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Thomas de Cantimpré: Liber de natura rerum

„Corpi naturali chimericamente accoppiati“

Thomas Cantimpratensis:

Liber de natura rerum, Einzelblatt.

Spätes 14. Jh.

Blattgröße ca. 178 × 131 mm, Schriftbild 149 × 111 mm. Pergament, lateinischer Text in gotischer Buchschrift, zweispaltig zu 32 Zeilen, beidseitig in schwarzbrauner Tinte beschrieben, rot rubriziert, Incipit rot, rote Seitentitel, eine mehrfarbige, sechs Zeilen hohe Initiale mit Tiergroteske.

„Incipit p(ro)log(us) i(n) libro | de natura rerum“. Spaltentitel verso „De anat(homia) homina“. Thomas von Cantimpré (ca. 1201-1270/72), Augustinerchorherr und später Dominikaner, studierte bei Albertus Magnus in Köln und war dann in Paris tätig; die Naturenzyklopädie „De natura rerum“ vollendete er um 1241 nach 14-15jähriger Materialsammlung, Autoritäten sind ihm u. a. Aristoteles, Plinius, Solinus und Ambrosius. Das Werk ist in mehr als 100 Handschriften erhalten, von denen die meisten jedoch unvollständig sind oder einen bearbeiteten Text repräsentieren. Dies und sein anderes Werk „Bonum unversale“ sollten dem Prediger als Hilfsmittel dienen, durch belehrende wie unterhaltende Stoffe aus der Natur in den Zuhörern den Glauben zu stärken.

Im Vorderrand gebräunt, etwas wellig.

 

Nur der Groteske wegen von einem Psychiater erworben;
ich nehme an, mein Kunde pflegte beim Kauf ähnliche Vorlieben.

 

„Incipit prologus in libro | de natura rerum | Naturas rerum in diversis auctorum | scriptis late per or|bem sparsas in|veniens cum labore nim|io et sollicitudine non parva | [...] annis ferme quindecim op|eram dedi, ut inspectis diver|sorum philosophorum et auctorum | scriptis ea, que de naturis | creaturarum et earum proprietati|bus memorabilia et congrua | moribus invenirem, in uno | volumine et hoc in parvo b|revissime compilarem. Hic | igitur primo consideranda est an“
athomia humani corporis, passiones et cura earum. Postea vero tractatus brevis et utilis de anima, cuius virtutem doctor incomparabilis Augustinus in libro De anima et spiritu plenius lucidiusque distinxit. Deinde cause et species monstruosorum hominum.Ac deinde de natura pecudum, volucrum ac beluarum marinarum, piscium quoque atque serpentium, vermium, arborum, herbarum, fluminum, lapidum, metallorum et humorum aeris; de septem etiam planetis et passionibus aeris, de cursu solis et lune et corum defectibus; et ultimo de quatuor elementis. Proprietates ergo rerum per editiones varias aperte distinguens auctores dictorum singulis proprietatibus applicavi. Proinde isti sunt qui sequens opusculum eleganter illuminant: Primus omnium Aristotiles est, qui non solum in hiis, verum etiam in omnibus ad philosophicam disciplinam pertinentibus eminentior cunctis effloruit. Secundus est Plinius, qui et ipse antiquitate et auctoritate venerabilis inter harum rerum auctores copiosus magis enituit. Tertium autem Solinum ponimus, qui et ipse eloquentia valde mirabilis in libro, quem de mirabilibus mundi edidit, plurima de rerum naturis diligens perscrutator inseruit. Quartus beatus Ambrosius Mediolanensis presul est, qui de naturis bestiarum et volucrum in libro qui Exameron dicitur multa distinguit. Qui utique per omnia secutus est et modo scribendi et ordine magnum Basilium in libro, quem etiam Exameron Greco eloquio edidit. Cuius etiam sententias quasdam nostro operi oportunis locis dignissimum duximus inserendas, quas utique beatus Ambrosius brevitatis causa minime comprehendit. Quintus Ysidorus episcopus est, qui in libro Ethymologiarum diffusus valde et utilis est. Sexto loco magistrum Iacobum de Vitriaco quondam Aconensem episcopum, nunc vero Tusculanum presulem et Romane curie cardinalem,licet meritis potiorem, quasi etate ultimum ponimus, qui de naturis rerum et historiis, que in transmarinis partibus modernis temporibus evenerunt, eleganti sermone conscripsit et hunc librum voluit Orientalem historiam appellari.

