsprache aufgenommen hat: viel weniger, wo die ganze Sprache nichts als solch ein lebendiger Dialekt ist? Woher rühren alle Eigenheiten und Sonderbarkeiten der Orthographie als wegen der Unbehülflichkeit zu schreiben, wie man spricht? welche lebendige Sprache läßt sich ihren Tönen nach aus Bücherbuchstaben lernen? und welche tote Sprache daher aufwecken? Je lebendiger nun eine Sprache ist, je weniger man daran gedacht hat, sie in Buchstaben zu fassen, je ursprünglicher sie zum vollen, unausgesonderten Laute der Natur hinaufsteigt, desto minder ist sie auch schreibbar, desto minder mit zwanzig Buchstaben schreibbar; ja oft für Fremdlinge ganz unaussprechlich. Der P. Rasles, der sich zehn Jahr unter den Abenakiern in Nordamerika aufgehalten, klagt hierüber so sehr, daß er mit aller Aufmerksamkeit doch oft nur die Hälfte des Worts wiederholet und sich lächerlich gemacht – wie weit lächerlicher hätte er solchen Ausdruck mit seinen französischen Buchstaben beziffert? Der P. Chaumont, der 50 Jahr unter den Huronen zugebracht und sich an eine Grammatik ihrer Sprache gewagt, klagt demohngeachtet über ihre Kehlbuchstaben und ihre unaussprechlichen Akzente: »oft hätten zwei Wörter, die ganz aus einerlei Buchstaben bestünden, die verschiedensten Bedeutungen«. Garcilaso di Vega beklagt sich über die Spanier, wie sehr sie die peruanische Sprache im Laute der Wörter verstellet, verstümmelt, verfälscht und aus bloßen Verfälschungen den Peruanern das schlimmste Zeug angedichtet. De la Condamine sagt von einer kleinen Nation am Amazonenfluß: »ein Teil von ihren Wörtern könnte nicht, auch nicht einmal sehr unvollständig geschrieben werden. Man müßte wenigstens neun oder zehn Silben dazu gebrauchen, wo sie in der Aussprache kaum drei auszusprechen scheinen.« La Loubère von der siamschen Sprache: »unter zehn Wörtern, die der Europäer ausspricht, versteht ein geborner Siamer vielleicht kein einziges: man mag sich Mühe geben, soviel man will, ihre Sprache mit unsern Buchstaben auszudrücken«. Und was brauchen wir Völker aus so entlegnen Enden der Erde? Unser kleine Rest von Wilden in Europa, Estländer und Lappen usw. haben oft ebenso halbartikulierte und unschreibbare Schälle als Huronen und Peruaner. Russen und Polen, so lange ihre Sprachen geschrieben und schriftgebildet sind, aspirieren noch immer so, daß der wahre Ton ihrer Organisation nicht durch Buchstaben gemalt werden kann. Der Engländer, wie quälet er sich, seine Töne zu schreiben, und wie wenig ist der noch, der geschriebnes Englisch versteht, ein sprechender Engländer? Der Franzose, der weniger aus der Kehle hinaufholet, und der Halbgrieche, der Italiener, der gleichsam in einer höhern Gegend des Mundes, in einem feinem Äther spricht, behält immer noch lebendigen Ton. Seine Laute müssen innerhalb der Organe bleiben, wo sie gebildet worden: als gemalte Buchstaben sind sie, so bequem und einartig sie der lange Schriftgebrauch gemacht habe, immer nur Schatten!
— Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache.