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Georg Ludwig von Bar:
Scherz- und Ernsthafte Widerlegung des Hegesias über den Selbstmord

 

Georg Ludwig von Bar: Scherz- und Ernsthafte Widerlegung des Hegesias über den Selbstmord

 

„Begehen Sie nicht einfach Selbstmord! Seien Sie einfallsreicher, das darf ich von Ihnen verlangen!“ — Klaus Mann

Georg Ludwig von Bar:

Scherz- und Ernsthafte Widerlegung des Hegesias über den Selbstmord, mit kritischen und historischen Anmerkungen. Aus dem Französischen des Herrn von Bar.

Nürnberg: Johann Adam Lochner, 1766.

Octavo. 155 x 91 mm. [8], 231, [1 weiße] Seiten. ❦ Werden nach den Formatangaben Maße in Millimetern genannt, beziehen sich diese auf die Blattgrößen, Höhe vor Breite, i. A. gemessen in den Buchblockmitten. Mit typographischen Zierleisten sowie Holzschnittvignetten.

Halbpergamenteinband der Zeit mit handschriftlichem Rückentitel, breiten Pergamentecken, Deckel mit braun-schwarzem Kiebitzpapier bezogen, handgestochene zweifarbige Kapitale, Rotschnitt.

Die editio princeps erschien 1763 auf Französisch. Das Vorwort der Übersetzung ist datiert 1765. Der hannoveraner Schriftsteller Georg Ludwig von Bar (1701-1767), einer alten Adelsfamilie im Fürstentum Osnabrück entstammend, war ab 1721 Domherr zu Minden, kurkölnischer Legationsrat, später Domsenior und Erblanddrost des Stiftes Osnabrück. Bekannt wurde er durch seine Dichtungen und Aufsätze in französischer Sprache. Nach Gottsched übertraf er, der beste französische Dichter unter den Deutschen, alle Regniers, Boileaus und Rousseaus der Franzosen und ihre Satiren. Cf. Kosch: Literatur-Lexikon3 I,261.

Einband stellenweise leicht berieben, innen vereinzelt minimal gebräunt, Titel mit kleinem, schwachen Fleckchen unten, Bibliothekstempel des Konvents der Barmherzigen Brüder zu München auf dem vorderen fliegenden Vorsatz. Schönes, frisches Exemplar. Von großer Seltenheit.

Contemporary vellum-backed boards. Small marginal stain on title, old library stamp on front free endleaf. Interesting work on suicide with long critical notes which begin on p. 43. Bar (1702-1767) was a German, born at Osnabrück, who wrote in French. The present work was first pulished in French in 1762 with the title „L’Anti-Hegesias, dialogues en vers sur le suicide“. A fine copy.

Rost 3453 - Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon3 I,261. Cf. Goedeke III,349,11 für die französische Erstausgabe. ❦ Bibliographische Angaben zu diesem Buch: soweit verfügbar werden zuerst Personalbibliographien angeführt, dann Sachbibliographien und allgemeine.

 

Ἡγησίας ὁ Πεισιθάνατος, Hegesias, der zum Tode Ratende, wohl um 290 v. u. Z., ein Kyrenaiker, dessen Schriften verloren gegangen sind, cf. Diogenes Laertios II,86.

«Τήν τε ζωὴν καὶ τὸν θάνατον αἱρετόν. Φύσει τ' οὐδὲν ἡδὺ ἢ ἀηδὲς ὑπελάμβανον· διὰ δὲ σπάνιν ἢ ξενισμὸν ἢ κόρον τοὺς μὲν ἥδεσθαι, τοὺς δ' ἀηδῶς ἔχειν. Πενίαν καὶ πλοῦτον πρὸς ἡδονῆς λόγον εἶναι οὐδέν· μὴ γὰρ διαφερόντως ἥδεσθαι τοὺς πλουσίους ἢ τοὺς πένητας. Δουλείαν ἐπίσης ἐλευθερίᾳ ἀδιάφορον πρὸς ἡδονῆς μέτρον, καὶ εὐγένειαν δυσγενείᾳ, καὶ δόξαν ἀδοξίᾳ. Καὶ τῷ μὲν ἄφρονι τὸ ζῆν λυσιτελὲς εἶναι, τῷ δὲ φρονίμῳ ἀδιάφορον.» — Διογένης Λαέρτιος: Βίοι καὶ γνῶμαι τῶν ἐν φιλοσοφίᾳ εὐδοκιμησάντων, A Κεφ. η᾽.

