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Cicero: De natura deorum, De divinatione, De fato

 

Marcus Tullius Cicero: De natura deorum, De diuinatione, De fato, 1560

 

Marcus Tullius Cicero:

M. CICERONIS | DE PHILOSOPHIA | VOLVMEN SECVNDVM. || De natura deorum, De diuinatione, De fato, | De legibus, De uniuersitate, Arati uersus in | latinum conuersi, Q. Ciceronis de petitione | consulatus. || Cum scholiis Pauli Manutii. || Index rerum, & uerborum. || Signet || VENETIIS, M. D. LX.

Venedig: Paulus Manutius, 1560.

Octavo. 151 x 100 mm. [3] Bll.; Bll. 4-258, [25] Bll.; [9] Bll. (Index) = A-Z8, AA-II8, Kk-Mm8, Mm(bis!)8, Nn4.

Flexibles Pergament der Zeit auf zwei Lederbünden, naturfarbene handgestochene Kapitale, Bindebänder entfernt, handgeschriebener Rückentitel.

Das Vorwort von Paulus Manutius ist an den Gelehrten und Kardinal Marcello Cervini gerichtet, dessen Wahl zum Papst (Pontifikat: 9.4. bis 1.5.1555) den Sieg des Reformgedankens innerhalb der Kurie widerspiegelte.

Einband fleckig, die Schließbänder entfernt, Rücken an Kopf und Schwanz mit Fehlstellen im Bezug. Innen teils etwas, einige Blätter stärker gebräunt bzw. fleckig, Titel und die ersten Blätter mit kleinem Wurmloch.

Renouard 180,5 - Ebert 4472 - Adams C 1764 - BM STC ital 176 – Bibliographien.
Die Abbildung stammt aus meinem Katalog Nr. 7 und gibt nicht den originalen Zustand wieder!

 

De natura deorum, liber I,2-5: Velut in hac quaestione plerique, quod maxime veri simile est et quo omnes +sese duce natura venimus, deos esse dixerunt, dubitare se Protagoras, nullos esse omnino Diagoras Melius et Theodorus Cyrenaicus putaverunt. Qui vero deos esse dixerunt, tanta sunt in varietate et dissensione, ut eorum infinitum sit enumerare sententias. Nam et de figuris deorum et de locis atque sedibus et de actione vitae multa dicuntur, deque is summa philosophorum dissensione certatur; quod vero maxime rem causamque continet, utrum nihil agant, nihil moliantur, omni curatione et administratione rerum vacent, an contra ab iis et a principio omnia facta et constituta sint et ad infinitum tempus regantur atque moveantur, in primis [quae] magna dissensio est, eaque nisi diiudicatur, in summo errore necesse est homines atque in maximarum rerum ignoratione versari. [3] Sunt enim philosophi et fuerunt, qui omnino nullam habere censerent rerum humanarum procurationem deos. Quorum si vera sententia est, quae potest esse pietas, quae sanctitas, quae religio? Haec enim omnia pure atque caste tribuenda deorum numini ita sunt, si animadvertuntur ab is et si est aliquid a deis inmortalibus hominum generi tributum; sin autem dei neque possunt nos iuvare nec volunt nec omnino curant nec, quid agamus, animadvertunt nec est, quod ab is ad hominum vitam permanare possit, quid est, quod ullos deis inmortalibus cultus, honores, preces adhibeamus? In specie autem fictae simulationis sicut reliquae virtutes item pietas inesse non potest; cum qua simul sanctitatem et religionem tolli necesse est, quibus sublatis perturbatio vitae sequitur et magna confusio; [4] atque haut scio, an pietate adversus deos sublata fides etiam et societas generis humani et una excellentissuma virtus iustitia tollatur. Sunt autem alii philosophi, et hi quidem magni atque nobiles, qui deorum mente atque ratione omnem mundum administrari et regi censeant, neque vero id solum, sed etiam ab isdem hominum vitae consuli et provideri; nam et fruges et reliqua, quae terra pariat, et tempestates ac temporum varietates caelique mutationes, quibus omnia, quae terra gignat, maturata pubescant, a dis inmortalibus tribui generi humano putant, multaque, quae dicentur, in his libris colligunt, quae talia sunt, ut ea ipsa dei inmortales ad usum hominum fabricati paene videantur. Contra quos Carneades ita multa disseruit, ut excitaret homines non socordes ad veri investigandi cupiditatem. [5] Res enim nulla est, de qua tantopere non solum indocti, sed etiam docti dissentiant; quorum opiniones cum tam variae sint tamque inter se dissidentes, alterum fieri profecto potest, ut earum nulla, alterum certe non potest, ut plus una vera sit. Qua quidem in causa et benivolos obiurgatores placare et invidos vituperatores confutare possumus, ut alteros reprehendisse paeniteat, alteri didicisse se gaudeant; nam qui admonent amice, docendi sunt, qui inimice insectantur, repellendi.