 

Arabesken, Grotesken, Monstren und Χίμαιρες

Obiges Zitat stammt aus: Emanuele Tesauro: Il cannocchiale aristotelico. Venedig: Paolo Baglioni, 1663. p. 26.
Die dritte Abbildung zeigt Monstren aus
Johannes Herold: Heydenweldt Vnd irer Götter anfängcklicher vrsprung. Basel: H. Petri, 1554. p. 137.
Die vierte Frontispiz und Titel von
Mary Shelley: Frankenstein. London: Colburn and Bentley, 1831.

Arabesken

„Die eigentliche sichtbare Musik sind die Arabesken, Muster, Ornamente etc.“ — Novalis: Werke. Fragmente und Studien 1799-1800. München: C. H.Beck, 2001. p. 532.

„Aber eben darum hat es in meinen Augen keine geringen Ansprüche; denn ich halte die Arabeske für eine ganz bestimmte und wesentliche Form oder Äußerungsart der Poesie. (...)

Eine solche Theorie des Romans würde selbst ein Roman sein müssen, der jeden ewigen Ton der Fantasie fantastisch wiedergäbe, und das Chaos der Ritterwelt noch einmal verwirrte. Da würden die alten Wesen in neuen Gestalten leben; da würde der heilige Schatten des Dante sich aus seiner Unterwelt erheben, Laura himmlisch vor uns wandeln, und Shakespeare mit Cervantes trauliche Gespräche wechseln; – und da würde Sancho von neuem mit dem Don Quixote scherzen.

Das wären wahre Arabesken und diese nebst Bekenntnissen, seien, behauptete ich im Eingang meines Briefs, die einzigen romantischen Naturprodukte unsers Zeitalters.“ — Friedrich Schlegel: Gespräch über die Poesie. Brief über den Roman. In: Athenaeum, III. Berlin, 1800. pp. 116, 125-126.

Grotesken

„Grotesqve ist eine Freyheit derer Mahler oder Bildhauer, etwas wiedersinniges und lächerliches, oder ungeschickte Bildungen von Thieren, Vögeln, halben Menschen, Waffen, Laubwerck und dergleichen künstlich durch einander geflochten vorzustellen. Der Name Grotesqve rühret daher, weil die Invention dazu von dergleichen Figuren, die man in denen unterirdischen Grotten in Italien gefunden, genommen worden.“ — Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste. Halle und Leipzig: Zedler, 1735, XI, col. 1083.

Monstren

“How can I describe my emotions at this catastrophe, or how delineate the wretch whom with such infinite pains and care I had endeavoured to form? His limbs were in proportion, and I had selected his features as beautiful. Beautiful! Great God! His yellow skin scarcely covered the work of muscles and arteries beneath; his hair was of a lustrous black, and flowing; his teeth of a pearly whiteness; but these luxuriances only formed a more horrid contrast with his watery eyes, that seemed almost of the same colour as the dun-white sockets in which they were set, his shrivelled complexion and straight black lips.” — Mary Wollstonecraft Shelley: Frankenstein or The Modern Prometheus. London, 1818. Chapter 5.

Χίμαιρες

Πρῶτον μέν ῥα Χίμαιραν ἀμαιμακέτην ἐκέλευσε
πεφνέμεν· ἣ δ’ ἄρ’ ἔην θεῖον γένος οὐδ’ ἀνθρώπων,
πρόσθε λέων, ὄπιθεν δὲ δράκων, μέσση δὲ χίμαιρα,
δεινὸν ἀποπνείουσα πυρὸς μένος αἰθομένοιο,
καὶ τὴν μὲν κατέπεφνε θεῶν τεράεσσι πιθήσας.
  Ὅμηρος · Ἰλιάς. Ζ
, 179-183.

Hieß er jenen zuerst die ungeheure Chimära
Töten, die göttlicher Art, nicht menschlicher, dort emporwuchs:
Vorn ein Löw, und hinten ein Drach, und Geiß in der Mitte,
Schrecklich umher aushauchend die Macht des lodernden Feuers.
Doch er tötete sie, der Unsterblichen Zeichen vertrauend.
  Übersetzt von Johann Heinrich Voß.