“Moreover, life and death are each desirable in turn. But that there is anything naturally pleasant or unpleasant they deny; when some men are pleased and others pained by the same objects, this is owing to the lack or rarity or surfeit of such objects. Poverty and riches have no relevance to pleasure; for neither the rich nor the poor as such have any special share in pleasure. Slavery and freedom, nobility and low birth, honour and dishonour, are alike indifferent in a calculation of pleasure. To the fool life is advantageous, while to the wise it is a matter of indifference.” — Lives of the Eminent Philosophers by Diogenes Laërtius, translated by Robert Drew Hicks. / Deutsch: Hamburg: Meiner, 1967, I, p. 119.

Das Martial-Zitat auf dem Titel, die letzten beiden Verse von I, viii: „Nicht den Mann, der mit leicht vergossenem Blute den Ruhm kauft, | mag ich, nur den, der sein Lob findet auch ohne den Tod.“ — Übersetzt von Rudolf Helm. Zürich und Stuttgart: Artemis, 1957. p. 54.

Und als Zugabe ein wenig Literatur:

«’Πάντων μὲν μὴ φῦναι ἐπιχθονίοισιν ἄριστον’
μηδ' ἐσιδεῖν αὐγὰς ὀξέος ἠελίου,
’φύντα δ' ὅπως ὤκιστα πύλας Ἀίδαο περῆσαι’
καὶ κεῖσθαι πολλὴν γῆν ἐπαμησάμενον.»
Theognis 425-8, auf englisch.“Best of all for mortal beings is never to have been born at all
Nor ever to have set eyes on the bright light of the sun
But, since he is born, a man should make utmost haste through the gates of Death
And then repose, the earth piled into a mound round himself.” — Douglas E. Gerber: Greek Elegiac Poetry. From the Seventh to the Fifth Centuries BC. Cambridge, London: Harvard UP, 1999. p. 234.

„Ich begreife Ihre Resignation nicht. Ich begreife nicht, daß Sie nicht Arsenik genommen, sich auf das Geländer des Kirchturms gestellt und sich eine Kugel durch den Kopf gejagt haben, um es ja nicht zu verfehlen.“ — Georg Büchner: Leonce und Lena, II,1.

„Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch in die Lüfte und schrie: »Feuerkreis, dreh’ dich – Feuerkreis, dreh’ dich« – Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen ragte riesengroß der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte herauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, da lachte Coppelius, sprechend: »ha ha – wartet nur, der kommt schon herunter von selbst«, und schaute wie die übrigen hinauf. Nathanael blieb plötzlich wie erstarrt stehen, er bückte sich herab, wurde den Coppelius gewahr, und mit dem gellenden Schrei: »Ha! Sköne Oke – Sköne Oke«, sprang er über das Geländer. Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem Steinpflaster lag, war Coppelius im Gewühl verschwunden.“ — E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann.

„Voltaire hat zuerst behauptet, daß unter den Selbstmördern die Mehrzahl Unverheirathete seien, und so zuerst die Ehe als eine Bedingung zur Lebenserhaltung betrachtet.“ — Johann Ludwig Casper: Über die wahrscheinliche Lebensdauer des Menschen. Berlin: F. Dümmler, 1843. p. 19.

„Der Tod ist vielmehr eine Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung der Körperzellen in Soma und Keimplasma an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre.“ — Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips, VI.

„Später polterte ein Stuhl“ — Friedrich Dürrenmatt: Die Panne. Eine noch mögliche Geschichte.

“Gail Wynand raised a gun to his temple.
He felt the pressure of a metal ring against his skin-and nothing else. He might have been holding a lead pipe or a piece of jewelry; it was just a small circle without significance. ‘I am going to die,’ he said aloud–and yawned.
He felt no relief, no despair, no fear. The moment of his end would not grant him even the dignity of seriousness. It was an anonymous moment; a few minutes ago, he had held a toothbrush in that hand; now he held a gun with the same casual indifference.
One does not die like this, he thought. One must feel a great joy or a healthy terror. One must salute one’s own end. Let me feel a spasm of dread and I’ll pull the trigger. He felt nothing.
He shrugged and lowered the gun.” — Ayn Rand: The Fountainhead, III,1.

“The gods envy us. They envy us because we’re mortal, because any moment might be our last. Everything is more beautiful because we’re doomed. You will never be lovelier than you are now, and we will never be here again.” — Troy, film, written by David Benioff. Achilles to Briseis.