Bei unserem Thema bejahten die meisten die Existenz von Göttern, was ja auch das Wahrscheinlichste ist und wohin wir durch Führung des natürlichen Empfindens kommen. Πρωταγόρας ὁ Ἀβδηρίτης, Protagoras von Abdera [um 490 - um 411, Sophist, „πάντων χρημάτων μέτρον ἐστὶν ἄνθρωπος, τῶν μὲν ὄντων ὡς ἔστιν, τῶν δὲ οὐκ ὄντων ὡς οὐκ ἔστιν“, „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.“] sagte, er zweifle daran, Διαγόρας ὁ Μήλιος, Diagoras von Melos [um 475 - nach 410, cf. De natura deorum, III,89, s. u.] und Θεόδωρος ὁ ἄθεος, Theodoros von Kyrene [um 340 – um 250, Kyrenaiker, Gründer der Θεοδώρειοι, Theodoreioi, Verfasser des Werkes Περὶ Θεῶν, Über die Götter, cf. Diogenes Laërtius, II,97-103] meinten, es gebe überhaupt keine Götter. Diejenigen aber, welche auf der Existenz von Göttern bestehen, vertreten so verschiedenartige und widersprüchliche Ansichten, daß deren Meinungen aufzuzählen mühselig wäre. Denn über die Gestalt der Götter, ihren Aufenthaltsort und Wohnsitz und über ihre Lebensart wird viel behauptet, und darüber herrscht erbitterter Meinungsstreit; was jedoch das Kernproblem betrifft, nämlich ob sie nichts tun, nichts bewirken und frei von jeder Leitung und Verwaltung der Dinge sind, oder ob im Gegenteil alles von Anfang an von ihnen geschaffen und eingerichtet und in alle Ewigkeit gelenkt und bewegt wird, darüber ist man zutiefst uneins, und wenn diese Frage nicht entschieden wird, befinden sich die Menschen notwendigerweise im Zustand völliger Ungewißheit und in Unkenntnis dessen, was wesentlich ist. [3] Es gibt und gab nämlich Philosophen, die meinten, die Götter kümmerten sich überhaupt nicht um die menschlichen Geschicke. Wenn aber deren Ansicht zutrifft, wie können dann noch Frömmigkeit, Ehrfurcht und Religiosität bestehen? All das nämlich kann man der Macht der Götter nur dann lauter und rein darbringen, wenn sie es zur Kenntnis nehmen und die Menschen den unsterblichen Göttern etwas zu verdanken haben. Falls uns die Götter jedoch weder helfen können noch wollen, falls sie sich überhaupt nicht um uns kümmern, unser Tun und Treiben nicht beachten, und es nichts gibt, was von ihnen auf das Leben der Menschen einwirken kann, welchen Sinn hat es, daß wir den unsterblichen Göttern irgendwelche Kulte, Riten und Gebete darbringen? Im Trugbild des Scheins aber kann Frömmigkeit ebensowenig wie die übrigen Tugenden bestehen; mit ihr zusammen fallen notwendigerweise Ehrfurcht und Religiosität, und deren Verlust hat eine große Beunruhigung und Verwirrung des Lebens zur Folge. [4] Ich weiß nicht, ob nach dem Verlust der Bindung an die Götter auch Vertragstreue und Gemeinschaftsgefühl der Menschen und die alles überragende Tugend, die Gerechtigkeit aufgehoben werden. Es gibt aber andere Philosophen, und zwar bedeutende und namhafte, welche der Meinung sind, daß die ganze Weit durch göttlichen Geist und Ahnung gelenkt und regiert wird, und nicht nur das, sondern diese Götter sorgten und kümmerten sich auch um das Leben der Menschen; sie meinen, daß die Früchte des Feldes und alles, was die Erde hervorbringt, das Wetter, der Wechsel der Jahreszeiten und die Veränderungen am Himmel, wodurch alles, was der Erde entsprießt, wächst und reift, den Menschen von den Göttern zugeteilt werde; und sie stellen viele Belege zusammen, was in diesen Büchern noch erwähnt wird, so daß fast der Eindruck entsteht, die unsterblichen Götter hätten diese Gaben zum Nutzen der Menschen geschaffen. Gegen diese brachte Karneades so zahlreiche Einwände vor, daß er in den Menschen, sofern sie nicht träge waren, den Wunsch hervorrief, leidenschaftlich nach der Wahrheit zu forschen. [5] Es gibt nämlich kein Thema, bei dem nicht nur die Laien, sondern auch die Fachleute so gegensätzlicher Meinung sind. Da ihre Ansichten so vielfältig und einander so widersprüchlich sind, kann es sich tatsächlich zum einen herausstellen, daß keine davon die richtige ist, andererseits ist es gewiß unmöglich, daß mehr als eine wahr ist. Bei dieser Streitfrage nun bin ich in der Lage, wohlwollende Gegner zu beschwichtigen und neidische Kritiker zu widerlegen, so daß die einen ihre Vorwürfe bereuen und die anderen sich über ihre neuen Erkenntnisse freuen werden; denn freundliche Ermahner muß man aufklären, mißgünstige Angreifer zurückweisen.
 

De natura deorum, liber III,89: „At nonnumquam bonos exitus habent boni.“ Eos quidem arripimus adtribuimusque sine ulla ratione dis inmortalibus. At Diagoras cum Samothracam venisset, Atheus ille qui dicitur, atque ei quidam amicus: „Tu, qui deos putas humana neglegere, nonne animadvertis ex tot tabulis pictis, quam multi votis vim tempestatis effugerint in portumque salvi pervenerint?“, „Ita fit“, inquit, „illi enim nusquam picti sunt, qui naufragia fecerunt in marique perierunt.“

„Doch die Tugendhaften haben zumindest bisweilen Glück.“ Solches greifen wir auf und schreiben es grundlos dem Walten unsterblicher Götter zu. Als jedoch einmal jener Diagoras, den man den Atheisten nennt, nach Samothrake gelangte, fragte ihn ein Freund: „Du, der meinst, daß Götter menschliche Angelegenheiten vernachlässigen, erblickst Du nicht durch die vielen Votivtafeln, wie viele dank einem Gelübde einem Sturm entrannen und heil den Hafen erreichten?“ „Gewiß“, entgegnete jener, „es gibt eben keine Tafeln derer, welche Schiffbruch erlitten und im Meer ertranken.“