„Chimära, Chimäre. Ein phantastisch gedachtes und abgebildetes Ungethüm, welches den furchtbaren Wind Typhon oder Typhaon und die schlangengestaltige, schreckliche Echidna zu Eltern hatte. Amisodaros in Lycien zog es auf. Es hatte den Kopf eines Löwen, den Leib einer Ziege, den Schwanz eines Drachen, und spie Feuer. Nach Einigen hatte es drei, Köpfe gleich seinem Bruder, dem Cerberus, und war die Landplage Lyciens, bis der Heros Bellerophon es erlegte. Von der wunderlich zusammengesetzten Gestalt des fabelhaften Ungeheuers kommt es her, daß man noch immer eine vernunft- und regelwidrige Idee und Ansichten, deren Wahrheit unerwiesen, deren Ausführung unmöglich ist, und die in das Gebiet der phantastischen Schwindele gehören, Chimären, chimärisch zu nennen pflegt.“ — Damen Conversations Lexikon. Leipzig 1834, II, p. 358.

Chimära war nach der griech. Fabel eines der widernatürlichsten Ungeheuer, das Feuer spie und den Kopf eines Löwen, den Schwanz eines Drachen mit dem Leibe einer Ziege vereinigte. Lange Zeit peinigte es die Bewohner von Lycien in Kleinasien durch Raub und Verheerung, bis der Held Bellerophon dessen Bekämpfung unternahm, wozu ihm Neptun das Flügelpferd Pegasus lieh, auf dem er sich in die Luft erhob, der C. einen Wurfspieß in den Rachen warf, an welchem Blei befestigt war, das zerschmolz und sie tödtete. Viele Erklärer dieser Fabel halten C. für den Namen eines feuerspeienden Berges jener Gegend, welcher der Aufenthalt von Ziegen, aber auch reißender Thiere und Schlangen war, welche Bellerophon vertilgte. Im bildlichen Sinne werden davon widersinnige Ideen und Hirngespinnste Chimären genannt.“ — Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon. Leipzig 1837, I, p. 411.

Chimära, nach Homer feuerspeiendes Ungeheuer in Lycien, vorn Löwe, mitten Ziege, hinten Drache; nach Hesiodos Tochter des Typhaon u. der Echidna, 3köpfiges Ungeheuer. Aus beiden Sagen entstand die 3., daß sie aus 3 Leibern der genannten Thiere mit 3 Köpfen bestehe. Amisodaros erzog sie, Bellerophon erlegte sie; 2) phantastische Geschöpfe mit Widder-, Pferde- u. Menschenkopf, Pferdeleib, Vogelfüßen od. Zusammensetzungen aus andern Thieren; daher Chimäre, Wahn, Spiel der Einbildungskraft; Chimärisch, abenteuerlich, unmöglich auszuführen; Chimärisiren, Luftschlösser bauen.“ — Pierer's Universal-Lexikon. Altenburg 1857, III, p. 933.
 

„Der Zweideutigkeit des Bildes (überhaupt) entspricht die Zweideutigkeit der in ihm repräsentierten Sache. (…) Dem Menschen lüstet es nach dem Schein, weil er weder Sein noch Nichtsein erträgt, weil er selber ein Wesen des Scheins ist. (…) Die Wahrheit erscheint, aber indem sie erscheint, verbirgt sie sich zugleich in ihr Erscheinen.“ Wilhelm Weischedel: Abschied vom Bild. In: Erziehung zur Menschheit. Tübingen, 1957. pp. 622-623. „Weischedel geht davon aus, daß das tiefste Wesen der Wirklichkeit deren radikale Fraglichkeit ist.“ (Wikipedia)

Die Χίμαιρα, eine Mischung aus Löwe, Ziege und Drachen, steht also für unsere Unentschlossenheit und Unfähigkeit, die Wahrheit der Wirklichkeit zu ergründen, nur Symbole und trughafte Bilder weisen uns den Ansatz eines Weges. So folgt Thomas Cantimpratensis antiken Vorlagen, beschreibt im dritten Buch die monströsen menschlichen Rassen des Orients, im sechsten Seemonster. Sein Werk diente Jacob van Maerlant, Albertus Magnus, Bartholomaeus Anglicus, Vincentius Bellovacensis u. a. als Quelle.